Dollys
Dackelgeschichten
Ein
Hund erzählt aus seinem Leben.
Eberhard
Kamprad
11.
Der Experte
Uff
Freunde, war das wieder eine Aufregung. Potz Blitz und Wackeldackel! Gestern
war nämlich neben unserer Ausbilderin der bekannte Hundeexperte Herr Hase-Wolf
beim Training für die Begleithundeprüfung dabei. Er wollte sehen, was wir schon
können. Richtige Schauergeschichten sind über seine Strenge im Umlauf. Es kann einem
angst und bange werden, wenn man den Menschen zuhört. Zum Glück nehmen wir
Hunde nur die Gefühle der Menschen auf und verstehen die Details nicht; aber
auch das reicht schon.
Zuerst
liefen wir wie gewohnt im Kreis mit STEH und SITZ und er beobachtete uns.
Einige Menschen meinten, dass er einen finsteren Gesichtsausdruck habe und dass
das nichts Gutes bedeute. Dann ging es über das Hindernis. Laut Prüfungsordnung
muss es GEWANDT überwunden werden. Einer bekam von seinem Herrchen
Unterstützung durch Anheben des Hinterteils. Das war zwar nicht gewandt, aber
wenigstens lustig, sodass sich die finstere Miene von Herrn Hase-Wolf
aufhellte. Dann gab es praktische Tipps. Hase-Wolf erklärte, dass es nicht
verboten ist, wenn der Hundeführer selbst mit über das Hindernis steigt. Das
ist auch für den Hund einleuchtender. Läuft der Hundeführer um das Hindernis
herum, sieht der Hund nicht ein, warum es sich es nicht auch so bequem machen
soll. Natürlich gehört dazu passende Kleidung - vor allem - der HundeführerINNEN. Hase-Wolf lockerte die Ausbildung durch
die Story auf, dass einmal eine Hundeführerin wie eine DAME im zugeknöpften
Rock kam. Seinen Hinweis darauf ignorierte sie. Nach dem ersten Sturz machte
sie einen Knopf auf und so fort, so dass sie dann nach mehreren Stürzen
hundepraktisch angezogen war und auch mit über das Hindernis steigen konnte.
Heute ist sie seine beste Hundeführerin. Wir Hunde konnten uns nun amüsieren
wie GEWANDT die Menschen das Hindernis bewältigten. Das war für uns ein
besonderer Anreiz, es eleganter zu machen.
Dann ging es zum
WEGSCHICKEN. Das ist jene Übung, die in unserer Gruppe am wenigsten klappt. Als
Familienhunde hängen wir eben alle an unseren Menschen und können uns schlecht
von ihnen trennen. Herr Hase-Wolf sagt in der Fachsprache: Der Hund KLEBT am
Hundeführer. Er muss sich aber bei dieser Übung 30 bis 50 m von diesem
entfernen und dann auf Zuruf zurückkommen. Bei uns kleinen Hunden kommt noch ein
weiterer Störfaktor dazu. Der Hundeführer muss sich erst zu uns herunterbeugen
und an uns herumfummeln muss, um die Leine abzumachen. Und so richten wir
unsere Aufmerksamkeit von der Bewegung wieder auf den Menschen, von dem wir uns
aber gerade lösen sollen.
Experte Hase-Wolf sah
sich bei jedem Mensch-Hund-Gespann die mehr oder weniger glücklichen Versuche
an, uns wegzuschicken und gab dann spezielle Hinweise oder machte es vor. Die
Menschen bekamen den Trick gezeigt, am Halsband statt der Leine eine Schnur
durch die Öse zu ziehen und die beiden Enden in der Hand zu halten. Bei LAUF
WEG braucht der Hundeführer dann nur das eine Ende loszulassen und wir können
aus der Bewegung heraus loslaufen. Eine tolle Idee. Herr Hase-Wolf erklärte
auch, dass mit uns Dackeln die Ausbildung sowieso schwieriger ist, als mit
großen Hunden. Zum einen haben wir vom Zuchtziel her als Einzelkämpfer unseren
eigenen Kopf und dann können die Menschen mit uns auch keinen Körperkontakt
halten, weil wir am Boden herum wieseln. Bei einem Schäferhund hat man
Kniekontakt, sodass der Hund auch schneller spürt, wenn sein Hundeführer die
Richtung wechseln will. Damit sind wir schon beim nächsten Problem, dem
FUSS-Laufen mit Richtungsänderung. Die meisten von uns können ganz gut
geradeaus FUSS laufen, wenn die Richtung mit unserer Meinung übereinstimmt. Bei
Kreuzungen DISKUTIEREN wir aber häufig mit unseren Menschen, in welche Richtung
gelaufen werden soll. Häufig gucken wir auch in der Gegend herum, statt auf den
Hundeführer zu achten oder beschnüffeln etwas Interessantes am Boden. Dadurch
merken wir nicht, wenn die Richtung gewechselt wird. Das aber ist gerade die
Prüfung des Gehorsams.
Auch mein Herrchen
musste sich sagen lassen, dass er mich an zu kurzer Leine praktisch mitschleift
und ich keinen FREUDIGEN Gehorsam zeige, wie es verlangt wird. Potz Blitz und
Wackeldackel! Da sehe ich noch eine Menge Übungen auf mich zukommen. Es gab
auch den Tipp, ohne Leine zu üben, weil sich da der Hund wirklich konzentrieren
muss. Das stimmt natürlich. Deswegen laufe ich lieber mit Leine, da kann ich
während des Laufens vor mich hin dösen und gehe nicht verloren; ohne Leine muss
ich ja wirklich darauf achten, wie mein Mensch läuft. Natürlich darf man sich
dann nicht vom Ordnungsamt erwischen lassen, denn eigentlich ist ja
Leinenzwang. Aber vielleicht treffen wir auch einmal auf einen
hundefreundlichen Mitarbeiter, der einsieht, dass ein FUSS übender Hund keine
Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit darstellt.
Zum Schluss übten wir
noch einmal das Ablegen. Da war ich zu Anfang die Schlechteste und konnte es
nicht ertragen von meinem Vater getrennt zu sein. Immer wieder rückte ich ihm
beim Entfernen meterweise nach. Auch Schimpfen half nicht. Geschafft habe ich
es beim Üben in der Wohnung. Inmitten all meiner Spielsachen ruhig
liegenzubleiben und erst auf Kommando aufzustehen, ist schon eine gewaltige Anstrengung.
Da ist das Entfernen meines Vaters beim Üben im Freien ein Klacks dagegen. So
gehöre ich jetzt beim Ablegen zu den Besten. Mein Vater legt mich jetzt sogar
bei den Wartezeiten der Ausbildung ab. So habe ich eine Aufgabe und hampele
nicht an der Leine herum.
Das nächstemal ist
unsere Ausbilderin verreist und Herr Hase-Wolf wird sie vertreten und gleich
eine Art Probeprüfung machen. Na, da muss mein Herrchen mit mir aber noch
tüchtig üben, vor allem das Fuß-Laufen mit Richtungsänderung und das
Wegschicken, damit ich eine gute Figur mache. Die meisten Menschen hatten auch
von Herrn Hase-Wolf eine bessere Meinung gewonnen, als zu Anfang und waren für
die praktischen Hinweise dankbar. Ihr könnt inzwischen schon auf den Bericht
von der Prüfung gespannt sein.
© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2002, überarb. Mai 2010
12. Die
Prüfung
Hurra, hurra! Es ist
geschafft. Ich habe die Begleithundeprüfung bestanden und nicht einmal als
Schlechteste. Doch alles der Reihe nach. Ich hatte nämlich noch mit besonderen
Schwierigkeiten zu kämpfen, da meine nächste „Hitze“ unmittelbar bevorstand und
mir schon bei den Spaziergängen die Rüden ständig am Hinterteil hingen.
Meine Menschen hatten
mit mir gebangt, ob ich es bis über die Prüfungszeit hinaus schaffen werde, mit
der HITZE zu warten. Aber am Prüfungstag waren die Anzeichen zu hervortretend,
im wahrsten Sinne des Wortes (nämlich meine angeschwollene Vagina), dass es
mein Vater melden musste. Es hätte sonst die Gefahr der Disqualifikation
bestanden. Nachdem ein Testrüde geschnuppert hatte,
entschieden die Richterin und die Prüfungsleiterin, dass ich separiert werden
sollte und als letzte d‘rankäme. Dadurch sollte
verhindert werden, dass ich die Rüden durcheinander bringe. So trug mich mein
Herrchen in das durch einen Maschendrahtzahn abgesperrte ehemalige Fuchsbaugelände
und tröstete mich. Ich betrachtete mir nun das Treiben meiner Mitprüflinge durch den Zaun. Acht Hunde mit ihren Menschen
waren gekommen; von ursprünglich dreizehn, die die Ausbildung begonnen hatten.
Als letzte d‘rankommen: - Ich dachte schon, dass ich
ganz allein der Richterin alles Gelernte vorführen musste. Da hätte mir aber
der Ansporn durch die Gruppe sehr gefehlt. Es war dann aber so, dass ich mit
den anderen ging, aber etwas getrennt und bei den einzelnen Übungen immer als
letzte.
Zu Beginn wurde die
Reihenfolge ausgelost. Wer die Nummer Acht gezogen
hatte, musste diese mit meinem Vater tauschen. Dann ging es zur Übung
„Straßenverkehr“. Ich konnte mir ja nun in Ruhe betrachten, wie es die anderen
machten und mein Vater schoss ein paar Fotos. Die Warterei ging mir aber auf
die Nerven; ich weiß, dass das nicht meine Stärke ist. Endlich kam ich d‘ran. Die klingelnde Radfahrerin machte mir nichts aus,
obwohl wir das kaum hatten üben können. Die meisten Radfahrer, die wir beim
Spaziergang baten testweise zu klingeln, hatten (verkehrswidrig) keine Klingel
am Rad. Ich brauchte aber eine ganze Weile, um mich an den Rhythmus des Bei-Fuß-Gehens
zu gewöhnen. Nach dem Überqueren der Straße klappte es dann besser. Ich konnte
es mir gerade noch verkneifen los zu rennen. Nach dem Zurück-Überqueren wurde
ich dann von der Ausbilderin gelobt. Ganz so schlecht schien ich also doch
nicht gewesen zu sein. Auch Herr Hase-Wolf, der als Berater dabei war, begrüßte
mich. Ich reckte meinen Schwanz gleich noch ein Stückchen höher und ging wieder
zu den anderen.
Die erste Gruppe war
schon bei den Vorbereitungen zum ABLEGEN. Zur Wartezeit legte mich mein Vater
auch gleich ab, weil ich dann ruhiger bin und nicht so herum hample, wie an der
Leine. Man muss wissen, dass der Richter sich während der ganzen Prüfungsdauer
ein Bild von den Hunden macht und nicht nur von den paar Minuten der Vorführung
des betreffenden Hundes.
Dann war unsere Gruppe
dran. Mein Herrchen legte mich ganz an die Seite, ein Stück von den anderen
weg, denn mein Nachbar war ein Rüde. So musste er besonders aufpassen, dass dieser
nicht von mir „Wind bekam“.
Ausgerechnet der Rüde
aber stand auf und rannte an mir vorbei. Ich musste all meine Hundenerven ganz
fest zusammennehmen, um nicht mitzulaufen; aber es gelang mir. Nun wurden wir
abgeholt und ausgiebig gelobt. Nummer Sieben durfte den Prüfungsteil
wiederholen. Das ist zulässig.
Beim STERN wurden wir
wieder an der Seite abgelegt, denn die Hundeführer mussten ja die Menschen
spielen, die rundum auf den zu prüfenden Hund zugingen. Als ich dran kam, war
ich ein bisschen zappelig, aber ich schaffte es, sitzenzubleiben. So wäre also
auch das überstanden.
Jetzt kam eine lange Wartezeit. Mein Vater telefonierte während der Pause mit
meinem Frauchen, dass sie sich auf den Weg machen solle. Sie brachte den Salat
für die anschließende Grillparty mit; natürlich für die Menschen, nicht für die
Hunde.
Endlich kam die Reihe
an mich. BEI FUSS ist diejenige Übung, die mir am schwersten fällt: Fuß laufen
geradeaus, Hindernis GEWANDT überwinden, neben meinen Vater um gekennzeichnete
Bäume herumlaufen. Hierbei macht mir immer mein Hundeverstand zu schaffen, weil
ich die sinnlosen Kurven nicht einsehe, aber ich schaffte es einigermaßen und
war am Ende richtig stolz, was die Richterin auch an meiner Schwanzhaltung
bemerkte.
Nun waren wir schon
beim fünften Prüfungsteil, dem WEGSCHICKEN. Ich hatte ja schon über die damit
verbunden Probleme berichtet, denn im allgemeinen sind die Menschen ja froh,
wenn wir bei ihnen bleiben. Das LÖSEN von meinem Vater klappte ganz gut, ich folgte
ihm auch über die Wiesen in das hohe Gras, aber als er zurückging, hatte ich
eine interessante Spur gefunden und musste die erst gewissenhaft auswerten.
Dabei vergaß ich ganz die Prüfung und hörte nichts mehr. Als ich zufällig
einmal aufsah, bemerkte ich, dass mein Vater heftig winkte. Ach ja, ich sollte
zurückkommen. So setzte ich mich in Bewegung, aber unterwegs war wieder etwas
Interessantes zu schnüffeln. Gerade noch bestanden. Man schob es auf meine
beginnende Läufigkeit, aber das ist ja keine Entschuldigung; bei der Prüfung
wird bewertet, was gezeigt wird. Ich ließ den Schwanz etwas hängen und schaute
meinen Vater mit unschuldsvollem Dackelblick an. Mir war nun doch etwas bange.
Nun nahte die letzte
Übung in Gestalt von Herrn Hase-Wolf mit Klangeisen und Hammer in der Hand. Wir
sollten beweisen, dass wir vor Geräuschen keine Angst hatten. Das klappte auch
bei allen. Nur als er zu mir kam und extra vor meinen Ohren einmal Ding-dong-dung machte, musste ich ihn
anbellen. Schimpfen ist aber erlaubt.
Nun waren alle
Übungsteile geschafft und es ging zurück auf den Platz. Bald bruzzelten die Steaks und Bratwürste, aber die waren für
die Menschen, wenn uns Hunden auch das Wasser im Maul zusammenlief. Jetzt
durfte ich auch mit den anderen herumlaufen. Die Rüden, die ich magisch anzog,
gingen mir mächtig auf den Geist. So schlug ich den Schwanz ein und setzte mich
darauf. Da war erst einmal alles etwas versteckt.
Auf die Minute genau
zum Essensbeginn kamen der Salat und mein Frauchen. Nun war das Rudel wieder
komplett und die Welt in Ordnung. Nach den überstandenen Anstrengungen stärkten
sich die Menschen mit Kaffee, Sekt und Bier; wir Hunde mit Wasser. Unserer
Ausbilderin wurde für ihre Mühen mit uns gedankt. Nach dem Essen, bei dem ich
gewohnterweise von Frauchen meinen Teil erhielt, kam die SIEGEREHRUNG. Der
beste Hund bekam einen Pokal. Mir war klar, dass ich das nicht war. In der
Mitte wurde ich aufgerufen. Da ich wusste, dass hinter mir meine Mama stand,
drehte ich der Richterin während ihrer Ansprache den Rücken zu und war auch
nicht zu bewegen, mich umzudrehen. Frauchen war mir wichtiger. Zum Glück wurde
das nicht mehr gewertet. Ich hatte im Umweltverhalten einen 1. Preis und im
Gehorsam einen 3. Preis bekommen; nun ja, damit konnte ich zufrieden sein und
es entsprach auch meinen Leistungen. Trotzdem war ich mächtig stolz, dass ich
die Prüfung bestanden und nun einen Begleithundepass hatte. Den Prüfungsteil
zur Wasserfreude verkniff ich mir. Es reichte auch so schon für meine Nerven.
© by Eberhard Kamprad,
Leipzig, 2001, überarb. April 2010
13. Erster
Auftritt
Ich hatte schon immer
die anderen Hunde beneidet, wenn ich mitbekam, dass sie zu Vorführungen bei
Sommerfesten oder anderen Veranstaltungen eingeladen wurden. Nachdem ich nun
die Begleithundeprüfung bestanden hatte, musste ich doch auch einmal d’ran sein – und richtig. Eine Tages kam ein Brief: Herr Hase-Wolf
lud uns ein, an einer Vorführung zum Tag der Vereine in einem Einkaufszentrum
teilzunehmen. Für Nicht-Autobesitzer wurden Mitnahmemöglichkeiten angeboten.
Das war für mich wichtig, denn ihr wisst ja, dass ich in Verkehrsmitteln nicht
die Geduldigste bin. Da ich am besten gehorche, wenn ich mit meinem Vater
allein bin, wurde beschlossen, dass Frauchen zu Hause bleibt; auch wollte sich
mein Vater nicht vor Herrn Hase-Wolf blamieren, der sich bereit erklärt hatte,
uns im Auto mitzunehmen. Hoffentlich wird das Wetter mitspielen, denn es war
inzwischen Herbst geworden und ich hatte keine Lust, mir mein schönes Fell im
Regen zu verderben.
Am genannten Tag
trafen wir uns früh mit noch einer anderen Dackelfreundin und ihrem Hund bei
Herrn Hase-Wolf. Ich schaute ihn kurz an und wusste sofort, dass das ja der
ist, bei dem man als Hund am besten gehorcht, um keine Probleme zu bekommen. So
gab ich auch im Auto keinen Ton von mir und genoss als vernünftiger Hund die
vorbeisausende Landschaft; besonders, wenn ich mir vorstellte, dass ich sie mit
meinen kurzen Pfoten durchmessen müsste. Die andere Dackelfreundin, die mich
mit meiner Aufgeregtheit in Verkehrsmitteln kannte, staunte nicht schlecht und
fragte scherzhaft, ob ich nicht etwa ein anderer Hund sei. Potz Blitz und
Wackeldackel!
Am Ziel angekommen,
suchten wir erst einmal den uns zugeteilten Verkaufsstand. Endlich fanden wir
ihn. Er sah wie eine große Hundehütte aus; eine Seite konnte man aufklappen.
Zwei Vereinsmitglieder standen schon hilflos davor, weil er nämlich
verschlossen und kein Verantwortlicher zu finden war. Herr Hase-Wolf machte
sich auf die Suche. Das war in dem Gewühl nicht einfach. Er sprach aber einfach
einen jungen Mann im Outfit eines Versicherungsvertreters mit einer Mappe unter
dem Arm an, was auf Kompetenz hindeutete. Er hatte sich nicht getäuscht. Über
sein Handy rief der Mann die Zuständige herbei, die unsere Hütte aufschloss. Nun
galt es erst einmal sich wohnlich einzurichten. Eine grüne Decke mit
Jagdmotiven wurde auf dem Verkaufstisch ausgebreitet; verschiedenes
Dackelzubehör und Poster an den Wänden aufgehängt. Dann wurden die
anzubietenden Souvenirs ausgepackt und das Ganze dackelmäßig eingerichtet. Mein
Vater setzte mich mit auf den Verkaufstisch und so konnte ich mir bequem die
Vorübergehenden betrachten. Ich wurde die Attraktion des Standes; na ja –
schließlich bin ich das schönste Dackelmädchen der Welt. Viele kamen näher, als
sie mich sahen und fragten, ob sie mich streicheln dürften. Ich ließ es mir
sogar gefallen, obwohl das sonst nicht meine Welt ist. Aufgrund des großen
Erfolgs meines Auftritts sagte Herr Hase-Wolf scherzhaft: „Einmal Hund
streicheln 50 Pfennig!“ Da es heutzutage kaum noch etwas gibt, wofür man nicht
bezahlen muss, nahmen das manche ernst. Herr Hase-Wolf überredete sie dann
aber, ein Souvenir zu kaufen. So kam die Zeit unserer Vorführung heran und ich
wurde langsam aufgeregt.
Eine kleine Bühne war
aufgebaut, mit einer Freifläche davor. Vor uns traten Artisten auf dem kleinsten
Motorrad der Welt auf und machten eine Höllenlärm. Na, das war ja gerade das
Richtige für aufgeregte Hunde und ihre empfindlichen Ohren – aber ich überstand
es ganz gut.
Inzwischen waren nach
und nach auch meine Kollegen mit ihren Menschen eingetroffen. Doch es gab
wieder eine Verzögerung; irgendwelche Menschenprobleme. Endlich war es soweit.
Wir kletterten auf die Bühne und stellten uns mit unseren Hundeführern in einer
Reihe auf. In seiner humorvollen Art erläuterte Herr Hase-Wolf den Zuschauern,
was wir für Lebewesen sind und welche Eigentümlichkeiten wir haben. Dann wurden
die einzelnen Schläge und Haararten vorgestellt. Ich weiß schon, dass ich zur
größten Gruppe: Rauhaar, Normalschlag gehöre. Nur Herr Hase-Wolf kann sich
wegen meiner zierlichen Figur nie recht merken, ob ich nun kleiner Normalschlag
oder großer Zwerg bin. Dann sagte Herr Hase-Wolf, dass wir Teckel keine Kläffer
seien. Daraufhin musste ich natürlich Wuff, Wau, Wuff machen. Doch zum Glück
ist er nie um eine Antwort verlegen und meinte, dass Ausnahmen die Regel
bestätigen. Mein Nachbar legte sich plötzlich auf den Rücken, machte die Augen
zu, streckte die Pfoten in die Luft und begann zu schnarchen. So konnte Herr Hase-Wolf
das Publikum darauf hinweisen, dass Teckel ruhig und gelassen sind. „Einer
schläft schon.“ Nun begann die praktische Vorführung, die beweisen sollte, dass
auch wir Dackel – entgegen unserem Ruf – zu gehorsamen Hunden erzogen werden
können. Bei Fuß, um die Stangen herum laufen, über den Kasten springen, die
Schrägsprungwand überwinden, Ablegen– alles vertraute Sachen und ich kam trotz
der Enge und der Zuschauer gut zurecht. Am Nachmittag noch einmal dasselbe. Nun
wurde es mir aber langsam zu viel; noch dazu da mein Vater in der Zwischenzeit
keinen gemütlichen Platz gefunden hatte, wo ich mich in Ruhe hätte entleeren
können. Wir Hunde sind dabei nun einmal sehr eigen und uns gefällt nicht jedes
Fleckchen, was dem Menschen praktisch erscheint. Manchmal müssen wir erst die
halbe Wiese abschnuppern und wir finden trotzdem
nichts Geeignetes.
So war es ein
aufregender, aber auch schöner Tag und ich hoffe, dass Herr Hase-Wolf mich bald
wieder einmal einlädt.
© by Eberhard Kamprad,
Leipzig, 2001, überarb. Sept. 2010
14. Der
Eingriff
Also Freunde – heute
wurde an mir ein EINGRIFF durchgeführt; das heißt: Unter Narkose die Warze an
meinem rechten Auge entfernt. Ich spürte schon den ganzen Vormittag, dass etwas
in der Luft lag; wusste, es war wieder einmal soweit; denn Aktionen außer der
Reihe haben bisher noch nie etwas hundlich Angenehmes
gebracht. Dann blieb auch noch mein Hundenapf leer. Zum Zeitpunkt meines
Mittagessens ging es dann los. Als ich mit meinem Vater zum Bus ging, kam noch
einmal Hoffnung in mir auf. Vielleicht ging es doch zum Waldspaziergang? Doch
als wir ausgestiegen und ein paar Meter gegangen waren, wusste ich: Es geht wieder
zum Tierarzt.
Im Wartezimmer war es
ganz leer, weil ich meinen eigenen Operationstermin hatte, wie mir mein Vater
sagte. So konnte ich in Ruhe herumlaufen, in allen Ecken schnüffeln und
erkunden, wer alles schon dagewesen war. Dann wurden wir aufgerufen. Ich lief
noch einmal zur Ausgangstür, um mit erhobener rechter Vorderpfote meinen Willen
kundzutun, lieber wieder wegzugehen; doch es half alles nichts. Ich musste ins
Behandlungszimmer hinein. Zuerst sollte mir Blut abgenommen werden, um
festzustellen, ob ich die Narkose gut vertrage. Dazu lagen schon spitze
Gegenstände bereit. Na, das war nun etwas, das ich gar nicht wollte. Beide
Schwestern mussten gerufen werden und zu Dritt musste ich festgehalten werden,
damit der Arzt in der rechten Vorderpfote die Vene suchen konnte. „Die liegt
bei Dackeln sowieso nicht besonders günstig“, meinte er. Endlich hatte er sie
gefunden und es machte Piek! Da knurrte ich nun aber drohend. Das war ich nicht
gewillt, mir weiter gefallen zu lassen. Doch es gab kein Entkommen. Mein Blut
tropfte in ein kleines Röhrchen. Dann wurde Klebeband um meine Pfote gewickelt,
weil die Flexüle gleich für die Narkose
steckenbleiben sollte und ich konnte mit meinem Vater wieder ins Wartezimmer.
Er sollte aber aufpassen, dass ich mir die Flexüle
nicht wieder herausziehe., Na, da war er ja vollauf beschäftigt.
Während wir auf die
Blutanalyse warteten und meine umwickelte Pfote in der Luft baumelte, kam ein
großer Schäferhund mit seinem Menschen herein. Na, dem sagte ich aber lautstark
meine Meinung, dass ich jetzt d’ran bin. So machte er
mit seinem Menschen gleich wieder kehrt. Das wäre ja noch schöner! Dann wurden
wir wieder hereingerufen. Die Blutwerte waren in Ordnung; nur der Glukosewert war etwas zu hoch. Der Arzt schob das auf die
Aufregung, aber mein Vater will trotzdem die Zutaten der Hundeleckerlis
überprüfen und mir die nicht mehr geben, die extra Zucker enthalten. Dann wurde
auf die Flexüle eine Spritze aufgesetzt und mein
Vater nahm mich auf den Arm. Auf einmal wurde es in meinem Körper schön warm
und weich; er löste sich auf und ich versank in eine große Tiefe. - - - - Im
Halbschlaf hörte ich ungewohnte Geräusche. Mit Mühe öffnete ich die schweren
Augenlider. Wo war ich denn? Ich lag in meiner Hundetasche. Na, das war ja
schon etwas Vertrautes. Vorsichtig guckte ich über den Rand. Stimmt, ich war ja
noch beim Tierarzt. Aber, wo war mein Vater? Potz Blitz und Wackeldackel! Ich
hatte ihm doch gesagt, er solle da sein, wenn ich aufwache. Na, da musste ich
ihn durch lautes Bellen erst einmal herbeirufen. Doch statt ihm, kamen die
Schwestern des Tierarztes gelaufen und versuchten, mich zu beruhigen. Aber das
ließ ich mir nicht gefallen. Wütend kletterte ich aus meiner Tasche und
schnüffelte in allen Ecken, ob ich eine Spur von meinem Vater entdecken könnte.
Na, der konnte was erleben.
Endlich meldete mir
mein sechster Sinn, dass er über den Hof kam. Das musste ich gleich durch ein
lautet Wuff kundtun. Trotz des Ärgers, den er mir bereitet hatte, begrüßte ich
ihn durch kräftiges Ablecken. Man will ja nicht so sein. Er sagte mir, dass man
von dem Eingriff überhaupt nichts sähe und ich nun wieder das schönste
Dackelmädchen der Welt sei. Na, das hört man gern. Er bekam noch eine Salbe
mit, um Infektionen der Wunde vorzubeugen und dann durfte er bezahlen. So
hatten wir auch diese Episode meines Hundelebens zu einem guten Ende gebracht.
15.
Der Maulkorb
Ja, Dackelfreunde, ich
habe ein Problem. Ich kann mein Maul nicht halten, wenn es nötig wäre und so
muss ich jetzt in den öffentlichen Verkehrsmitteln einen Soft-Maulkorb tragen;
eine sogenannte Tüte. Abgesehen davon, dass es meiner Schönheit Abbruch tut und
ich wie eine Witzfigur aussehe, behindert es mich auch beim Hecheln. Deswegen
muss die Anwendung auf das unbedingt Notwendige beschränkt bleiben.
Wenn das ganze Rudel (Ich,
Herrchen, Frauchen) zusammen weggeht, habe ich sowieso Probleme, meine Freude
und Aufregung zu zügeln, und das wird in der Enge in Straßenbahn oder Bus
natürlich nicht besser. Im
letzten Jahr schrie und jaulte ich während der ganzen Fahrt. Heute ist es nicht
mehr so schlimm, aber immer noch problematisch. Eine Weile sitze ich still und
brav da, aber plötzlich packt es mich.
Selbst, wenn ich mit
meinem Vater allein fahre, kann es sein, dass ich plötzlich ohne Vorwarnung ausraste
und Fahrgäste, die zu nahe an mir vorübergehen oder sich aus meiner Hundesicht
ungewöhnlich verhalten, lautstark verbelle. Auch später Einsteigende gefallen
mir häufig nicht. Meine kräftige Stimme, die darauf eingestellt ist, dass ich
auch noch aus dem Fuchsbau unter der Erde gehört werde, hallt in dem engen Raum
mächtig. Häufig erschrecken die sensibleren Fahrgäste. Meine Menschen hatten
schon mächtigen Ärger deswegen. Die Verbellten fühlten sich von mir angegriffen
und schon FAST gebissen. Nun hat ja der Hundehalter juristisch immer unrecht,
da er selbst das angebliche Gefahrenpotenzial, wie das die Juristen nennen,
also mich, geschaffen hat; dadurch dass ich bei ihm meine Heimat habe. Es ist keine
Rede davon, welches Gefahrenpotenzial manche Menschen darstellen. Mein Vater
greift zwar sofort ein, beutelt mich, sagt: „Aus!“ und hält mir die Schnauze
zu, aber das hilft dann auch nicht mehr viel, um die Situation zu entschärfen.
Die
Beförderungsbestimmungen sind nun wieder ein Problem für sich: Der Hund ist an
der Leine zu führen und muss einen Maulkorb tragen. Nun werde ich nicht
geführt, sondern getragen und sitze auf dem Schoß meines Vaters. Deshalb hatten
meine Eltern diese Bestimmung bis jetzt ignoriert. Sie versuchten auch, sich so
zu setzen, dass mein Kopf nicht an der Gangseite ist und ich mich dadurch nicht
so schnell erschrecke. Doch wenn das Verkehrsmittel so voll ist, dass mein
Vater stehen muss – mich unter dem Arm geklemmt - oder beim Ein- und
Aussteigen, ist doch immer wieder die Gefahr sehr groß, dass ich erschrecke und
Leute anbelle. So muss ich nun zur Beruhigung dieser Spezies Mensch einen Maulkorb
tragen. Wenn wir dann eine ruhige Ecke gefunden haben, wo ich aus dem Fenster
sehen kann und niemand an mir vorbeigeht, können mir meine Eltern den Maulkorb
während der Fahrt heimlich und unauffällig wieder abnehmen.
Ich
wäre ja so gern ein ruhiger, nervenstarker Hund, der alles gelassen über sich
ergehen lässt, aber tu einer was gegen das geheimnisvolle Etwas, das in einem
ist und die Hundepersönlichkeit ausmacht. Potz Blitz und Wackel-Dackel!
NACHTRAG:
Soeben wurde der Maulkorb geliefert. Mein Vater hat ihn eine Nummer größer
genommen, damit ich besser atmen kann. Nachdem ich beim ersten Versuch gar
nichts mehr sehen konnte, haben wir nun gemeinsam herausgefunden, wie er
angelegt werden muss. Natürlich versuche ich zunächst, den Maulkorb mit der
Pfote wieder abzustreifen. Meinem Vater steht nun das Geduldsspiel bevor, mich
mit Hilfe von Belohnungen daran zu gewöhnen. Dafür bekomme ich wenigstens öfter
einmal mein Lieblingsspielzeug.
Einige
Tage später! Nach mehreren Fahrten mit Maulkorb stellt sich entgegen den
Befürchtungen heraus, dass es MIT bedeutend besser geht als OHNE. Von ein paar
ganz kleinen Ausrutschern abgesehen, bin ich nun ein vorbildlicher Hund in Bahn
und Bus. Mein Hundegemüt beschäftigt sich pausenlos mit dem Maulkorb und so
vergesse ich ganz, aufgeregt zu sein und auszurasten. Hoffentlich bleibt es so.
Ich wünsche es mir und meinen Eltern.
© by Eberhard Kamprad,
2002, überarb. März 2010
Mein Herrchen kam vom Briefkasten
und brachte den Prospekt einer Hundebedarfsfirma mit. Da musste ich doch gleich
d’rin ’rumschnüffeln - und was sehe ich: eine Pfotenreinigungsmaschine
für 75 Euro. Nein, was sich die Menschen nur alles einfallen lassen, um den
Hundefreunden das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Als neugieriger Dackel spitze ich
natürlich die Ohren, als mein Herrchen die Gebrauchsanweisung laut las : Wasser und Spezial-Pfotenreinigungs-Gel einfüllen, Pfote hineinstecken, ein
paar Mal an der Kurbel drehen, saubere Pfote auf dem daneben befindlichen
Trockenschwamm aufdrücken, fertig. Das Ganze natürlich vier Mal, da wir
bekanntlich so viel Pfoten haben. Dann Maschine auseinander bauen, reinigen und
wieder zusammen bauen.
Igittigitt, wenn ich daran denke,
dass ich ein „rotierendes Bürstensystem“ an meine empfindlichen Pfoten lassen
soll. Aber zum Glück wird das Gerät nur für Hunde ab einer Schulterhöhe von 40
cm empfohlen. Da ziehe ich meine zweibeinige Pfotenreinigungsmaschine
vor; nämlich mein Frauchen: Pfote hinhalten, mit Altpapier den groben Dreck
entfernen, mit einem feuchten Waschlappen abwischen und mit einem Handtuch
abtrocknen; Feintrocknung dann an den Hosen von Frauchen. Das Reinigen der
Maschine entfällt, da sich meine zweibeinige Pfotenreinigungsmaschine
selbst sauber hält. Überhaupt vermute ich, dass das Auseinanderbauen, Reinigen
und Zusammenbauen der Maschine länger dauern wird, als die eigentliche
Reinigung.
Fehlt nur noch der elektrische
Antrieb. Aber der wird als Nächstes kommen. Dann wird die Maschine wohl 100
Euro kosten. So, da habt ihr meine Meinung als Hund zur Pfotenreinigungsmaschine
und wem sie nicht gefällt, der soll’s mir sagen. Frauchen scheint übrigens meine
Meinung zu teilen: Denn womit wurde mir neulich der grobe Dreck entfernt? - Mit
dem Prospekt der Pfotenreinigungsmaschine aus dem
Altpapier.
©
by Eberhard Kamprad, Leipzig, Febr. 2005
17. Das wars!
Hallo
Freunde meiner Geschichten. Aus dieser etwas resignierenden Überschrift erseht
ihr schon, dass etwas Unwiderrufliches passiert ist: Ich wurde kastriert und
das kam so.
Neulich,
als mein Vater mir wieder einmal den Bauch kraulte, bemerkte er eine dicke Knulle
unter meiner linken Pfote. Da ich schon einmal Lymphdrüsen-Schwellung hatte,
vermutete er ein erneutes Auftreten und ging gleich am nächsten Tag mit mir zum
Tierarzt. Es war aber Gesäugeschwellung. Mein Vater
hatte nicht gewusst, dass die Gesäugeleiste so weit hinaufreicht und auch die unteren Zitzen waren
angeschwollen.
Nun hatte mein Vater schon vor meiner Anschaffung das Hündinnenproblem
mit dem Tierarzt besprochen und sich seiner Meinung angeschlossen, dass eine
Kastration nur aus medizinischen Gründen zu vertreten ist. „Nun ist es soweit“,
sagte der Tierarzt, „denn eine Gesäugeschwellung ist
häufig der Ausgangspunkt für Tumore.“ Er rechnete noch den günstigsten
Zeitpunkt von der Hormonlage her aus und der Termin wurde vereinbart. Der war
aber erst in zwei Monaten, also genügend Zeit alles gründlich zu überdenken.
Dann bekam ich noch Medizin gegen die Gesäugeschwellung,
die auch gut geholfen hat.
Ich
selbst bin über diese Entscheidung nicht so ganz traurig. Schließlich muss ich
mich nicht mehr mit den lästigen Rüden während meiner HITZE herumärgern und für
meine Menschen wird es auch einfacher mit der Sauberkeit, obwohl ich ganz
ordentlich war. Ich habe immer alles abgeleckt und musste nur nachts das
alberne Höschen tragen. Gegen die lästigen Rüden hatte ich auch einen Ausweg
gefunden. Ich schlug einfach meinen Schwanz ein und setzte mich darauf. Da war
alles Interessante weg und die Rüden konnten um mich herumspringen soviel sie wollten.
Nun muss ich erst noch in die Theorie abschweifen. Viele Menschen wenden
nämlich die Begriffe Kastration und Sterilisation falsch an. Kastration ist die
Entfernung der Keimdrüsen, wodurch auch der Sexualtrieb mit seinen Auswirkungen
verschwindet, was ja bei mir erreicht werden soll. Sterilisation ist nur
Unfruchtbarmachen, wobei der Sexualtrieb erhalten bleibt.
Am
vereinbarten Tag waren meine Eltern schon früh ganz aufgeregt und ich bekam
nichts zu fressen. Auf dem Weg zum Tierarzt erleichterte ich mich noch. Dort
war es ungewöhnlich leer, weil heute ich die Hauptperson war. Ein Blutbild
erübrigte sich. Das war erst vor kurzem bei der Entfernung einer Warze am Auge
gemacht worden, wobei ich auch eine Narkose erhalten habe. Mein Vater setzte
mich auf den Behandlungstisch und dann wurde eine Flexüle
in meine Pfote gestochen. Au, das tat weh! Als ich mein Blut tropfen sah, wurde
mir fast übel. Nun setzte der Arzt die Spritze an die Flexüle
und mir wurde so weich und weit, ich flog davon in weite, weite Ferne ...
Als ich
erwachte, lag ich in einer kleinen Box. Zuerst wusste ich nicht, wo ich war,
dann fiel es mir wieder ein. Richtig, ich war ja beim Tierarzt. Ich schüttelte
mich, um die Schwere aus meinen Körper zu bekommen. In meinem Bauch ziepte es.
Ich rollte mich zusammen und schaute an mir herunter. Potz Blitz und
Wackeldackel! Mein schönes Fell war am Bauch abrasiert und das nicht etwa mit
einer ordentlichen Kante, sondern mit mehr oder tiefen Absätzen. Man merkte,
dass die Assistentin nicht oft einen Rasierapparat gebrauchte. In der Mitte der
kahlen Stelle ein zehn Zentimeter langer Schnitt in meinem schönen Bauch, mit
großen Stichen und Knoten zusammengenäht. Mir wurde schon vom Hingucken
schlecht.
Langsam kehrte mein Tatendrang wieder. Da die Box offen war, kletterte ich
heraus. Ich war im Nebenraum des Behandlungszimmers und erkundete schnuppernd
die Umgebung. Bald kamen die Schwestern und staunten, dass ich schon wieder auf
den Beinen war. Aber so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen. Dann kam
mein Vater, um mich abzuholen. Er hatte die Hundetasche mitgebracht und setzte
mich hinein. Insgeheim war ich doch ganz froh, nicht mehr die Tapfere spielen
zu müssen. Als ich lag, schlief ich auch wieder ein und erwachte erst wieder zu
Hause in meinem Korb. Mein Vater hatte eine dieser grässlichen Tüten
mitbekommen, die er mir um den Kopf machen sollte, wenn ich anfinge, die Wunde
zu lecken. Schlau, wie ich bin, ersparte ich mir diese Prozedur. Aber mein
Bauch tat so weh, ich mochte nicht fressen. Am nächsten Morgen lag ich immer
noch apathisch in meinem Körbchen und fraß nicht. Mein Vater rief beim Tierarzt
an und der war sehr besorgt und wollte mich sehen, weil er eine
Operationskomplikation befürchtete. Bei der Ankunft sagte er: „Na, wenn die
wilde Dolly getragen wird, dann muss es ihr wirklich nicht gut gehen.“ Ich
wurde untersucht, es war nichts. Der Tierarzt meinte, dass ich wahrscheinlich
sehr schmerzempfindlich sei und gab mir noch eine Spritze gegen die Schmerzen.
Auf dem Heimweg wurde mir schon wohler und zu Hause stürzte ich mich gleich auf
meinen Napf. Nun musste mein Vater aufpassen, dass ich nicht zu wild umhersprang,
solange die Wunde noch nicht verheilt war. Nach einer Woche ging es noch einmal
zum Fädenziehen, aber das war nur ein kurzer Ruck,
den ich kaum gemerkt habe.
Inzwischen sieht man schon fast gar nichts mehr von dem Schnitt und das Fell
beginnt auch nachzuwachsen. Am Temperament und Eigensinn habe ich nichts
eingebüßt und für meine Eltern bin ich weiter ein Hund, mit dem es nie
langweilig wird, weil ich immer wieder etwas neues Eigensinniges in meinem
Hundegemüt hervorbringe.
© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Febr. 2011
18. Und zum Schluss:
Dackellähme
Ja, so geht
es im Leben. Man denkt, das Unangenehme, trifft immer nur die Anderen, bis es
einem selbst erwischt.
Eines Tages
fiel meinen Eltern auf, dass ich ausnehmend lieb und still war und nur sehr
ungern lief. Sie schleppten mich zum Tierarzt, er ließ mich kurz laufen, nickte
und das Röntgenbild brachte es endgültig an den Tag: Dackellähme. Zwischen dem
neunten und dem zehnten Halswirbel war ein großer Entzündungsherd. Beim
Abtasten ließ sich die Wärmeabstrahlung sogar fühlen.
Vierzehn
Tage "Bettruhe" (Das bedeutet, der Hund soll wirklich liegen und nur
zum Lösen hinausgetragen werden. Diese Zeit braucht der Körper, um das tote
Gewebe an der Zerstörungsstelle hinweg zu schaffen und den Neuaufbau
einzuleiten.) und die konventionelle Behandlung; Entzündungshemmer und Vitamin
B. Alles schlug sehr gut an, so dass ich bald wieder fast beschwerdefrei war;
nur springen durfte ich nicht mehr und nach "nasskalten"
Spaziergängen bekam ich das Heizkissen.
Zu Hause
richteten meine Menschen ein Hundebett zu ebener Erde ein, denn Couch und
Sessel waren fortan tabu. An die große Rudelschlafkiste (Die Menschen sagen
Bett.) hat mein Herrchen eine Rampe gebaut, damit ich meinen Rücken schonen
kann und nicht springen muss.
Schmerzmittel
hatten wir für den Notfall mitbekommen, die aber erst nach telefonischer
Rücksprache mit dem Tierarzt angewendet werden sollten. Der Schmerz ist ein natürliches
Mittel, um den Körper zu Ruhe zu veranlassen und sollte deshalb nicht
leichtfertig ausgeschaltet werden.
Ich war dankbar, dass mir geholfen wurde. Beim Hinaustragen
gab ich mir Mühe, mein "Geschäft"
schnell zu erledigen und ließ mich ohne weiteres wieder in die Hundetasche
setzen. Als es mir nach einigen Tagen besser ging, wurde es für meine Menschen schwieriger,
die "Bettruhe" durchzusetzen.
Beim
vorerst letzten Tierarztbesuch, konnte dann die "Bettruhe" aufgehoben
werden, zum Muskelaufbau wurden ruhige Spaziergänge verordnet. Springen,
Purzelbäume und Ähnliches waren tabu. Auch erhielt ich jetzt nach nasskalten
Spaziergängen Wärmeanwendungen, indem mir das Heizkissen über den Rücken gelegt
wurde. Ein Dackel hat gerade die richtige Größe, dass dadurch ein Wärmetunnel
entsteht. Beides tut mir sichtlich gut.
Inzwischen geht es mal auf, mal ab; gute
Phasen wechseln mit welchen, wo ich mich nur mit Mühe fortbewege. In der kalten
Jahreszeit wärmen mich meine Menschen nach den Spaziergängen mit dem Heizkissen
auf.
Durch
den frühzeitigen Behandlungsbeginn wurde
wahrscheinlich Schlimmeres verhindert. Ich führe wieder ein normales
Hundeleben, mit den genannten Einschränkungen. Bei einer "dummen
Bewegung" quieke ich manchmal auf. Für Frauchen und Herrchen ein Zeichen,
das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Nach längeren Spaziergängen
bestehen sie jetzt darauf, dass ich mich erst einmal ausruhe. Es funktioniert
wie beim Menschen. Auf die erzwungene körperliche Ruhe folgt bald die seelische
und ich schlafe ein.
Das waren
nun die wichtigsten Ereignisse zu Beginn meines Hundelebens. Ich habe mich in
mein Rudel eingelebt und hoffentlich gibt es keine großen Veränderungen; so wie
es jetzt ist, kann es nun noch viele Jahre weiter gehen. Potz Blitz und
Wackeldackel! Euere Dolly
© by Eberhard Kamprad, Leipzig, März 2011