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Dollys Dackelgeschichten

Ein Hund erzählt aus seinem Leben.

Eberhard Kamprad

 

1. Die neue Mama

 

Die erste Empfindung in meinem Leben, an die ich mich erinnere, ist der warme Körper meiner Hundemama. Zum Glück mussten wir uns nur zu dritt die fünf Zitzen meiner Mutter teilen, so dass genug Milch da war. Sonst hätte es schlecht für mich ausgesehen, denn meine kräftigen Brüder, richtige Rabauken, hatten mich von den besten Milchquellen verdrängt: Kein bisschen Rücksichtnahme auf ein zartes Mädchen, aber ich war bescheiden und brauchte nicht viel. Ab und zu guckte ein brummiges, zottiges Wesen in unsere Kiste und beschnüffelte uns. Im Laufe der Zeit bekam ich mit, dass das mein Hundevater war. Er machte keinen freundlichen Eindruck auf mich und schien sich nicht besonders über unser Dasein zu freuen. Meine Mutter guckte ihn auch immer misstrauisch von der Seite an und knurrte warnend, wenn er uns zu nahe kam.

Ich wuchs und wuchs und wuchs. Bald verließ ich mit meinen Brüdern für kurze Ausflüge unsere Höhle. Dabei lernte ich große, zweibeinige Gestalten kennen. Sie nannten sich Menschen. Da meine Mama ihnen vertraute, machte ich es ebenso. Zusätzlich stillten sie unseren Hunger, als wir anderes wollten, als die Milch unserer Hundemama. Es war aber gar nicht so einfach. Die Milch trank man und sie rutschte hinunter. Die neue Nahrung musste man erst erschnüffeln und wenn man sie gefunden hatte, mühsam aufnehmen und dann  hinunterschlucken. Ich beobachtete meine Mama und versuchte, es ihr nachzumachen. Nach einer Weile klappte es ganz gut.

Die Ausflüge wurden von Mal zu Mal immer länger. Unsere Hundemama zeigte uns die neue Welt außerhalb der Kiste. Auch die Menschen lehrten uns viel Neues, das mit Hunden eigentlich nichts zu tun hatte, wie zum Beispiel das Geräusch, dass eine Art Hund macht, den die Menschen hinter sich herziehen. Mit der Schnauze des Dings wedeln sie hin und her. Das wäre ein herrliches Spielzeug zum Fangen, wenn nur nicht dieser grässliche Lärm wäre. Meine Hundemama sagte mir, dass die Menschen das Ding Staubsauger nennen. Was sie damit machen, konnte sie mir aber nicht erklären.

Ich wohnte inzwischen mit meiner Mama in einem Zimmer für uns. Dort hatten wir unsere Ruhe vor meinem Hundevater und meinen Radaubrüdern. Es gab nur einmal etwas Aufregung, als ich für kurze Zeit herausgeholt und anderen Menschen gezeigt wurde. Die befühlten mich, guckten mir ins Maul und machten komische Dinge mit mir. Auf einmal zwickte es ganz doll in mein rechtes Ohr. Aber bevor ich protestieren konnte, war es schon wieder vorbei. Meine Hundemama sagte mir, dass die Menschen das Wurfabnahme nennen, doch was es damit auf sich hat, wusste sie ebenfalls nicht.

Eines Tages wurde ich herausgeholt und zwei Menschen gezeigt; es waren ein großer Mann und eine kleine Frau. Sie betrachteten mich und verglichen mich mit meiner braunen Cousine, die ich einmal flüchtig kennengelernt hatte. Auch meine Mutter und mein Hundevater wurden vorgezeigt. Dieser knurrte mich an, wieso ich immer noch da sei. Nanu, wo sollte ich denn sonst sein?  Die Frau sagte. „Den nehmen wir!“ Es war aber kaum etwas zu verstehen, da meine Brüder einen Mordspektakel vollführten und an der Absperrung ihres Zimmers auf und nieder hüpften. Dann verschwanden alle wieder und ich ging mit meiner Mutter in unser Zimmer zurück, froh, wieder Ruhe und diese merkwürdige Begebenheit überstanden zu haben.

Plötzlich wurde ich gepackt und in die Transportkiste gesteckt, die ich schon einmal kennen gelernt hatte, als es zu einem Mann im weißen Kittel ging, der mich piekste. Ich rief meiner Mama noch zu: „Bis nachher!“, doch sie drehte sich weg und beachtete mich nicht weiter. Heute glaube ich, sie wusste, dass das ein Abschied für immer war.

Die schaukelnde Kiste mit mir darin wurde in ein rollendes Haus gepackt und los ging es. Ich machte mich ganz klein und wimmerte vor mich hin. Das war anders als der Kurzbesuch bei dem weißen Mann. Die beiden fremden Menschen waren mit dabei. Jetzt konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich musste ein Häufchen, wie die Menschen das nannten, machen. In der nächsten Kurve rutschte ich in eine Ecke und dabei mitten in das Häufchen hinein. Igittigitt, jetzt war nun noch mein Fell beschmutzt und eklig klebrig.

Schaukelnd bewegte sich die Transportkiste. Die Frau, die bisher meine Mama und mich betreut hatte, nahm mich heraus und gab mich dem großen Mann auf den Arm. Gleich war auch seine Jacke mit ... vollgeschmiert. „Musst du sie an dich drücken?“, sagte die Frau. „Halt sie von dir weg!“ Nun baumelte mein Körper in der Luft. Das gefiel mir noch weniger und ich strampelte heftig. Die Frau kam mit Tüchern und begann mich zu reinigen. So lernte ich gleich diese für einen Wohnungshund wichtige Prozedur kennen.

Ich war mit den zwei fremden Menschen allein. Die Frau nahm mich auf den Arm. „Hallo, Dollymäuschen, ich bin deine neue Mama.“ Ich protestierte lautstark, einmal bin ich ein Hund und keine Maus und dann habe ich ja meine Hundemama und brauche keine neue. Aber da diese nicht da war und ich Angst hatte, schmiegte ich mich doch an die Frau. Wenigstens war sie warm und so unangenehm roch sie gar nicht.

Vorsichtig erkundete ich zunächst die neue Umgebung. In einem kleinen Raum fand ich ein Körbchen, das zu meiner Körpergröße passte. Dahinein hatte der Mann noch das mitgebrachte Deckchen und das Spielzeug gelegt, das noch ein bisschen nach meiner Mutter roch. Ich vermisste den Lärm meiner Brüder und den warmen Körper meiner Hundemama. Da war es vielleicht am besten, erst einmal ein wenig zu schlafen. Ich kletterte in das Körbchen, legte meine Nase auf das Stückchen Heimatdecke und schlief ein.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarbeitet Mai 2005

 

Veröffentlicht in: Zeitschrift "Kurzgeschichten", Ausgabe 6/2005, S. 51, ISSN 1613-432X

 

2. Der erste Tag

 

Hallo, ich hatte also meine Menschen kennengelernt und war in meiner neuen Heimat eingeschlafen. Von meinem Tiervorgänger, einem Kater, hatte ich einen Korb geerbt und so war es ganz gemütlich. Als ich erwachte, merkte ich sofort, bevor ich die Augen geöffnet hatte, dass etwas anders war als sonst. Ich war allein und es roch anders. Ein wenig vertrauter Duft war noch da, aber wirklich nur ein wenig. Richtig, ich war ja gar nicht mehr bei meiner Hundemama. Was mochte mich erwarten, wenn ich die Augen öffnete. Nun ja, ändern konnte ich doch nichts mehr. Also: Augen auf!

Um eines meiner Hinterpfoten hatte sich der Lappen gewickelt, den mir meine vorigen Menschen mitgegeben hatten und der den vertrauten Geruch ausströmte. Das war aber auch alles, was ich von meiner alten Heimat hatte. Die kleine Frau, also meine neue Mama, beugte sich über mich und streichelte mich. Sofort wurde mir etwas wohler. Ich kletterte aus meinem Korb und tappte hinter ihr her. Der große Mann (mein neues Herrchen) lag noch in seiner Schlafkiste und die Frau kroch ebenfalls in eine solche. Und was wurde aus mir? Hilf Dir selbst! Ich gehörte ja schließlich zum Rudel. So spannte ich meine Hinterpfoten an, holte durch Auf- und Niederwippen Schwung und sprang mit einem Satz in die Rudelschlafkiste. Später bekam ich mit, dass die Menschen das Ding Bett nannten. Nun war das ganze Rudel beisammen, warum nicht gleich so? Das war natürlich viel angenehmer als wie ein vom Rudel Verstoßener in einem Korb zu liegen. Ich kroch zu meinem Frauchen unter die Bettdecke und kuschelte mich an sie. Dort war es schön warm und roch auch angenehm.

Doch die Ruhe währte nicht lange. Mein neues Herrchen, offensichtlich der Rudelführer, rappelte sich auf und meinte, dass er mit mir Gassi gehen müsste. Was war denn das nun wieder? Mein Frauchen entgegnete, dass in den Büchern stünde, dass ich vorsichtig an das Halsband gewöhnt werden müsse. Schon wieder etwas Neues! Mein Herrchen setzte mich auf die Erde und kam mit einem komischen Ding, dass er an meinem Hals festmachen wollte. Ewig fummelte er an mir herum. Ich versuchte stillzusitzen und den Rudelführer nicht zu verärgern, aber das Ganze war ziemlich lästig, wenn man auch nicht sagen konnte, es sei nicht auszuhalten. Endlich war alles fertig. Ich dachte, ich hab es geschafft und wollte davon springen, aber wieder war es nichts damit. An das Ding um meinen Hals, hakte er noch etwas anderes, dessen Ende er in der Hand hielt. Nun waren wir beide verbunden. Eigentlich nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte. Ich gehörte offensichtlich als etwas Besonderes zum Rudelführer und fühlte mich gleich doppelt so stark, als ich in Wirklichkeit war.

Aber jetzt kam der Haken der ganzen Sache. Mein Herrchen sagte zu mir „Komm!“, zog an der Leine und mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Nur kurz versuchte ich, mich steif zu machen, aber da schnitt sich das Halsband schmerzhaft ein. Wir kamen vor das Haus, das nun meine neue Heimat geworden war, aber der Empfang war gar nicht freundlich. Es war kalt und mit Schneeflocken vermischter Regen fiel vom Himmel. Nein, ich wollte nicht mehr. So fest ich konnte stemmte ich meine Pfoten gegen den Boden. Dazu sollte ich noch über ganz komischen Untergrund gehen; mit lauter Löchern. Später wusste ich, dass das eine Rampe mit Gitterrosten war, um wegen meinem empfindlichen Rücken das Treppensteigen zu vermeiden. Nebenbei konnten die Menschen ihre Kinderwagen oder Einkaufsroller hoch schieben. Doch zurück zu meinem ersten Ausgang. Schließlich trug mich mein Herrchen ein Stück und setzte mich dann ab. Ich merkte, dass er ebenfalls ganz aufgeregt war, mindestens ebenso wie ich. So hatten wir wenigstens eine verbindende Gemeinsamkeit. Ich klemmte meinen Schwanz zwischen die Hinterpfoten. Mein Herrchen hatte eine gekrümmte Haltung eingenommen und versuchte, beruhigend auf mich einzureden. Ich sei schließlich sein erster Hund ...

So kamen wir mühsam 50 Meter voran. Ich begriff nun, dass ich mich LÖSEN sollte, wie die Menschen das in ihrer umständlichen Art nannten und machte ein kleines Pfützchen. Endlich ging es wieder nach Hause. Dort erwartete mich meine Mama mit mehreren Tüchern unterschiedlicher Art, die sie nach einem nur ihr verständlichen System an meinem Körper zur Anwendung brachte. Das war mir äußerst lästig, aber ich hatte schon gelernt, dass man den Menschen im Allgemeinen ihren Willen lassen muss, um ein einigermaßen ruhiges Hundeleben zu führen. Dann bekam ich endlich etwas zu fressen. Nach den Aufregungen rollte ich mich erst einmal in meinem Korb zusammen und schlief ein wenig. Als ich aufwachte, ging das Ganze wieder von vorn los, nur dass mich jetzt mein Herrchen abtrocknete. Der nahm wenigstens nur ein beliebiges Tuch und wischte einmal flüchtig über meinen Körper. Bei solchem HUNDEwetter (Was haben wir eigentlich mit schlechtem Wetter zu tun?) schaufeln wir uns ja mit unseren kurzen Vorderpfoten den Dreck direkt an den Bauch. Zeit meines Lebens behielt ich durch diese ersten Tage in meinem neuen Zuhause mit matschigem Schneeregen, einen Widerwillen gegen schlechtes Wetter und das Ausführen überhaupt.

Einmal hatten meine Menschen zu lange gewartet und ich hatte ein Pfützchen auf den Teppich gemacht. Zum Glück schimpfte Mama nicht mit mir, sondern mit meinem Herrchen, warum er das nicht vorausgeahnt hätte und früher mit mir hinausgegangen wäre. Ach, ist das Leben kompliziert! Aber ansonsten war mein Herrchen sehr streng mit mir. Ich hatte gleich erkannt, dass er der Rudelführer war. Da konnte ich eher einmal bei Mama mein Glück versuchen, mit meinem unschuldsvollen Dackelblick etwas durchzusetzen. So ging mit Fressen, Schlafen und Ausführen der erste Tag in meinem neuen Zuhause herum. Als das Rudel schlafen ging, nahm ich gleich meinen eroberten Platz in der großen Schlafkiste ein. Noch nass, vom letzten Ausführen wärmte ich mich erst einmal beim Herrchen auf und wechselte dann im Laufe der Nacht zu Mama unter die Decke. So hatte jeder etwas von mir.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarb. Okt. 2008

 

3. Wie meine Menschen auf den Hund kamen

 

Aus den Gesprächen meiner Menschen bekam ich Folgendes mit: Dreizehn Jahre lebten sie mit einem Kater zusammen und teilten Freude und Leid mit ihm; zuletzt mehr Leid als Freude, bevor sie ihn einschläfern lassen mussten.

Als ihn die Tochter an einem kalten ungemütlichen Wintertag, mitbrachte, war er ein kleines, halb verhungertes Bündel Fell mit zwei wachen Augen in einem großen Kopf. Die Tochter war damals ein Teenager und es hatte eine der in diesem Lebensalter häufigen Auseinandersetzungen mit den Eltern gegeben. Sie war wütend weggerannt und kam nach einer Weile mit dem Kater wieder, der sich an sie schmiegte. Wie sich herausstellte, „wohnte“ er unter der Eingangstreppe. Sie hatte ihn eine ganze Weile mit dem Leberkäse, den sie nicht mochte, gefüttert. Nun waren die Menschen erst einmal froh, dass sie wieder da war, so dass sie wegen der eingeschleppten Katze keinen neuen Streit vom Zaun brechen wollten.

Die Gefühle meines Herrchens waren zwiespältig. Als Kind wollte er gern ein Tier, aber seine Mutter hatte einen Abscheu vor Haustieren und ordnete sie in die Kategorie unnützes und schmutzbringendes Ungeziefer ein. Ihre Abneigung ging so weit, dass sie Menschen, die ein Tier besaßen, sofort ablehnte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ihm noch nicht gelungen, sich völlig von diesem Einfluss zu lösen. So stritten in ihm die Erfüllung des Kinderwunsches und die vermittelte Antipathie miteinander, als seine Tochter mit dem Kätzchen vor ihm stand. Wie so oft im Leben, ging es durch einen Kompromiss weiter: Eine Nacht darf es erst einmal dableiben und sich aufwärmen.

Aus der einen Nacht wurden dreizehn schöne Jahre. Die Tochter hatte von Schulfreundinnen von einem Katzenfutter „Wiska“ (Whiskas) gehört und da es ein Junge war, sollte er Wisko heißen. Als die Tochter auszog, um ihre eigene Familie zu gründen, ließ sie den mittlerweile stattlichen Riesenkater da und mein Frauchen hatte weiter etwas zu bemuttern. Der Kater hatte von der ganzen Wohnung Besitz ergriffen, die überall katzengerecht mit Kletter- und Kratzmöglichkeiten eingerichtet war. Nichts war vor ihm sicher, außer man schloss es weg, da er auf jeden Schrank hinaufkam. Die letzten Jahre plagte er sich im Winter mit Fellproblemen; teilweise sah er wie ein Punker aus, wenn er nur noch auf dem Rücken einen „Kamm“ hatte. Doch mit Hormonspritzen erholte er sich immer wieder, bis es einmal doch zu Ende ging. Er wurde unsauber und meine Menschen suchten verzweifelt nach der Ursache, denn Unsauberkeit eines ansonsten stubenreinen Tieres ist immer ein Signal. Auch der Tierarzt wusste keinen Rat. Der Kater wurde in ganz kurzer Zeit träge und lustlos, lag nur herum und Herrchen versuchte, ihn zu überreden, sich in sein Katzenklo zu entleeren. Hinterher ist meinen Menschen klar geworden: Er fühlte sich schlecht und protestierte, dass sie ihn nicht unterstützten, denn in seinem Katzenleben halfen sie ihm ja immer göttergleich bei allen Problemen. Dass es gegen den Tod keine Hilfe gibt, wusste er zum Glück nicht.

Als sie ihn wieder zum Tierarzt brachten, war die Diagnose klar: Nierenversagen. Das zeigte der urämische Geruch. Der Körper versuchte verzweifelt, die Giftstoffe, die die Nieren nicht mehr herausfilterten, über die Haut auszuscheiden. Sie entschieden sich gleich, ihn nicht länger leiden zu lassen. Als er die Betäubungsspritze bekommen hatte, kroch er noch einmal zu meinen Menschen und stupste jeden kurz mit der Nase an. Dann schlief er ein und sie gingen. Der Tierarzt gab ihm dann die zweite Spritze, die zum Herzstillstand führte. Den Körper ließen sie da. Er symbolisierte für sie nicht das Lebewesen, mit dem sie dreizehn Jahre ihres Lebens geteilt hatten. Dann schon eher die Fotos, bei deren Ansehen man dann oft sagt: „Weißt du noch, als ---„ Meine Menschen hätten gleich wieder einen übriggebliebenen Kater mitnehmen können, der beim Tierarzt nach einer Behandlung nicht abgeholt worden war, doch sie wollten erst einmal Abstand gewinnen.

Nach und nach entwickelte sich bei ihnen der Gedanke, es doch einmal mit einem Hund zu versuchen, denn ein Tier wollten sie wieder. Zu ungemütlich war die Wohnung, wenn niemand herum raschelte und mit atmete. Eine Katze fesselt einen aber an die Wohnung. Man strebt möglichst schnell wieder nach Hause, um sie nicht so lange allein zu lassen. Nun sind sie sowieso sehr häuslich und reisen nicht. Ein Hund dagegen muss mehrmals täglich ausgeführt werden und die Spaziergänge tun ebenfalls den Menschen gut. Nur wegen der zeitlichen Organisation verschoben sie es auf ihre Rentnerzeit. Doch wie es ist, wenn die Menschen planen: Das Schicksal richtet sich nicht danach, weder im Guten noch im Bösen - und die Rentnerzeit kam durch eine chronische Krankheit von Herrchen schneller als gedacht. Als er nun auf einmal den ganzen Tag zu Hause war, galt es dem Tagesablauf - und damit dem ganzen Leben - wieder Struktur und Sinn zu geben. Nun war es soweit: Ein Hund sollte her!

Das war leichter gesagt, als getan. Wie kommt man zu einem Hund? An einschlägiger Literatur ist kein Mangel, aber die Entscheidung muss man schließlich selbst treffen. Der Mietwohnung entsprechend sollte er nicht zu groß sein und vor allem pflegeleicht; also nicht langhaarig. Da die Tochter als Kind einen Beagle regelmäßig ausführte, kamen sie auf diesen lustigen, bunten Gesellen. Die Hürde der Einwilligung des Vermieters bewältigten sie unkompliziert, solange es kein Kampfhund sei. Im Genehmigungsschreiben wurde ihnen sogar „viel Erfolg bei der richtigen Auswahl Ihres künftigen Hausgenossen“ und viel Spaß gewünscht.

Nun brauchten sie nur noch einen Züchter in der Nähe, da sie ohne Auto waren. Über die Welpenvermittlung des Beagle-Klubs fanden sie eine Züchterin, meldeten sich an und fuhren mit dem Zug hin, um sich die Tiere anzusehen. Leider entsprach der Empfang nicht den Vorstellungen. Die Züchterin hatte die Verabredung vergessen, betonte ständig dass sie keine Zeit habe und das Vorführen der Tiere bestand darin, dass sie auf den Hof wies, wo sich zirka zehn Hunde tummelten und sagte: „Das sind die Hunde.“ Das konnten sich meine Menschen natürlich auch so denken; sie waren aber auf detaillierte Erklärungen eingestellt. Durch die Gesprächssituation zwischen Tür und Angel kam aber überhaupt keine Atmosphäre auf: Nur die Mitteilung über den Preis, wobei sie 1700 Mark doch etwas schockierten und das es im Frühjahr wieder Welpen gäbe. Am meisten schreckte Frauchen und Herrchen jedoch ein angekündigtes Kontrollrecht zum Aufenthalt des Tieres ab. Der Hund sollte ihnen gehören und die Vorstellung, dass immer wieder jemand unverhofft vor der Tür stünde und den Zustand des Hundes kontrollieren wolle, stieß sie ab. Ihr Gedanke war, dass man bei einem guten Verhältnis zum Züchter, diesen sowieso ab und zu über das Wohlergehen des Tieres informiert und ihm ein paar Fotos schickt, aber an ein gutes zukünftiges Verhältnis glaubten sie nicht mehr. Nach kurzer Zeit wurden sie verabschiedet und mussten nun noch zwei Stunden auf dem Bahnhof des kleinen Ortes verbringen, ehe sie zurückfahren konnten. Dabei war ihnen klar, dass das Vorhaben Beagle gescheitert war.

Aber wie nun weiter. Hundeliteratur hatten sie nun nach einem halben Jahr Vorbereitung auf die Anschaffung des neuen Hausgenossen genug gelesen und wollten in die Praxis gehen. Eine Hundeecke war in der Küche eingerichtet. Nun sagte Herrchen, dass er bei einer Körpergröße von 1,95 m keinen Dackel wolle, da das zu komisch aussähe. Aber irgendwie kamen meine Menschen über diese Gedankenverbindung auf den Rauhaardackel, kleiner als ein Beagle, aber für Frauchen von 50 kg Körpergewicht auch besser handhabbar und man kann ihn sich auch einmal unter den Arm klemmen. So richteten sie nun ihr Interesse auf einen Rauhaardackel.

So gab Herrchen im Januar 2000 folgende Anzeige auf: Beagle oder Rauhaardackel, bis 1 J., aus Raum ***, von älterem Ehepaar zu kaufen ges. Tel. ***

Als erstes meldete sich eine Frau, die nicht richtig lesen konnte und einen Hund kaufen wollte, dann wollte sie ein Mann zu einem Cocker Spaniel überreden. Herrchen las inzwischen in der Zeitung den „Tiermarkt“ und da stand es: Sehr schöne Rauhaardackelwelpen m. Pap. gei., entw. Tel. ***

Er stürzte gleich ans Telefon und vereinbarte mit der Züchterin einen Termin für kommenden Samstag. Nach zehn Minuten rief er noch einmal an, ob man den Welpen gleich mitnehmen könne, wenn man sich einig werde? Ja, sie sind schon fünfzehn Wochen alt und können also von der Mutter weg. Nach weiteren zehn Minuten klingelte das Telefon. Eine Frau bot Rauhaardackelwelpen an, die Stimme kam Herrchen bekannt vor. „Haben wir nicht vor zehn Minuten zusammen gesprochen und den Termin für Samstag vereinbart?“ Ja, es war die gleiche Züchterin. Sie hatte nun die Anzeige gelesen und sie hatten sich sozusagen über Kreuz angerufen. Die Züchterin wollte nur noch das Alter des „älteren Ehepaares“ wissen und war über die Auskunft 55/50 beruhigt. Sie hatte bei der Formulierung mit 75/70 gerechnet und hätte dann keinen Welpen verkauft.

Am Samstag fuhren sie dann beizeiten los; mit der Straßenbahn. Vorher kauften sie noch Welpenfutter  und nahmen einen Tragekorb mit Decke und Halsband mit. Als sie ankamen, kehrte die Züchterin gerade vor ihrem Laden die Straße. Sie kamen schnell ins Gespräch und waren sich sofort sympathisch. Drinnen bekamen sie dann erst einmal einen Kaffee angeboten und Frauchen und Herrchen berichteten über ihre Vorstellungen und Gründe des Hundekaufs. Dann ging es zu den Hunden. Das ganze kleine Haus schien voller Dackel zu stecken. Zwei auf den Hof ausgesperrte protestierten lautstark und verlangten eingelassen zu werden, um zu erfahren, was es Interessantes gäbe.

Sie bekamen zuerst eine kleine braune Hündin gezeigt, die wegen einem Zahnfehler billiger war, aber der Funke sprang nicht über und so holte die Züchterin dann ihr Prachtstück hervor: mich, Dolly von der Parthenaue. Sie wussten sofort: Die ist es.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarb. Okt. 2008

 

4. Der Spaßball

 

Hallo, heute will ich erzählen, welche Probleme es mit meinem Lieblingsspielzeug gab und gibt; dem Spaßball, neudeutsch: Funball.

Leider haben meiner Menschen versäumt, mir beizeiten den Unterschied zwischen Kau- und Spielzeug beizubringen, und so leistet nur das Vollgummispielzeug einer bestimmten Firma meinen Zähnen eine gewisse Zeit lang Widerstand und auch da nur die Teile mit viel Rundungen, die wenig Angriffspunkte bieten. Alles andere habe ich nach wenigen Minuten in handliche Kleinteile zerlegt.

Von Anfang an hatte es mir der Ball dieser Spielzeugserie angetan; eigentlich ein Würfel mit abgerundeten Ecken und zur Gewichtsverringerung des Massivwerkstoffes mit Löchern versehen. Die Löcher dienen dazu, dass wir gut atmen können, während wir den Ball im Maul haben. Wenn ich darauf herum kauen kann, bin ich selig und brauche nichts anderes. Das sieht man meinem verzückten, entrückten Gesichtsausdruck an. Manchmal lege ich den Ball vor mich hin, schaue ihn an und meditiere darüber. Wenn er mir weggenommen wird, kann ich stundenlang dasitzen und mit ergreifendem Blick nach oben starren; auf das Regal, wo der Ball liegt. Das bringt meine Menschen manches Mal zur Verzweiflung, wenn ich mich für nichts anderes interessieren will.

Deshalb benutzten meine Menschen den Ball, um mich an das Alleinsein zu gewöhnen. Weil ich ihn dann zur freien Verfügung erhielt, freute ich mich geradezu darauf, bald wieder einmal allein sein zu dürfen. Wenn ich an den Vorbereitungen merke, dass dies der Fall sein wird, bin ich ganz aus dem Häuschen.

In der Artikelbeschreibung steht folgende Warnung: Das Spielzeug ist stabil und langlebig, aber nicht unverwüstlich. Bitte lassen Sie ihren Hund nicht allein damit spielen. Deswegen kann ich für das Alleinsein nur verhältnismäßig neue Bällchen bekommen, weil nach einigen Wochen das Aussehen kaum noch an den ursprünglichen Zustand erinnert. Tiefe Furchen und Risse durchziehen den Ball, lose hängende Teile bröckeln ab – ein Ergebnis meiner Zahnarbeit. Aus Angst, dass ich Plasteteile verschlucke, ziehen meine Menschen in diesem Stadium den Ball aus dem Verkehr und geben mir einen neuen – wenn sie einen haben und nun beginnt das eigentliche Problem.

Mein Herrchen hatte in der Tierabteilung des Supermarktes alle Bälle aufgekauft, aber einmal musste auch der letzte dieses Vorrats meinen Zähnen vorgeworfen werden UND der Ball war von der Zentrale in einer fernen Gegend aus der Listung genommen worden, so dass die Mitarbeiter ihn nicht mehr nachbestellen konnten.. Nun war guter Rat teuer - eigentlich nicht nur teuer, denn mein Herrchen hätte jeden Preis gezahlt, um mich zufrieden und glücklich zu machen, sondern unerreichbar. Nachdem wir alle Tierabteilungen und Tierhandlungen abgeklappert hatten wandten wir uns an die Herstellerfirma. Diese teilte mit, dass sie nicht an Privatpersonen liefern dürfe; nur an Händler. (Mein Herrchen hatte sich bereiterklärt, gleich zehn Bälle zu kaufen, damit eine Weile Ruhe ist.) Der Ball sei laut Auskunft des Regionalvertreters sofort lieferbar, wenn ein Händler ihn bestellen wolle. Aber so einfach machen es sich die Menschen ja nicht. Jeder Händler hat seinen Großhändler und bei dem muss der Ball geführt sein, damit ihn dann der Händler bestellen kann. Jeder Tierladen den mein Herrchen aufgesucht hat, hat 20 bis 30 Bälle im Angebot, aber nicht meinen und ich kann eben nur mit meinem Fun(Spaß)ball glücklich sein. Wie schwer ist es doch ein gemütliches Hundeleben zu führen! Als Trost hatte die Firma mir neben einem Fresspaket (Was soll ich damit, wenn ich den Ball brauche.) noch einen Funball als Geschenk geschickt. Den geben mir meine Menschen nur in besonderen Fällen, damit er recht lange hält. Wie das Leben dann weitergehen soll, weiß ich nicht. Es ist eben doch kein Spaß- sondern ein Trauerball. Jedes Mal wenn ich auf ihm herum kaue, muss ich daran denken, dass das Zusammenleben mit ihm bald zu Ende ist. - - -

Nachtrag: Einige Jahre später hat die Firma die Herstellung dieser Bälle endgültig eingestellt. Drei haben wir noch auf Vorrat - aber der schmilzt unaufhörlich. Mein Herrchen hat schon vorsorglich einen anderen roten Ball besorgt und Löcher hineingebohrt, aber so dumm bin ich nicht, dass ich nicht den Unterschied merke, doch wenn alles nichts hilft, muss ich mich eben daran gewöhnen. Und ich habe mich daran gewöhnt. Inzwischen habe ich einen ganz gewöhnlichen Ball zu meinem Lieblings-Spielzeug erkoren, ohne dass ich nicht leben kann. Er kostet nur einen Bruchteil des Funballs und wenn er zerkaut ist, nehme ich mit einem neuen vorlieb.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarb. Okt. 2008

 

5. Die Zuchtschau

 

Heute geht es um meine Erlebnisse auf der Zuchtschau der Dackelgruppe. Für meine Menschen bin ich natürlich sowieso der schönste Dackel, aber die anderen Vereinsmitglieder und die Züchterin, überredeten sie, sich das amtlich bestätigen zu lassen: eben durch die Vorstellung auf der Zuchtschau. Mein Herrchen hatte sich vorher darüber informiert, was ich alles können sollte und mit mir „Im-Kreis-laufen“ und „Maul auf!“ geübt. Das Maul musste ich auf Kommando aufmachen, weil der Richter die Zähne kontrollieren will. Wer den Richter beißt, wird disqualifiziert; so steht es in der Prüfungsordnung. Da mein Frauchen mir wöchentlich die Zähne putzt, war mir das sowieso nicht neu. Das Im-Kreis-Laufen bereitete mir keine Probleme; aber ich brauchte es gar nicht, wie wir später sehen werden.

Als der Sonntag der Zuchtschau endlich herangekommen war, waren meine Menschen mindestens ebenso aufgeregt wie ich. Die Züchterin hatte ihnen angeboten, uns mit dem Auto abzuholen, um mir die Straßenbahnfahrt zu ersparen. Das war keine so gute Idee für meine Nerven. Im Auto saß nämlich auch meine Cousine, die ebenfalls vorgestellt werden sollte, und darüber regte ich mich wahnsinnig auf. Mein Herrchen konnte mich kaum halten, weil ich ständig auf meine vor mir sitzende Züchterin klettern wollte.

Wir kamen an und mussten uns zuerst anmelden. 25 Dackel waren registriert. Ich war im Programm als die Nummer 8 genannt und ich war richtig stolz, dass ich dort mit all meinen Daten stand. Auch mein Herrchen freute sich, als er seinen Namen als Besitzer las.

Am Eingang wies ein Schild nach rechts: Zum Löseplatz. Mein Herrchen führte mich hin und erklärte mir den Sinn des abgesteckten Bereiches. „Wuzzi und Pfützi machen!“ Dass die Menschen immer alles so kompliziert machen müssen. Warum sagt man nicht einfach „Hundeklo“? Ich schnupperte, schnupperte und schnupperte. Potz Blitz und Wackeldackel! Das war gar nicht der richtige Platz. Das merkte man doch auf dem ersten Riecher. Aber hier, ein Stück neben der Absperrung, war es genau richtig. Ich hockte mich hin. „Haben Sie keine Augen im Kopf!“, brüllte ein Mann mit einer Armbinde mein Herrchen an. „Der Löseplatz in innerhalb der Absperrung!“ „Wau! Wuff!“, versuchte ich dem Mann die Situation zu erklären. Doch er verstand mich nicht. Meinem Herrchen kam eine Idee. Mit einem eleganten Beinschwung beförderte er meinen Hinterlassenschaften in den abgesteckten Bereich. Nun war die Menschenwelt wieder in Ordnung.

Dann ging es los. Der erste Dackel wurde aufgerufen. Zuerst wurde er auf einen Tisch gesetzt und der Richter und seine Assistentin guckten ihm ins Maul und zählten die Zähne. Dann wurde das Fell befühlt und anschließend musste er mit seinem Frauchen im Kreis laufen, wobei der Richter den Gang beobachtete und der Assistentin, einer Richteranwärterin, Erläuterungen gab. Am Ende erklärte er laut die Vorzüge und Mängel des vorgestellten Hundes und gab die Bewertung bekannt: SEHR GUT! Mein Herrchen hatte mir erklärt, dass nur ein VORZÜGLICH oder höchstens SEHR GUT ein Grund zur Freude sei, GUT ist lediglich eine Genehmigung zur Zucht und BEFRIEDIGEND fast schon eine Diskriminierung. Das gilt aber nur für Teckel mit Ahnentafel. Ein „Straßen“-Dackel muss mindestens ein SEHR GUT bekommen, um als Teckel anerkannt zu werden. Womit sich die Menschen nur das Leben schwer machen, statt sich mit uns zu freuen, dass ein schöner Tag ist und die Sonne scheint.

Am Rande des abgesteckten Kreises wechselten inzwischen freudige und enttäuschte Gesichter der Hundebesitzer einander ab, je nach dem Ergebnis der Bewertung. Manche Dackel hatten zu dünnes Fell, andere „standen zu gut im Futter“, wieder andere hatten einen unvorschriftsmäßigen Gang oder wackelten auf falsche Art mit dem Hinterteil.

Endlich war ich an der Reihe. Mein Herrchen hob mich auf den Tisch und sagte: „Maul auf!“ Ich öffnete gehorsam den Fang, während mich mein Herrchen beruhigend streichelte. Der Richter fing an, die Zähne zu zählen, stutzte, fing von vorn an, rief die Assistentin herbei und in diesem Moment wusste ich, dass etwas schiefging. Mein Herrchen wurde gefragt, ob er einmal die Zähne nachgezählt hätte, was er verneinte. Dann suchte der Richter in seinen mitgebrachten Akten, rief noch andere Experten herbei, um ihnen die Sensation mitzuteilen, dass zum ersten Mal in seiner Richterlaufbahn die Zähne P 3 oben, rechts und links fehlten.

Potz Blitz und Wackeldackel! Ich hatte zwar nichts dagegen, eine Sensation zu sein, doch nicht auf diese Art. Dann musste ich noch laufen, aber ich tat es ohne rechtes Interesse, weil ich fühlte, dass es darauf nun auch nicht mehr ankam. Dann verkündete der Richter das Ergebnis: Mangelhaft! Zur Zucht untauglich – ein guter Gebrauchshund. Gut, meine Menschen wollten mit mir sowieso nicht züchten, aber die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Mein Herrchen ging ganz geknickt vom Platz und mein Frauchen konnte die Tränen kaum zurückhalten. Da halfen auch die trostreichen Worte von Bekannten nicht. Dann begann unter den Unbeteiligten noch eine Diskussion, wer das vorher hätte merken müssen. Die Einen meinten, die Züchterin, die Anderen der Tierarzt. Meine Menschen hatten an diesen Diskussionen kein Interesse und mussten den Schock erst einmal verdauen. Alle hatten ihnen Hoffnung auf eine gute Bewertung gemacht und mich als wunderschönes Exemplar bezeichnet, was auf mein Aussehen natürlich zutrifft. Auf ein eventuelles Problem mit den Zähnen hatte uns niemand hingewiesen.

Mein Herrchen ging mit mir erst einmal eine Runde in den Wald spazieren. Dann waren wir alle soweit, dass wir wieder den irdischen Genüssen zusprechen konnten: ich einer Bratwurst und meine Menschen stärkten sich mit einem Schluck „Jägermeister“

Später musste noch meine Ahnentafel an das Zuchtbuchamt eingeschickt werden, um meine Zuchtuntauglichkeit einzutragen. Dabei ist die Bewertung von „Mangelhaft“ in „Disqualifiziert wegen Zahnfehler“ geändert worden, was ich gerechter finde. Sonst klingt es so, als ob ich ein Krüppel wäre und ich bin doch ein schöner Dackel; für meine Menschen sogar das allerschönste Dackelmädchen, das es auf der Welt gibt.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarb. Nov. 2008

 

6. Das GEEIGNETE BEHÄLTNIS

 

Hallo Dackelfreunde, am liebsten laufe ich ja auf meinen eigenen vier Pfoten, aber ab und zu sind die schönen Schnüffelgegenden, in die mich meine Menschen führen, nur mit Bus oder Bahn zu erreichen. Das ist nun gar nicht so einfach, wie man als Hund denkt. Prinzipiell muss für einen Hund oder ein anderes Tier (ein Pferd?) ein Fahrausweis „Für Kinder“ gelöst werden, und dabei handelt es sich nicht nur um ein paar Groschen. „Ausgenommen von der Beförderungsentgeltpflicht (Was für ein herrliches Behördenwort! Da wedelt mein Schwänzchen vor Begeisterung.) sind kleine Tiere und kleine Hunde (Ein Hund ist also kein Tier?!), die in geeigneten Behältnissen untergebracht sind und im Verkehrsmittel keinen eigenen Platz in Anspruch nehmen.“

Gut. Damit wäre erst einmal klar, dass der fette, große Kater von nebenan, der in seiner Transportbox hockt, wie ein Götze, überhaupt nicht bezahlen muss. Aber so eine Transportart ist ja hundeunwürdig. Wir brauchen schließlich den Kontakt zu unserem Rudelführer. Am liebsten sitze ich bei Herrchen auf dem Schoß und damit fangen die Probleme, die sich die Menschen gegenseitig bereiten, erst richtig an. Ich nehme keinen „eigenen Platz“ in Anspruch a b e r bin nicht in einem „geeignetem Behältnis“. Potz Blitz und Wackeldackel!

So hat sich mein Vater bei den Verkehrsbetrieben erkundigt, ob unbedingt beide Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um nicht zu bezahlen; wie es ist, wenn man den Hund ohne Behältnis auf dem Schoß hat. Nach wochenlangen Beratungen konnten sich die Tarifexperten nicht einigen und ein Kundenberater sagte uns dann zu, dass man bei „Hund auf Schoß ohne Behältnis“ eigentlich nicht bezahlen muss. Da meine Eltern nun aber die hochkomplizierte Problematik nicht mit jedem Kontrolleur von Neuem diskutieren wollen, haben sie sich entschieden, mich in eine Tasche zu stecken und diese als „geeignetes Behältnis“ zu deklarieren.

Zum Glück bin ich mit sechs Kilogramm ein Leichtgewicht, so dass mich mein Vater noch bequem tragen kann. Auch können mich meine Eltern schnell einmal unter den Arm klemmen, wenn es nötig ist oder in der Tasche sogar längere Strecken tragen. Es gibt allerdings in unserer Rasse Schwergewichte bis zu zwölf Kilogramm. Abgesehen von denen, deren Gewicht aus der Größe resultiert, können einem die meisten leidtun. So sehe ich häufig zwei Dackel, die so dick sind, dass die Bäuche fast auf der Erde schleifen. Dazu müssen die armen Kerle auch noch Treppen steigen, weil ihre Menschen sie nicht mehr tragen können. Da haben diese ein gewichtiges Problem, aber eins, dass sie selbst geschaffen haben. So etwas müsste bestraft werden, meine ich. Wir Hunde können nichts dafür. Wir fressen nun einmal, was in uns hineingeht; in Erwartung „schlechter Zeiten“. Aber die Menschen sollen ja angeblich Verstand besitzen, den sie uns absprechen. Das Ergebnis: siehe oben.

Ich halte eigentlich meine Figur. Wenn mich in der Woche mein Vater betreut, muss ich mich sowieso auf etwas Fasten einstellen; meine Mama ist da großzügiger. Manchmal streiten sich meine Eltern und werfen sich gegenseitig vor, mich vollzustopfen. Einmal hatte ich schon einen kleinen Ring um den Bauch, den musste ich dann wieder abtrainieren.

Zuerst wollten meine Menschen das Geld für eine spezielle Hundetasche sparen und stopften mich in eine alte Reisetasche. Aber das gefiel mir gar nicht und so machte ich kurzerhand einer großen Schlatz hinein und sie damit unbrauchbar. War sowieso ein altes Ding aus der Jugendzeit meines Vaters und mir nicht angemessen. Man muss sich seine Menschen nur erziehen.

So entschlossen sich meine Menschen nun doch, mir eine Hundetasche zu kaufen. Die ist außen aus abwaschbarem Material, innen mit schönem weichen (Kunst)-Fell, damit man es recht bequem hat. Wo der Kopf herausgucken soll, ist der Rand etwas niedriger. Das ist aber Geschmackssache. Ein Artgenosse aus unserer Dackelgruppe besteht darauf, immer verkehrt herum in seiner Tasche zu sitzen. Na ja, wenn es ihm Spaß macht. Zum Tragen muss die Tasche zwei kurze Henkel haben und zum Umhängen der leeren Tasche einen Schulterriemen, damit sie die Menschen bequem auf dem Rücken tragen können, wenn wir uns auf unseren vier Pfoten fortbewegen. Über dem Hunderücken kann die Tasche mit Klett- oder Reißverschluss geschlossen werden. Klett ist besser, wenn wir in der Tasche herum hampeln und nicht vorschriftsmäßig sitzen wollen.

Bei schlechtem Wetter, ist die Tasche auch insofern nützlich, dass ich mich dann z.B. zum Tierarzt tragen lassen kann, damit ich nicht ganz verdreckt dort ankomme. Wir Dackel haben nun einmal das Problem unserer großen Bodennähe und schaufeln uns mit unseren Vorderpfoten den Schlamm direkt an den Bauch.

Wenn man wo zu Besuch ist, lässt sich der Rand der Tasche umschlagen und man hat ein gemütliches Nest, was nach zu Hause riecht. Zum Abtreten der Pfoten kommt ein wuscheliges Handtuch hinein und wenn es geregnet hat, muss einer uns an der Brust hochheben und der andere wischt Bauch und Pfoten mit Wegwerf-Küchentüchern ab. Mein Vater, als großer Hundeexperte, für den er sich hält, kann das aber auch allein.

Übrigens – für die warmen Tage, wenn es mir in der Tasche unbehaglich wird, habe ich ein sogenanntes Tragerl, eine in einer Stoffhülle mit Henkeln steckende Schaumgummiplatte, die mir unter dem Bauch durchgezogen wird. Beim Tragen hängen unten die Pfoten heraus und wenn ich meinen Unwillen ausdrücken will, rudere ich mit ihnen in der Luft herum. Dann wollen sich die Menschen immer vor Lachen ausschütten. Im Verkehrsmittel deklarieren meine Eltern das Tragerl als „geeignetes Behältnis“. Das Gegenteil soll erst einmal einer beweisen.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001 überarb. Nov. 2008.

 

7. Am Hundestrand

 

Hallo, heute will ich euch meine Erlebnisse am Hundestrand erzählen. Wir kamen an. Übergenau, wie mein Vater ist, suchte er nach Informationen und fand einen Hinweis, dass Hunde, Nackte und Angezogene sich an die ihnen zugewiesenen Strandteile zu halten haben. Da Nackte und Angezogene durcheinander lagen, war schon diese Unterscheidung schwierig, aber für mich nicht weiter von Interesse. Menschen sind so oder so verhältnismäßig uninteressant, wenn sie nicht gerade zum eigenen Rudel gehören und einen mit Fressen versorgen. Wo war nun aber der Hundestrand? Von ehemaligen Schildern waren nur noch die leeren Pfähle da und so sagten sich meine Eltern, wo die meisten Hunde zu sehen sind, wird der Hundestrand sein und wir fanden einen Strand voller Hunde.

Na, endlich hatten sich meine Eltern auf einer Bank nahe am Wasser eingerichtet, machten mich von der Leine ab und ich konnte mich umsehen. Am Strand lagen Nackte, Hunde und Angezogene durcheinander, oft zusammen auf einer Decke. Neben uns schliefen zwei nackte Männer mit einem Rottweiler. Ich ging mal hin und schnupperte (bei dem Hund natürlich), aber wurde kaum beachtet. Dann versuchte ich es mit dem Wasser, das war interessanter. Ich war noch nie im Wasser gewesen und war erst erschrocken, als ich die Wellen an meinem Bauch spürte. Aber dann merkte ich, wie angenehm das bei der Hitze sein konnte und tappe weiter, versuchte aber, nicht den Boden unter den Pfoten zu verlieren. Nun warf mein Vater meinen Lieblingsball ins Wasser, hatte ihn aber vorsichtshalber an die Leine angebunden.

Unter Dackelfreunden geht nämlich die Story um, das einmal Menschen alles Spielzeug ins Wasser geworfen hatten, um uns zur Wasserfreude zu erziehen. Die Hunde betrachteten interessiert das Tun der Menschen, aber keiner dachte daran, das Spielzeug wieder aus dem Wasser zu holen. Schließlich musste sich einer der Menschen ausziehen, ins Wasser gehen und das Spielzeug einsammeln. Da sieht man wieder, wie es um die angebliche Schlauheit der Menschen bestellt ist.

Doch zurück zum Hundestrand. Nun hatte mein Vater aber nicht bedacht, dass der Ball (muss wegen meiner Beißfreudigkeit aus Vollgummi sein) untergeht. Potz Blitz und Wackeldackel! Sollte ich vielleicht unter Wasser das Maul aufmachen. Ich versuchte unterzutauchen und den Ball mit der Pfote an die Oberfläche zu treiben. Dass man beim Untertauchen die Augen schließen muss, hatte ich schnell begriffen. Schließlich sah mein Vater die Unmöglichkeit meiner Versuche ein und zog den Ball an Land. Das nächste Mal muss er mir eben ein schwimmfähiges Spielzeug mitnehmen. Man hat schon seine Probleme mit den Menschen. Mein Frauchen war die ganze Zeit aufgeregt und befürchtete, dass ich untergehen könnte. So ungeschickt bin ich nun auch wieder nicht.

Schließlich entdeckten meine Eltern noch auf einem Plan, dass wir am falschen Strand waren. Wir gingen zum offiziellen Hundestrand, aber da waren keine Hunde und ich kam mir ganz komisch vor. Nun haben meine Eltern ein Problem: Gehen wir das nächste Mal zum offiziellen oder zum praktischen Hundestrand? Ein Glück, dass ich kein Mensch bin und nicht solche Sorgen habe.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001 überarb. Febr. 2009

 

8. Hinterlassenschaften

 

Nach all den Aufregungen hoffe ich, mit Herrchen einmal in Ruhe eine Runde drehen zu können. Obwohl, so begeistert bin ich eigentlich nicht, es ist nicht das ideale Spazierwetter. Schließlich besteht die Gefahr, dass ein paar Regentropfen auf mein Fell fallen könnten. Dazu pfeift ein kalter Wind. Aber wir Dackel sind ja gewohnt, einer Notlage mutig ins Auge zu sehen. Also los!

Wir trotten und trotten und trotten. Ich habe Zeit, aber mein Herrchen offenbar nicht. Schließlich ermahnt er mich, dass wir nicht zum Spaß bei diesem Wetter auf die Straße gegangen seien. Ich solle nun endlich an mein Geschäft denken. „Wuzzi! Wuzzi!“ Gemach, gemach. Schließlich muss ich erst in Stimmung kommen und einen Platz finden, der mir zusagt. Für die Stimmung dienen am besten ein paar Hinterlassenschaften von Artgenossen. Aber leider halten sich viele Hundebesitzer an die Stadtordnung und räumen alles in Tütchen weg. Na, endlich was gefunden! Riecht gut! Oh, da komm ich gleich in die richtige Gefühlslage. Ich hocke mich hin und mache einen runden Rücken. Potz Blitz und Wackeldackel! Guckt da nicht mein Erzfeind, der Kater Blacky, um die Ecke? Nicht einmal in Ruhe sch… kann man.

Na, dem werde ich es zeigen! So, jetzt mit den Hinterpfoten kräftig scharren, damit alles breit verteilt wird und viele etwas davon haben. Jeder soll wissen, dass ich hier gewesen bin. Mit stolz erhobenem Schwanz trotte ich weiter und blicke mich noch einmal um. Und was sehe ich da? Blacky steht mitten auf der Wiese. Er legt die Ohren zurück. Sein Mund ist verkniffen und seine Schnurrbarthaare klappen nach hinten als würde ihm ein Sturm um die Ohren blasen. Die Schwanzspitze zuckt und seine Bewegungen sind sehr majestätisch.

Ich spüre richtig, wie es in seinem Kopf rattert und denkt: Meint dieser blöde Köter, er kann mir mit seinem Gestank mein Katzenrevier vermiesen. Schnell frische Erde darüber. Und da und dort! Man ist das eine Arbeit. Musste er seine Hinterlassenschaften über das ganze Gelände verteilen. Dort liegt noch ein Stück. Endlich geschafft! Mein Revier ist wieder in Ordnung. Nun noch schnell  ein paar kätzische Duftmarken setzen.

 

Doch der Triumph des Katers wird nicht lange währen. Schließlich komme ich morgen wieder vorbei.

 

© by Eberhard Kamprad, Mai 2009

 

9. Ich und die GROSSEN

 

Hallo Dackelfreunde! Diesmal wird es eine überwiegend philosophische Geschichte werden. Ich und die Großen: 6 kg gegen 60 kg - ein heikles Thema, wobei die Sympathie der Menschen meistens auf der Seite von uns Kleinen ist, obwohl wir auch ganz schöne Giftzwerge sein können; besonders wenn wir uns durch Fehlverhalten unserer Menschen stärker fühlen, als wir sind.

 

Durch die „Kampfhunde“-Diskussion der letzten Zeit hat sich unter den Menschen Verunsicherung uns Hunden gegenüber ausgebreitet. Wir Kleinen bekommen wenigstens noch einen Mitleidsbonus, aber die großen Kollegen haben viel unter dieser Situation zu leiden. Während selbst das ernsthafte Drohen von uns Kleinen nicht ernst genommen und noch als niedlich empfunden wird, darf ein Großer nicht einmal gähnen; schon fühlen sich die Menschen von den „mächtigen Kiefern des Ungeheuers“ eingeschüchtert. Dabei sind die Großen oftmals anschmiegsamer und leichter lenkbar, als wir eigensinnigen Dackel. Nun ja, der Mensch hat uns nun einmal als Einzelkämpfer gezüchtet, der auf eigene Pfote gestellt, im Fuchs- oder Dachsbau klarkommen muss. Nur hat das natürlich Folgen für unser Leben als Familienhund. Doch jetzt bin ich über meinen eigenen Problemen vom Thema abgekommen.

Leider ist die Front der Hundefreunde gegenüber den Hundehassern zerbröckelt. Die Besitzer der Kleinen sind gegen die Großen, weil es vermeintlich umgekehrt der Fall ist. Häufig nehmen die Menschen uns dann noch auf den Arm, um uns vor den „Bestien“ zu beschützen. Dabei brauchen wir doch so dringend den Kontakt mit- und untereinander. Ich hatte begonnen, Große, die friedlich vorübergingen anzubellen. Das habe ich so gelernt, wenn wir mit der Dackelgruppe spazieren gingen. Dort machen es alle so. Doch meinen Menschen gefiel das gar nicht. Sie wollten, dass ich gut sozialisiert sei; so nennen das die Menschen. Deshalb gingen sie mit mir auf die Hundewiese bei uns im Park. Auf den ersten Blick sind da nur Große zu sehe, denn alles, was kleiner ist als ein Cocker Spaniel, bleibt im Gras versteckt. (Mich zum Beispiel sieht man nicht, wenn ich da hocke.) Die meisten Menschen mit Kleinen machen ängstlich einen Bogen um die Hundewiese. Dabei gibt es dazu gar keinen Grund. Alle die ich bis jetzt kennenlernte, waren lieb und nett und folgten ihrem Menschen meistens besser als ich.

Natürlich war es mir am Anfang etwas mulmig, wenn so ein Riese auf mich zukam, um mich zu beschnuppern. Etwa so, wie wenn man als Mensch einem Elefanten gegenüber steht. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und möchte die Besuche auf der Hundewiese nicht mehr missen. Nur einmal geriet ich in Panik als sieben Große auf einmal auf mich zustürzten. Aber da waren die Menschen der Großen schnell da, riefen ihre „Bestien“ zur Ordnung und überprüften besorgt, ob mir nichts passiert sei.

Ich richte mich immer nach dem Rudelführer, meinem Herrchen Er streckt fremden Großen die offene Hand hin und lässt sie zur Begrüßung schnuppern. Aus der Reaktion sehen wir dann, ob der Hund Kontakt will oder sich abwendet.

Viele Riesen sind sehr liebebedürftig und wollen immer, dass mein Herrchen mit ihnen schmust und sie abklopft. Da kann ich dann auch eifersüchtig werden, aber als einfaches Rudelmitglied ist mir klar, dass ich mich nach dem „Leitwolf“ zu richten habe. Zu Anfang hatte ich einige Male versucht, eine andere Meinung als der Chef zu haben, aber da wurde ich mit Schnauzengriff und Rückenwurf schnell in meine Schranken gewiesen. So habe ich gelernt auf der Straße ruhig und gelassen, an jedem großen Kollegen vorbeizugehen, ohne ihn zu provozieren und anzukläffen.

 

Mittlerweile bin ich eine bekannte Persönlichkeit. Wenn ich auf der Hundewiese auftauche, kommen zuerst meine Bekannten, um mich zu begrüßen. Sind sie sehr groß, trollen sie sich bald wieder und spielen untereinander, weil sie erkennen, dass mit mir - außer der Begrüßung - nichts anzufangen ist. Wenn die großen Kerle miteinander spielen sieht und hört sich das gefährlich an. Aber ich weiß ja, dass es nur Spaß ist.

Dann habe ich meine speziellen Freunde von der mittleren Kategorie, so bis 15 kg. Mit denen kann ich richtige Kampf- und Rennspiele veranstalten, wobei ich trotz meiner kurzen Pfoten nicht die Schlechteste bin. Auch habe ich eine eigene Kampftechnik entwickelt, bei der ich mich blitzschnell zur Seite rolle oder einen Purzelbaum schlage, so dass der Gegner ins Leere tappt. Bei Menschen, die das zum ersten Mal sehen, ruft das immer große Verwunderung hervor. Ich bin dadurch sehr sportlich geworden. Mein Herrchen meint, dass das Training für meinen empfindlichen Rücken besser ist, als wenn ich überbehütet werde, weil ich dadurch kräftige Muskeln bekomme. Etwas ängstlich ist manchmal mein Frauchen, wenn ich im „Würgegriff einer Bestie“ liege.

Wird es mir zu viel, springe ich auf die Steineinfassung, auf der die Menschen sitzen, ruhe mich aus und betrachte mir das Ganze aus der Perspektive eines Großen. Das ist auch ganz interessant. Der Eine oder Andere kommt heran und sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines!“, was ich dann bequem tun kann und frechen Rüden kann ich eins auf die Nase geben. Wenn ich mich ausgeruht habe, geht es weiter.

 

Ich bedauere die Artgenossen, denen ihre Menschen aus Überängstlichkeit diese Lebensfreude verwehren. Wir sind nun einmal Lauftiere und wollen rennen und jagen; unsere Kräfte messen und buddeln. Vielleicht kommt der eine oder andere Mensch durch meine Erzählung, dazu, seinen Kleinen diese Freude zu gönnen. Schließlich sind wir alle, ob groß oder klein, Wölfe.

Ein Jahr später: Inzwischen habe ich eine große Abneigung gegen die Hundewiese gefasst, obwohl mir niemand etwas getan hat. Ich mag die Großen einfach nicht mehr. Sie sind mir doch etwas unheimlich. Ständig dieses von oben herab beschnuppern oder gar die schwere Tatze auf meinem empfindlichen Rücken. Es reicht mir. Wenn mein Herrchen den Weg Richtung Hundewiese einschlägt, laufe ich einfach nicht weiter und setze mich hin. Da nehme ich auch in Kauf, dass mein Herrchen mit mir schimpft. Um Gehorsam zu zeigen, schleppe ich mich ein paar Schritte weiter und setze mich wieder. Doch inzwischen hat ihn mein trauriges Aussehen erweicht. Er zwingt mich nicht mehr auf die Hundewiese. Nun kann ich mich wieder freuen, wenn es in den Park geht. Mein Mensch hat daraus gelernt, dass ein Hund eben keine programmierte Maschine ist und nicht immer logisch erklärt werden kann. Vielleicht ist in einem Jahr alles wieder ganz anders? Wer weiß?

 

© by Eberhard Kamprad, 2001 überarb. Juli 2009

 

 

10. Dackelwanderung

 

Hallo Freunde, heute will ich euch meine Erlebnisse auf der Dackelwanderung zu einem See erzählen, die der Verein für uns (oder für die Menschen?) organisierte. Aufregend war schon die Suche nach dem in der Einladung angegebenen Treffpunkt, weil sich inzwischen sowohl die Linienführung der Straßenbahn als auch der Straßennamen geändert hatten. Aber meine Eltern kannten zum Glück die Gegend, weil sie vor meiner Zeit oft dort gewandert waren. Andere Artgenossen hatten mit ihren Menschen nicht solches Glück. Zwei kamen auf der anderen Seite des Sees an und ihre Menschen hatten nicht bedacht, dass zwischen einem Dorfteich, wo man schnell auf die andere Seite gehen kann, und einem See aus einem ehemaligen Tagebau mit 14 Kilometern Umfang ein Unterschied ist. Menschen und Hunde stießen erschöpft erst am Ende der Wanderung zu uns. Sie mussten dann von einem Dackelfreund mit dem Auto zu ihrem Fahrzeug, das auf einem Parkplatz auf der anderen Seite des Sees stand, zurückgefahren werden.

Doch zurück zum Anfang. Lautes Gebell kündigte an, dass offensichtlich hinter der nächsten Wegbiegung der Treffpunkt lag und so war es dann auch. Rund 30 Menschen und etwa 20 Dackel waren gekommen. Während bei den Hunden die Geschlechter in etwa gleich verteilt waren, war bei den Menschen der weibliche Teil eindeutig in der Überzahl. Wir sind nun einmal etwas für zarte Frauenhände; wenn man von der geringen Zahl der jagdlich geführten Teckel einmal absieht.

Vor Beginn stärkten sich die Menschen mit einem Schluck „Jägermeister“. Wir Hunde haben solcherart Aufmunterung zum Glück nicht nötig und waren froh, als es endlich losging. Der Weg führte zuerst durch einen alten Gutspark. Da gab es viel Interessantes zu schnuppern, was man von dem weiteren Weg durch das ehemalige Braunkohlengelände nicht sagen konnte. Frisch geschotterte Wege sind ein Graus für unsere Pfoten. (Wieder zuhause musste mich mein Frauchen gleich mit Pfotenbalsam behandeln.) Endlich waren wir am See. Einige von uns stellten gleich ihre Wasserfreude unter Beweis, als ob Begleithundeprüfung wäre; schwammen und holten begeistert Stöckchen aus dem Wasser, als ob Begleithundeprüfung wäre. Ich kann dem Schwimmen kein besonderes Vergnügen abgewinnen. Höchstens wate ich einmal bis zum Bauch im flachen Wasser, um mich bei Hitze abzukühlen.

Hauptziel der Wanderung war ein hölzerner Aussichtsturm. Das war nun wieder etwas nur für die Menschen. An uns Hunde hatte niemand gedacht. Was sollen Hunde im allgemeinen und Dackel mit ihren kurzen Pfoten im besonderen mit einem Aussichtsturm anfangen. Man wäre ja viel zu weit von der Erde weg, um etwas Vernünftiges zu riechen und als wir Hunde als Ersatz auf dem Plateau, worauf der Aussichtsturm stand, herumtollen wollten, musste es gleich wieder weitergehen, weil das Essen wartete; für die Menschen natürlich.

Im engen Hof der Gastwirtschaft fanden mit Mühe alle Menschen Platz; aber es gab  keinen Platz, an dem wir Dackel es uns gemütlich machen konnten. Die meisten von uns mussten unter dem Tisch sitzen und aufpassen, dass sie nicht getreten wurden. Und das sollte nun ein Dackeltreffen sein. Potz Blitz und Wackeldackel! Na, zum Glück bin ich etwas Besonderes und gewohnt, auf dem Schoß meines Vaters am Tisch zu sitzen. Während des langen Wartens auf das Essen vertrieben sich die Menschen die Zeit mit sogenannten Dackelgesprächen; also über uns ’rumklatschen, als ob sie wüssten, wie es in uns aussieht. Weil mir das Ganze zu langweilig war und ich sehr unruhig wurde, hatten meine Menschen aber dazu keine Gelegenheit, da sie sich pausenlos mit mir beschäftigen mussten. Da haben sie wenigstens etwas Sinnvolles getan. Als endlich das Essen kam, verlangte ich gewohnterweise meine Kostehäppchen und erregte Erstaunen oder Entsetzen, weil ich die mir von meinem Vater gebotenen Happen manierlich von der Gabel essen konnte.

Alles in allem war es, zumindest für die Menschen, ein gelungener Tag. Uns Hunde hat niemand um unsere Meinung gefragt. Ich war froh, als ich wieder zu Hause war und meine gewohnte Ordnung hatte.

 

Damit endet jetzt der erste Teil meiner Berichte. Mein Hundeleben ist eingerichtet. Ich habe mich an meine Menschen und sie sich an mich gewöhnt und so geht es hoffentlich eine lange Zeit weiter.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, überarb. Juli 2009

 

Dollys Dackelgeschichten 1 – 5 erschienen als Mini-Testudo Band 4 und 6 – 10 als Band 5 im Testudo-Verlag Ute Winkler: http://www.testudoverlag.de

 

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