Erlebnisse eines
Einkaufswagens
Kurzgeschichte
Eberhard Kamprad
Bruch
- plautz! Das war ein Stoß. Mir zittern alle Stangen. Was für ein grober Kerl!
Der junge Mann, der mich soeben in die Reihe zu meinen Kollegen geknallt hat,
kettet mich ungeduldig an und zerrt seine Mark aus meinem Schlitz. Ich überlege
schon, als Strafe die Mark zu behalten, unterlasse es dann aber aus Angst vor
noch gröberer Behandlung. Wir Einkaufswagen haben kein leichtes Leben. Tagaus,
tagein werden wir durch die Regalreihen gezerrt, gestoßen, gerammelt,
getrieben, geschleift. Kein Wunder, dass manches Mal unsere Räder den Dienst
verweigern und selbst die Richtung bestimmen wollen. Das macht die Menschen
aber noch ungeduldiger. Kaum einer hat Zeit und Muße, behutsam mit uns
umzugehen. So rolle ich nun tagein, tagaus durch den Supermarkt und mache mir
so meine Gedanken.
Da ist die alte Frau, die es verschmäht, mich als Stütze, als Geh-Roller, zu
benutzen und mich aufrecht vor sich her schiebt, obwohl es ihr sichtlich schwer
fällt. Von ihr habe ich keine grobe Behandlung zu erwarten. Behutsam umfährt
sie mit mir alle Klippen; sogar die Pyramide aus aufgetürmten Konservendosen,
die unvermutet in einer Biegung auftaucht, meistert sie. Vorgestern hatte ein
Student dort eine Katastrophe verursacht, indem er mich schlenkernd hinter sich
herzog. Da blieb es nicht aus, dass mein linkes Hinterrad unten einige Büchsen
herausriss. Es war, wie in der „Olsenbande“, als Benny bei der Ausführung eines
PLANS Egon auf dessen Wunsch hin eine Büchse reichte, die er unten aus der
Pyramide genommen hatte. Das ganze KUNSTWERK stürzte scheppernd ein und rief in
Bennys Fall die Polizei und im Fall des Studenten die entsetzten Mitarbeiter
des Marktes auf den Plan. Während Benny die Suppe, die er sich EINGESTÜRZT
hatte, auslöffeln musste, kümmerte sich der Student nicht um das von ihm
angerichtete Malheur und zerrte mich weiter bzw. wollte mich weiterzerren. Das
ging aber nicht, weil sich eine Büchse unter meinem Bodengitter verklemmt
hatte. Wütend klaubte der Student seine Einkäufe aus meinem Bauch und ließ mich
stehen. Von meinem Platz aus konnte ich sehen, wie er an der Kasse nach dem
Nennen des Gesamtpreises erst einmal seinen Rucksack abnahm und umständlich die
Geldbörse suchte, wobei ihn die Kassiererin und die nach ihm Wartenden je nach
Temperament zornig, resigniert oder gleichgültig beobachteten. Der freundliche
Auffüller vom Tierregal machte mich wieder flott und brachte mich zu meinen
Kameraden. Er schaffte es sogar noch, den Studenten abzupassen und ihm seine
Mark wiederzugeben. Doch der bedankte sich nicht einmal.
Die Beobachtung an der Kasse richtet meine Gedanken auf diejenigen, die meinen,
auf meine Dienste verzichten zu können. Das mag ja noch hingehen, wenn es sich
um eine Palette Bier handelt, wenn aber jemand bis unters Kinn mit Kleinkram
bepackt ist und den dann gemütlich in seinen Rucksack verstaut, während die
anderen nicht nachrücken können und artistische Verrenkungen machen müssen, um
an ihre Waren zu kommen, ist dies schon eine Zumutung. Dabei sind die
Betreffenden häufig oft selbst ganz ungeduldig und können nicht einmal das
Bellen des vor dem Markt angebunden Hundes ertragen, der nach seinem Frauchen
ruft.
Nun werde ich doch noch als Geh-Hilfe, als Geh-Roller benutzt. Ein kräftiger
Mann in mittleren Jahren hängt sich über meine Stange und erweckt den Eindruck,
als ob ICH ihn durch den Markt schleife. Zum Glück geht der Weg nur bis zum
Schnapsregal. Gut gefüllt schleppen wir uns dann zur Kasse. Potz Blitz und
Wagengerassel! Bin ich froh, dass ich den so schnell wieder los wurde. Ich kam
mir selber ganz schlapp vor.
Während ich auf meinen nächsten Wagenlenker warte, denke ich über die
verschiedenen Hinterteile der Menschen nach, mit denen mein Vorderteil
absichtlich oder unabsichtlich Bekanntschaft macht. Da ist der pubertierende
Jüngling, der mit einem vorsichtigen, wie unabsichtlichen Stoß, die Elastizität
des wohlgeformten Hintern der jungen Frau vor ihm testet; da ist der
Ungeduldige, der dem langsamen, alten Mann vor ihm, hinten ’rein fährt und ich
nur harte Knochen spüre; da stehe ich eingekeilt zwischen zwei dicken
Klatschbasen und versinke fast im Fett und da habe ich den jungen Mann,
der den rückwärtigen Anstoß als Anlass für ein Gespräch, nutzte. Ich blinzelte
meinen Kollegen zu und tatsächlich: Beim nächsten Einkauf brauchten die Zwei
nur noch einen Einkaufswagen - nämlich mich.
Richtige Charakterstudien kann ich im Zusammenhang mit dem Pfand für meine
Benutzung machen. Nun hat das sowieso eine mehr symbolische Bedeutung im
Verhältnis zu dem Wert, den ich repräsentiere, aber trotzdem lässt kaum jemand
seine Mark oder sein rundes Plastteil, hochtrabend Chip genannt, im Stich. Der
Sinn des Chips ist sowieso nicht einzusehen, außer, dass man ihn nicht aus
Versehen ausgeben kann. Die Rückgabe der Wagen bei Knappheit hat sich aber
kompliziert, denn der Nächste in der Warteschlange muss dann den Führer des
leeren Wagens bei der Übergabe immer erst fragen: „Chip oder Mark?“ - und bei
Bejahung des Ersteren gemeinsam zum Standplatz gehen, damit der Andere seinen
Chip wiederbekommt. Ach, machen die Menschen das Leben kompliziert! Dann gibt
es diejenigen, die vorsorglich in allen Jackentaschen eine Mark stecken haben
und die anderen, die Groschen und Pfennige zusammensuchen und bei einem
Zurückbringer eintauschen wollen. Doch da haben sie meistens kein Glück, denn
sie bringen den Ordentlichen ihr System durcheinander, da diese dann keine
Wagenmark für den nächsten Einkauf haben. Nun habe ich aber genug philosophiert
und der Dienst muss weitergehen.
Eine nervöse Frau mittleren Alters kommt und sucht die Mulde zum Einlegen der
Marke, die man dann einschiebt. Das ist aber das andere System. Na, endlich hat
sie begriffen, dass ich das System mit Schlitz habe und kettet mich los. Doch
schon naht das nächste Malheur. Nach ein paar Artikeln wirft sie in der Hektik
den Nächsten in meinen Kollegen, der neben mir steht, und zieht mit dem los.
Ich ahne schon, was kommt. Der ursprüngliche Besitzer des Kollegen ist mit
meinem Inhalt nicht zufrieden, nachdem er ihn misstrauisch beäugt hat und fährt
mich zur Rezeption. Nun werden wir ausgerufen: „Ein Einkaufswagen wurde
vertauscht. Bitte bei der Rezeption melden.“ Nach einer Weile hatte ich meine
nervöse Frau wieder. Diesmal war es ja nicht weiter schlimm; problematisch wird
es aber, wenn Taschen mit Geld und Papieren an der vertauschten Wagen hängen.
Nachdem ein freundlicher Herr meiner Nervösen geholfen hat, mich anzuketten,
hatte ich wieder eine Verschnaufpause. Der Kollege neben mir ist ganz
verrostet. Erst seit kurzem ist er wieder in unserer Gemeinschaft. Vorher hatte
er in einem Park wochenlang im Freien gestanden, bevor ihn Gärtner fanden und
zurückbrachten. Sein Münzenschlitz war ganz zerbeult, denn man hatte die Mark
mit Gewalt aus seinen Zähnen gerissen.
Nanu, was geht denn jetzt los. Ein Karton wird in meinen Bauch gestellt, der
offensichtlich die Einkäufe aufnehmen soll. Vorläufig sitzt ein junger Hund
darin. Er ist so still, dass ihn viele für ein Stofftier halten. Auch gut, da
gibt es wenigstens keinen Ärger. Für heute reichen mir die Aufregungen. Es ist ja
auch bald Feierabend. Das war ein anstrengender Tag. Unter unserem Schutzdach
klappern wir Einkaufswagen noch ein wenig miteinander und tauschen unsere
Erlebnisse aus. Das war‘s dann. Gute Nacht!
© 2001 by Eberhard Kamprad
Veröffentlicht in Auszügen
in: Federwelt, Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, Nr. 46, Juni/Juli 2004,
S. 43, ISSN 1439-8362