„Ich
such, die Gewissheit wiederzugewinnen, dass die Welt mich braucht.“
Strittmatter, Wundertäter, 2“
Mein
subjektives Leben
Erinnerungen
1945 –
Eberhard
Kamprad
0
Die „Erinnerungen“ sind eine lose
Folge, die sich zwar am Lebenslauf entlang hangelt; aber nicht streng
chronologisch aufgebaut ist; im Unterschied zu einem Tagebuch. Wie das mit
Erinnerungen so ist: Einmal blitzt etwas auf; dann wieder schiebt sich etwas
dazwischen. Wichtig ist mir, den Lesern ein buntes Kaleidoskop meines Lebens
und der Zeit zu vermitteln, in der ich lebte. Im Unterschied zur Autobiografie
sind Erinnerungen keine objektive Wahrheit, falls es die überhaupt gibt. Im
Laufe der Arbeit stellte sich auch heraus, dass Erinnerungen einfach falsch
sein können. In diesen Fällen habe ich auf diesen Fakt hingewiesen.
1
Ich wurde am 7. August 1945 in Leipzig
geboren. Seit dem 8. Mai dieses Jahres war der 2. Weltkrieg zu Ende. Aufgrund
der aktuellen politischen Situation zu meiner Geburt weist meine Geburtsurkunde
eine Besonderheit auf. Vom Siegel ist nur noch die Umschrift vorhanden. In der
Mitte befand sich wahrscheinlich das Symbol des untergegangenen Staates, das
Hakenkreuz. Neue Symbole gab es noch nicht, aber das Leben fragte nicht danach
und die behördliche Arbeit musste – wenn auch provisorisch – weitergehen.
2
Mein Erscheinen in dieser Welt war
eine „schwere Geburt“, da meine Mutter mit 32 Jahren – im Sprachgebrauch meiner
Jugend – eine alte Erstgebärende war. (Heutzutage ist es schon wieder normal,
dass Frauen erst ihre Kinder bekommen, wenn die materiellen Verhältnisse
gesichert sind und das ist üblicherweise nicht mit 18 der Fall.)
Warum ich überhaupt entstanden bin,
ist mir ein Rätsel - aus Liebe war es auf keinen Fall. Meine Mutter sagte mir
später nur, sie wollte unbedingt ein Kind. Dazu nahm sie sogar ärztliche Hilfe
in Anspruch. Von ihrer Erziehung her kam ein Kind für sie und ihre Eltern nur
im Rahmen einer Ehe in Frage. (Über das Kennenlernen meines Vaters und die
Hochzeit hat sie mir nie etwas erzählt.) Vielleicht wollte sie mit der
Schwangerschaft auch der Kasernierung als dienstverpflichtete
Luftschutzpolizei-Helferin entfliehen, so wie später die jungen Frauen meiner
Generation die staatliche Einsatzlenkung nach Abschluss des Studiums einfach
durch Schwangerschaft umgehen konnten. Egal aus welchem Grund: Ich habe das
Gefühl, dass mein Vater nur das Mittel war, um den Kinderwunsch meiner Mutter
zu erfüllen, denn mit den beiden ging es nicht gut. Sie hatten zwar eine
gemeinsame Wohnung aber praktisch lebte jeder bei seinen Eltern.
3
So wurde ich auch im Schlafzimmer
meiner Großeltern mütterlicherseits geboren, was symbolisch für den ersten Teil
meines Lebens wurde: Lange Zeit war mein Großvater der bestimmende Faktor in
meinem Leben. Nach der Schilderung meiner Mutter rief die Hebamme: „Drücken
Sie, Drücken Sie, das Kind hat die Nabelschnur um’ n Hals!“ Meine Mutter tat
wie ihr geheißen, deswegen musste sie dann auch genäht werden. Das wiederum
führte zu einem Streit zwischen der Hebamme und dem herbeigerufenen Arzt, wer
an dem Dammriss schuld sei. Die Hebamme argumentierte, dass sie keinen
Dammschutz mehr geben konnte, weil sie das Kind herausziehen musste, dass zu
ersticken drohte. Außerdem soll ich den Bemühungen der Hebamme mich mit den
bekannten Gewaltmaßnahmen wie Schlägen und kaltes Wasser zum Atmen zu bringen,
zwei Minuten lang Widerstand geleistet haben. Die Zeitangabe halte ich für
übertrieben, aber sagen wir: Es dauerte länger als üblich, bis ich atmete und
einen kleinen gesundheitlichen Knacks habe ich dadurch mitbekommen. Ich bin
also unter Streit, Atemnot und Schlägen in diese Welt eingetreten und das war
bestimmt kein angenehmes Gefühl. Meine Geburt führte zu einem weiteren Streit
zwischen meinen Eltern.
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Mein Vater sollte bei der Geburt dabei
sein und den organisatorischen Teilübernehmen; wie z. B. die Hebamme holen. Ich
muss daran erinnern, dass Telefonieren damals nicht selbstverständlich war. Man
musste zu den Betreffenden hingehen. Doch kam mein Vater erst als alles vorbei
war, weil er sich erst noch eine Verbrecherjagd über die Dächer angesehen hatte
und bis zum Absturz des Gejagten gewartet hatte. So schimpfte meine Mutter,
solange sie lebte.
5
Ich war für die damalige Zeit
überdurchschnittlich groß, aber nur Haut und Knochen. Monatelang soll ich vor Hunger
gebrüllt haben. Meine Mutter hatte kaum Milch, wütend stieß ich die nutzlose
Brust weg. Schließlich wurde auf Anraten des Kinderarztes eine dicke Stampfe
aus aufgelöstem Zwieback hergestellt und mir durch einen Nuppel mit extra
großem Loch eingeflößt. Nach einem halben Jahr war ich raus gefüttert und hörte
mit Schreien auf. Nun verbrauchte ich aber meine Lebensmittelmarken und die
meiner Mutter.
6
Wegen meines übermäßigen Schreiens
musste ich bei den Großeltern in der Küche schlafen. Ein Kinderbett gab es
nicht. Ich hatte nur einen Kinderwagen. Mein Großvater hatte ihn gegen einen
Sack Äpfel aus dem Garten von Bekannten geborgt. Eines Nachts kippte ich ihn
wütend um. Ein Wunder, dass ich darunter nicht erstickt bin. Heute bezweifele
ich die Darstellung meiner Mutter, dass ich allein vor Hunger schrie. Wenn ich
mir meine kühle, vernünftige, berechnende Mutter mit einem schreienden Säugling
vorstelle, denke ich mir, dass mir nicht nur leibliche sondern vor allem
seelische Nahrung, nämlich Liebe und Zuwendung gefehlt hat. So war sie bis ins
hohe Alter stolz darauf, dass sie mir nie einen Kosenamen gegeben hatte,
sondern mich immer vernünftig und korrekt mit meinem Namen angesprochen hatte.
Das Ganze kommt mir wie eine Inszenierung vor. Meine Mutter spielte die
Mutterrolle und erfüllte formal alle Pflichten, war aber nicht mit dem Herzen
dabei. Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass sie eine Rabenmutter
gewesen sei. Materiell verzichtete sie auf vieles zu meinen Gunsten, sie sah
mich stets als etwas Besonderes an und vermittelte mir dies auch. Doch im
Rückblick hat mir diese Haltung, die ich übernommen hatte, in der Kindheit und
Jugend das Leben Gleichaltrigen sehr schwer gemacht. Die Liebe meiner Mutter
war keine bedingungslose, sondern eine egoistische Liebe. Sie erwartete stets,
dass ich das sei, was sie sich von mir vorstellte. So spielte ich Zeit ihres
Lebens diese Rolle. Ich denke, das, was sie selbst nicht erreicht hatte, wollte
sie durch mich und in mir verwirklichen. Auf einen Nenner gebracht kann man
sagen: Ich war ihr einziger Lebensinhalt - und das hat Teile meines eigenen
Lebens stark verbogen. In einem langen, inneren Kampf erkannte ich das alles
erst in der Mitte des Lebens und habe mich langsam davon befreit; kam sozusagen
auf der Erde an.
7
Nach zwei oder drei Jahren wurde die
Ehe meiner Eltern geschieden und mein Vater als der schuldige Teil erklärt, da
er bereits eine neue schwangere Partnerin hatte. Damit verschwand er für immer
aus meinem Leben und meine Mutter konnte sich wieder voll auf ihre Eltern
einstellen, die dadurch auch für mich zu einem prägenden Teil meines Lebens
wurden. Wenn ich heute diesen Kuddelmuddel betrachte, so meine sich, dass mein
Vater wahrscheinlich der Normalste von allen war und deswegen nicht hineinpasste.
Ich bedauere es heute, ihn nie kennengelernt zu haben, um mir ein eigenes
Urteil zu bilden. Meine Mutter wusste das zu verhindern, indem sie es mir nie
verbot, aber mich gleichzeitig so beeinflusste, dass ich nie Lust auf ein
Kennenlernen hatte. Der einzige Kontakt war der Unterhalt bis zu meinem
achtzehnten Lebensjahr, der immer pünktlich kam; an mich adressiert, was in der
Kleinkinderzeit zur Verwirrung führte, da der Geldbriefträger HERRN Eberhard
Kamprad das Geld persönlich übergeben wollte.
8
Meine Großeltern wohnten in einem
klassischen dreistöckigen Mietshaus für Arbeiter vom Beginn des 20.
Jahrhunderts im ersten Stock. Das waren damals die teuersten Wohnungen, weg vom
ungemütlichen Erdgeschoss, aber nicht allzu viele Treppen zu steigen. Die zweiflügelige
Wohnungstür führte in einen kleinen Korridor. Nach rechts ging es zur Küche. An
der Wand dorthin war symbolisch eine Flurgarderobe befestigt, die aber nicht
genutzt werden konnte, weil darunter die Fahrräder der Familie standen; zum
Kummer meiner Großmutter Zeit ihres Lebens. Die Rückwand des Korridors war von
einem Vorhang verdeckt, hinter dem sich Regale mit dem Handwerkszeug des
Großvaters und ein Oberboden befanden, auf dem zurzeit oder nie mehr Benötigtes
untergebracht wurde. Betrat man die Küche, waren auf der rechten Seite
Wasserleitung mit Abflussbecken, darüber das klassische Bord mit Sand, Seife,
Soda, ein, Küchenmaschine genannter, Ofen, Gaskocher und Küchenschrank; hinten
in der Schmalseite das Fenster. Auf der linken Seite wurde die Einrichtung vom
Küchentisch dominiert mit je zwei Stühlen an den Schmalseiten und verschiedenen
Kleinmöbeln; über dem Küchentisch ein Wandregal; Klo im Treppenhaus, eine halbe
Treppe tiefer, ohne Licht und Heizung, aber mit Wasserspülung. Ein Bad gehörte
bei diesem Standard nicht mit dazu. Man wusch sich in der Küche in einer
Waschschüssel.
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Gegenüber der Korridortür ging es ins
Wohnzimmer. Links der Kachelofen, so genannte Berliner Ofen. Er wurde
angeheizt, dann zugeschraubt und gab so den ganzen Tag Wärme. Daneben wurde ein
Viertel des Zimmers von einem vom Großvater selbst gebauten, hölzernen
Lehnstuhl, einem richtigen Ungetüm, eingenommen, der auch als Bett umgebaut
werden konnte. Zwischen den Fenstern der traditionelle Pfeilerspiegel. Neben
Sofa, Vertiko, Tisch und Stühlen nahm ein weiteres Viertel des Zimmers ein
mächtiges Tafelklavier ein. Da es normalerweise – außer zu Weihnachten –
geschlossen war, hatte das Radio darauf Platz gefunden. Das Vertiko haben wir
später zerhackt, weil es unmodern war. Heute wäre es Tausende wert. Neben dem
Klavier führte eine Tür ins Schlafzimmer, das auch noch eine weitere Tür zum
Korridor hatte, die aber nicht genutzt wurde. Die Schlafzimmermöbel hatte mein
Großvater selbst gebaut, was sich durch eine solide, fast etwas derbe und auch
kühle Verarbeitung ausdrückte. Lotterbetten waren es auf keinen Fall. Für
heutige Leser ist darauf hinzuweisen, dass die Wohnung kein Kinderzimmer hatte.
Meine Mutter hatte bis zu ihrem – formellen – Auszug in die Ehewohnung mit 30
Jahren bei ihren Eltern geschlafen. Da diese aus Angst vor weiteren Kindern,
die einen sozialen Abstieg bedeutet hätten, sexuell enthaltsam lebten, hatte
dies offensichtlich keine Probleme bereitet.
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Mein Großvater war eine
ehrfurchtgebietende Persönlichkeit mit Schnauzbart und in seiner Jugend gewiss
ein schöner Mann gewesen. Ein Hüftleiden, das er sich durch Überanstrengung zugezogen
hatte, ließ ihn am Stock gehen. Dazu plagten ihn noch offene Beine, die von
meiner Großmutter jeden Tag gepflegt und gewickelt werden mussten. Hauptmerkmal
seines Charakters war Sturheit, die sich in folgender charakteristischer
Episode widerspiegelt. Mit 17 Jahren bekam er vom Vater eine Ohrfeige, weil er
beim Rauchen erwischt worden war. Zu seinem achtzehnten Geburtstag schenkte ihm
der Vater eine Kiste Zigarren, weil er nun ein Mann war. Aus Trotz wegen der
Ohrfeige nahm mein Großvater das Geschenk nicht an und hat sein ganzes Leben
nicht geraucht.
12
Das Haus, in dem meine Mutter mit mir
lebte, lag zirka 30 Minuten Fußmarsch von der Wohnung der Großeltern entfernt.
(Wenn ich mir heute vergegenwärtige, welche Entfernungen man damals selbstverständlich
zu Fuß zurücklegte; da kann ich nur staunen.) Es war ein nicht zu definierender
etwas verworrener Bau; eine Art missglückter Villa als Mietshaus. Wir bewohnten
darin zwei Zimmer. Schwierigkeiten bereitete mir die Wendeltreppe, bis ich
gelernt hatte, sie auf der breiten Seite zu benutzen. Das Haus war offenbar
nicht unterkellert, denn die Kohlen der Hausbewohnter lagerten in einem hinten
im Hof befindlichen Schuppen. Irgendwann hatte mir einmal ein Erwachsener mit
dem angeblich dort hausenden „Schwarzen Mann“ gedroht. Nun flößte mir schon die
Nähe des Schuppens gewaltige Angst ein. Ebenso erging es mir mit dem vor der
Wohnungstür befindlichen Plumpsklo. Bei jeder Benutzung plagte mich die Angst,
in das Fallrohr abzustürzen.
Bald entdeckte ich an
mir eine lebhafte Fantasie, eine Neigung zu Tagträumen. Zu dieser Zeit wohnte
ich schon bei meinem Stiefvater und hatte die Schule noch nicht gewechselt.
Deshalb war der Schulweg sehr lang. Ich verkürzte ihn mir durch Träume. Einmal
fand ich mich auf der Straße vor einem LKW liegend wieder. Um mich herum ein
Menschenauflauf. Mein Schulranzen lag einige Meter von mir entfernt. In diesem
Fall war ich unsanft in die Wirklichkeit zurück geholt worden. Passiert war mir
nichts. Meine größte Sorge war aber, dass jemand meiner Mutter davon erzählen
könnte. Zum Glück war das diesmal nicht der Fall, obwohl sie mich immer damit
schreckte, dass sie alles erfahren würde. Wahrscheinlich war es diese
angebliche Perfektion, die mich in sich zurückziehen ließ. Später kultivierte
ich die Fähigkeit der gezielten Tagträume, um einem unangenehmen Alltag zu
entfliehen. Heute, als Schriftsteller ist mir, diese Fähigkeit sehr nützlich.
Ich kann ganze Szenen an meinem geistigen Auge wie einen Film vorbeiziehen
lassen. Auch das Lesen entwickelte sich bei mir frühzeitig zu einer Art innerem
Kino; ohne dass ich noch die Buchstaben und Wörter wahrnahm.