http://www.ekamprad.info

 

„Ich such, die Gewissheit wiederzugewinnen, dass die Welt mich braucht.“ Strittmatter, Wundertäter, 2“

 

Mein subjektives Leben

Erinnerungen 1945 –

Eberhard Kamprad

 

0

Die „Erinnerungen“ sind eine lose Folge, die sich zwar am Lebenslauf entlang hangelt; aber nicht streng chronologisch aufgebaut ist; im Unterschied zu einem Tagebuch. Wie das mit Erinnerungen so ist: Einmal blitzt etwas auf; dann wieder schiebt sich etwas dazwischen. Wichtig ist mir, den Lesern ein buntes Kaleidoskop meines Lebens und der Zeit zu vermitteln, in der ich lebte. Im Unterschied zur Autobiografie sind Erinnerungen keine objektive Wahrheit, falls es die überhaupt gibt. Im Laufe der Arbeit stellte sich auch heraus, dass Erinnerungen einfach falsch sein können. In diesen Fällen habe ich auf diesen Fakt hingewiesen.

 

1

Ich wurde am 7. August 1945 in Leipzig geboren. Seit dem 8. Mai dieses Jahres war der 2. Weltkrieg zu Ende. Aufgrund der aktuellen politischen Situation zu meiner Geburt weist meine Geburtsurkunde eine Besonderheit auf. Vom Siegel ist nur noch die Umschrift vorhanden. In der Mitte befand sich wahrscheinlich das Symbol des untergegangenen Staates, das Hakenkreuz. Neue Symbole gab es noch nicht, aber das Leben fragte nicht danach und die behördliche Arbeit musste – wenn auch provisorisch – weitergehen.

 

2

Mein Erscheinen in dieser Welt war eine „schwere Geburt“, da meine Mutter mit 32 Jahren – im Sprachgebrauch meiner Jugend – eine alte Erstgebärende war. (Heutzutage ist es schon wieder normal, dass Frauen erst ihre Kinder bekommen, wenn die materiellen Verhältnisse gesichert sind und das ist üblicherweise nicht mit 18 der Fall.)

Warum ich überhaupt entstanden bin, ist mir ein Rätsel - aus Liebe war es auf keinen Fall. Meine Mutter sagte mir später nur, sie wollte unbedingt ein Kind. Dazu nahm sie sogar ärztliche Hilfe in Anspruch. Von ihrer Erziehung her kam ein Kind für sie und ihre Eltern nur im Rahmen einer Ehe in Frage. (Über das Kennenlernen meines Vaters und die Hochzeit hat sie mir nie etwas erzählt.) Vielleicht wollte sie mit der Schwangerschaft auch der Kasernierung als dienstverpflichtete Luftschutzpolizei-Helferin entfliehen, so wie später die jungen Frauen meiner Generation die staatliche Einsatzlenkung nach Abschluss des Studiums einfach durch Schwangerschaft umgehen konnten. Egal aus welchem Grund: Ich habe das Gefühl, dass mein Vater nur das Mittel war, um den Kinderwunsch meiner Mutter zu erfüllen, denn mit den beiden ging es nicht gut. Sie hatten zwar eine gemeinsame Wohnung aber praktisch lebte jeder bei seinen Eltern.

 

3

So wurde ich auch im Schlafzimmer meiner Großeltern mütterlicherseits geboren, was symbolisch für den ersten Teil meines Lebens wurde: Lange Zeit war mein Großvater der bestimmende Faktor in meinem Leben. Nach der Schilderung meiner Mutter rief die Hebamme: „Drücken Sie, Drücken Sie, das Kind hat die Nabelschnur um’ n Hals!“ Meine Mutter tat wie ihr geheißen, deswegen musste sie dann auch genäht werden. Das wiederum führte zu einem Streit zwischen der Hebamme und dem herbeigerufenen Arzt, wer an dem Dammriss schuld sei. Die Hebamme argumentierte, dass sie keinen Dammschutz mehr geben konnte, weil sie das Kind herausziehen musste, dass zu ersticken drohte. Außerdem soll ich den Bemühungen der Hebamme mich mit den bekannten Gewaltmaßnahmen wie Schlägen und kaltes Wasser zum Atmen zu bringen, zwei Minuten lang Widerstand geleistet haben. Die Zeitangabe halte ich für übertrieben, aber sagen wir: Es dauerte länger als üblich, bis ich atmete und einen kleinen gesundheitlichen Knacks habe ich dadurch mitbekommen. Ich bin also unter Streit, Atemnot und Schlägen in diese Welt eingetreten und das war bestimmt kein angenehmes Gefühl. Meine Geburt führte zu einem weiteren Streit zwischen meinen Eltern.

 

4

Mein Vater sollte bei der Geburt dabei sein und den organisatorischen Teilübernehmen; wie z. B. die Hebamme holen. Ich muss daran erinnern, dass Telefonieren damals nicht selbstverständlich war. Man musste zu den Betreffenden hingehen. Doch kam mein Vater erst als alles vorbei war, weil er sich erst noch eine Verbrecherjagd über die Dächer angesehen hatte und bis zum Absturz des Gejagten gewartet hatte. So schimpfte meine Mutter, solange sie lebte.

 

5

Ich war für die damalige Zeit überdurchschnittlich groß, aber nur Haut und Knochen. Monatelang soll ich vor Hunger gebrüllt haben. Meine Mutter hatte kaum Milch, wütend stieß ich die nutzlose Brust weg. Schließlich wurde auf Anraten des Kinderarztes eine dicke Stampfe aus aufgelöstem Zwieback hergestellt und mir durch einen Nuppel mit extra großem Loch eingeflößt. Nach einem halben Jahr war ich raus gefüttert und hörte mit Schreien auf. Nun verbrauchte ich aber meine Lebensmittelmarken und die meiner Mutter.

 

6

Wegen meines übermäßigen Schreiens musste ich bei den Großeltern in der Küche schlafen. Ein Kinderbett gab es nicht. Ich hatte nur einen Kinderwagen. Mein Großvater hatte ihn gegen einen Sack Äpfel aus dem Garten von Bekannten geborgt. Eines Nachts kippte ich ihn wütend um. Ein Wunder, dass ich darunter nicht erstickt bin. Heute bezweifele ich die Darstellung meiner Mutter, dass ich allein vor Hunger schrie. Wenn ich mir meine kühle, vernünftige, berechnende Mutter mit einem schreienden Säugling vorstelle, denke ich mir, dass mir nicht nur leibliche sondern vor allem seelische Nahrung, nämlich Liebe und Zuwendung gefehlt hat. So war sie bis ins hohe Alter stolz darauf, dass sie mir nie einen Kosenamen gegeben hatte, sondern mich immer vernünftig und korrekt mit meinem Namen angesprochen hatte. Das Ganze kommt mir wie eine Inszenierung vor. Meine Mutter spielte die Mutterrolle und erfüllte formal alle Pflichten, war aber nicht mit dem Herzen dabei. Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass sie eine Rabenmutter gewesen sei. Materiell verzichtete sie auf vieles zu meinen Gunsten, sie sah mich stets als etwas Besonderes an und vermittelte mir dies auch. Doch im Rückblick hat mir diese Haltung, die ich übernommen hatte, in der Kindheit und Jugend das Leben Gleichaltrigen sehr schwer gemacht. Die Liebe meiner Mutter war keine bedingungslose, sondern eine egoistische Liebe. Sie erwartete stets, dass ich das sei, was sie sich von mir vorstellte. So spielte ich Zeit ihres Lebens diese Rolle. Ich denke, das, was sie selbst nicht erreicht hatte, wollte sie durch mich und in mir verwirklichen. Auf einen Nenner gebracht kann man sagen: Ich war ihr einziger Lebensinhalt - und das hat Teile meines eigenen Lebens stark verbogen. In einem langen, inneren Kampf erkannte ich das alles erst in der Mitte des Lebens und habe mich langsam davon befreit; kam sozusagen auf der Erde an.

 

7

Nach zwei oder drei Jahren wurde die Ehe meiner Eltern geschieden und mein Vater als der schuldige Teil erklärt, da er bereits eine neue schwangere Partnerin hatte. Damit verschwand er für immer aus meinem Leben und meine Mutter konnte sich wieder voll auf ihre Eltern einstellen, die dadurch auch für mich zu einem prägenden Teil meines Lebens wurden. Wenn ich heute diesen Kuddelmuddel betrachte, so meine sich, dass mein Vater wahrscheinlich der Normalste von allen war und deswegen nicht hineinpasste. Ich bedauere es heute, ihn nie kennengelernt zu haben, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Meine Mutter wusste das zu verhindern, indem sie es mir nie verbot, aber mich gleichzeitig so beeinflusste, dass ich nie Lust auf ein Kennenlernen hatte. Der einzige Kontakt war der Unterhalt bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr, der immer pünktlich kam; an mich adressiert, was in der Kleinkinderzeit zur Verwirrung führte, da der Geldbriefträger HERRN Eberhard Kamprad das Geld persönlich übergeben wollte.

 

8

Meine Großeltern wohnten in einem klassischen dreistöckigen Mietshaus für Arbeiter vom Beginn des 20. Jahrhunderts im ersten Stock. Das waren damals die teuersten Wohnungen, weg vom ungemütlichen Erdgeschoss, aber nicht allzu viele Treppen zu steigen. Die zweiflügelige Wohnungstür führte in einen kleinen Korridor. Nach rechts ging es zur Küche. An der Wand dorthin war symbolisch eine Flurgarderobe befestigt, die aber nicht genutzt werden konnte, weil darunter die Fahrräder der Familie standen; zum Kummer meiner Großmutter Zeit ihres Lebens. Die Rückwand des Korridors war von einem Vorhang verdeckt, hinter dem sich Regale mit dem Handwerkszeug des Großvaters und ein Oberboden befanden, auf dem zurzeit oder nie mehr Benötigtes untergebracht wurde. Betrat man die Küche, waren auf der rechten Seite Wasserleitung mit Abflussbecken, darüber das klassische Bord mit Sand, Seife, Soda, ein, Küchenmaschine genannter, Ofen, Gaskocher und Küchenschrank; hinten in der Schmalseite das Fenster. Auf der linken Seite wurde die Einrichtung vom Küchentisch dominiert mit je zwei Stühlen an den Schmalseiten und verschiedenen Kleinmöbeln; über dem Küchentisch ein Wandregal; Klo im Treppenhaus, eine halbe Treppe tiefer, ohne Licht und Heizung, aber mit Wasserspülung. Ein Bad gehörte bei diesem Standard nicht mit dazu. Man wusch sich in der Küche in einer Waschschüssel.

 

9

Gegenüber der Korridortür ging es ins Wohnzimmer. Links der Kachelofen, so genannte Berliner Ofen. Er wurde angeheizt, dann zugeschraubt und gab so den ganzen Tag Wärme. Daneben wurde ein Viertel des Zimmers von einem vom Großvater selbst gebauten, hölzernen Lehnstuhl, einem richtigen Ungetüm, eingenommen, der auch als Bett umgebaut werden konnte. Zwischen den Fenstern der traditionelle Pfeilerspiegel. Neben Sofa, Vertiko, Tisch und Stühlen nahm ein weiteres Viertel des Zimmers ein mächtiges Tafelklavier ein. Da es normalerweise – außer zu Weihnachten – geschlossen war, hatte das Radio darauf Platz gefunden. Das Vertiko haben wir später zerhackt, weil es unmodern war. Heute wäre es Tausende wert. Neben dem Klavier führte eine Tür ins Schlafzimmer, das auch noch eine weitere Tür zum Korridor hatte, die aber nicht genutzt wurde. Die Schlafzimmermöbel hatte mein Großvater selbst gebaut, was sich durch eine solide, fast etwas derbe und auch kühle Verarbeitung ausdrückte. Lotterbetten waren es auf keinen Fall. Für heutige Leser ist darauf hinzuweisen, dass die Wohnung kein Kinderzimmer hatte. Meine Mutter hatte bis zu ihrem – formellen – Auszug in die Ehewohnung mit 30 Jahren bei ihren Eltern geschlafen. Da diese aus Angst vor weiteren Kindern, die einen sozialen Abstieg bedeutet hätten, sexuell enthaltsam lebten, hatte dies offensichtlich keine Probleme bereitet.

 

10

Mit Wärme denke ich an meine Großmutter zurück. Ihr ganzes Leben stand im Dienst meines Großvaters. Sie war Waise, lebte bei ungeliebten Pflegeeltern und durch die Heirat hatte ihr mein Großvater ein Heim gegeben. (Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass sich dies zu Beginn des vorigen Jahrhunderts abspielte. Die Großeltern hatten 1911 geheiratet und 1913 wurde meine Mutter geboren.) Das bezahlte meine Großmutter aber mit lebenslanger Dankbarkeit und Unterordnung. Erst auf dem Sterbebett begehrte sie auf und wagte zu äußern, dass sie sich ihr Leben anders gewünscht hätte und erst da ging meinem Großvater auf, was er ihr angetan hatte. Das wird auch mit ein Grund sein, der ihn in die geistige Umnachtung geführt hat. Meine Großmutter hatte in der Familie den Spitznamen Heinzelmännchen, weil sie so still und unauffällig alle Pflichten erledigte; eben als wenn die Heinzelmännchen dagewesen wären.

 

11

Mein Großvater war eine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit mit Schnauzbart und in seiner Jugend gewiss ein schöner Mann gewesen. Ein Hüftleiden, das er sich durch Überanstrengung zugezogen hatte, ließ ihn am Stock gehen. Dazu plagten ihn noch offene Beine, die von meiner Großmutter jeden Tag gepflegt und gewickelt werden mussten. Hauptmerkmal seines Charakters war Sturheit, die sich in folgender charakteristischer Episode widerspiegelt. Mit 17 Jahren bekam er vom Vater eine Ohrfeige, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Zu seinem achtzehnten Geburtstag schenkte ihm der Vater eine Kiste Zigarren, weil er nun ein Mann war. Aus Trotz wegen der Ohrfeige nahm mein Großvater das Geschenk nicht an und hat sein ganzes Leben nicht geraucht.

 

12

Das Haus, in dem meine Mutter mit mir lebte, lag zirka 30 Minuten Fußmarsch von der Wohnung der Großeltern entfernt. (Wenn ich mir heute vergegenwärtige, welche Entfernungen man damals selbstverständlich zu Fuß zurücklegte; da kann ich nur staunen.) Es war ein nicht zu definierender etwas verworrener Bau; eine Art missglückter Villa als Mietshaus. Wir bewohnten darin zwei Zimmer. Schwierigkeiten bereitete mir die Wendeltreppe, bis ich gelernt hatte, sie auf der breiten Seite zu benutzen. Das Haus war offenbar nicht unterkellert, denn die Kohlen der Hausbewohnter lagerten in einem hinten im Hof befindlichen Schuppen. Irgendwann hatte mir einmal ein Erwachsener mit dem angeblich dort hausenden „Schwarzen Mann“ gedroht. Nun flößte mir schon die Nähe des Schuppens gewaltige Angst ein. Ebenso erging es mir mit dem vor der Wohnungstür befindlichen Plumpsklo. Bei jeder Benutzung plagte mich die Angst, in das Fallrohr abzustürzen.

 

13

Auch zu einer Kindergruppe hatte ich Anschluss gefunden. Doch wegen bekannt gewordenen Doktorspielen hintertrieb meine Mutter diesen Umgang. „Ich sei doch ein braver Junge.“ Das sollte sich leider fortsetzen, so dass es mir lange Zeit ein Geheimnis blieb, wie ein Mädchen unten herum aussieht. Erst mit 10 Jahren erschloss sich mir dies; zum Entsetzen meiner Mutter. Ich war in eine Kindergruppe integriert, die häufig zusammen baden ging. Darunter war auch ein gleichaltriges Mädchen, das sich vor Jungen gern nackt zeigte. Sie hielt den Bademantel so geschickt ungeschickt, dass er über ihren Schoß auseinander klaffte. Einmal geschah das vor meiner Nase, so dass ich mir in aller Ruhe die Einzelheiten betrachten konnte. Leider hatten das Erwachsene beobachtet, die es meiner Mutter hinterbrachten. Eine Aussprache folgte. Sie verbot mir nicht den Kontakt, sondern agierte mehr hinten herum. Ich sei doch ihr lieber Junge und der sehe sich so etwas nicht an, das sei kein ordentliches Mädchen und erst die Familie ..., sie sei doch meine beste Freundin, ich würde schon wissen, was richtig sei. Offenem Druck hätte ich vielleicht widerstanden, aber diesem Stil erlag ich. Es war das letzte Mal, dass ich in einer Gruppe Gleichaltriger richtig Fuß gefasst hatte und ein weiterer Schritt auf den Weg zu innerer und äußerer Einsamkeit.

 

14

Eine Zeitlang ging meine Mutter als Briefträgerin. Doch blieb dies eine kurze Episode, wie überhaupt alle Versuche einer Berufstätigkeit. Sie hatte die Meisterprüfung im Damenschneiderhandwerk abgelegt. Aber für ein eigenes Geschäft fehlte ihr das kaufmännische Geschick und für die Mitarbeit als Meisterin in einer Firma die Teamfähigkeit. So arbeitete sie „schwarz“, d. h. ohne Gewerbeschein und Steuerzahlung, als Schneiderin zu Hause. Logischerweise waren die Schneiderkundinnen meiner Mutter, die sich Maßkleider anfertigen ließen, keine Arbeiterfrauen. Durch den Kontakt mit der Frau des Bezirksschornsteinfegermeisters u. Ä. dachte meine Mutter, sie gehöre mit dazu. Eine bittere Enttäuschung war es dann, wenn eine der Damen sie einer Anderen als „meine Schneiderin“ vorstellte.

 

15

Eine weitere Erinnerung aus dieser Zeit betrifft den Milchmann. Der fuhr einen Handwagen voller Milchkannen durch die Straßen und bot seine Ware feil. Eine meiner ersten Pflichten war es, mit abgezähltem Geld und einem Henkeltopf, diesen Einkauf zu tätigen. Erst erfüllte mich Angst, etwas falsch zu machen, das Geld zu verlieren oder von den Erwachsenen beiseite geschubst zu werden, aber dann, wenn es geschafft war, trug ich die Milch so stolz nach Hause, als hätte ich ein Königreich erobert.

 

16

Schon früh bestimmte der Garten der Großeltern mein Leben. Er war der dominierende Lebensinhalt, dem sich die ganze Familie bedingungslos unterzuordnen hatte. Im Rückblick erscheint mir diese Marotte meines Großvaters als ein Phänomen: Was wollte er damit beweisen - oder wem? Ein Schrebergarten in einer Kleingartenanlage - was für einen Arbeiter mit Gartenambitionen das Naheliegendste gewesen wäre - kam für ihn nicht in Frage. Da hätte er sich ja nach Anderen richten müssen. Hier zeigte sich die mangelnde Teamfähigkeit, die er meiner Mutter vererbt hatte.

Seit ihrer Jugend hatten meine Großeltern ein Grundstück am anderen Ende der Stadt mit Wasseranschluss, Laube und Trockenklo (siehe Fußnote „Plumpsklo“), was für die damalige Zeit komfortabel war. Im Sommer wohnte die Familie dort, weil mein Großvater seinen Arbeitsplatz - er war Holztischler - in der Nähe hatte. Meine Mutter ging dann in die dortige Schule  Auch eine Ziege, Kaninchen und Hühner wurden gehalten.

Nach dem 1. Weltkrieg packte meinen Großvater der Expansionsdrang In der Nähe parzellierte ein Bauer sein an der Straße liegendes Feld und verkaufte die so entstandenen Grundstücke als Bauland. Mein Großvater erwarb 1.800 qm auf Ratenzahlung. Das ging aber offenbar über seine Verhältnisse. Denn nur durch die Inflation, wo die letzten Raten jeweils nur noch den Wert eines Brotes hatten, schaffte er die Finanzierung. Nun gab es den Großen und den Kleinen Garten. Unerklärlicherweise verkaufte mein Großvater später zuerst den gut ausgestatteten Kleinen Garten.

Als ich den Großen Garten kennenlernte, stand er voller herrlicher Obstbäume; auch viele Gemüsebeete gab es. Er war so dicht bewachsen, dass man von einem Zaun zum anderen Ende nicht hindurchsehen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er eine lebensrettende Nahrungsquelle. Allerdings zeigte er zu der Zeit auch schon Spuren des Verfalls. Der Zaun hätte längst erneuert werden müssen und der Komfort war gleich Null. Während ringsum Häuser oder wenigstens größere Gartenlauben entstanden waren, hatte es mein Großvater nur zu einem selbst gebauten Brunnen, einem aus Zement gegossenen Tisch und einem Geräteschuppen gebracht. In diesen konnte man sich bei Regen  - wenn man die Geräte herausnahm - unterstellen.

Mit unglaublicher Sturheit hielt mein Großvater - trotz der fehlenden finanziellen Möglichkeiten ihn richtig auszubauen - an dem Garten fest und zwang die ganze Familie, jede freie Minute, dort zu arbeiten. Ich entsinne mich an einen Familienkrach, weil meine Mutter mit ihrem neuen Mann und mir einmal einen Pfingstausflug mit den Rädern gemacht hatte, um einmal etwas anderes zu sehen. Unakzeptabel aus der Sicht meines Großvaters, wo es soviel Arbeit im Garten gab. Es war kein Erholungs- sondern ein Arbeitsgrundstück und so war ich als Jugendlicher nach dem Tod des Großvaters, froh, als er endlich verkauft wurde und andere Freizeitaktivitäten möglich wurden. Übrigens hätten auch uns die Mittel gefehlt, ihn zu unterhalten. Der neue Käufer - ein Klempner -  hat sich dann dort ein Haus gebaut; das Grundstück war von Anfang an als Bauland gedacht gewesen.

 

17

Aber noch hatten wir den Garten am Hals. Transportmittel war das Fahrrad. Die Fahrt in den Garten dauerte eine knappe Stunde. Wenn in der Erntezeit die Kapazität der Rucksäcke zum Transport des Obstes nicht ausreichte, wurde eine Handwagenfuhre angesetzt. Im Morgengrauen begann die mehrere Stunden dauernde Hinfahrt mit dem leeren Handwagen. Abends ging es dann beladen zurück. Bei den heutigen Transportmöglichkeiten klingt es unwahrscheinlich, aber sobald ich körperlich dazu in der Lage war, ging ich gern mit. Das war ein richtiges Abenteuer für mich. Als Kind störte mich die Dominanz des Gartens nicht, weil ich es nicht anders kannte. Aber wenn ich mir das heute vergegenwärtige: kein anderes Thema, keine anderen Freizeitaktivitäten, nur Garten, Garten, Garten - und war im Winter keine Gartenarbeit möglich, entstand eine Leere

 

18

Da ich überdurchschnittlich groß war, wirkte ich stets einige Jahre älter. Aber in der geistigen Entwicklung war ich als Kind natürlich auf dem Stand des wirklichen Alters. Diese Diskrepanz führte zu Konflikten. Schon in der Kleinkinderzeit mussten meine Mutter und ich oft hören: Dies oder das macht so ein großer Junge doch nicht. Dabei war die kritisierte Haltung für mein Alter normal. Der größte Missgriff war, dass meine Mutter mich im Ferienlager im Alter von elf Jahren in die Gruppe der Vierzehnjährigen stecken ließ, damit ich optisch nicht auffalle. Dort war ich der Dämlack der Gruppe, weil ich vieles gar nicht verstand; vor allem die sexuellen Witze und Anspielungen. In der passenden Gruppe wäre ich als Großer der Größte gewesen.

 

19

Meine Mutter schickte mich in den Kindergarten, um - wie man heute sagen würde - soziale Kompetenz zu erwerben. Ich habe keine Erinnerung, ob ich gern oder ungern hingegangen bin; scheine es irgendwie als notwendiges Übel akzeptiert zu haben. So richtig Fuß fasste ich aber nicht, da ich nur Mittagskind war; in den Augen der anderen Kinder etwas Besonderes, ein Außenseiter. (Schließlich war es damals allgemeine Norm, dass die Mütter voll arbeiteten.) Meine Mutter wollte es so, damit ich zu Hause zu Mittag aß und sie darüber die Kontrolle hatte. Nach den Berichten der Erzieherinnen nahm ich mir meistens ein Spielzeug und beschäftigte mich allein damit; wirkte sehr ernsthaft und vernünftig. Allerdings schien ich schon damals zu Ausrastern zu neigen, wenn ich zu sehr gehänselt wurde. Ich habe eine vage Erinnerung, dass ich einen Jungen verprügelt habe und als der Schuldige bestraft wurde. Eine Erfahrung, die ich nicht zum letzten Mal machen sollte. Der erste Kindergarten lag in unserer Straße; später musste ich dann in einen gehen, der etwa eine halbe Stunde von zu Hause entfernt war. Den Weg bewältigte ich allein.

 

20

Mit etwa fünf Jahren war ich für den Kindersitz am Fahrrad meiner Mutter zu groß geworden, aber der Garten erforderte unbedingt ein Rad. An ein Kinderfahrrad war aus finanziellen Gründen und aufgrund der Versorgungslage nicht zu denken. So baute mir mein Großvater aus mehreren alten Fahrrädern eines zusammen. Durch eine hölzerne Vorrichtung legte er den Sattel tiefer, denn für ein Erwachsenenfahrrad war ich wiederum noch nicht groß genug. Das war zwar praktisch, forderte aber den Spott anderer Kinder heraus. Ein Problem, mit dem ich noch oft konfrontiert wurde. Durch meine Größe musste ich häufig Sachen und Konstruktionen benutzen, die von der Norm abwichen. Außerdem fuhr ich nun als „Mann“ ein Damenfahrrad, was wieder Reaktionen hervorrief.

 

21

1949 wurde zwar nicht mehr gehungert, aber man konnte auch nicht sagen, dass eine vom Himmel gefallene Nahrungsergänzung nicht willkommen gewesen wäre. Als ich mit meiner Mutter wieder einmal auf dem Weg zu den Großeltern war, sah ich, wie aus dem abfahrenden Brotwagen vor dem Konsum ein Brot auf die Straße fiel. Sehen und aufheben waren eins. Anfängliche moralische Bedenken meiner Mutter wurden von praktischen Erwägungen verdrängt. Schließlich hatte sie oft zu meinen Gunsten auf Teile ihrer Ration verzichtet. „Schnell weg von hier“, flüsterte sie mir zu, „bevor uns jemand sieht.“ - und eilends verließen wir den „Tatort“. Als Held des Tages durfte ich zu Hause erst einmal soviel essen, wie ich wollte.

 

22

Ich ging noch in meinen ersten Kindergarten, als mir zwei dramatische Ereignisse widerfuhren.

Bei einer Feier gab es einen besonders schönen Apfel als offizielles Geschenk. Wahrscheinlich machte ihn mir diese Tatsache so wertvoll, denn eigentlich hatte ich zu Hause durch den Garten mehr als genug Äpfel. Irgendjemand wollte offenbar meine Freude noch steigern und empfahl mir, ihn als Bratapfel aufzuwerten. Dazu kam er in die Röhre eines urtümlichen Ofens. Als ich ihn wieder hervorholen wollte, war er verschwunden, einfach weg. Auf mein Wehklagen hin stellte man fest, dass die Röhre weiter hinten eine Öffnung hatte, die in die Tiefen des Ofens führte. Man bot mir einen anderen Apfel an, aber ich lehnte weinend ab: Das war nicht der offizielle Geschenkapfel, der mir zustand. Es dauerte lange, bis ich mich beruhigte. Der Tag war verdorben.

 

23

Ein anderes Mal passierte mir auf dem Heimweg vom Kindergarten ein noch schlimmeres Malheur: Die Holzsohle meines Schuhs spaltete sich in zwei Teile. Man muss bedenken, dass es erst wenige Jahre nach Kriegsende war und meine Mutter bei Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen  unter „Sonstige“ fiel. Das war die niedrigste Stufe. (Ein Traum für viele war die Schwerarbeiterkarte.) Nun darf man nicht davon ausgehen, dass es die Mengen, die auf der Karte standen, auch wirklich gab. Es wurde „aufgerufen“: Auf den Abschnitt 100 g Butter gibt es in dieser Woche zwei Kerzen. Der Verlust der Lebensmittelkarten war fast ein Todesurteil. Sie waren wichtiger als Geld.

Nun saß ich aber immer noch mit meiner zerbrochenen Schuhsohle auf der Bordsteinkante. und traute mich nicht nach Hause. Wie es im Detail weiter ging, weiß ich nicht mehr; nur, dass sich Passanten meiner angenommen haben.

 

24

Der Schulanfang nahte! Alle sagten, dass ich mich darauf freuen solle; aber ich freute mich nicht. Diese grundsätzliche Veränderung des Alltags machte mir Angst. Ich dachte immer, es würde vorbei gehen, aber es ging nicht vorbei. Der Tag des Schulanfangs rückte unaufhaltsam näher. Merkwürdigerweise habe ich an den Schulanfang direkt keine Erinnerung. Irgendwie ging es dann los. Ich weiß auch nicht, ob ich gern oder mit Grausen in die Schule gegangen bin. Zu meiner Freude fiel im Winter die Schule wegen Kohlenmangel häufig aus. Für die Schreibutensilien hatte ich einen bunt bemalten hölzernen Federkasten. Damit kam ich mir aber diskriminiert vor, denn die Schüler mit Westverwandtschaft hatten lederne Federmappen. Am Ende des 2. Schuljahres wurde ich für eine Spezialklasse mit erweitertem Russischunterricht, sogenannte R-Klasse, ausgewählt. Aufgrund der Lernschwierigkeiten, die ich durch das gesteigerte Niveau später hatte, vermute ich, dass weniger meine geistigen Leistungen, als die ruhige, zurückhaltende Art, die Entscheidung des Lehrers bestimmten.

 

25

1952 gab es eine wichtige Veränderung in meinem Leben: Meine Mutter verheiratete sich wieder. Es war eine per Anzeige zustande gekommene Vernunftehe. Sie wollte ihr Schneidern auf eine gesicherte wirtschaftliche Basis stellen. Deshalb hatte sie einen Geschäftsmann der gleichen Branche mit eigener Firma ausgewählt. Doch schon am Tag der Hochzeit begann der Ehestreit und auch die „Firmenfusion“ war nicht erfolgreich.

 

26

Mein Stiefvater war der Jüngste von drei Brüdern und mit der Mutter in der elterlichen Wohnung übrig geblieben. Dem Ältesten war ein Geschäft eingerichtet worden, dem mittleren Sohn wurde eine Ausbildung zum Ingenieur ermöglicht und der Jüngste sollte einfach die elterliche Firma übernehmen, die aus einem zusätzlichen Zimmer in der Wohnung bestand und sich Wäscheschneiderei nannte; auch mit Stoff handelte. (Die Reste des Stofflagers waren später eine wertvolle Hilfe bei meiner Bekleidung.)

Nach dem Krieg fristete die Firma als Ein-Mann-Betrieb mit dem Erneuern von Kragen an Herrenhemden ihr Dasein. Dazu wurde aus dem hinteren Hemdsaum ein Stück Stoff herausgeschnitten, daraus ein neuer Kragen angefertigt und in das Loch ein Stück neutraler Stoff eingesetzt.

Weder meine Mutter noch mein Stiefvater hatten genug Geschäftssinn, um das Ende dieses Provisoriums vorauszusehen. Denn mit steigendem Wohlstand Mitte der 50er Jahre kauften sich die Leute neue Hemden und die Firma war pleite. Ich entsinne mich einer Szene, in der meine Mutter entsetzt in das leere Auftragsfach starrte. Mit ihrer Damenschneiderei war sie zwar erfolgreicher, aber davon konnte auch keine Familie leben. Ich glaube, es war für sie eine große Enttäuschung, dass der Sinn der Ehe, sich mit ihrer Arbeit an die bestehende Firma anzuhängen, so verloren ging. Das bestimmte das Verhalten zu ihrem Mann auf eine lange Zeit.

 

27

Meine Mutter und ihre neue Schwiegermutter kamen von Anfang an nicht miteinander aus. Diese hatte jahrelang mit ihrem Sohn allein gelebt und konnte sich nicht in die Veränderung finden. Und meine Mutter war nicht der sanfte verständnisvolle Typ, der vielleicht das Zusammenleben hätte arrangieren können. Sie beanspruchte die Bestimmerrolle im Haushalt. Mein Stiefvater wurde in die unglückliche Rolle des Schiedsrichters gedrängt. Aber jede Partei warf ihm vor, dass er sie nicht genügend unterstütze. Jetzt kann ich mich gut in sein Dilemma einfühlen und er tut mir leid. Damals aber war ich ein glühender Kämpfer für die Interessen meiner Mutter. Diese Situation bestimmte die nächsten Jahre meines Lebens.

 

28

Ich stelle erstaunt fest, dass es eigentlich nur negative Erlebnisse sind, an die ich mich erinnere. Dabei habe ich nicht das Gefühl, dass meine Kindheit besonders schwer oder schlecht gewesen wäre.

Deshalb will ich nun einmal eine besonders schöne Erinnerung einfügen: Es war noch zu der Zeit als sich mein Leben zwischen der Wohnung der Großeltern und der Mutter abspielte. Den etwa halbstündigen Heimweg verkürzten sich meine Mutter und ich durch romantische Fantasiespiele. Erleuchtete Fenster und besonders Mansarden besiedelten wir mit Gestalten unserer Fantasie; z.B. mit der Werkstatt der Heinzelmännchen. In der Erinnerung verknüpft sich damit ein Gefühl großer Harmonie.

 

29

Schon als Vorschulkind war ich sehr selbständig und unternahm viel allein. Regelmäßig ging ich ins Puppentheater. Es war ein Weg von etwa einer halben Stunde. Krampfhaft hielt ich das abgezählte Eintrittsgeld in der Hand, aus Angst, es zu verlieren. Immer wieder zählte ich nach. Den Anfang des Stückes konnte ich kaum erwarten. Die Ungeduld verdarb mir aber die Freude. Immer wieder musste ich auf die Toilette. Die anderen Kinder lärmten und plauderten miteinander; schienen solche Probleme nicht zu haben. Erst gegen Mitte des Stückes kam ich zur Ruhe; konnte in die Scheinwelt eintauchen; aus der ich mich am Ende ebenso schwer lösen konnte. Auf dem Heimweg spielte ich in Gedanken weiter, versetzte mich in die Rolle des Helden - bis dann zu Hause der ganz normale Alltag wieder begann. Ebenso erging es mir später bei Kinobesuchen.

 

30

Den Raum des Puppentheaters sah ich abermals, als ich wieder einmal zum Volksröntgen musste. Mich überfluteten widerstreitende Gefühle. Ich war schon an der Schwelle zum Mann, aber die eventuellen Weiterungen des Volksröntgens flößten mir stets Angst ein. Als Folge von Krieg und Nachkrieg hatte die Tuberkulose sich stark ausgebreitet. Mitte der fünfziger Jahre begann die Regierung mit einem Programm die Bekämpfung. Es hatte zwei Säulen: die Früherkennung durch das Volksröntgen, einen Test auf Antikörper und eine eventuelle Impfung. Beim Test musste sich die präparierte Stelle entzünden, dann hatte man Antikörper und wurde nicht geimpft. Die Entzündungen konnten sehr andauernd und hartnäckig sein. Die Impfung erfolgte am Oberschenkel. Auch hier entstanden oft Folgereaktionen mit Narbenbildung; vor allem bei Frauen an dieser Stelle nicht zu deren Freude.

 

31

Das Röntgen wurde mit mobilen Anlagen durchgeführt, die in geeigneten Räumen - oft im Aufklärungslokal der Nationalen Front oder in anderen Räumen; wie zum Beispiel im ehemaligen Puppentheater - aufgestellt wurden. Teilweise kamen auch Röntgenzüge zum Einsatz. Das waren mehrere Gelenkbusse, die hintereinander und durch „Ziehharmonikas“ verbunden waren. Sie enthielten die Räume für Auskleiden, Verwaltung und Technik. Alles auf allerengstem Raum. Damit machte ich zuerst in der zweiten Klasse Bekanntschaft. Der Röntgenzug hockte da, wie ein schlafendes Ungeheuer und brummte vor sich hin. Armdicke Kabel führten zu ihm und erinnerten an die Fangarme eines Kraken. Klassenweise wurden wir hineingeführt. Die Enge verursachte mir Platzangst. Dazu das Brummen der Transformatoren und anderer Geräte. Man wurde registriert, erhielt eine Nummer, dann ging es den engen Gang weiter zur Röntgenapparatur. Aufgrund meiner Größe musste bei mir alles umgestellt werden. Ich drückte mich weisungsgemäß an das Gerät, umschlang es mit den Armen, versuchte nicht zu zittern, die Türen zur Apparatur wurden geschlossen, das Summen wurde noch lauter und: Das war’s.

 

32

Die Aufnahme erfolgte auf speziell entwickelten 6-mal-6-cm Röntgenfilm. Nach dem kleinen Bild konnte man aber keine medizinische Diagnose stellen. Deshalb wurde man bei Unklarheiten, ob es nun eine „weiche Stelle“ oder ein Fehler im Film war, zur Nachuntersuchung bestellt. Das war die Angst, die einen begleitete. Denn eine Diagnose TBC bedeutete damals nicht nur medikamentöse Behandlung sondern ein langdauernder Aufenthalt in einem Lungensanatorium, dass sich in seiner Handhabung noch nicht allzu viel von Thomas Manns „Zauberberg“ unterschied. Ich bekam zweimal die angstvoll erwartete Postkarte zur Nachuntersuchung. Einmal war es noch „Durchleuchten“, also ohne Film. Anstelle des Röntgenfilms saß der Arzt vor einem Leuchtschirm (Das bedeutet hohe Gesundheitsgefährdung für den Arzt, denn er bekam ziemlich viel Strahlung ab, trotz Bleischürze), und beurteilte die Lunge. Das Ganze im Dunkeln. Erleichterung als daraus eine Stimme ertönte: „Alles in Ordnung!“ Das zweite Mal, war es dann schon das bis vor kurzem noch übliche Röntgen mit Film in Körpergröße. Allerdings wurde nur die Aufnahme gemacht und man musste wieder warten, ob man eine erneute Benachrichtigung erhielt.

 

33

Nach zirka zehn Jahren wurde das Volksröntgen eingestellt, da die Tuberkulose als Massenkrankheit besiegt war. Medizinhistoriker sehen das heute als eine einmalig logistische Meisterleistung an: Ein ganzes Volk durchgehend und lückenlos einer Reihenuntersuchung zuzuführen; mit der damaligen Technik, ohne Computer, nur mit Karteikarten. Es ist aber wohl nur durch die besonderen gesellschaftlichen Bedingungen jener Zeit zu erklären. Für die Allgemeinheit war es gut, aber für sensible Naturen bedeute es auch viele sorgenvolle Stunden. Das Impfen wurde Mitte der Neunziger Jahre wegen zu geringer Erfolgsrate eingestellt.

 

34

Meine Mutter hatte einmal irgendwo irgendwas von dem sowjetischen Pädagogen Makarenko gehört und brüstete sich immer damit, mich nach Makarenko erzogen zu haben. Ich weiß nicht, welche Vorstellungen sie damit verknüpfte, aber als ich Makarenko selbst las, stellte ich fest, dass die Erziehung verwahrloster Jugendlichen in Arbeitskommunen im nachrevolutionären Russland mit der gesellschaftlichen Situation im Nachkriegsdeutschland wenig zu tun hatte. Wahrscheinlich faszinierte meine Mutter die Methode des unbedingten Gehorsams. Makarenkos Methoden hatten in seiner konkreten gesellschaftlichen Situation bestimmt ihren Sinn. Gefährlich wird es immer nur dann, wenn man Erkenntnisse aus einer ganz konkreten Situation verallgemeinert und sie als universales Gesetz erklärt.

Mit besonderem Stolz erzählte sie, wie sie mich einmal verdroschen hatte, weil ich mich als Kleinkind im Straßenverkehr von ihrer Hand losgerissen hatte. Dazu ging sie mit mir extra in einen Hauseingang, weil im pazifistischen Nachkriegsdeutschland Schläge verpönt waren.

Im Rückblick gesehen, hatte sie eine merkwürdige Erziehungsmethode. Ich kann nicht sagen, dass sie übertrieben streng war. Man könnte es als eine mentale Fesselung an ihre Person bezeichnen. Bis zu ihrem Tode waren alle meine Entscheidungen davon bestimmt, was sie dazu sagen würde. Sie beklagte sich oft, dass ich als Erwachsener so kühl zu ihr sei. Wahrscheinlich war dies eine äußere Reaktion auf diese innere Fessel.

 

35

Lügen hatte sie in meiner Kinderzeit damit bekämpft, dass sie sich mir gegenüber als allwissend, als allmächtig hinstellte. Stolz erklärte sie Bekannten, dass ich nicht lügen würde, weil ich wüsste, dass sie das sowieso heraus bekäme. Sie bezeichnete sich direkt als meine beste Freundin. Eine Haltung, die mir als Erwachsener viel zu schaffen machte. Sie baute vor mir das Druckmittel auf, dass ich ihr doch keinen Kummer bereiten wolle, drohte mit Liebesentzug. Im Rückblick finde ich das belastender als handfeste Auseinandersetzungen mit klaren Verboten und Strafen. Ich denke, auf dieses Thema werde ich noch oft zurückkommen, aber nun geht es erst einmal mit der neuen Ehe meiner Mutter weiter.

 

36

Mit zunehmendem Alter der Schwiegermutter verschärften sich die Probleme. Ich vermute heute, dass sie an Alzheimer litt. Oft erzählte sie im Haus, dass sie nichts zu essen bekäme. Sie hatte aber einfach die letzte Mahlzeit vergessen. Oder sie wusste nicht mehr, wer meine Mutter war. Auch eine Trennung der Haushalte konnte sie sich nicht merken. Meine Mutter konnte damit nicht souverän umgehen. Sie interpretierte das Verhalten der Schwiegermutter als Bösartigkeit und verlangte von ihrem Mann eine Entscheidung zu ihren Gunsten. Wieder stand mein Stiefvater zwischen den beiden Frauen.

 

37

Meine Mutter war in dieser Zeit zweimal acht Wochen im Krankenhaus. Sie empfand das als Erholung. Die Diagnose war eine Eisenmangelanämie. Auch nach der Therapie hielt sie zeitlebens an dieser Krankheit fest. Wenn etwas nicht nach ihren Willen ging wurde sie krank. Und wenn der Körper nicht zur rechten Zeit versagen wollte, warf sie sich hin. Die einstmals reale Krankheit wurde zu einem Mittel, ihren Willen durchzusetzen, die Familie zu erpressen.

 

38

Bald entdeckte ich an mir eine lebhafte Fantasie, eine Neigung zu Tagträumen. Zu dieser Zeit wohnte ich schon bei meinem Stiefvater und hatte die Schule noch nicht gewechselt. Deshalb war der Schulweg sehr lang. Ich verkürzte ihn mir durch Träume. Einmal fand ich mich auf der Straße vor einem LKW liegend wieder. Um mich herum ein Menschenauflauf. Mein Schulranzen lag einige Meter von mir entfernt. In diesem Fall war ich unsanft in die Wirklichkeit zurück geholt worden. Passiert war mir nichts. Meine größte Sorge war aber, dass jemand meiner Mutter davon erzählen könnte. Zum Glück war das diesmal nicht der Fall, obwohl sie mich immer damit schreckte, dass sie alles erfahren würde. Wahrscheinlich war es diese angebliche Perfektion, die mich in sich zurückziehen ließ. Später kultivierte ich die Fähigkeit der gezielten Tagträume, um einem unangenehmen Alltag zu entfliehen. Heute, als Schriftsteller ist mir, diese Fähigkeit sehr nützlich. Ich kann ganze Szenen an meinem geistigen Auge wie einen Film vorbeiziehen lassen. Auch das Lesen entwickelte sich bei mir frühzeitig zu einer Art innerem Kino; ohne dass ich noch die Buchstaben und Wörter wahrnahm.

 

39

So langsam kam das Nachkriegsleben in geordnete Bahnen. Schrittweise verschwand der Mangel. Die HO, die staatliche Handelsorganisation erschien am Markt. Dort gab es Ware ohne Marken und Bezugsscheine zum zehnfachen Preis. Vom ersten Besuch eines solchen Geschäfts kam meine Großmutter weinend nach Hause, weil sie sich bei den Preisen nichts hatte kaufen können. Es ist interessant, dass bei Geld nicht nur die Freundschaft sondern die Ideologie aufhörte. War Geld zu machen, wurden alle ideologischen und moralischen Prinzipien über Bord geworfen, die der Staat sonst predigte. Für viel Geld - oder noch besser Westgeld - war später alles - oder fast alles - möglich. Ein Weg, der bei den markenfreien HO-Geschäften begann und mit Delikatläden und Intershop endete. Für den Handel im Intershop mit Westwaren gab es sogar spezielles Geld; sogenannte Forumschecks. Man konnte zwar bar mit D-Mark (also Westgeld) bezahlen, das Wechselgeld bekam man aber in Forumschecks. Am Ende muss eine Unmenge D-Mark in der DDR illegal, aber geduldet, in Umlauf gewesen sein, denn bestimmte private Dienstleistungen bekam man nur noch gegen Westgeld. Der 17. Juni, der Tod Stalins, die Aufarbeitung des Stalinismus durch Chruschtschow gingen vorbei, ohne in unserer Familie größere Spuren zu hinterlassen.

 

40

Inzwischen lag das Wäschegeschäft endgültig am Boden. Meine Mutter konstatierte entsetzt die leeren Auftragsfächer. Von ihrer Schneiderei nebenbei, also „schwarz“, ohne Gewerbeschein, der aber zu teuer war, konnte die Familie nicht leben. Mein Stiefvater musste auf Arbeitssuche gehen. Das war für ihn nicht einfach. Er hatte keinen Beruf erlernt und noch nie in einem Betrieb gearbeitet. Zu einer Tätigkeit als Schneider reichten seine Fertigkeiten als Ausbesserungsschneider von Hemden nicht aus. Er bekam ein Angebot in einer Hollerithstation zu arbeiten und sich im Laufe der Zeit dort zu qualifizieren. Das hätte auch seiner mathematischen Begabung entsprochen und wäre zukunftsträchtig gewesen. Doch das Einstiegsgehalt von 320 Mark hätte nicht ausgereicht, eine Familie zu ernähren. Für meine Mutter kam eine „richtige“ Berufstätigkeit nicht in Frage. Ich weiß nicht mehr, ob sie Krankheit oder meine Betreuung vorschob. Auch später scheiterten alle Versuche dieser Art. Nach einem euphorischen Start wurde sie beim ersten Problem mit Vorgesetzten oder Kolleginnen krank und hörte wieder auf.

 

41

So übernahm mein Stiefvater einen Job als Ungelernter auf Leistungsarbeit (Akkord) in einer privaten Kunststoff- oder Plastepresserei. Eine schmutzige, schwere und ungesunde (Dämpfe) Arbeit in einer Hinterhof-Fabrik; umgangssprachlich „Bude“ genannt. Als in der Schule einmal gefragt wurde, wo die Väter arbeiten, hatten die anderen Schüler hochtrabende Firmennamen zu vermelden: wie VEB Leunawerke „Walter Ulbricht“. Ich antwortete in meiner Naivität: in einer Bude. Heiterkeit! Es muss meinem Stiefvater sehr schwer gefallen sein, diese ungewohnte Arbeit zu übernehmen und ich bin heute voller Hochachtung vor ihm, weil er das jahrzehntelang auf sich genommen hat. Durch hydraulische Pressen wurde die Arbeit später leichter und als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, durfte er nach einem Zusammenbruch in der Entgraterei arbeiten. (Zwischen den zwei Teilen der Presse quetschte beim Erhitzen und Pressen immer etwas Masse hervor – wie beim Waffelbacken - und dieser Grat musste beim fertigen Produkt mittels einer Schleifscheibe entfernt werden.)

 

42

Nun ein paar Worte zur Schule: Es war ein imposantes dreistöckiges Gebäude, etwa 100 m lang, symmetrische gebaut, mit einer Knaben und einer Mädchenseite, was aber nur noch historische Bedeutung hatte. Trotzdem gab es irrsinnige Regeln. Jungen mussten beim Betreten des Gebäudes die Mützen abnehmen. Wehe, wenn man es vergaß: Man musste dann das Haus verlassen und erneut betreten. Dann konnte es aber mit der Pünktlichkeit knapp werden. Damit sollten wir dazu erzogen werden, dass Männer in geschlossenen Räumen den Hut abzunehmen haben. Aber so wie es praktiziert wurde, war es der reinste Psychoterror; abgesehen davon, dass wir Schüler keine Hüte trugen. Ein ähnlicher Psychoterror war es, wenn dem Lehrer zu Beginn der Stunde von einer Schülerin gemeldet wurde: „Der Eberhard hat sich schlecht benommen.“ Umgangssprachlich: Er hat gefurzt. Die Angst, dass einem das passieren könne, hat mich lange Zeit begleitet.

 

43

Für die Klasse mit erweitertem Russischunterricht  (ab 3. statt ab 5. Klasse) waren die besten Schüler des Stadtbezirks zusammengeholt worden; kamen zum Teil mit der Straßenbahn. Natürlich stieg dadurch das Leistungsniveau der ganzen Klasse und ich hatte Mühe mitzuhalten. Zeitweise wurde wegen der mangelhaften Leistungen erwogen, mich wieder in die Normalklasse gehen zu lassen. Nach der 8. Klasse gingen die Besten zum Ablegen des Abiturs in ein Internat, die Anderen – auch ich - kamen in die normale 9. und 10. Klasse. Dort gehörte ich plötzlich zu den Besten.

 

44

Eine heute vergessene Dienstleistung war es, Stoff bedrucken zu lassen. Vom Geschäft meines Stiefvaters her, war noch ein Ballen „purer“ Stoff da; daraus sollten Übergardinen (Vorhänge) werden. Die ganze Familie ging in das entsprechende Geschäft und suchte ein passendes Muster heraus, mit dem dann der Stoff bedruckt wurde. Überhaupt waren die Reste des Stofflagers lange Jahre die Quelle für die von der Mutter für mich genähten Sachen. Industrielle Kindersachen der entsprechenden Altersstufe waren für mich stets zu klein. Als ich ein Pionierhemd (Uniform der Kinderorganisation) benötigte, hätte es nicht einmal ein FDJ-Hemd (Uniform der Jugendorganisation) für mich gegeben. Dass ich kein normgerechtes Hemd hatte, war damals ein echtes Problem und ich hatte auch keine Lust, das jedem zu erklären. Zudem hatten die von der Mutter als Damenschneiderin angefertigten Sachen immer einen leichten Stich ins Weibliche. Mit 14 brach ich aus diesem System aus und kaufte mir von erspartem Geld selbst – ohne die Mutter vorher zu fragen – ein Sakko und: einen Hut.

 

45

Auch auf anderen Gebieten brachte meine überdurchschnittliche Größe Probleme mit sich. So passte ich nicht mehr in die Schulbank hinein und musste vor der Klasse an einem gesonderten Tisch sitzen; immer der Aufmerksamkeit von allem ausgesetzt, kein Untertauchen in der Masse möglich. Wie habe ich die Kleinen beneidet, die nie auffielen. Auch zog sich durch meine ganze Kindheit, dass mich Kindergruppen häufig nicht als Spielgefährten wollten, weil ich zu auffällig war. Gab es Probleme mit den Erwachsenen hieß es dann immer: „Das waren die, wo der Große dabei ist.“

 

46

Parallel zur Übergröße zeigte sich bald ein weiteres Problem: der zeitige Beginn der Pubertät. Mit zirka 11 Jahren begann ich unter spontanen Erektionen zu „leiden“. Da meine Erziehung überwiegend durch die Mutter erfolgte, war ich nicht darauf vorbereitet. Ich empfand es als einen Makel, den ich selbst bekämpfen musste. Ob im Wartezimmer beim Arzt oder in der Schule: Stets hatte ich Angst, dass bei einem plötzlichen Aufstehen meine Peinlichkeit sichtbar wurde. So war mein erster Eindruck von der Sexualität: Angst.

47

Auch meine körperliche Leistungsfähigkeit ließ rapide nach. Hatte ich vorher ohne Probleme den halben Garten umgegraben, bereitete mir jetzt körperliche Belastung Probleme. Ich war einfach schnell erschöpft. Das zeigte sich auch im Sportunterricht. Der Sportlehrer bezeichnete mich als „Flasche“ weil ich mich beispielsweise am Reck nicht hochziehen konnte. Vier Mitschüler mussten mich über das Gerät wuchten. Auch an anderen Geräten war ich mir meines Körpers nicht sicher, wurde immer ungeschickter. Meine Mutter ging mit mir zu Ärzten, doch die konnten nichts feststellen. Ich solle mich zusammennehmen. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Sportarzt erlangte sie ein Attest für mich, dass ich im Sportunterricht nicht zensiert werden sollte. Doch nun hatten die Sportlehrer überhaupt kein Interesse mehr an mir. Heute meine ich, dass bei gezielter Förderung sich diese Krise durch mein überschnelles Wachstum, hätte vermindern lassen. Mit 14 Jahren war ich dann ausgewachsen und hatte meine endgültige Größe von 1,95 Meter erreicht.

 

48

Mein erstes sexuelles Erlebnis war blond und hieß Inge. Ich hatte inzwischen ein Erwachsenen-Fahrrad und ein wunderbares Gefühl war es, wenn ich sie auf der Stange mitnehmen durfte, sie sich zwischen meine Arme schmiegte und ihre Haare mich im Gesicht streichelten. Sie hatte noch einen glatten Jungenkörper, war aber schon ein kleines Luder. Sie vergab ihre Gunst, sich auf dem Rad mitnehmen zu lassen – nach Lust und Laune; spielte auch die Jungen gegeneinander aus. Meine Mutter sah den Umgang nicht gern. Inge kam in ihren Augen aus keiner „anständigen“ Familie.

 

49

Schon frühzeitig fing ich mit Elektrobasteln an. Keine kaputte Steckdose, kein defektes Kabel war vor mir sicher. Da mein Stiefvater kein handwerkliches Talent besaß, fiel mir automatisch diese Aufgabe zu. Aus heutiger Sicht baute ich lebensgefährliche Konstruktionen, da ich keinerlei Anleitung hatte. Auch im Radiobasteln versuchte ich mich; allerdings nicht so erfolgreich. Die „Fummelei“ und Feinarbeit lag mir nicht. Auch war lange Zeit der fehlende Lötkolben ein unüberwindliches Hindernis. Die zehn Mark zur Anschaffung eines solchen waren nie da. Eigentlich wäre Elektromonteur mein Berufswunsch gewesen. Aber meine Mutter meinte: „Du wirst doch nicht Strippenzieher werden!“ Sie hatte Größeres mit mir vor. So nahm ich nach der 10. Klasse eine Lehre als Fernmeldemechaniker mit Abitur auf, weil sie gern einen studierten Sohn haben wollte und dazu war das Abitur die Voraussetzung. Doch das war ein zweifacher Missgriff. In der Praxis hatte ich keine Erfolge, weil ich zu zittrig war, um mit dem heißen Lötkolben durch ein Gewirr von Drähten und empfindlichen Bauteilen an die zu bearbeitende Stelle zu kommen. Und in der Theorie war ich schlicht intellektuell überfordert; vor allem auf mathematischen Gebiet. Drei Jahre lang war es mir ein Graus auf Arbeit oder in die Schule zu gehen. Mit Mühe schaffte ich Facharbeiterbrief und Abitur.

 

50

Wie 99,9 Prozent der Klasse, war ich Mitglied der Pionierorganisation. Es gab in der Familie zwar einige Bedenken, denn mein Großvater war konservativ eingestellt und mein Stiefvater hegte SPD-Anschauungen, aber meine Mutter meinte, ich solle vorankommen und müsste tun, was üblich wäre. Für ein Kind ist es natürlich auch einfacher,  in der Masse d’rin zu sein. Besonders traf das für mich zu, der ich schon durch meine Größe aus allem heraus ragte. Ich fühlte mich auch zu Ämtern berufen und drängte danach. Aber immer wieder enttäuschte mich, dass mich keiner dazu vorschlug. Wenn ich heute meine Fähigkeiten und Möglichkeiten einschätze, weiß ich: zu recht. Ich bin keine Führerpersönlichkeit und eher für die Zuarbeiten im Hintergrund geeignet. Leider wusste ich das als Kind und Jugendlicher noch nicht und meine Mutter bestärkte mich auch noch, dass ich etwas Besonderes sei. So brachte ich es nur bis zum Zeitungsobmann und vertrieb die Pionierzeitschrift „Die Trommel“. Das machte ich nun wieder so intensiv, dass ich in Konflikt mit den schulischen Aufgaben und den Lehrern geriet.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2008

 

http://www.ekamprad.info