„Ich
such, die Gewissheit wiederzugewinnen, dass die Welt mich braucht.“
Strittmatter, Wundertäter, 2“
Mein
subjektives Leben
Erinnerungen
1945 -
Eberhard
Kamprad
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Die Probleme in meinem ersten
Ferienlager, wo mich meine Mutter mit elf Jahren in die Gruppe der
Vierzehnjährigen stecken ließ, hatte ich schon erwähnt. Das war 1956. Für
heutige Begriffe herrschten in dem Lager unvorstellbare Zustände. Es war in
einem Dorf im Erzgebirge auf einem ehemaligen Bauernhof. Die Schlafsäle
befanden sich im Oberboden der Scheune, die man nur mittels einer Leiter
erreichte. Roh zusammengezimmerte Holzgestelle, mit Brettern belegt, darüber ein
Strohsack, dienten als Doppelstockbetten. Das Waschen erfolgte am Bach. Die
Toilette war eine Reihe runder Löcher in einem Bretterverschlag über einer
Grube. Meine Schilderung soll aber nicht den Eindruck erwecken, als ob ich
darunter gelitten hätte. Das waren für die damalige Zeit normale Verhältnisse. In
Erinnerung ist mir noch, dass zwei Betreuer nach Hause geschickt wurden, weil
sie nachts im Wald Sex gehabt hatten. Das war damals ein schweres Vergehen.
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Die Massenmedien meiner Kindheit waren
Kino und Radio. Fernsehen hatte noch keine Breitenwirkung. In meinem Wohngebiet
gab es zwei Kinos mit wöchentlich wechselndem Programm. Donnerstags stand das
Kinoprogramm der Stadt in der Zeitung. Es füllte eine halbe Seite. Nachdem die
Puppentheaterzeit vorbei war, ging ich regelmäßig ins Kino; in die
Kindervorstellung für 25 Pfennig. Eine Zeitlang traf ich mich da auch
regelmäßig mit einer Kindergruppe. Ich weiß nicht, warum das einschlief. Auf
einmal ging ich mit Mutter und Stiefvater, manchmal auch mit den Großeltern,
ins Kino; zur 15 Uhr- oder 17.30 Uhr-Vorstellung. Dann kostete der 2. Platz 80
Pfennig für die Erwachsenen ( plus 5 Pfennig Kulturabgabe, ab Eintrittspreis 1
Mark 10 Pfennig); für mich als Kind die Hälfte des Eintrittspreises. Das Kino
war also ein Vergnügen, dass durchaus auch für Minderbemittelte erschwinglich
war.
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In dieser Zeit hatte ich – außer in
der Schule kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Häufig machte ich einsame
Radpartien; verbunden mit Tagträumen, in denen ich mich als Held fühlte, der
Ungerechtigkeiten bekämpfte oder Bedrängte rettete. Ich erwähnte schon, dass
ich es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. Stundenlang war
ich so unterwegs. Nebenbei war es natürlich eine gesunde Bewegung an der
frischen Luft; aber die sozialen Kontakte fehlten. Auch spannte mich meine
Mutter sehr im Haushalt ein. Sonntags musste ich immer die Kartoffeln für die
ganze Familie schälen. Sie waren damals das Hauptnahrungsmittel, also eine
ganze Menge. Da mein Stiefvater kein Talent für die Hausarbeit hatte, musste
ich ihn ersetzen.
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Auch das Kohlen holen fiel in mein
Ressort. Geheizt wurde mit Briketts, die im Handwagen beim Kohlenhändler geholt
wurden. Erst gab es sie nur „auf Marken“ beziehungsweise Bezugsscheinen. Später
konnte man dann auch „freie“ Kohlen zu einem höheren Preis dazu kaufen. Damit
sie weniger Platz einnahmen, wurden sie im Keller geschichtet, denn der Bedarf
für eine Heizperiode wurde auf einmal geholt. Zu einem modernen Kohleherd
hatten wir es noch nicht gebracht. In der Küche stand eine sogenannte
Küchenmaschine. Benutzt wurde diese „Maschine“ aber nicht mehr, gekocht wurde „modern“
mit einem zweiflammigen Gaskocher; falls genügend Druck da war. In den anderen
Räumen standen sogenannte Berliner Öfen: gemauerte Kachelöfen zum Zuschrauben.
Diese zu heizen war eine Wissenschaft für sich. Man musste genau den Zeitpunkt
abpassen, wo keine schwarze Kohle mehr zu sehen war, nur noch rote Glut, sonst
konnte der Ofen explodieren. Dann wurden Feuer- und Aschkastentür fest
zugeschraubt, um die Glut und damit die Ofenwärme möglichst lange zu erhalten. Merkwürdigerweise
war aber keine Dichtung vorhanden. Zum Abdichten wurde Eisen auf Eisen
gepresst. Dieses System war aber für Hausfrauen angelegt, die am späten
Vormittag heizten, damit es abends schön warm war. Bei Berufstätigen war der
Ofen immer dann am wärmsten, wenn man es nicht brauchte. Heizte man vor der
Arbeit, war es um die Mittagszeit, wenn niemand zu Hause war am wärmsten und
heizte man nach der Arbeit, war es nachts, wenn alles schlief am wärmsten und
für zweimal heizen reichten die Kohlen nicht.
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Irgendwann in dieser Zeit war auch die
Mutter meines Stiefvaters gestorben und wir hatten die Wohnung für uns. Dadurch
stabilisierte sich die Ehe meiner Mutter und es begann eine ruhige Phase, von
der mir nichts Besonderes in Erinnerung ist.
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Der Tod meiner Großmutter war für den
Großvater ein schwerer Schlag und warf ihn völlig aus der Bahn. Er blieb allein
in der Wohnung und errichtete auf dem Tafelklavier eine Art Altar für seine
Frau. Heute stellt sich für mich die Frage, wie er sich eigentlich versorgte,
aber daran habe ich leider keine Erinnerung. Als Kind ist man doch immer etwas
egoistisch und sieht vorwiegend sich. Ziel meiner Besuche bei ihm war in der
Hauptsache, dass er Wechselstrom hatte und ich mir auf einem selbst gebauten
Plattenspieler bei ihm Langspielschallplatten über sein Radio anhören konnte.
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Zuhause hatte ich nur ein mechanisches
Grammophon, dass ich von Bekannten geschenkt bekommen hatte. Vor 1961 gab es in
der DDR eine Ausreisewelle und das zurückgelassene Mobiliar wurde in speziellen
Läden verkauft. So kam ich für eine Mark zu Schellackplatten für das
Grammophon. Sonst kostete eine Schallplatte 4,00 Mark plus 10 Pfennig Kulturabgabe.
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Die Wohnung meines Stiefvaters hatte
in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als erstes Haus in der Straße
elektrischen Strom bekommen. Das war aber Gleichstrom. Die allgemeine
Elektrifizierung der Städte erfolgte dann mit Wechselstrom. Der Gleichstrom
stellte sich im Alltagsleben mit zunehmender Elektrifizierung als Nachteil
heraus. Man brauchte Allstromgeräte, bei denen zum Beispiel beim Radio die
niedrige Betriebsspannung allein durch Widerstände erzeugt wurde. Dadurch war
aber das Gerät direkt mit dem Netz verbunden und es durfte deshalb kein
Plattenspieler angeschlossen werden. Üblicherweise wird sonst eine niedrigere
Spannung durch Transformatoren erzeugt, wodurch die Geräte ungefährlich nicht
mehr direkt mit dem Netz verbunden sind. Das geht aber bei Gleichstrom nicht.
Auch Motoren in Haushaltsgeräten waren zunehmend Wechselstrommotoren, weshalb
wir sehnsüchtig die Umstellung erwarteten, die dann um 1965 erfolgte. Jahrelang
hatte ich darauf gewartet und dann hatte ich an diesem Tag mündliche
Abiturprüfung in Biologie.
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In Unkenntnis der Gefahr hatte ich den
Tonabnehmeranschluss am Radio laienhaft aktiviert und auf das Grammophon einen
elektrischen Tonabnehmer montiert. So konnten wir eine Zeitlang auf diese Art
Langspielplatten hören. Doch das Federlaufwerk, das für 78 UpM gebaut war,
hatte bald satt, durch Bremsen auf 33 UpM herunter gequält zu werden und gab
den Geist auf.
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Zunächst mussten wir aber erst einmal
zu einem Radio kommen. Das war damals ein Wertgegenstand. Nach dem Krieg hatte
meine Mutter von meinem Vater einen Wehrmachtsempfänger bekommen. Der war noch
kleiner als ein Volksempfänger, ein sogenannter Einkreiser. Damit konnte man
nur den Ortssender empfangen. Mitte der fünfziger Jahre versagte aber auch
dieses Gerät und so gut, dass ich ein funktionierendes Radio herstellen konnte,
war ich beim Basteln auch nicht. Damals änderte sich das Angebot nicht so
schnell wie heute. Man konnte ein Gerät anvisieren und dann jahrelang darauf sparen.
Das Angebot an Allstromgeräten hatte sich aber schon so reduziert, dass nur
noch ein einziges Radio in Frage kam und nicht gerade das preiswerteste: Der „Dominante“
für 615 Mark mit sechsteiligem Klangregister. Um 1960 hatte wir es geschafft,
dass wir uns mit finanzieller Unterstützung des Großvaters das Gerät leisten
konnten. Das war ein Fest für die ganze Familie. Nun waren die Abende
ausgefüllt. Damals wurden die Abendshows - wie „Da lacht der Bär“ – noch parallel in
Rundfunk und Fernsehen übertragen und wie heute am Fernseher, saß man damals
vor dem Radio und genoss die tolle Klangqualität des UKW-Rundfunks.
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Wenn ich so meine Erinnerungen
überblicke, merke ich, dass sie sehr individuell sind. Einiges steht mir sehr
genau vor Augen, anderes – vor allem historische Ereignisse – haben in unserer
Familie offenbar keine Rolle gespielt: zum Beispiel die Gründung der DDR. Ich
war zwar damals erst vier Jahre alt, aber vieles aus dieser Zeit ist mir aus
späteren Berichten meiner Familie trotzdem geläufig, nur über den Staatsakt
selbst ist offenbar nie gesprochen worden. So ist es auch mit anderen
historischen Ereignissen, die in meinen Erinnerungen fehlen. Es sind eben
Erinnerungen, es ist keine geschlossene historische Abhandlung.
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Im Laufe der 4. Klasse bekamen wir
einen neuen Lehrer, da sich die bisherige Lehrerin gen Westen abgesetzt hatte.
Da ich nur mit Hochachtung von ihm sprechen werde, denke ich auch, dass ich
seinen Namen nennen kann: Herr Isemann. Er war damals
Mitte dreißig und kam aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Das machte ihn
für uns besonders interessant. Er konnte auch spannende Geschichten aus dieser
Zeit erzählen; nicht immer zur Freude bestimmter Eltern. Ein Spitzname für ihn
lag praktisch auf der Zunge: Isegrimm; wohl auch,
weil er streng, aber um Gerechtigkeit bemüht war. Er war für seine Schüler da, biederte sich aber auch nicht an, wie manche Lehrer. Da
bestehen aber zwischen Lehrern und Schülern sowieso unterschiedliche
Auffassungen. Ich war ein etwas schwieriger Schüler, weil ich durch meine
Übergröße überall auffiel. Da er selbst nicht sehr angepasst war, denke ich,
dass er für mich viel Verständnis hatte; obwohl ich mir von ihm mehr
Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Heute weiß ich, dass es gut für mich war, dass
ich mir in manchen Dingen selbst helfen musste. Er hatte auch richtig erkannt,
dass ich für Führungsfunktionen im Kollektiv nicht geeignet war. Wenn ich heute
auf meine berufliche Entwicklung zurückblicke, sehe ich ein: Er hatte recht. So
brachte ich es nur bis zum Zeitungsobmann. Neidisch war ich auf den roten
Streifen, den der Gruppenratsvorsitzende am Ärmel seines Pionierhemdes trug.
Ich erinnere mich, dass er einmal organisierte, dass nicht der Bravste, sondern
der schwierigste Schüler zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt wurde; etwa
vergleichbar mit dem heutigen Klassensprecher. Es wurde ein voller Erfolg.
Eines Tages erschien er in – damals modernen – kurzen Lederhosen, sogenannten Seppl-Hosen was einen kleinen Aufstand hervorrief. Aber er
zeigte Charakter und blieb bei seiner Entscheidung. Er besaß auch Humor. Ich
stiftete einmal andere Mitschüler an, Turnschuhe am Kartenständer aufzuhängen.
Bei der Suche nach den Schuldigen wollte ich mich, damit herausreden, dass ich
nur die Idee gehabt hätte. Ein anderer Beschuldigter meinte, er hätte nur
gesagt, wie es der Dritte machen sollte. Herr Isemann
gliederte die Abfolge auf: Idee, technische Leitung und Ausführung: Bestraft
wurden wir alle drei. Ich kam mir damals natürlich ungerecht behandelt vor.
Dann hatte ich einmal einen Aufsatz im Stil einer Räuberpistole geschrieben.
Beim Vorlesen konnten sich alle vor Lachen kaum zurückhalten. Als schließlich
der Schreibfehler vorkam „Major Isemann stürzte zum
Maschinengewehr“, konnte auch er nicht mehr an sich halten und lachte Tränen.
Genauso erging es ihm, als ein Mitschüler die Angewohnheit hatte, Gedichte mit
gewaltigem Pathos vorzutragen. Da musste er immer zum Fenster hinaussehen, um
sich nichts anmerken zu lassen. Für mich war er ein Mensch, dem man nur mit
Achtung begegnen konnte, auch wenn er als Lehrer vielleicht nicht ganz
normgerecht war. Als später meine Tochter die gleiche Schule besuchte, war er
stellvertretender Direktor. Dann verlor ich ihn aus den Augen. Nach 50 Jahren
stöberte mich ein Mitschüler von 1960 über das Internet auf und so erfuhr ich
2010, dass er noch lebt, 88 Jahre alt ist und an Klassentreffen teilnimmt.
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Wie es mit Erinnerungen so ist, sie
halten sich nicht an die Chronologie. So fiel mir jetzt ein Ereignis aus der
Vorschulzeit ein: Die Faszination, die der Leutzscher Bahnhof auf mich ausübte.
Fast täglich machte ich einen Ausflug dort hin. Mein bevorzugter Aufenthaltsort
waren die Schranken am Bahnübergang. Ein besonderer Kitzel war es, wenn ich
feststellte, dass sich ein Zug auf dem Gleis näherte, das sich direkt neben der
Schranke befand. Ich versuchte standzuhalten und vor dem zischenden und
fauchendem Ungetüm nicht zu weichen. Aber letztendlich trat ich doch ein paar
Schritte zurück. Die Vorsichtsmaßnahme war aber unnötig, denn nie ist eine
Lokomotive beim Vorbeifahren explodiert. Neben den vorbeifahrenden Zügen, gab
es viel zu beobachten: die Arbeit des Schrankenwärters, sich stellende Signale,
Rangierbewegungen. Es war ein großer Bahnübergang mit zirka 10 Gleisen: ein
funktionierender Vorortbahnhof mit regem Personen- und Güterverkehr für das
umliegende Industriegebiet Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Hatte ich genug Eindrücke, ging ich
als Höhepunkt in die Bahnhofswirtschaft und genehmigte mir eine Fassbrause und
ein Fischbrötchen. Das Geld dazu hatte ich abgezählt in der Hosentasche.
Zufrieden, gesättigt und voll an Erlebnissen machte ich mich auf den halbstündigen
Heimweg.
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Seit der Kindheit faszinierte mich das
Fotografieren. Leider blieb es lange Zeit ein unerschwinglicher Traum:
Anfängerapparat „Pionier“, 3 x 4 cm Bilder, 11,50 Mark; Rollfilmkamera Pouva-Start, 6 x 6 cm Bilder, 16,50 Mark; Kleinbildkamera ab
50 Mark; Spiegelreflexkamera 125 bis 1000 Mark. Monatseinkommen 300 bis 400
Mark.
Eigentlich waren die Preise genügend
gestaffelt, so dass für jeden Geldbeutel etwas dabei war. Es ist mir heute
unerklärlich, warum meine Mutter lange Zeit diesem Herzenswunsch entgegenstand.
Vielleicht weil ihr dafür jedes Verständnis fehlte. Bei Bücherwünschen war sie
weit großzügiger, weil das in ihren Augen Bildung war und mich voran bringen
sollte.
Auch als ich endlich mit etwa 12
Jahren zu einer Fotoausrüstung gekommen war, hatte ich vieles davon selbst
gebaut. Ich entwickelte selbst, brachte es aber nie zu einem professionellen
Vergrößerungsgerät. Auch meine Dias zeigte ich zuerst mit einem selbst gebauten
Projektor.
Das Entwickeln machte viel Spaß,
besonders beim Positiv, wenn in der Schale aus dem Nichts geisterhaft das Bild
auf dem Papier entstand. Wir hatten zum Glück ein kleines Zimmer übrig, dass
ich mir als Dunkelkammer einrichten und wo ich die Fenster zukleben konnte.
Es war damals üblich, dass sich
Familien und Bekannte zu Diavorträgen zusammenfanden; von den Fotografen mit
teilweise mehreren hundert Dias gequält. So in der Art: ich vor dem Petersdom,
meine Frau vor der Venus von Milo, unser Hund vor der Akropolis. Zur
Aufstockung der eigenen Bestände gab es auch fertige Diaserien zu kaufen.
In der Schule gründete ein
fotobegeisterter Lehrer eine Arbeitsgemeinschaft „Fotografie“. Dort lernte ich
die Anfangsgründe der Bildgestaltung, was mich für meinen weiteren Werdegang
als Fotograf prägte. Ich verstand mich nie als „Knipser“
(abwertend für Fotograf), bemühte mich immer, die Bilder zu gestalten. Und
damals gab es – im Unterschied zu heute – nicht die Möglichkeit, mit dem
Computer einfach etwas Überflüssiges wegzuschneiden.
Die mangelhafte technische Ausstattung
war auch der Grund, dass ich es nicht zu größeren Erfolgen und öffentlicher
Anerkennung brachte. Für ein selbst gebasteltes Vergrößerungsgerät waren die
Ergebnisse beachtlich, aber nicht zu vergleichen mit einem professionellen
Gerät. Daran änderte auch wenig, dass ich mir mit 15 Jahren mit finanzieller
Unterstützung meines Großvaters eine „gute Spiegelreflexkamera kaufen konnte; Praktica IV für 415 Mark. Dabei musste man den Ausweis
vorlegen und wurde notiert, um ein Verschieben in den „Westen“ zu verhindern.
Es ist die Ironie des Lebens. Vom rein
finanziellen her, könnte ich mir jetzt manchen Wunsch erfüllen, der in Kindheit
und Jugend ein Traum war. Doch nun frage ich mich: wozu?
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Irgendwann, so um die 16, begann ich
Klavier zu spielen. Meine Mutter hatte 10 Jahre Klavierunterricht gehabt und
spielte ganz leidlich. Das Tafelklavier bei den Großeltern wurde aber nur zur
Weihnachtszeit in Betrieb genommen. Es diente nämlich als Ablage und musste zum
Spielen aufwändig freigeräumt werden. Durch Zufall ergab sich die Gelegenheit, günstig
zu einem eigenen Klavier zu kommen. Mit einem Pferdefuhrwerk wurde es
angeliefert und ich begann mit dem Unterricht bei der Klavierlehrerin meiner
Mutter; einem alten Fräulein. (Sie legte Wert darauf, dass sie ein Fräulein war
und wollte so angeredet werden.) Zwei Jahre hielt ich durch und brachte es in
dieser Zeit zum Notenspielen von einfachen Schlagern und Unterhaltungsmelodien.
Doch ein besonderes Talent zum Musizieren hatte ich nicht und so schlief die
Sache bald wieder ein. 40 Jahre später versuchte ich es noch einmal mit einem
Keyboard. Doch nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich auch hier eine Grenze,
über die ich nicht hinaus kam.
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Als im Schuljahr 1954/55 der Russischunterricht
begann, befand sich der Ostblock im tiefsten Stalinismus. Auf der ersten Seite
des Russischlehrbuches prangte ein Foto des Generalissimus.
Er saß mit gesenktem Blick an einem Tisch. Wir machten unsere Witze darüber, ob
er wohl schliefe, nicht wissend, wie gefährlich solche Äußerungen in der
damaligen Zeit waren, wo Stalin fast wie ein Heiliger verehrt wurde. Zu dem
Foto ein Gedicht, dass mir wahrscheinlich durch seine Primitivität im
Gedächtnis geblieben ist.
Stalin, das ist Frieden / Stalin, das
ist Freundschaft / Stalin, das ist der unsterbliche Wille des Kommunismus /
Stalin, Stalin, Stalin.
Uns Schülern der 3. Klasse wurde
beigebracht, dass die Sowjetmenschen (Das Wort „Russen“ war verpönt.) schon in
ihrer Kindheit Helden waren. So gab es im Russischlehrbuch eine Geschichte, in
der ein Pionier beim Spaziergang an den Gleisen einen gebrochenen Stoßverbinder
bemerkte. Er band sein rotes Halstuch ab, lief winkend dem Zug entgegen und
verhinderte so eine Eisenbahnkatastrophe.
Es gab auch eine Geschichte, in der
ein Eisbär eine Postkutsche verfolgte. Dadurch ist bei mir haften geblieben,
das Eisbär „tuljeen“ heißt; fast das Einzige an russischen
Sprachkenntnissen, das ich noch weiß. Soweit meiner Erinnerung. Nur zeigt das
letzte Beispiel, wie unzuverlässig Erinnerungen sein können. Ein Schulfreund
wies mich nämlich darauf hin, dass das Wort nicht „Eisbär“ sondern „Seehund“
bedeutet. Damit ist auch der ganze Passus fragwürdig geworden. So habe ich also
mehr als 50 Jahre etwas Falsches in meinen Erinnerungen gespeichert. Das zeigt
wieder einmal, wie subjektiv diese sein können.
In der Erinnerung ist mir, dass die Methodik
des Sprachunterrichts ziemlich wirklichkeitsfremd gewesen sei. So blieb kaum
etwas für die praktische Anwendung hängen. Ich nehme an, dass auch den meisten
Lehrern einfach die Praxis fehlte. Wo sollte die auch herkommen? Sprachreisen
waren 10 Jahre nach Kriegsende noch nicht üblich und möglich, und die
Kriegsgefangenschaft ist auch nicht die beste Grundlage für Sprachunterricht.
Auch dieser Passus zeigt, wie sehr eine Erinnerung von der persönlichen
Reflexion abhängt. Ich hatte im Russischunterricht große Schwierigkeiten;
musste teilweise Nachhilfe nehmen. Die Einschätzung, dass mir der
Russischunterricht nichts oder wenig gebracht hätte, die ich jahrzehntelang mit
mir herum trug, kann also auch durchaus an mir liegen und nicht an der Methodik
oder der Qualifikation der Lehrer.
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Die herrschende Ideologie meiner
Kindheit, war von einem starken Anti-Amerikanismus geprägt, der sich an
lächerlichen Kleinigkeiten zeigte. Meine Mutter hatte mir sogenannte
Campinghemden genäht, die über der Hose getragen wurden. Einmal verteilte ich
im Auftrag der Schule irgendwelche Flugblätter an die Passanten. Da hielt mich
ein „alter Genosse“ an und putzte mich herunter: „Hemd über der Hose und dann
so was. Schließlich sind wir hier nicht in Amerika.“ Als etwas zwölfjähriger
Junge war ich da ziemlich verstört.
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In der ersten Jahren der
R-(Russisch)Klasse gab es im Klassenzimmer eine „Rote Ecke“ mit Wandzeitung und
Gruppenwimpel der Pioniergruppe. Genauso so ein Politikum war das Tragen des
Pionierhalstuches. Nach dem Ende des Stalinismus sah man das alles etwas
großzügiger. Auch begannen einige Lehrer mit „Guten Tag“ zu grüßen; andere
blieben bei „Für Frieden und Sozialismus! Seid bereit!“ und die Klasse
antwortete: „Immer bereit!“
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Nach dem 8. Schuljahr wurde die
R-Klasse aufgelöst. Die Besten gingen in ein Internat zur Vorbereitung auf das
Abitur (12 Klassen). Der Rest, zu dem auch ich gehörte, kam in die „normale“ 9.
Klasse zum Abschluss der POS (Polytechnische Oberschule; 10 Klassen).Der
Leistungsunterschied der beiden Klassentypen zeigte sich darin, dass ich, der
in der R-Klasse zu den schlechtesten Schülern zählte, nun zu den besten
gehörte. Da es ab der 9. Klasse keine Schulbänke mehr gab, sondern Tische und
Stühle, musste ich nicht mehr an einem extra Tisch, wie auf dem
Präsentierteller, vor der Klasse sitzen. Zur Erinnerung: In den Klassenstufen,
wo es noch Schulbänke gab, passte ich aufgrund meiner Größe nicht mehr in diese
hinein.
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Am Ende der 8. Klasse fand auch die
Jugendweihe statt; Konfirmation war kein Thema. Vorher gab es ein Jahr lang zur
Vorbereitung so genannte Jugendstunden mit Vorträgen und Exkursionen zur
Vorbereitung auf das sozialistische Erwachsenenleben. Da mir von den
Jugendstunden nichts Prägnantes haften geblieben ist, scheinen sie nicht
besonders aufregend gewesen zu sein; mehr die üblichen Pflichtveranstaltungen.
Am Feiertag selbst sprachen wir dann in der Feier das Gelöbnis zum Aufbau des
Sozialismus und waren nun theoretisch Erwachsene. Anschließend war die
Familienfeier; für unsere Verhältnisse ziemlich pompös mit allen Verwandten. Es
müssen so um die zwanzig Leute gewesen sein. An Geschenke kann ich mich nicht
erinnern. Die einzige Erinnerung betrifft eine von meiner Mutter selbst
gemachte, aber missratene Butterkremtorte. Da man sie so nicht servieren
konnte, durfte ich die Masse allein aufessen.
WIRD FORTGESETZT!