Das Erwachen
Kurzgeschichte
Eberhard Kamprad
Krachen,
splittern, kreischen. Als der Lärm verstummte, lag auf der Kreuzung ein Haufen
Schrott. Eine Frau kroch auf allen Vieren von der Unfallstelle fort. Aus dem
einen Wrack hing der leblose Körper eines Mannes. Etwas entfernt lag ein
herausgeschleuderter, zerstörter Drahtkäfig. Ein großer, schwarzer Hund
befreite sich gerade daraus und ließ einige Stücke Fell an den verbogenen
Gitterstäben zurück. Er humpelte zu dem Mann und leckte ihm das Gesicht ab.
Ich falle und falle und falle in eine bodenlose, körperlose Tiefe. Plötzlich erschüttert eine gewaltige Explosion das Universum. Das Fallen verlangsamt sich, nimmt dann aber umso schneller zu. Aus einer anderen Galaxis höre ich eine Stimme: „Dreihundert! Zurück vom Tisch!“ Dann wieder eine Detonation. Ein gewaltiger Motor beginnt in rhythmischen Stößen zu arbeiten. Das Fallen hört auf, ich fange an emporzuschweben. Eine andere Stimme sagt: „Wir haben ihn wieder.“ In einem Kreis goldglänzender Lichtkaskaden halte ich an.
Auf
der Wartebank vor dem OP saß eine verheulte Frau und starrte wie hypnotisiert
auf die Tür. Endlich öffnete sich diese. Monika Schulze stand auf und ging dem
Arzt ein paar Schritte entgegen. Dann hob sie abwehrend die Hände gegen ihn,
als wolle sie die Nachricht, die er brachte, von sich schieben.
„Ihr
Mann lebt! Mehr können wir im Moment nicht für ihn tun, Frau Schulze“,
informierte sie der Arzt mit berufsmäßiger Anteilnahme. „Die Reanimation war
erfolgreich. Er schläft jetzt. Das ist gut, so können sich die Vitalfunktionen
stabilisieren. Und Sie schlafen jetzt am besten auch ein bisschen.“
Er
fasste ihre Hände, die sie ihm immer noch abwehrend entgegenstreckte, und
drückte sie beruhigend.
„Wir
rufen Sie an, wenn Sie Ihren Mann sehen können.“ „Danke, danke, Herr Doktor,
für alles, was Sie für meinen Mann getan haben“, schluchzte sie.
Da
ertönte der Pieper in der Brusttasche des Arztes.
„Ich
muss in die Notaufnahme, auf Wiedersehen, Frau Schulze!“
Während
sich Monika Schulze dem Auto näherte, richtete sich die Rottweilerhündin Anja
erwartungsvoll auf und versuchte, ihre Schnauze durch den Lüftungsspalt des
Fensters zu schieben. Als sie sah, dass Frauchen allein kam, sank sie auf ihrem
Platz zusammen. An Kopf und Rücken der Hündin waren Wunden mit flüssigem
Pflaster eingesprüht, die rechte Vorderpfote trug einen dicken Verband, über
den eine Socke als Schuh gezogen war. Monika Schulze kraulte den dicken Kopf,
während sich die Hündin an sie schmiegte. „Du hast schlecht auf Herrchen
aufgepasst.“ Anja winselte. „Kannst ja nichts dafür, hast selbst was abbekommen“,
und nun tropften die Tränen in das weiche Hundefell. Sachte und behutsam leckte
Anja die Tränen vom Gesicht ihres Frauchens.
„Setzen
Sie sich, Frau Schulze!“
„Warum
kann ich nicht gleich zu meinen Mann, wieso wollen Sie mich vorher sprechen,
Herr Doktor?“ Angst schwang in Monikas Stimme.
„Sie
können sofort zu ihm, aber ...“
„Was
aber?“
„Es
ist ein Problem aufgetreten. Ihr Mann wacht nicht auf.“
„Wacht
nicht auf? Was bedeutet das?“
„Es
handelt sich um einen Funktionsausfall der Großhirnrinde bei erhaltener
Funktion der lebenswichtigen Zentren des Gehirns, ein so genanntes Wachkoma.
Das kommt als Folge von Reanimationen vor. Wenn Sie zu Ihrem Mann gehen – und
deshalb wollte ich vorher mit Ihnen sprechen – scheint es, als ob er wach ist.
Die Augen sind geöffnet, der Blick jedoch geht ins Leere und er kann weder
emotionalen Kontakt aufnehmen noch Aufforderungen befolgen.“
„Und
wird mein Mann wieder aufwachen?“ Monika Schulze richtete sich halb auf und sah
dem Arzt erwartungsvoll an.
„Das
lässt sich leider nicht vorhersagen. Bei etwa 20 Prozent der Patienten kehrt
das Bewusstsein wieder, nach drei Monaten sind es allerdings nur noch 10
Prozent.“
Sie
sank in sich zusammen.
„Frau
Schulze,“, der Arzt fasste ihre Hände und hielt sie fest in den seinen, „Sie
haben jetzt eine große Aufgabe. Wahrscheinlich können nur Sie ihren Mann ins
Leben zurückholen. Wir tun alles medizinisch Notwendige, damit sein Körper
keinen weiteren Schaden nimmt, aber für die Seele können wir wenig tun. Ein
starker emotionaler Reiz, der den Kranken zurückholt, kann oft nur von den
nächsten Angehörigen kommen. Besuchen Sie Ihren Mann so oft wie möglich. Da man
nicht weiß, was er von der Umwelt wahrnimmt oder nicht, ist es wichtig, sich
ihm aktiv zuzuwenden. Sprechen, Berühren und das Vorspielen bekannter Musik
können das Aufwachen unterstützen.“
Monika
Schulze richtete sich auf und befreite ihre Hände.
„Führen
Sie mich zu ihm, mein Mann wird zu den 20 % gehören. Ich hole ihn ins Leben
zurück!“
Ich stecke in einer zähflüssigen Masse. Sie umschließt mich von allen Seiten. Verzerrte Lichtimpulse und Geräuschfetzen erreichen mich. Ich will mich aus diesem klebrigen Gefängnis befreien. Was an Signalen zu mir dringt, will ich deuten. Es gelingt mir nicht. Ich versinke wieder in Schwärze.
„Mutlos,
Frau Schulze?“
„Ach,
Herr Doktor! Soll man da nicht mutlos werden. Ich mache alles an Übungen und
Anregungen was sie empfohlen haben und nichts hilft. Mein Mann liegt da wie ein
Stück Holz.“
„Denken
Sie nach, Frau Schulze. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein, was einen
starken Reiz auf Ihren Mann ausüben könnte.“
„Er
hat sehr an Anja gehangen, ich könnte sie einmal mitbringen. Vielleicht reißt
ihn das aus seinem Zustand.“
„Gut!
Bringen Sie diese Anja morgen mit. Die Hauptsache, Sie werden nicht auf sie
eifersüchtig, wenn Ihr Mann so an ihr hängt.“
„Ich
werde doch nicht auf einen Hund eifersüchtig sein.“
„Einen Huuund? Ein Hund auf der
Intensivstation! Das hat es noch nie gegeben.“
„Ich denke, ich sollte alles
Menschenmögliche versuchen?“
„Ja, aber, hmm, wir können es einmal
probieren. Stecken sie ihn unter die Jacke und bringen sie ihn unauffällig
herein. Ich sorge dafür, dass Sie nicht gestört werden!“
„Unter
die Jacke geht leider nicht. Anja ist eine Rottweilerhündin und wiegt 40 kg.“
„Frau
Schulze, sie bringen mich noch in Teufels Küche. Kommen Sie mit dem Hund ...
über die Feuertreppe. Ich sorge dafür, dass die Tür offen ist.“
„Danke,
danke, Herr Doktor! Mein Mann wird zu den 20 Prozent gehören, die wieder
aufwachen. Ich vertraue fest auf Anja.“
„Vergessen
Sie nicht, dass wir uns langsam aber sicher der Grenze nähern, wo es nur noch
10 Prozent sind.
„Anja
wird es schaffen, sie ist doch sein Ein und Alles.“
Endlich
war es dunkel genug. Monika Schulze und Anja näherten sich der Feuerschutztür
auf der Rückseite des Krankenhauses. Sie bemühten sich im Schatten zu bleiben.
„Du
darfst nicht bellen, sonst können wir deinem Herrchen nicht helfen.“
Die
Hündin wedelte mit dem Schwanz, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Als
Monika die Tür zur Feuertreppe öffnete, registrierte der Bewegungsmelder ihre
Anwesenheit und schaltete das Licht ein. Aber zum Glück brannte es nur in einer
Etage, die hell erleuchtete Feuertreppe wäre zu auffällig gewesen. Leise
stiegen sie die Eisenstufen empor. Hinter ihnen verlosch das Licht, vor ihnen
leuchtete die nächste Etage auf. Plötzlich wurde es auch einige Stockwerke über
ihnen hell. Monika schreckte zusammen. Anja drückte sich in den Schatten. Ihr
schwarzer Körper verschmolz mit der Wand, nur die bernsteingelben Augen
leuchteten.
„Hallo,
ist da jemand?“, hallte eine Männerstimme, „der Aufenthalt auf der Feuertreppe
ist verboten.“
„Ich
wollte ein bisschen frische Luft schnappen und habe mich verlaufen“, antwortete
Monika geistesgegenwärtig, „ich suche die Intensivstation!“
„Da
müssen Sie in der vierten Etage ins Gebäude ’rein. Guten Abend!“
Über
ihnen erlosch das Licht. Monika Schulze tat einen tiefen Seufzer und Anja kam
aus ihrer Ecke hervor. Bald hatten sie die bezeichnete Etage erreicht. Monika
öffnete vorsichtig die Feuerschutztür. Anja streckte ihre Nase vor und zog sie
schnell wieder zurück; so viele unangenehme Gerüche. Monika Schulze strich ihr
über den dicken Kopf und zog sie vorsichtig mit sich. Auf einmal begann Anja zu
ziehen. Unter den vielen fremden Gerüchen hatte sie einen vertrauten
erschnüffelt. Sie stürmte auf eine Tür zu und öffnete sie mit der Vorderpfote.
Nun befinde ich mich in einem wallenden, grauen Nebel. Wieder nehme ich Geräusche und Licht nur gedämpft war. Auf einmal drängt ein Geräusch alles andere beiseite. Es wird hell und klar. Jetzt erkenne ich es. Es ist das Bellen von Anja. Meine Arme und Beine kann auf ich auf einmal bewegen. Meine Hände spüren weiches, warmes Fell. Etwas Feuchtes, Raues wischt über mein Gesicht, wischt wieder und wieder und holt mich in die Wirklichkeit zurück.
Da
schlug Herr Schulze die Augen auf. Er erkannte, dass er in einem
Krankenhausbett lag. Anja hatte ihre Vorderpfoten auf den Rand gestellt und
leckte ihm das Gesicht ab. Die Welt und er waren wieder eins.