Hundebegegnungen
Dackel
Dolly erzählt.
Eberhard Kamprad
„Komm!“, dringt das Kommando an mein
Ohr, doch ich bleibe meinem Dackelimage treu. Wenn ich nicht hören will, bin
ich wie taub. Schließlich liege ich gerade dösend in meinem Körbchen. Erst die
Wiederholung in schärferem Ton bringt mich dazu, die Augen zu öffnen. Aha, mein
Herrchen will mit mir spazieren gehen. Richtige Lust habe ich nicht, es ist
nass und kalt. Durch meine kurzen Pfoten ist der Bauch so nah an der Erde und
bekommt alles ab. Außerdem muss ich beweisen, dass ich ein richtiges
Dackelmädchen bin und damit sehr eigensinnig.
Ich wälze mich aus meinem Körbchen
heraus und strecke mich ausgiebig. Jetzt wird Herrchen ungeduldig, wedelt mit
der Leine. „Ja, ja, ich komm doch schon.“ Ich werfe ihm meinen berühmten
vorwurfsvollen Dackelblick zu und schleppe mich zu ihm. Jeder muss doch sehen,
wie ich leide. Aber er glaubt nicht, dass es mir schlecht geht, packt mich im
Genick und schüttelt mich. So machte es meine Hundemama mit mir, wenn ich nicht
hören wollte. Also muss ich wohl oder übel gehorchen und laufe ordentlich neben
ihm aus dem Haus.
Kaum auf der Straße packt mich die
Wut. Der Geruch meines Erzfeindes fährt mir in die Nase. Offenbar ist er hier
auf meinem Weg entlanggegangen. So eine Unverschämtheit!
„Wau, wuff, huhuuuu“, sage ich
lautstark meine Meinung.
„Aus, auus, auuus“, befiehlt mein
Herrchen mit wachsender Lautstärke.
Na, er macht mindestens ebenso viel
Krach wie ich.
Unser Lärm ruft die Hundehasser an die
Fenster.
„Ruhe da unten!“
„Verdammter Köter!“
„Schlafenszeit!“
Kann ich was dafür, dass ich so ein
kräftiges Organ habe? Das haben die Menschen mir mit Absicht angezüchtet.
Schließlich muss man mich auch hören, wenn ich tief im Fuchsbau unter der Erde
stecke.
Endlich habe ich mich soweit beruhigt,
dass wir weitergehen können. Da mein Herrchen nicht „Fuß“ befohlen hat, laufe
ich im Schnuppergang; immer mit der Nase am Boden. Schließlich muss ich der
Bezeichnung „Erdhund“ gerecht werden. Die Menschen meinen dann: Ich sähe aus
der Ferne wie ein Staubsauger mit Beinen aus. Na, wenn‘s ihnen Spaß macht. Aha,
endlich eine angenehme Nachricht. Mein Freund Moritz Westie ist vor kurzem hier
entlanggegangen. Ich erfahre, dass es ihm gut geht und hinterlasse auch eine
Nachricht.
In der Ferne schiebt sich etwas in
mein Blickfeld, das wie ein Artgenosse aussieht. Also zur Vorsicht erst einmal
stehen bleiben. Soll der Andere herankommen. Jetzt hat er mich offenbar auch
entdeckt und bleibt ebenfalls stehen. Wir Hunde haben ja Zeit, unsere Menschen
leider nicht. Sie zerren uns aufeinander zu. Dabei sind wir noch gar nicht zu
einer Begegnung bereit. Nun erkenne ich, dass es Robert ist, ein gutmütiger
schwarzer Rottweiler-Rüde. Große Artgenossen gefallen mir sowieso am besten.
Sein Frauchen erzählt: „Robert denkt immer, er ist ein Schoßhund. Dann legt
sich mit seinen 30 Kilo auf mich, wenn ich auf der Couch liege. Nur bekomme ich
dann keine Luft mehr.“ Robert muss seinen Hals weit nach unten strecken, um bei
mir schnuppern zu können, aber ich kann leider nur mal an seinem Bein riechen
und das ist nicht sehr ergiebig. Auf die Idee, sein Hinterteil zu mir
herunterzulassen, kommt Robert natürlich nicht, typisch Mann! Kein bisschen
Feingefühl und Rücksichtnahme. Na, wenigstens kennt er mich und gibt sich mit
einmal Schnuppern zufrieden. Unentschlossene Rüden dagegen kann ich gar nicht
leiden.
Jedes Mal spielt sich dasselbe ab. Der
Rüde schnuppert, geht weiter, bleibt nach fünf Schritten stehen, denkt nach und
kehrt wieder um, offenbar in der Meinung, sich geirrt zu haben. Schnuppert
wieder ausgiebig. Die gleiche Prozedur. Dann fange ich zu knurren an und gucke
wütend nach hinten, dass er sich endlich eine Meinung bilden soll. Wenn er
unschlüssig bleibt, fahre ich wütend auf ihn los. Ein erfahrender Rüde muss
doch den Geruch einer kastrierten Hündin kennen.
Einmal habe ich einen großen
Schäferhund-Rüden über die ganze Wiese gejagt. Mein Herrchen wird nicht müde,
das zu erzählen: „Ein Bild für die Götter, ein riesiger Schäferhund flüchtet
vor einem laut bellenden Dackel.“ Offenbar kommt es bei uns gar nicht so sehr
auf die Größe an, um auf den anderen Eindruck zu machen, sondern auf das
ausgestrahlte Selbstbewusstsein. Na, und davon habe ich genug.
Wenn mir diese Schnupperei zu viel
wird, setze ich mich einfach auf mein Hinterteil und schlage den Schwanz ein.
Dann ist alles außer Reich- vielmehr Schnupperweite. Inzwischen ist auch Robert
fertig geworden. Bei ihm, als altem Bekannten, habe ich etwas mehr Geduld. So,
jetzt bin ich in der richtigen Stimmung, um mein „Geschäft“ zu erledigen, wie
die Menschen sagen. Da es erst einmal darum geht, die Blase zu entleeren,
drücke ich mein Hinterteil breit. „Gute Dolly“, sagt mein Herrchen. Wenn ich
anderen Hunden eine Nachricht hinterlassen will, habe ich nämlich eine andere
Methode: Dann stehe ich wie ein Rüde auf drei Beinen und bin sehr sparsam,
damit ich für alle Nachrichten etwas habe.
Mein Herrchen wartet geduldig. Es ist
wichtig, dass wir Hunde zum „Geschäft“ unsere Ruhe haben. Schlimm dran war eine
Schäferhündin, die ich kannte. Ihr Herrchen ging so selten mit ihr ‘raus, dass
sie es gerade noch bis zur Haustür aushielt. Da sie aber weitergezerrt wurde,
war immer eine breite Spur quer über den Fußweg.
„Das ist aber nicht gut für den Hund.“
„Halten Sie Ihre Klappe und kümmern
Sie sich um Ihren Kram. Ich weiß selbst, was für meinen Hund gut ist.“
Habe ich ein Glück, dass ich bei
vernünftigen Menschen lebe.
An der Ecke steht plötzlich meine
Namensvetterin vor mir. Dolly ist ein Pitbull und damit in den Augen dummer
Menschen ein Kampfhund, obwohl es diese Rasse gar nicht gibt. Denn ein Hund ist
immer das, was die Menschen aus dem Welpen machen. Dolly ist viel freundlicher
und zugänglicher als ich. Im Sommer läuft sie auf der Wiese immer zu anderen
Familien und will sich mit auf deren Decke legen. Diese schreien entsetzt:
„Hilfe! Ein Kampfhund!“ Dolly zeigt dann, wie lieb sie ist, legt sich auf den
Rücken und strampelt mit den Pfoten, so dass die Leute meistens ihre Meinung
ändern. Ich begrüße sie mit einem freundlichen Beller. Wir beschnuppern uns
kurz und jede erfährt, dass es der Anderen gut geht.
Da kommt Dorothea, mittlerweile ein
hübscher Teenager, der sich nicht mehr für Hunde interessiert. Sie nickt uns
nur flüchtig zu. Vor vier Jahren, als ich neu im Wohngebiet war, war das ganz
anders. Da war sie ganz verrückt nach mir. Insbesondere die Namensgleichheit bot
Anknüpfungspunkte, da sie Dolly gerufen wurde. Jetzt hat sie wohl andere
Interessen.
Nun ist eigentlich Zeit für die
„freundliche Mutter“. Wir nennen sie so, weil sie immer gute Laune hat, wenn
sie ihre Tochter in den Kindergarten bringt. Hat sie sich heute verspätet oder
sind wir zu zeitig? Ein silbergraues Auto nähert sich und parkt schwungvoll
ein. Dem Fahrstil nach könnte sie es sein. Ja, sie winkt uns schon vom
Fahrersitz aus zu. Sie läuft um das Auto herum, öffnet die Tür und kriecht halb
hinein, um das angeschnallte Kind zu befreien. Dabei präsentiert sie uns ihr
ausnehmend hübsches Hinterteil. Jedenfalls scheint das mein Herrchen zu meinen.
Er bleibt immer wie gebannt stehen und starrt auf die Rundungen. So habe ich
Zeit zum ausgiebigen Schnüffeln. Er tut natürlich so, als ob er wegen mir
stehenbliebe.
Hallo Geschlechtsgenossinnen! Habt ihr
eigentlich mal daran gedacht, welchen Anblick ihr bietet, wenn ihr mit dem
Vorderteil im Auto steckt und den Hintern in die Luft reckt? Nach meinen
Beobachtungen muss das für vorübergehende Männer äußerst interessant sein. Für
mich ist das Wesen eines Menschen wichtiger. Trifft man gleich früh so einen,
wie die freundliche Mutter, ist der ganze Tag voll Sonnenschein. Als sie mit
dem Kind auf dem Arm wieder aus dem Auto auftaucht, lacht sie uns ihr
freundliches „Hallo!“ zu.
Jetzt wird es aber Zeit, dass ich ein
Weilchen meine Ruhe habe. Sonst komme ich zu nichts, schließlich darf ich erst
wieder nach Hause, wenn ich mich „gelöst“ habe, wie es die Menschen vornehm
nennen. Manchmal wird mein Herrchen böse, wenn ich erst jeden Grashalm
abschnuppere, aber wir Hunde müssen eben in die richtige Stimmung kommen. So
auf Kommando geht das nicht. Aha, eine Nachricht! Da muss ich erst einmal meine
dazu setzen.
Ich bin gerade fertig geworden, da
kommt Susi um die Ecke. Sie ist auch ein Rauhaardackel wie ich, sieht aber wie
ein Bär aus und ist bedeutend größer. So zehn Kilo wird sie wohl auf die Waage
bringen. Man sieht, dass das gute Futter bei ihr anschlägt. Ihr Herrchen bekam
sie geschenkt, als er sechzig wurde. Da lag sie wie ein Igelkind in ihrem
Körbchen. Inzwischen ist er über siebzig und Susi schon lange nicht mehr mit
einem Igel zu verwechseln. Sie interessiert mich nicht, aber von ihrem Herrchen
will ich gestreichelt werden. Das ist eine Eigenart von mir, dass mich häufig
die Menschen mehr interessieren, als die dazu gehörigen Hunde.
Hinter uns nähern sich rasch
klappernde Absätze. Aha, die Bürofrau kommt. Wie kennen sie nicht näher, wir treffen sie nur jeden Morgen, grüßen uns
und wechseln ein paar Worte über das Wetter. Aber so korrekt, wie sie immer
gekleidet ist, geht sie bestimmt in ein Büro. So hat sie ihren Namen bekommen.
Sobald ich das Geräusch ihrer Schuhe höre, bleibe ich ruckartig stehen und gehe
nicht weiter, bis sie vorbei ist.
Vier Schulkinder kommen auf uns zu.
„Kann man den Hund streicheln?“
Mein Herrchen erklärt ihnen, wie man
einen Hund begrüßt.
„Die flache Hand zum Beschnuppern
hinhalten, damit er sich auf Hundeart eine Meinung bilden kann, an der Körpersprache
sieht man dann, ob er Kontakt will oder nicht. Euch würde es auch nicht
gefallen, wenn euch jeder Vorübergehende einfach über den Kopf streifen würde,
niemals von oben kommen, da das der Hund als den Angriff eines Raubvogels
auffassen kann ...“
Die Kinder sind von diesem Vortrag
nicht sehr begeistert und ziehen weiter. Ich bin froh darüber, denn ich bin
sehr eigenwillig und mag nicht jeden; und vor allem: Ich zeige es auch. In der
Wahrnehmung der Menschen mutiere ich dann vom lieben Hundilein zum widerlichen
Köder. Aber so sind die Menschen nun einmal. Denken, sie sind die Größten und
betrachten uns als Plüschtiere, die zufällig laufen können.
Nun fehlt nur noch Charly Wolfsspitz.
Unsere Frauchen treffen sich häufig beim Nachmittagsspaziergang im Park und
haben immer viel Uninteressantes zu bereden. Als ich noch jünger war, dachte
Charly immer, er müsse mich verteidigen, aber inzwischen komme ich sehr gut
allein zurecht. Da ist er schon. Ich bin aber wieder mehr an seinem Frauchen
interessiert und versuche an ihr hochzuspringen, um meine Liebkosungen zu
bekommen. Das hinterlässt natürlich Spuren an ihrer schicken, weißen Hose.
Potz Blitz und Wackeldackel! Von
rechts kommt Gerhard, mein Erzfeind, mit seinem Frauchen. Die beiden haben mir
gerade noch gefehlt! Wo ich Airedales mit ihrem viereckigen Gesicht nicht
ausstehen kann. Die zwei bleiben auch noch neben uns stehen.
„Die Hundis wollen sich doch sicher
mal Guten Tag sagen.“
Ich will aber mit dem Blödmann nichts
zu tun haben und strebe weiter.
„Der Kleine ist wohl noch ein bisschen
ängstlich?“
So ein Unfug! Wenn es um das
Selbstbewusstsein geht, stecke ich den Kerl dreimal in die Tasche, aber ich will
ihn nicht sehen. Mein Herrchen kennt mich und folgt mir, die beiden ebenfalls.
„Wir gehen jetzt linksrum“, sagt mein
Vater.
„Wir auch.“
„Gut, dann gehen wir eben rechtsrum.
Dolly muss jetzt ihre Ruhe haben und sich auf ihr „Geschäft“ konzentrieren.“
Na, endlich bleiben sie zurück.
Aber da naht schon Sascha. Er stammt
aus Polen. Da hat sein Frauchen Glück, dass es ihr nicht wie Bekannten erging.
Die hatten auf einem polnischen Wochenmarkt einen Hund gekauft. Als er beim
Wachsen immer mehr das Aussehen eines Hundebabys verlor, gingen sie mit ihm zum
Tierarzt. Es war ein junger Bär.
Jetzt brauche ich etwas Ruhe, um mein
„großes Geschäft“ zu erledigen. Ich muss aber erst einen Platz erschnüffeln,
der mir zusagt. Am besten ist es, wenn sich in der Nähe schon Artgenossen
verewigt haben. Das bringt mich in die richtige Stimmung. Na, endlich! Diese
Stelle sagt mir zu. Ich mache meinen runden Rücken, der allen signalisiert:
Jetzt ist es soweit und ich brauche Ruhe und Konzentration. Am wenigsten kann
ich leiden, wenn mich da ein vorbeikommender Passant unbedingt ansprechen muss.
Dann ist es mit der Sammlung vorbei. Ich horche in meinen Körper hinein: So,
das war’s. Mein Herrchen greift schon nach dem Tütchen, denn natürlich habe ich
mir einen Vorgarten herausgesucht. Das wilde Gelände, an dem wir eben vorbei
kamen, sagte mir nicht zu.
Nun geht es schnurstracks nach Hause.
Dort, so weiß ich, wartet schon mein voller Fressnapf und dann muss ich
ausgiebig schlafen und verdauen. Es war schließlich ein aufregender und anstrengender
Spaziergang.
©
by Eberhard Kamprad, Leipzig, Okt. 2004, überarb. Mai 2010