Weihnachten aus Hundesicht
Dolly Dackel erzählt
Eberhard Kamprad
Hallo
Leute, ich liege oft in meiner Schlafwanne ... das von dem Kater geerbte
Körbchen hatte ich schnell in handlich Kleinteile zerlegt, so dass ich nun eine
Plaste-Schlafwanne mit Kissen und Decke bekommen habe. Sie ist zwar etwas groß,
aber dafür finden alle meine Plüschtiere darin mit Platz, wenn meine Menschen sie
wieder einmal aus allen Ecken der Wohnung zusammen gesucht haben. Das passiert
besonders dann, wenn sie über eins gestürzt sind ... also, ich liege in meiner
Wanne und denke über uns Hunde und die Menschen nach.
Jetzt, zum
Beispiel, bereiten sich diese auf das Weihnachtsfest vor. Sie wollen den
Geburtstag eines Herrn Jesus feiern, der vor zweitausend Jahren gelebt, viel
Gutes getan hat und mit 30 Jahren hingerichtet wurde. Warum? – ist mir nicht
ganz klar geworden. Das geht über meinen Hundeverstand. Ich habe meine Menschen
gefragt, ob dieser Jesus auch einen Hund hatte. Mein Herrchen sagte mir, dass
im Neuen Testament der Bibel, wo sein Leben aufgeschrieben ist, mehr von
Schafen, Schweinen und Eseln die Rede ist. Vielleicht wäre ihm ein Hund
hilfreich gewesen und er hätte der Gefangennahme entgehen können; aber
wahrscheinlich wäre er als Hundeführer ungeeignet gewesen, denn er wird als
außergewöhnlich gutmütig und sanft geschildert. Da wäre ihm bestimmt der Hund auf
der Nase herumgetanzt und hätte ihn nicht als Rudelführer anerkannt. Er war
auch viel damit beschäftigt, verirrte Lämmer zur Herde zurückzutragen. Dazu
hätte er sich lieber einen guten Hütehund zulegen sollen. Der hätte das viel
besser gekonnt und die Schafe auch nicht zurückgetragen, sondern gezwickt, bis sie
von selber gelaufen wären.
Es ja
schön, dass man den Geburtstag dieses guten Menschen nach so langer Zeit noch
feiert; ich verstehe nur nicht, weshalb deshalb Monate vorher solch ein Rummel
sein muss. Mein Herrchen erklärte mir, dass man sich eigentlich vier Wochen auf
die Feier seiner Ankunft, also seines Geburtstages, vorbereiten soll. Das ist
die so genannte Adventszeit; adventus ist lateinisch und heißt Ankunft. Doch
der Handel beginnt schon vier Monate vorher mit der Vorbereitung und bezieht
auch noch uns Hunde mit ein. Da gibt es Hundewurst in Weihnachtsverpackung,
Knusperhäuschen aus Büffelhaut, fressbare Vollkornengel und einen
Hunde-Weihnachtsmann, der, wenn man d’raufbeißt, Weihnachtslieder spielt. Dann
machen sich auch noch die Menschen Geschenke, meistens unnützes Zeug, denn sie
haben so schon mehr, als sie brauchen, mit uns Hunden verglichen.
Mein
Herrchen hat mir alles genau erklärt. Am 24. Dezember wird der Geburtstag
gefeiert. Da strömen alle in die Kirche, dass der Platz kaum reicht; viele
kommen nur dies eine Mal im Jahr. Ansonsten ist meistens mehr als genug Platz,
so dass auch wir Hunde mit hineinpassen würden. Doch wir sind nicht gern
gesehen. Wir würden ja mitreden wollen und ab und zu „Wuff“ machen. In der
Kirche muss man aber still sein und zuhören, was einer zu sagen hat. Das ist
nichts für uns Hunde. Auch gefällt mir nicht, dass wir dort als „Kreatur“
bezeichnet werden; schließlich sind wir der beste Freund des Menschen. Mit den
Geschenken, ist es auch so ein Problem, hat mir mein Mensch erklärt. Eigentlich
ist das Beschenken der Kinder eine Nachahmung der guten Taten des Bischofs
Nikolaus von Myra, der viel für die Kinder getan hat, was seinen Ausdruck in
dem Nikolaus-Tag am 6. Dezember findet. Aber ein gewisser Martin Luther hat 1533
kurzerhand festgelegt, dass die Geschenke am Weihnachtstag verteilt werden.
Ich denke
mit dem Rennen nach Geschenken haben die Menschen den Sinn ihres Festes selbst
aus den Augen verloren. Kaum einer denkt noch an das Geburtstagskind. Nur am
Geburtstag selbst werden dann bei der Stunde in der Kirche alle Gefühle auf
einmal ausgegossen.
Das ist nichts für uns Hunde. Wenn wir lieben, dann stetig und für immer
Und was
soll ich mir als Hund wünschen? Eigentlich brauche ich gar nichts. Mein Fressen
habe ich, einen warmen Platz zum Schlafen und mein Rudel, in dem ich mich wohl
fühle. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist. Schade, dass es den
Menschen nicht auch so geht und diesem Herrn Jesus kann ich ja ’mal ein paar
meiner Hundegedanken widmen. Obwohl - - - ich nicht vielleicht doch lieber ein
bisschen schlafe? Ich rolle mich auf den Rücken, strecke die Pfoten in die Luft
und schließe die Augen. Wuff!
© by Eberhard Kamprad, Leipzig,
2002, überarbeitet Sept. 2004,
Veröffentlicht in: Zeitschrift "Kurzgeschichten",
Ausgabe 12/2004, S. 44 , ISSN 1613-432X