Kommentare in Schreibgruppen
Essay
Eberhard Kamprad
Von Kommentaren lebt eine Schreibgruppe, gleichgültig ob auf virtueller
oder realer Basis. Doch gerade der Stil der Kommentare ist es, der häufig
solche Gruppen sprengt. Dabei gibt es zwei Arten von Kommentierenden,
demzufolge auch zwei Arten von Kommentaren, denn diese sind das Spiegelbild der
hinter ihnen stehenden Menschen.
Die einen habe alle Standardwerke über das „Schreiben“ in sich
aufgenommen und prüfen jeden Text daran, ob alle Kriterien erfüllt und keine
Verstöße vorhanden sind. Jeder Fehler wird unbarmherzig aufgelistet. Beckmesser
aus den „Meistersingern“ war ein Waisenknabe dagegen. Diese Kommentierende
verwechseln schöpferische Anwendung von Lehren mit deren einfacher formaler
Übernahme. Dazu ist man noch der Meinung, dass nur ein schroffer Ton, der
teilweise ins Beleidigende geht, das einzig Angemessene ist. Neulinge, die
unvorbereitet in solche Gruppen geraten, sind oft erschrocken und geben gleich
ganz auf. Dabei läuft alles unter dem Deckmantel der ehrlichen Hilfe.
Lesevergnügen bleibt dabei natürlich vollkommen auf der Strecke und die meisten
erfolgreichen und viel gelesenen Werke der Literaturgeschichte würden dieser
Überprüfung nicht standhalten und dürften deshalb eigentlich keinen Erfolg
haben. Warum aber haben sie Erfolg? Ganz einfach deshalb, weil der Leser sie
gern zur Hand nimmt, und da komme ich zur zweiten Gruppe der Kommentierenden.
Diese versuchen auch, dem Autor durch das Aufdecken von Fehlern und
Unstimmigkeiten zu helfen, gehen aber vorrangig vom Standpunkt des Lesers an
den Text heran. Wenn dieser einen Perspektivwechsel beim Lesen gar nicht merkt,
dann ist es eigentlich gleichgültig, ob das gegen die Grundsätze des
Schreiblehrers Sol Stein verstößt oder nicht. Im Vordergrund soll der Erfolg
beim Leser stehen und deshalb schreibt man;
nicht, um irgendwelche Regeln zu erfüllen.
Natürlich sollte man die Standardwerke über das „Schreiben“ gelesen
haben und versuchen, sie anzuwenden. Der Meister kann auch bewusst Regeln
verletzen, der Lehrling sollte sie aber erst einmal lernen. Bei aller Kritik,
sollte man einen höflichen Umgangston gebrauchen. Es ist ein Unterschied, ob
man schreibt: „Der Text ist Mist“ oder: „Der Text spricht mich nicht an“. Es
ist ein Unterschied, ob man den Text „zerpflückt“ oder ob man auf grobe Fehler
hinweist. Das schließt fundamentale Kritik nicht aus, aber Ton und Begründung
machen die Musik. Man darf auch nicht der Versuchung erliegen, den Text selbst
schreiben zu wollen. Deswegen sollte man mit Änderungsvorschlägen zum Stil - von direkten Fehlern abgesehen -
zurückhaltend sein, denn das ist die
persönliche Handschrift der Autorin bzw. des Autors.
Zuletzt ist ein Kommentar natürlich immer die Meinung einer/eines
Einzelnen. Wenn man als Autorin bzw. Autor Kommentare erhält, sollte man die
Kritikpunkte dann ernst nehmen, wenn sie von mehreren Kommentierenden genannt
werden. Deswegen ist es auch falsch, wenn Kommentierende meinen, die anderen
haben schon alles gesagt und deshalb erwähnen sie es nicht noch einmal. Damit
wird der obige Ansatzpunkt ausgehebelt. Besonders wichtig sind für die Autorin
bzw. den Autor, die Hinweise auf offensichtliche Fehler, die aus
„Betriebsblindheit“ übersehen wurden. Auch erfährt man durch die Kommentare wie
der Text überhaupt auf Leser wirkt. Oftmals kommt bei diesen etwas ganz anderes
an, als das, was die Autorin bzw. der Autor übermitteln wollte.
Kommentare sollen der Autorin bzw. dem
Autor helfen, den Text zu verbessern. Die Entscheidungen über Veränderungen
trifft aber immer die Autorin bzw. der Autor, denn es ist ihr/sein Text. Falsch
wäre es, alle Änderungsvorschläge sofort zu übernehmen. Da würde es nach
mehreren Überarbeitungen der Text der Kommentierenden werden. Besser ist es,
man nimmt es nicht als Änderungsvorschläge, sondern als Lesermeinung. Dann
lässt man es eine Weile ruhen und vertraut seinem Bauchgefühl. Kommen Ideen zu
Veränderungen ist es gut; wenn nicht, ist es auch gut. Wichtig ist, dass es der
eigene Stil, der eigene Text bleibt.
Ausgangspunkt aller Kritik muss der am
Ende des ganzen Prozesses stehende Leser sein. Was nützt es, wenn ein Text
allen Regeln entspricht und niemand will ihn lesen? Auch dieser Text wird
Kommentare hervorrufen und da beherzige ich den Ratschlag von Sol Stein: Das
Wichtigste für einen Autor ist, ein dickes Fell zu haben.
ã by Eberhard Kamprad, Dez. 2002, überarb. Mai 2009
Urfassung veröffentlicht in: Federwelt, Zeitschrift
für Autorinnen und Autoren, Nr. 38, Feb./Mrz. 2003, S. 30, ISSN 1439-8362, www.federwelt.de