Bis in
die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein war eine schöne Zeit für
Schriftsteller. Eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften brauchten
eine noch größere Anzahl von kleinen Geschichten für ihre Unterhaltungsteile
oder -beilagen. Ein weites Feld, das „Junge Autoren“ unterschiedlichen
Lebensalters beackern konnten. Auch Stephen King – einer der bekanntesten und
erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit – hat mit Kurzgeschichten für
Magazine begonnen. Ich will die vergangenen Zeiten nicht in nostalgischer
Verklärung betrachten. Es war ein hart umkämpfter Markt. Aber es gab wenigstens
einen Markt, es gab eine Leserschaft. Eine Leserschaft unterschiedlicher
Qualität, an die sich die Schriftsteller unterschiedlicher Qualität, mit Texten
unterschiedlicher Qualität wenden konnten.
Die
damaligen Kollegen hatten keine Vorstellung von unseren heutigen technischen
Möglichkeiten. Sie hätten gemeint, dass für die Autoren nun das Paradies auf
Erden angebrochen sei. Texterstellung am Computer, unbegrenzte
Korrekturmöglichkeiten, Austausch von Texten rund um den Globus, Präsentation
des Autors mittels einer Homepage, Schreibgruppen im Internet zum
Erfahrungsaustausch und vieles andere mehr. Nur ein Problem wurde bei der
Euphorie über die neuen technischen Möglichkeiten nicht bedacht: Bereitstellung
ist noch nicht Nutzung. Wo ist der „gemeine“ Leser? Gibt es ihn überhaupt noch?
Es ist
anzunehmen, dass nicht ohne Grund aus allen Zeitungen und Zeitschriften, die
Unterhaltungsteile, die Hauptabnehmer von kleinen Geschichten, verschwunden
sind. Die ehemaligen Leser sitzen heute vor dem Fernseher und verfolgen gebannt
die zwanzigste Talkshow zum gleichen Thema. Mit ein paar literarisch
interessierten Anthologie-Lesern kann man keinen Markt an Kurzgeschichten
aufrechterhalten. Welcher Jungautor schafft schon den Start in eine der wenigen
Anthologien? So erübrigt sich auch die Frage nach den bisherigen
Veröffentlichungen eines Autors, denn die Antwort lautet bei den Meisten: Nein.
Bleiben Literaturzeitschriften und das Internet. Doch wer liest dort? Autoren,
keinesfalls der „gemeine“ Leser. Wer besucht Autoren-Homepages? Andere Autoren,
nicht der „gemeine Leser“. So ist die
kuriose Situation entstanden, dass die Autoren im Wesentlichen nur noch sich
selbst als aufmerksames und kritisches – manchmal allzu kritisches, nicht nach
Lesefreude fragendes - Publikum haben.
Die
neuen technischen Möglichkeiten, wie Schreibgruppen im Internet sind zum
Erfahrungsaustausch wunderbar, aber auch sie schaffen keine Leser herbei. Jeder
Autor hat den – vielleicht unbewussten – Wunsch, aus dem Kreis der
Autorendiskussion herauszutreten und sich dem allgemeinen Publikum zu
präsentieren. Doch die Chancen dafür sind äußerst gering und so fehlt das
erlösende Gefühl: Hurra, ich bin gedruckt!
Da
wird bemängelt, dass die junge Generation das Lesen verlernt. Sie sollen
verstärkt an die Literatur herangeführt werden. Doch wieder hat man nur die
gedruckten Klassiker im Blick. Die Gesellschaft unterschätzt das Potenzial, das
in den lebenden Autoren unterschiedlicher Qualifikation liegt, die sich
bemühen, das Denken und Fühlen unserer Zeit literarisch zu verarbeiten. Ihnen
müsste eine, nein, nicht nur eine, müssten Plattformen geschaffen werden, von
denen aus sie die potenziellen Leser erreichen können. Das geht auf keinen Fall
mit Verlagen, die nur nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheiden und auch
nicht mit Autoren-Homepages, so schön und liebevoll sie gestaltet sein mögen.
Hier ist die ganze Gesellschaft gefragt, damit eine tausend Jahre alte
Tradition der Menschheit nicht untergeht oder ein Privileg für wenige
Exzentriker wird.