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Die verschwundenen Leser

Essay

Eberhard Kamprad

 

Bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein war eine schöne Zeit für Schriftsteller. Eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften brauchten eine noch größere Anzahl von kleinen Geschichten für ihre Unterhaltungsteile oder -beilagen. Ein weites Feld, das „Junge Autoren“ unterschiedlichen Lebensalters beackern konnten. Auch Stephen King – einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit – hat mit Kurzgeschichten für Magazine begonnen. Ich will die vergangenen Zeiten nicht in nostalgischer Verklärung betrachten. Es war ein hart umkämpfter Markt. Aber es gab wenigstens einen Markt, es gab eine Leserschaft. Eine Leserschaft unterschiedlicher Qualität, an die sich die Schriftsteller unterschiedlicher Qualität, mit Texten unterschiedlicher Qualität wenden konnten.

Die damaligen Kollegen hatten keine Vorstellung von unseren heutigen technischen Möglichkeiten. Sie hätten gemeint, dass für die Autoren nun das Paradies auf Erden angebrochen sei. Texterstellung am Computer, unbegrenzte Korrekturmöglichkeiten, Austausch von Texten rund um den Globus, Präsentation des Autors mittels einer Homepage, Schreibgruppen im Internet zum Erfahrungsaustausch und vieles andere mehr. Nur ein Problem wurde bei der Euphorie über die neuen technischen Möglichkeiten nicht bedacht: Bereitstellung ist noch nicht Nutzung. Wo ist der „gemeine“ Leser? Gibt es ihn überhaupt noch?

Es ist anzunehmen, dass nicht ohne Grund aus allen Zeitungen und Zeitschriften, die Unterhaltungsteile, die Hauptabnehmer von kleinen Geschichten, verschwunden sind. Die ehemaligen Leser sitzen heute vor dem Fernseher und verfolgen gebannt die zwanzigste Talkshow zum gleichen Thema. Mit ein paar literarisch interessierten Anthologie-Lesern kann man keinen Markt an Kurzgeschichten aufrechterhalten. Welcher Jungautor schafft schon den Start in eine der wenigen Anthologien? So erübrigt sich auch die Frage nach den bisherigen Veröffentlichungen eines Autors, denn die Antwort lautet bei den Meisten: Nein. Bleiben Literaturzeitschriften und das Internet. Doch wer liest dort? Autoren, keinesfalls der „gemeine“ Leser. Wer besucht Autoren-Homepages? Andere Autoren, nicht der „gemeine Leser“. So ist die kuriose Situation entstanden, dass die Autoren im Wesentlichen nur noch sich selbst als aufmerksames und kritisches – manchmal allzu kritisches, nicht nach Lesefreude fragendes - Publikum haben.

Die neuen technischen Möglichkeiten, wie Schreibgruppen im Internet sind zum Erfahrungsaustausch wunderbar, aber auch sie schaffen keine Leser herbei. Jeder Autor hat den – vielleicht unbewussten – Wunsch, aus dem Kreis der Autorendiskussion herauszutreten und sich dem allgemeinen Publikum zu präsentieren. Doch die Chancen dafür sind äußerst gering und so fehlt das erlösende Gefühl: Hurra, ich bin gedruckt!

Da wird bemängelt, dass die junge Generation das Lesen verlernt. Sie sollen verstärkt an die Literatur herangeführt werden. Doch wieder hat man nur die gedruckten Klassiker im Blick. Die Gesellschaft unterschätzt das Potenzial, das in den lebenden Autoren unterschiedlicher Qualifikation liegt, die sich bemühen, das Denken und Fühlen unserer Zeit literarisch zu verarbeiten. Ihnen müsste eine, nein, nicht nur eine, müssten Plattformen geschaffen werden, von denen aus sie die potenziellen Leser erreichen können. Das geht auf keinen Fall mit Verlagen, die nur nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheiden und auch nicht mit Autoren-Homepages, so schön und liebevoll sie gestaltet sein mögen. Hier ist die ganze Gesellschaft gefragt, damit eine tausend Jahre alte Tradition der Menschheit nicht untergeht oder ein Privileg für wenige Exzentriker wird.

 

© by Eberhard Kamprad, 2002

 

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