Maria
heute
Eine
etwas andere Weihnachtsgeschichte
Eberhard
Kamprad
Maria entschloss sich, am Heiligabend
nicht zu Hause zu hocken. Sollte sie stundenlang auf ihren dicken Bauch
starren? Sie schlüpfte in ihre Sommerjacke; trotz des Schneefalls - aber etwas
Wärmeres besaß sie nicht. Gegen den Wind bekam sie kaum die Haustür auf.
Angefrorene Schneekörner peitschten ihr ins Gesicht. Aber sie wollte unbedingt
zur Christvesper: Heute nicht allein sein!
Als sie das Portal der großen
Stadtkirche erreichte, schlug der Wind ein großes Schild hin und her. Maria
hielt es fest, um die Aufschrift lesen zu können: Wegen Überfüllung
geschlossen.
Als sie es losließ, schlug es
schmerzhaft gegen ihren Kopf, dass sie taumelte. Sie rüttelte an der Klinke:
abgeschlossen. Ratlos trat sie von einem Bein auf das andere. Da fiel ihr ein:
Es gab noch eine zweite große Kirche in der Stadt. Mit beiden Händen stützte
sie ihren Bauch und schob ihn mühsam vorwärts.
Maria atmete auf, als sie aus der
Ferne feststellte: Das Tor der Kirche stand offen; Übertragungswagen rechts und
links. Aber als sie näher kam, sah sie, dass an ein Hineinkommen nicht zu
denken war. Eine dicke Menschentraube belagerte den Eingang.
“Wegen Fernsehaufzeichnung Einlass nur
bis eine Stunde vor Beginn!"
Sie ließ sich auf die Stufen der
Eisentreppe sinken, die an dem Übertragungswagen angebaut war. Ein junger Mann
eilte herbei.
“He, Sie! Hier können Sie nicht
sitzen, der Weg muss frei sein.”
Als sich Maria mühsam erhob, bemerkte
der Mann ihren Zustand.
“Verzeihung, das habe ich nicht gleich
gesehen. Aber auf der Treppe können Sie trotzdem nicht sitzen.”
“Schon gut, schon gut!”, wehrte Maria
ab.
“Nein, warten Sie. Ich hole Ihnen
einen Hocker aus dem Wagen. Da können Sie erst einmal ein bisschen
verschnaufen.”
Er führte Maria ein paar Schritte
beiseite.
“Hier, setzen Sie sich neben den
Generator. Da sind sie vor dem Wind geschützt und bekommen noch etwas Wärme
ab.”
Neben dem brummenden Generator saß
schon ein großer, schwarzer Hund und drückte seinen Körper an das warme Blech.”
“Vor Pluto brauchen Sie keine Angst zu
haben. Er passt nur auf, dass uns niemand einen zweiten Generator dazu stellt.
Ha, ha! Kleiner Witz!”
Maria tat es dem Hund nach. Allmählich
zog wieder Wärme durch ihren Körper. Sie rückte ihren Bauch zurecht. Wenn sie
nur wüsste, wie das da hineingekommen war. Sie erinnerte sich nur daran, zu
dieser Party gegangen zu sein und an die exotischen Drinks. Als sie am Morgen
erwachte, suchte sie das Weite, solange noch alles schlief. Zu Hause stellte
sie fest, dass sie einen Slip anhatte, der ihr nicht gehörte. Als sie Wochen
später ihren Zustand bemerkte, wollte sie es erst nicht glauben und dann war es
zu spät.
Das Bellen des Hundes brachte sie in
die Gegenwart zurück. Stand nicht an der Endstation der Straßenbahn eine kleine
Dorfkirche? Dort war es bestimmt nicht so voll - oder sollte sie doch zurück in
die leere Wohnung? Nein, das kam nicht infrage. Maria verließ die geschützte
Ecke und ging schwerfällig zur Straßenbahn. Der Hund sah ihr mit seinen
bernsteingelben Augen nach, erhob sich kurz, besann sich dann aber auf seine
Pflicht, den Generator zu bewachen.
An der Endstation hatte sie den Fahrer
nach der Richtung zur alten Dorfkirche gefragt. Er hatte sie ihr gewiesen, ohne
sie anzusehen. Nun stapfte sie durch den Schneesturm. Auf dem freien Gelände
wehte der Wind noch heftiger. Sie hatte die Entfernung doch unterschätzt, immer
wieder kam sie ins Taumeln, hielt sich an Lichtmasten fest. Plötzlich nässte
ein Schwall Wasser ihre Beine. Na prima, jetzt ist auch noch die Fruchtblase
geplatzt, dachte sie. Ich komme bestimmt zu spät zur Christvesper, wenn ich so
langsam bin. Wie viel Zeit ist eigentlich schon verstrichen, seit ich
ausgestiegen bin?
Endlich erblickte Maria in der Ferne
die Lampe über der Kirchentür. Da zog es ihr die Beine weg. Auf allen Vieren
kroch sie weiter auf das rettende Licht zu. Die Kirche selbst war dunkel. Sie
kam zu spät, wollte um Hilfe schreien,
brachte aber nur ein Krächzen heraus. Maria legte sich in die windgeschützte
Ecke des Portals, als sie merkte, wie das Kind nach außen drängte. Mit letzter
Kraft zog sie sich aus, um ihm Platz zu geben. Dann versank sie in der
Bewusstlosigkeit.
Durch ein reichliches Frühstück
gestärkt, steuerte Pfarrer Liebmild am Weihnachtsmorgen auf seine Kirche zu.
Irgendetwas lag im Portal. Wieder eine Kleiderspende, dachte er, können die
Leute nicht noch die paar Meter weiter zum Kleidercontainer gehen? Dann wurde
sein Schritt immer langsamer, er wollte nicht glauben, was er sah. Pfarrer
Liebmild brauchte lange, bis seine zitternden Hände, am Handy die 112 gewählt
hatten.
Rettungswagen, Polizei, Feuerwehr -
endlich der Hubschrauber. Als er sich erhob, hatte er nur Maria an Bord.
Pfarrer Liebmild sah dem Wagen des Beerdigungsinstitutes nach.
“Jesus ist auf den Stufen meiner
Kirche gestorben”, murmelte er. Dann brach er zusammen.
Auf den Stufen der Kirche von A. fand
am Weihnachtsmorgen der örtliche Pfarrer eine junge Frau mit ihrem
Neugeborenen. Für den Säugling kam jede Hilfe zu spät, die stark unterkühlte
Mutter musste ins Krankenhaus gebracht werden. Hintergründe sind bislang nicht
bekannt. "Nach diesem Erlebnis ist nichts mehr, wie es war", sagte
der Pfarrer unserem Reporter. "Ich werde mein Amt hier aufgeben und in
eines der ärmsten Länder unserer Welt gehen. Vielleicht finde ich dort
Jesus."
©
by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2005
Veröffentlicht
in: Zeitschrift "Kurzgeschichten", Ausgabe 12/2005, S. 26 , ISSN
1613-432X