Felix war alt und in
vielen Dingen etwas nachlässig. Seinem Rauhaardackel Max ging es ebenso. Mit
zunehmendem Alter war ihnen manches unwichtig geworden. Beider Bärte wirkten
ungepflegt, Haar und Fell waren struppig und mit der Reinlichkeit nahmen sie es
auch nicht mehr so genau. Da Felix und Max im gleichen Bett schliefen, störte
das keinen. Ihre Ausdünstungen vermengten sich zu einer speziellen
Geruchsmischung. Wenn sie auf der Straße Kindern begegneten, veranlasste das
die Mütter zu der Ermahnung: „Geht nicht so nah an dem alten Penner und seinem dreckigen
Köter vorbei! Wer weiß, was ihr euch da weg holt?“
Viermal täglich drehten
die beiden ihre Runde durch das Wohngebiet. Dem Dackel fiel es von Tag zu Tag
sichtlich schwerer, langsam setzte er eine Pfote vor die andere. Eines Morgens
vermisste Felix den warmen Körper an seiner Seite. Besorgt erhob er sich, um
nach Max zu sehen. Da lag er in seinem Körbchen und stand nicht mehr auf. Felix
hockte sich davor und hielt eine stumme Zwiesprache mit dem langjährigen
Gefährten seiner einsamen Tage. Dann wickelte er den kleinen Körper in die
Lieblingsdecke und trug ihn zur Abgabe zum Tierarzt. Mühsam unterdrückte er die
Tränen, als er ihn aus den Händen gab. „Das war mein letzter Freund“, sprach er
stockend zu der Assistentin, als er seine Gebühr bezahlte, „nun bin ich ganz
allein. Am besten ich fahre auch bald in die Grube.“ Wie als Widerspruch hörte
er plötzlich kräftiges Bellen unter dem Tisch hervor. Dann erschienen zwei
Pfoten an der Tischkante und darüber ein Dackelkopf, der Felix mit klugen,
braunen Augen anblickte. Der kleine Kerl stand mit gestreckten Hinterpfoten auf
einem Stuhl, sodass er gerade über den Tisch gucken konnte. „Das ist Paul,
unser Sorgenkind“, erklärte die Mitarbeiterin. „Sein Besitzer hat ihn zum
Einschläfern gebracht, weil er bösartig sei. Er ist aber ein ganz normaler
Hund, nur etwas eigensinnig, wie Dackel eben sind und natürlich mit einem
halben Jahr noch nicht erzogen. Wir dürfen aber laut Gesetz kein gesundes Tier
einschläfern und sind nun auf der Suche nach dem Züchter, denn bei dem
bisherigen Besitzer wollten wir ihn auch nicht lassen." Felix betrachte
den Dackel, der Dackel betrachtete Felix. „Wollen Sie ihn mitnehmen?“, fragte
die Tierarzthelferin, „er würde nichts kosten.“ „Wuff-Wuff“, machte Paul und
das hieß offenbar: „Ich bin einverstanden.“ Felix zögerte. „Eigentlich denke
ich immer noch an meinen Max. Ich weiß nicht, ob ein neuer Hund jetzt das
Richtige wäre?“
Der Dackel verschwand traurig wieder unter dem Tisch. Er hatte offenbar
gespürt, dass es nichts mit einem neuen Zuhause war. Felix ging zur Tür, kehrte
aber plötzlich um. „Geben Sie ihn mir. Zwei Verlassene gehören zusammen.“ Die
Schwester reichte Felix den Hund, der zum Glück Halsband und Leine umhatte, und
beide zogen los.
Zu Hause angekommen
nahm Paul die Gerätschaften seines Vorgängers in Besitz, nachdem er sie
ausgiebig beschnüffelt hatte. Beim nächsten Ausführen hatten ihn bald die
Kinder entdeckt. „Babyhund! Babyhund!“, riefen sie, kamen aber nicht näher.
Paul freute sich über die Aufmerksamkeit, legte sich auf den Rücken und
strampelte mit den Pfoten. Ein etwa zehnjähriger Junge überwand schließlich
seine Scheu und die Ermahnungen der Mutter und kam näher.
„Wie heißt ’n der
Hund?“
„Paul.“
„Mensch! Ich heiße auch
Paul. Ein tolles Ding.“
Paul hockte sich hin
und streichelte dem Dackel den Bauch.
„Darf ich ihn auch
einmal nehmen?“
Felix entgegnete, dass
der Kleine erst einmal Ruhe bräuchte und sie verabredeten sich in zwei Stunden
am Klettergerüst.
Wieder daheim setzte
Felix das Hundekind ins Körbchen. Paul fiel um und schlief sofort ein. Es waren
doch zu viel Aufregungen für das junge Hundegemüt gewesen. In zwei Stunden
hatte er also eine Verabredung, überlegte Felix. Verabredung? Seit Langem hatte
er nur medizinische Termine wahrgenommen. Die Ärzte und Schwestern mussten ihn
so nehmen, wie er war, auch wenn sie manchmal die Nase rümpften. Er versuchte,
sich zu erinnern, wann er das letzte Mal geduscht hatte. Es musste etwa einen
Monat her sein. Seitdem hatte er es bei Katzenwäsche bewenden lassen. Ein
Duschbad fand er beim Stöbern im Badschrank nicht, aber klares Wasser war
besser als nichts. Beim nächsten Einkauf „Duschbad“ notierte er auf seinem
Zettel. Ein angenehmes Gefühl war es, das Rieseln des warmen Wassers auf der
Haut zu spüren. Er genoss es länger als eigentlich nötig, dachte einmal nicht
an die Wasserrechnung. Dann stand er lange vor dem Kleiderschrank. Frisch
geduscht, wollte er nicht wieder in die alten Sachen kriechen. Als einziges
vorzeigbares Stück hing da der schwarze Anzug, den er vor zehn Jahren zur
Beerdigung seiner Frau gekauft hatte. Nein! Das ging nun wirklich nicht. Aber
Moment! Als er einmal zur Kur war, hatte er sich einen Jogginganzug zulegen
müssen. Damals hatte er das absurd gefunden und wohlgefühlt hatte er sich auch
nicht darin. Viel zu jugendlich! Wäre das nicht etwas für heute? Wo hatte er
ihn denn hingetan? Er suchte und suchte, krempelte fast die ganze Wohnung um.
In der hintersten Ecke des Oberschrankes fand er ihn schließlich in einem
Karton. Frisch geduscht und rasiert im Jogginganzug! Ach ja, rasieren musste er
sich auch noch und mal mit der Haarschneidemaschine über den Kopf fahren. Als
Paul in seinem Körbchen erwachte, blickte er verwundert. „Du erkennst mich wohl
nicht?“, lachte Felix, „hier schnuppere mal, damit du weißt, dass ich wirklich
dein neues Herrchen bin. Ich habe auch noch geduscht, vergiss das nicht bei der
Geruchskontrolle.“ Der Hund schnupperte an der hingehaltenen Hand, rappelte
sich dann auf und lief zur Tür. Schon fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit
waren Felix und Paul am Klettergerüst und warteten auf den Jungen.
„Wow, ich habe Sie erst
gar nicht erkannt“, begann Paul das Gespräch. „Sie sehen so verändert aus.“
„Meinst du?“
„Na ja, so einen
schicken Jogginganzug hatten Sie noch nie an. In den anderen Sachen sahen Sie
wie ein Penner ... Entschuldigen Sie!“
„Du kannst ruhig ‚du’
zu mir sagen. Ich nehme dir deine Bemerkung nicht übel. In gewissem Sinne hast
du recht, wenn man es auch üblicherweise den Menschen nicht ins Gesicht sagt.“
„Und warum haben Sie,
... hast du dich heute anders angezogen? Frisch rasiert ... bist du auch.
„Tja ... ich wollte
eben zu euch beiden Pauls passen. Ihr seid ja auch frisch und sauber.“
„Ja, damit nervt mich
meine Mutter immer. Komisch, dass wir den gleichen Namen haben. Wir gehören
wahrscheinlich zusammen. Kann ich ihn jetzt einmal nehmen?“
Felix lachte und gab
ihm die Hundeleine. Stolz führte Paul seinen neuen Freund. Der Dackel schaute
häufig zu ihm auf und gab sich sichtlich Mühe, so etwas wie eine Art „Fuß
laufen“ zu Stande zu bringen, wenn er auch noch manchmal über seine kurzen
Pfoten stolperte.
Das war der Auftakt
einer langen Reihe von gemeinsamen Spaziergängen, denen sich bald auch andere
Kinder anschlossen. Der Welpe wuchs und wuchs und war bald ein stattlicher
Dackelrüde und der Liebling des ganzen Wohngebietes. Opa Felix wurde der Freund
aller Kinder. Oft kamen sie mit ihren kleinen oder großen Sorgen zu ihm. Er war
zwar alt, hatte aber immer Zeit.
ã Juli 2001 Eberhard Kamprad