Der Rock - ein fast vergessenes
Kleidungsstück
Essay
Eberhard
Kamprad
In der späten Kindheit gab es für die
erwachende Männlichkeit von uns Jungen nichts Interessanteres als die Röcke der
Mädchen: Was war darunter? Welches Geheimnis verbarg sich da?
Großes Gejohle, wenn sich einer traute,
einem Mädchen den Rock hochzuheben. Manchen solcherart Attackierten gefiel das
Interesse und sie wehrten die künftigen Männer kokett ab. Andere weinten und
beklagten sich bei der Lehrerin. Das führte zu einer Aussprache in der Klasse
und zu dem nüchternen Hinweis, sich über Damenunterwäsche im Schaufenster zu
informieren. Natürlich traf das nicht den Kern des Problems. Es kommt
schließlich auf den Inhalt an und was offen dargeboten wird, ist nicht mehr
geheimnisvoll und verliert seinen Reiz; genauso, wenn frau eine kurze Hose
trägt. Da ist genau festgelegt, wie viel sie von ihren Beinen zeigt: kein Raum
für Fantasie und Spekulationen. Ein Rock dagegen ist ob seiner unscharfen
Grenze immer eine Verheißung auf mehr. Schon ein Windstoß kann den Einblick
erweitern. Dann kommt es auch auf den Standpunkt an. Befindet der Mann sich
tiefer als die Frau, verschiebt sich der Blickwinkel. Deshalb galt es früher
als unschicklich, hinter einer Frau, die nicht die eigene war, die Treppe
hochzugehen. Bei der eigenen sollte man es tun, um anderen Männern den Blick
unter den Rock zu versperren. Schließlich hat frau auch selbst die Möglichkeit,
dem Mann etwas zu bieten, wenn ihr daran liegt.
Es muss nicht gleich wie bei Sharon
Stone sein, die in der berühmten Filmszene vor einer sie verhörenden
Männerrunde die Beine übereinander schlägt. Die Fantasie des Zuschauers wird
noch zusätzlich angeheizt. Er weiß, dass sie vergessen hat, den Slip
anzuziehen. Das wird der Normalfrau kaum passieren. Und doch ist der Rock ein
vielseitig spielbares Instrument, um unabsichtlich absichtlich einem
gegenübersitzenden Mann mehr oder weniger sehen zu lassen.
Als ich begann, mich für Röcke zu
interessieren, lag der Saum zehn Zentimeter unter dem Knie. (100 Jahre früher
gerieten die Männer außer Rand und Band, wenn beim Einsteigen in die Kutsche
der Fußknöchel einer Frau sichtbar wurde.) Dann kam die Zeit der Miniröcke.
Langsam wanderte der Saum immer höher, bis die Gesäßbacken Einhalt geboten. Da
war nun aber auch nichts mehr mit Verheißung und Geheimnis. Wie bei einer
kurzen Hose zeigte frau, was nach der Sitte möglich war. Nur, wenn sie aufrecht
stand, musste alles bedeckt sein. Beim Sitzen war vom Rock kaum noch etwas zu
sehen. Wollte frau zusätzlich auf ihre Beine aufmerksam machen, konnte sie
ständig schamhaft am Rocksaum zupfen.
Doch wie jede Mode, währte auch diese
nur kurze Zeit. Die Frauenwelt entdeckte die lange Hose als universelles
Kleidungsstück. War sie vorher eher eine Ausnahme gewesen, wurde sie nun
Allgemeingut. Das Vorurteil eines maskulinen Kleidungsstils fiel schnell. Da
Frauen nie verlegen waren, einen Weg zu finden, ihre Reize zur Schau zu stellen
- was im urwüchsigsten Sinn der Erhaltung der Menschheit dient - entdeckten sie
nun, dass sich bei einer extrem engen Hose alle Rundungen und Falten des
Körpers im Stoff widerspiegeln. Aber damit ist wieder ein Geheimnis verloren
gegangen.
Die meisten Frauen greifen nur noch
als Ausnahme im Hochsommer auf das luftige Kleidungsstück des Rockes oder
Kleides zurück. Dann wird aber an Stoff gespart, was nur geht. Eine Frau, die
von oben und unten, die Grenzen der Moral ausschöpft, braucht nur noch 30 cm
Stoff, das Nötigste um die Hüften herum zu bedecken. Ein kleines Oberteil ist
noch üblich, aber das verschwindet vielleicht auch bald.
Trotz des Vorteils, den lange Hosen im
Alltag bieten, wollte frau auf die Wirkung der nackten Haut nicht verzichten.
Hatte sich die Minirockmode von unten nach oben vorgearbeitet, kam jetzt der
umgekehrte Weg. Der Bund rutschte bei Röcken und Hosen immer weiter nach unten,
bis auch hier wieder das Gesäß Einhalt gebot. Gleichzeitig wanderte der Saum
des Oberteils nach oben, so dass frau nun ihr nacktes Mittelstück präsentiert.
Vom Erotischen ins Komische
schlitterten jene Frauen, die den Rock durch ein Longshirt
ersetzten, das gerade einmal den halben Hintern bedeckte. Noch dazu, wenn eine
helle Strumpfhose offenbarte, das frau geblümte Unterwäsche trug.
50 Jahre später kenne ich nun das
Geheimnis, das unter dem Rock ist, doch es nützt mir nichts mehr. Die Röcke
sind verschwunden. Was ist ein nackter Bauch gegen das Geheimnis und die
Verheißung eines schwingenden Rockes?
NACHTRAG:
In diesem Winter haben mich die Mode und
die modebewussten jungen Frauen überrascht und meine obige Aussage Lügen
gestraft: Sie tragen einen relativ kurzen Rock aus derben Wollstoff und dazu
dicke Strumpfhosen. Mann kann also wieder schöne
Beine bewundern – oder sich entsetzt abwenden.
© by Eberhard Kamprad, Juni 2005, erg. Jan. 2010