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Textproben der Hobby-Autoren

 

Franziska Fritsch

Die Vögel fliegen tief

 

Die Luft ist drückend schwül, auf der Brücke.

Unter ihr gleiten die Schiffe entlang, mächtig, gemächlich, als hätten sie alle Zeit der Welt. Träge durchbrechen sie die Wellen.

Über ihr ziehen sich graue Wolken zusammen, immer dichter, sie schließen sich zusammen zu wütenden Gebilden.

Auf ihr rollen die Autos vorbei, rastlos, viel zu laut, als könnte es ihnen nicht schnell genug gehen, bis sie ihr Ziel erreichen.

 

Luisa hat Zeit. Sie fühlt sich ausgebrannt. Ein Ziel hat sie lange nicht mehr.

Genau genommen, kann sie sich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als sie sich zuletzt gefreut hat. Wie war das Gefühl, morgens aufzuwachen und froh zu sein, in freudiger Erwartung?

Nun quält sie sich jeden Morgen, mag nicht aufstehen, wozu auch?

In ihr ist ein Gefühl der Leere. Niemand braucht Luisa, niemand zeigt ihr Zuneigung, sie ist überflüssig.

 

Er ist weg, alle sind weg, haben sich von ihr entfernt. Sogar sie selbst steht oft weit entfernt, und beobachtet, wie die Luisa- Hülle neben ihr nichts tut.

Ob sie faul ist? Antriebslos, könnte man sagen.

Die stummen Hilfeschreie hört längst keiner mehr, niemand will sehen, was die Irre wieder anstellt.

 

Spaziergänger sehen ein schönes Mädchen, mit langen, blonden Haaren, die ebenso lustig vom Wind umspielt werden, wie ihre Beine vom Kleid.

Ihre großen Augen starren in die Ferne, woran sie wohl denkt? Aber wieso schaut sie so ernst?

 

Jeden Tag sieht man das Mädchen auf der Brücke, es hält das Geländer umklammert, bis sich die Fingerknöchel weiß abzeichnen. Hinter ihr Autos, über ihr Wolken, unter ihr Wasser. Unendlich tief, unendlich schwarz, unendlich einladend.

 

Die Wolken ziehen sich zusammen, mehr und mehr. Es wird Zeit, für die Bummler, gleich geht es los. Das Unwetter. Der Wind wird stärker, die Vögel fliegen tief, ein eindeutiges Zeichen.

 

Immer wieder hämmern Stimmen in Luisas Kopf: Sieh dich doch an. Was willst du noch auf dieser Welt? Bist zu nichts zu gebrauchen, krank! Psycho! Sie laden auch ein, wie das Wasser, zum großen Sprung, zum letzten wirklichen Ziel, das sie noch erreichen kann. Säuseln ebenso wie der Wind, wie die Wellen. Erzählen von der endlosen Schwärze, von dem befreienden Nichts.

 

Luisa hört zu, lässt sich erzählen, wie früher vom Großvater, gibt sie sich der Geschichte hin.

 

 

 

René Gäbler

Regen der Traurigkeit

 
Der Regen der Traurigkeit
füllt meine Seele.
Der Sturm meiner Schmerzen
fegt durch mein Herz.
Die Flut der Einsamkeit
rollt aus den Augen meines Kopfes.
Und der Regenbogen am Himmel des Lebens
ist nur ein Traum.
 
Doch manchmal, für einen Augenblick,
bricht die Sonne durch die Wolken meines Kummers.
Manchmal erreichen mich Hände,
die mich halten, bevor ich wieder falle.
Manchmal höre ich Worte,
die mich aus dem Alptraum der Gefühle wecken.
Und dann, nach einem Augenblick voll Wärme
bricht das Unwetter wieder los
und ist stärker als je zuvor.
 
Der Wechsel von Sonne und Regen
ist nur schwer zu ertragen.
Die Sehnsucht nach ewigem Sommer
ist unglaublich stark.
Doch die Wunden meines Herzens heilen nur langsam
und keine Schulter ist da,
an die ich meinen Kopf legen kann.
Nur das Kissen auf meinem Kopf
fängt meine Tränen.
 
© René Gäbler
  

 Joana Jordan

Der Ausflug

 

Endlich standen wir vor dem fünf Meter hohen Tor des Serengetiparkes. Es war ein sonniger Tag, Sabine strahlte mich an. Sie klatschte vor Freude in die Hände. „Komm, geh auf.“ Und das riesige Tor öffnete sich langsam. Mit einem Kribbeln im Bauch lenkte ich den Audi A4 im Schritttempo hindurch, und sofort schloss sich das hohe Tor hinter uns.

Giraffen kamen auf uns zu. Ich hielt an und lies Sabines Seitenscheibe herunter.

„Du kannst ruhig die Hand ausstrecken, die sind ganz zahm.“ Lächelnd nickte ich ihr zu.

Sabine wagte es, zog die Hand aber gleich wieder zurück. Das langhalsige Tier streckte die Zunge weit heraus.

„Huch, Fenster zu, die beleckt mich“, schrie Sabine. Mit zitternder Hand drückte sie den Knopf, um die Scheibe hochzufahren.

Gleichzeitig drückte ich in der Mittelkonsole den Knopf, sodass sich die Scheibe wieder senkte.

„Sie steckt ihren Kopf hier rein, mach das Fenster hoch, du Blödmann!“ Ich kannte diesen Tonfall, Sabine war kurz davor, hysterisch zu werden. Wir drückten wieder fast gleichzeitig die Tasten. Die Scheibe ging herunter und wieder hoch.

Die Giraffe konnte in letzter Sekunde die Zunge zurückziehen, bevor sich das Fenster ganz schloss.

„Los fahr weiter“, maulte mich Sabine an.

Ich lachte und wir fuhren durch das Löwengebiet.

„Lass uns weiter fahren, die liegen nur faul herum.“ Sabine knipste ein paar Fotos.

„Elefanten!“ Las uns da hin fahren.“ Ihre blauen Augen leuchteten vor Freude.

Im Schritttempo fuhr ich heran und schaltete den Motor ab. Die Elefanten kamen auf uns zu. Sabine öffnete das Schiebedach. Ein Elefant schnüffelte mit seinem Rüssel um die Öffnung und lies ihn zu uns hinab.

„Der mag unsere Safarihemden“, lachte Sabine und streichelte den Rüssel. „Ups, ist der neugierig. Geh weg, du bringst meine Locken durcheinander.“ Sabine schob den schwankenden Rüssel vorsichtig hoch und schloss die Dachluke ein Stück. „Hau ab, geh raus!“ Sie drückte erneut den Fensterknopf und plötzlich steckte der Rüssel fest. Der Elefant trötete ohrenbetäubend und trat gegen die Fahrertür. Es knallte. Sabine schrie auf und ich zuckte zusammen. Mit zitternden Händen öffnete ich das Schiebedach, dass der Dickhäuter den Rüssel herausziehen konnte, und schloss es wieder.

„Verdammt, jetzt haben wir eine Beule in der Tür!“ Vor Wut schwer atmend starrte ich in Sabines Angst vollen Augen.

„Mist, weg hier.“ Ich drehte den Zündschlüssel.

Der Motor ächzte und sprang an. Mit quietschenden Reifen fuhr ich los, mein Herz klopfte bis zum Hals. Der Dickhäuter folgte uns einige Meter und wandte sich dann trötend ab. Aufatmend, dass wir entkommen konnten, steuerte ich die nächste Tierstation langsamer an. Die Paviane sprangen auf die Motorhaube. Einige rannten neben dem Auto her.

„Wir fahren nach Hause.“ Ich starrte auf die Straße und biss mir auf die Lippen.

„Wir haben doch noch nicht alles gesehen?“, jammerte Sabine und sah mich mit tränengefüllten Augen an.

„Benimm dich nicht wie ein Kleinkind! Reicht dir eine Beule in der Tür nicht?“ Fest entschlossen steuerte ich auf den Ausgang zu.

Als wir das Gelände verlassen hatten, hielt ich an und musterte die Fahrertür.

„Sieh dir das an!“, brüllte ich und knallte meine Faust auf das Dach. „Verdammt.“ Hastig stieg ich ein.

Tränen kullerten über Sabines Wangen. Sie knetete ihr Taschentuch.

„Ich brauche einen Schnaps, sonst kann ich nicht weiterfahren“, murmelte ich in das Lenkrad.

Mit 80 km/h steuerte ich die nächste Raststätte an. Ich kaufte mir vier Fläschchen Kräuterschnaps und ein frisch gezapftes Bier und schüttete alles in mich rein. Ich spürte, wie mein Puls langsamer wurde. Sabine wartete im Wagen. Nach einer halben Stunde ging die Fahrt weiter. Sabine rutschte ungeduldig auf ihrem Sitz herum und starrte immer wieder in den Rückspiegel.

„Wie viel hast du getrunken? Hinter uns ist die Polizei.“ Sie hatte es kaum ausgesprochen, fuhr der schwarze Audi neben uns. Der Beifahrer schwenkte die Kelle und forderte uns auf, ihm zu folgen. An einer sicheren Stelle kamen wir zum Stehen.

„Guten Tag. Zivilfahndung, eine Routinekontrolle. Ihren Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“ Er zeigte seinen Dienstausweis und trat einen Schritt zurück.

„Woher haben Sie denn die große Beule hier? Ist die neu?“ Der Zivilfahnder fuhr mit den Fingern über die Tür.

„Da hat ein Elefant dagegen getreten.“ Ich war immer noch wütend und wusste, dass man es hörte.

Die Augen des Zivilpolizisten weiteten sich, dann suchte er den Blick seines Beifahrers. „Hier sind nirgendwo Elefanten. Haben Sie etwas getrunken?“ Er machte mir die Tür auf. „Steigen Sie bitte

aus.“ Sein Beifahrer gab mir das Röhrchen. „Pusten Sie hier rein.“ Gespannt sahen die Beamten auf das Röhrchen.

„Das sind 0,75% Promille. Sie müssen das Auto stehen lassen.“ Er behielt die Papiere und nickte seinem Kollegen zu.

„Das stimmt! Es hat ein Elefant gegen die Tür getreten. Meine Frau hat ihm den Rüssel im Dachfenster eingeklemmt!“ Mir wurde schwindlig und ich hielt mich am Wagen fest.

„Sabine, jetzt komm doch endlich mal raus. Du hast ihm doch den Rüssel eingeklemmt.“ Spucke sammelte sich vor meinem Mund.

„Die Elefanten mochten wohl Ihr Safarihemd nicht? Die Zivilbeamten grinsten und nahmen die Aussage von Sabine auf.

„Herr Sturm, Sie dürfen nicht mehr fahren.“ Der Kommissar behielt meinen Führerschein.

„Meine Frau kann auch fahren.“ Hilfe suchend sah ich Sabine an.

„Das stimmt. Ich fahre zurück.“ Sie nickte und holte ihren Führerschein heraus.

„Gut. Dann wünsche ich Ihnen gute Fahrt, Sie hören von uns.“ Die Zivilbeamten steckten ihre Unterlagen ein und ließen uns zurück.

„Schönes Wochenende, wir sollten uns ein Hotel suchen. Warum haben wir denn unsere Reisetasche gepackt?“ Sabine startete das Auto.

Mir war schlecht vom Alkohol und sah Sabine doppelt. Ich sagte nichts. Es drehte sich alles in meinem Kopf. Ich machte die Augen zu und muss eingeschlafen sein.

„Martin! Wir sind zu Hause.“ Jemand rüttelte mich. Langsam öffnete ich die Augen.

„Ist die Beule noch in der Tür, oder habe ich das alles geträumt?“ Mit verschlafenen Augen sah ich Sabine an.

„Ich fahre morgen zur Werkstatt und jetzt brauche ich einen Schnaps.“ Sabine stieg aus den Wagen und hob die Reisetasche aus dem Kofferraum.

Gähnend stieg ich aus dem Wagen, schnappte meine Tasche und folgte ihr mit schleichenden Schritten in die Wohnung.

 

 

 Kerstin Kabbe

Wenn Köpfe rollen ...

manchmal da kommt ein Kopf ins Rollen
und manchmal bin ich ganz nah
manchmal da kommt ein Kopf ins Rollen
und die Menge ist schon da
manchmal da kommt ein Kopf ins Rollen
und mitten in die Menge hinein
manchmal laufen sie auseinander
und fangen an zu schreien
manchmal da kommt ein Kopf ins Rollen
und es sind wieder alle da
manchmal da kommt ein Kopf ins Rollen
und wieder ganz nah

 
© Kerstin Kabbe
 

 Eberhard Kamprad

Texte sind auf dieser Homepage im Menü "Werke" zu finden.

 

Elke-Marisa Leiverkus

Einsame schwarze Schwäne ...


Wenn die Schwäne Trauer tragen –
ist es Zeit, das wir uns fragen,
was ist mit uns geschehn.
Schwäne lieben sich für immer -für sie ist es noch viel schlimmer -
wenn ein Partner stirbt.
Denn sie können's nicht verstehen -
trauernd ziehn sie ihre Bahnen -nur ein Vogel kann erahnen -
warum ein Schwan laut aus Liebe weint.
Alle Tiere sind ganz leise -zieht er singend seine Kreise -
denn ein Schwan liebt nur einmal –
Ich würd gerne mit ihm leiden -trauern würden wir dann beide -
um verlor'nes Glück.
Mich in seine schwarzen Federn schmiegen  -sanft in meinen Arm ihn wiegen -
küsse seine Tränen fort.
Zärtlich hält er mich geborgen -Flüstert:"Mach dir keine Sorgen,
wahre Liebe lebt an jedem Ort".
Mit ihm schwimmen durch den See -
auf uns fällt der weiche Schnee –
deckt die Federn zu
  

Mutter

 
Heute, stärker als jemals zuvor, zeigst du mir,
wie vergänglich das Leben, die Freude, das Glück, ja die Würde ist.
Womit hast du als alter Mensch es verdient, so würdelos dein Leben,
das einst voll Hoffnung, Frohsinn, Zukunftsfreunde und Träume begann,
sinnlos und nicht mehr lebenswert anzusehen?
 
Wo sind die, denen du Stärke und Liebe, Tränen und Trost gabst?
Wo sind die, denen du in der Not eine Hilfe warst?
Die, die sich Familie nennen, sparen nicht mit dummen Ausreden;
haben ihr eigenes Leben, ihr eigenes Leid;
haben vergessen, wie gut deine Hände waren,
als niemand anderer zur Stelle war.
Heute sind sie verbraucht und unendlich müde, deine Hände.
Andere übersehen bewusst, dass du eine Mutter warst,
die das Beste für das Leben wollte, dass sie unter Schmerzen gebar
und unter Entbehrungen in einer kalten Welt  heranzog.
Ein Leben, um das sie kämpfte, weil sie es musste.
Sie wollen dich tadeln, deine Fehler kritisieren, um die eigenen Schwächen zu verschleiernDu warst nicht makellos;
hast die, die dir nahe standen, gekränkt.
Gefühle die leben sollten, getötet,
Menschen, die dich lieben wollten, verletzt. 
Hast Scherben hinterlassen, wo Behutsamkeit geboten war.
Hast vieles kaputt gemacht mit deiner Art.Mutter, auch in mir ging einiges zu Bruch.
Vieles hast du unrettbar im Keim erstickt.
Mutter, ich wollte dich auch verlassen, doch in mir ist Trauer.
Du warst eine starke Frau, doch die Liebe war dir fremd.
Du kanntest es nicht besser.
Du konntest nicht geben, was du selbst nie erfuhrst. 
Doch dieses Ende  hast du  nicht verdient.Mutter, ich wünsche mir so sehr,
dass die Welt in der du nun lebst, gnädiger zu dir ist.
Dass du Mangel an Respekt und Takt verzeihst und vergisst.
Du konntest in deinem Leben sehr schwer *Danke* sagen.
Doch heute sagen mir Deine Augen, was deine Lippen nicht sagen können
*Danke, dass es dich gibt*
 
Es ist schwer, deine Welt zu verstehen.
Ich bin so oft ungerecht und unbedacht.
Ich werde mich bemühen,
Ich werde um dich kämpfen,
denn mir liegt sehr viel an dir.
Du bist es wert, das ich den Lebenswillen, der noch in dir kämpft, in meine Seele, in mein Herz lasse.
Verzeihe mir bitte meine Ungeduld, Mutter.
Ich liebe dich.
 
 
Mehr von Elke-Marisa Leiverkus:
 
 

Brigitte Meertens

Hein, der Postbote


Hein saß am Tisch und konnte sich nicht so recht vorstellen, dieses Essen genießen, zu können. Er gab sich selber die Schuld an dem Unglück, der heute Morgen passierte zu.

Hein war Postbote und er war es gerne. Er radelte täglich mit Freude zwischen den fünf kleinen Ortschaften, die zu seinem Arbeitsgebiet gehörten, um den Menschen die Post pünktlich zu bringen. Am Anfang seiner Tätigkeit hatte er viel Ärger mit großen und kleinen Hunden. Oft schon wurde seine Hose zerrissen. Einmal musste sogar sein Hinterteil genäht werden, den der große Rex von Familie Merzenich, für ein Stück Frischfleisch hielt. Nach diesem Erlebnis beschloss Hein, Hundekuchen auf seiner Dienstfahrt mitzunehmen. Seit dieser Zeit waren alle Hunde seine Freunde geworden. Nur der weiße Viktor mochte ihn und den Hundekuchen nicht. Hein hasste ihn sogar, denn er verhinderte die nähere Bekanntschaft mit der Dame, die das Tier ihr Eigen nannte. Viktor gehörte der jungen Witwe, Lucia Winter, die Hein sehr gefiel. Sie wohnte am Ende des ersten Ortes, und wenn ein Brief für sie dabei war, änderte Hein seine Route. Er nahm dann die schwierige Strecke auf sich und fuhr zuerst die lange Landstraße bis zum fünften Dorf, sodass das Erste, das letzte Dorf auf seinem Weg war. Somit konnte er die Einladung zum Tee bei der jungen Witwe annehmen.

Doch Viktor wurde mit zunehmendem Alter immer aggressiver und eifersüchtiger und der Postbote war für ihn, wie ein rotes Tuch im Stierkampf. Sobald Viktor ihn sah, breitete er die großen weißen Flügel aus und stürzte sich auf ihn. Zum Glück hielt die junge Witwe immer Ausschau nach dem Postboten und stellte sich dann zwischen Viktor und Hein. Eines Tages erfuhr er, dass sie in Kürze ein wichtiges Schreiben erwartete.

Und als endlich der Einschreibebrief kam, passierte das Unglück.  Viktor der Gänserich war diesmal schneller als Lucia. Riss Hein den Brief aus der Hand und flog zum Weiher. Hein und Lucia liefen hinter ihm her. Doch als sie ihn erreichten, war der Brief, schon in Viktors Magen verschwunden.

„Was nun?“ fragte Hein verdutzt. Lucia Winter nahm es jedoch gelassen hin und fragte:

 „Darf ich sie heute Abend zum Essen einladen?“

Erstaunt und glücklich zugleich sagte Hein zu und vergaß sogar diesen Brief.

„Also, dann bis heute Abend um acht“, lächelte sie.

„Ich werde pünktlich sein“, sagte Hein und fuhr fröhlich nach Hause.

Als er jetzt an dem festlich gedeckten Tisch saß, sah er der jungen Frau beim Servieren der gefüllten Gans zu. Sie trug ein dezentes schwarzes Kleid mit einer Perlenkette. In ihren Augen tanzten kleine Lichtpunkte und ihr Haar glänzte im Schein der Kerzen, wie Honigtropfen im Sonnenschein. Hein räusperte sich und schaute verlegen auf das goldbraune Vieh.

„Aber lieber Hein, wer wird denn so traurig drein schauen. Greifen sie nur zu?“, sagte sie und füllte die Gläser mit Wein. „Auf unsere Freundschaft“, hob sie das Glas. „Ja“, sagte Hein schüchtern: „Prost. Auf unsere Freundschaft.“

Lucia zerteilte den Gänsebraten in kleine Stücke und sagte: „ Die Gans wollte ich erst in zwei Wochen  schlachten, doch um an den Brief zu kommen, der einen Scheck beinhaltete, musste sie leider schon heute dran glauben.

„Prost“, die Gläser klirrten. Er vernahm zu ersten Mal Lucias wunderbaren Duft wahr, der sogar den Bratenduft verdrängte. Sie sagte: „Nun, lassen sie sich gut schmecken, ich habe alles mit Liebe zubereitet.“

Da ließ sich Hein nicht zwei Mal bitten und musste zugeben, dass Viktor jetzt viel zahmer war, als vorher.


Sandy Schröder

Begegnung mit dem Teufel


Und ich … starb!
Ich begab mich auf den langen, beschwerlichen Weg Richtung Hölle.
Ein Mensch wie ich, der sein Leben so hasste, sich in Selbstmitleid suhlte und nicht fähig war, die kostbare Zeit auf Erden positiv zu gestalten, was sollte ich im Himmel.

Es war ein steiniger Weg in die Hölle und je näher ich kam, desto heißer und unerträglicher wurde es. Die Luft konnte ich kaum atmen. Sie brannte in meinen Lungen. Es war der Weg durch einen dunklen, heißen Tunnel, an dessen Ende ein Licht zu sehen war: das Licht der Hölle.

An der Pforte klopfte ich leise an die Tür. Es zischte. Die Haut an meinen Fingerknöcheln versengte und es roch nach verbranntem Fleisch. Jedoch spürte ich keinen Schmerz.

Die Tür ging auf. Der Teufel höchstpersönlich öffnete mir.
"Ich muss ein sehr schlechter Mensch gewesen sein, dass du mich selbst in Empfang nimmst!"
Er musterte mich von oben bis unten und wieder hinauf und verharrte mit dem Blick in meinen Augen, die so leer und ausgelaugt waren.

"Ich wollte auf Nummer sicher gehen", sprach er mit tiefer, grollender Stimme. Rauchwolken stiegen aus seinem Mund. Feuerrot war sein Antlitz und doch sah ich etwas Seliges in ihm.
"Auf Nummer sicher? Dass ich  den richtigen Weg gehe und die Tür nicht auch verfehle, wie den Sinn meines Lebens?", entgegnete ich und schaute ihm dabei tief in die wunderschönen, roten Augen.
"Ich bin doch da!", sagte ich.

"Ich musste sicher gehen, dass der Wärter keinen Fehler macht und dich doch hineinlässt!"
".....mich doch hineinlässt? Ich bin überzeugt, hier richtig zu sein! Das ist die Hölle. Und du bist der Teufel. Der Weg war anstrengend, fast unerträglich. Gewähre mir bitte Eintritt, damit ich meine Ruhe finden kann." Meine Stimme bebte vor...Verwirrung!

Der Teufel trat ein Stück bei Seite und ließ mich hineinblicken in das heiße, rote Etwas. Verschwommene Bilder, verzerrte Schreie, hässliche Fratzen und böse Gedanken und Gefühle überwältigten mich.
Ich wollte eintreten, doch der Teufel stupste mich zurück.
"Das ist nicht dein Weg, den du gehen musst. Du bist bereits in deinem Leben durch die Hölle gegangen. Hast nach deinem Tod wiederum den Weg Richtung Hölle gewählt! Doch du bist zu gut, um hierher zu gehören. Du siehst selbst in mir etwas Gutes und bringst mir durch deinen Blick Liebe entgegen. Du gehörst nicht hierher!", sagte er nun mit sanfter Stimme.
"Du warst wieder Mal zu ungeduldig und konntest nach deinem Tod nicht abwarten, dass deine Begleiter kommen, um dich zu holen. Du hast wie immer gedacht, dass du schlecht bist und hast abermals den schwersten und kraftaufwändigsten Weg gewählt. Selbst die, die hier hergehören und bereits hier sind, haben Begleitung auf ihrem Weg in meine heiße Hölle. Doch du gingst ihn allein! Nein, du gehörst nicht hier her!"
Ich starrte ihn an und mein Mund blieb für Minuten weit geöffnet! Ich beendete mein Schweigen: “ Aber wo soll ich denn hin, wenn du mich nicht aufnehmen willst?“

Da hob er seinen linken Arm und wies mit seinem knochigen Zeigefinger hinter mich. Ich drehte mich um und sah ......

Ein gleißendes, wohlig warmes und meine Seele streichelndes Licht. Aus ihm traten Gestalten hervor, die mich sogleich in ihre weiten Arme nahmen. Ich spürte Liebe und Geborgenheit und noch Millionen anderer herzerfüllender Gefühle.
Sie gingen mit mir zusammen ins Licht. Meine schweren Beine wurden leicht und meine Erschöpfung war verflogen. Wie auf Wolken schwebten wir davon.

Ich drehte mich zum Teufel um und rief ihm zu:" Komm doch mit! Auch in dir steckt etwas Gutes!“

Doch der Teufel schüttelte nur den Kopf. Ein kleines Lächeln schlich in sein Gesicht und er schloss langsam die Tür.
Ich glaubte, ich sah eine Träne aus seinem Auge fließen. Sie glitzerte kurz...mit gleißendem, wohlig warmen Licht...und verdampfte im nächsten Augenblick.
Eine der Gestalten sah mich an und sprach leise mit warmer Stimme:" Der Teufel hat noch nie gelächelt! Doch jetzt hat er einen Teil deines Herzens!“
Und eine andere Gestalt fügte hinzu:“ Und du hast einen Teil von seinem!“
Ich schloss meine Augen.
Und ich ... lächelte!
 
 

Eva Windegger

Eva Windegger ist in beiden Sprachen zuhause;
deswegen erscheint der Text parallel in Deutsch und Englisch.

Ihm 
 

Der wachsamen Augen ahnungslos, seiner eigenen Schönheit und Grazie unbewusst, bewegt er sich unter Wasser als wäre er für das nasse Element geschaffen. Goldene und rötliche Blätter tänzeln zärtlich von den Bäumen und legen sich auf das stille Wasser. Sattes Herbstlicht fällt auf die vollkommene menschliche Form die gerade einen Finger breit unter der Oberfläche treibt. Einem antiken Spiegel gleich reflektiert die Wasseroberfläche die warmen Strahlen der untergehenden Sonne, wie ein silberner Schleier trennt sie Illusion von Wirklichkeit.

In meiner Vorstellung trug er seine dunkelblauen Boxer Shorts. Absonderlich plusterte sich der Stoff in der Strömung und verschmolz mit der Dunkelheit des Wassers. Die bare, männliche Form fand ich von hinten eher sehenswert als von der Front. Wie falsch ich doch lag, wie sehr war ich beeinflusst von fremden Meinungen und prüder Erziehung.

Blass und glatt erscheint seine Stirn, umrahmt von ausdrucksvollen Augenbrauen und dem dunklen Haaransatz. Lange, dunkle Strähnen bewegen sich sanft mit den Wellen rund um sein ernstes Gesicht. Absurd lange Wimpern fordern meine Aufmerksamkeit und bewahren so des Mannes Geheimnis. Kräftige Schultern und Brust, des Körpers Mitte und eine zarte, dunkle Linie feinen Haares, die zum Geschlecht, zu den Lenden führt; Oberschenkel, Knie, Beine und zu aller Letzt, elegante und doch kräftige Füße. Genussvoll streckt er den Körper, Augen stets geschlossen. Wann wird er emporkommen um zu atmen?

So wie der Buddhist den Kern der Allwissenheit während der Meditation berührt, so begreife ich die Unsterblichkeit während mein Blick auf ihm ruht, so verstehe ich dies einzigartige Meisterwerk der Natur. Ich umfasse ihn völlig, seinen Frieden, seine Stärke, die Makellosigkeit seines Seins. Mein Herz wird ruhig, meine Glieder schwer und ich bin mit mir im Reinen. Die Körperlichkeit verschwindet und ich beginne meine wahre Existenz.

Schläfrig öffne ich meine Augen und finde mich selbst ausgestreckt auf dem Bauch. Meine Arme umfangen das Kissen ganz so wie sein Arm um meine Hüfte geschlungen ist. Sein Kopf liegt schwer auf meinem Steiß und seine Lippen kitzeln meine Haut als er leise gegen die schwankende Bewegung protestiert. Ich drehe mich ganz sachte um ihn nicht zu verlieren und nicht die Vision, dann tauche ich wieder ein in die samtenen Tiefen meines Traumes.

©  Eva Windegger
 

 

Him
 

Unaware of being watched, unconscious of his own grace and beauty he moves under water like being made for the wet element. Golden and reddish leaves move gently from the trees down to the smooth surface of the silent water. Rich light of autumn illuminates the perfect human form as it floats just beyond the surface. Like an antique mirror it reflects the setting sun’s warm beams, like a silvery veil it separates illusion and reality.

In my mind, he wore his dark-blue boxer shorts. Awkwardly, the fabric moved with the waves and melted into the darkness of the water. The nude male form was rather watchable from behind but front, I thought. How wrong I was, how strongly influenced by foreign judgement and prudish education.

His forehead appears first, pale and smooth, framed by expressive eyebrows and a dark hairline. Longish dark strands float around his serious face. Absurdly long lashes force to focus and protect the man’s secret. Taut shoulders, chest, the body’s midst and a fine line of hair leading to his genitals and loins, tights, knees, lower legs and, at last, elegant but powerful feet. With pleasure, he stretches his body, eyes still closed. When will he come up to breathe?

Like the Buddhist who, during meditation, touches the all knowing core of things, I touch immortality by looking at him, by understanding that unique masterpiece of nature. I grasp him wholly, his peace, his strength, the purity of his being. My heart slows down, my limbs become heavy and I am content. My body vanishes as I begin my true existence.

Sleepy, I open my eyes and find I’m lying prone. My arms hug my pillow while his arm is slung around my hips. His head lies heavy against my lower back and his lips tickle my skin as he softly objects my movement. I shift slightly not to lose him, nor my vision, then dive back into the silky depths of my dream.

©  Eva Windegger
 

 


 

Ingrid H. Matzen 

Mein Freund der Tod

An einem trüben, regenverhangenen Herbsttag sitze ich in meinem Wohnzimmer und lese.
Plötzlich überkommt mich das seltsame Gefühl nicht mehr alleine im Zimmer zu sein. Wie eine große, dicke behaarte Spinne kriecht es mir den Rücken hoch. Langsam, ganz langsam streicht Sie mit ihren langen Beinen über meine Haut.

Ich schüttele mich, beruhige mich selbst: Was willst du, ist doch keiner da.
Doch das Gefühl vergeht nicht. Es wird stärker und eine Gänsehaut überzieht meinen ganzen Körper.
Gründlich schaue ich mich um, stehe auf und gehe die ganze Wohnung ab. Alles in Ordnung, keiner da. Aber das Gefühl verlässt mich nicht.
Zurück  im Wohnzimmer versuche ich mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren. Es will mir nicht gelingen.

Klack, was war das? Wieder steh ich auf und gehe die Wohnung ab. Alle Türen und Fenster sind geschlossen.
 Krrrrrrrrr, Krrrrrrrrr  schreckt mich nun der Ton des Telefons auf, etwas zitternd nehme ich den Hörer ab.
“Ja, Hallo,“ sage ich in die Muschel.
 „Hallo, ich wollte nur mal hören, ob bei dir alles in Ordnung ist,“ die Stimme meiner Mutter beruhigt mich.
„ Ja, danke. Es ist alles klar.“
„ Bist du sicher, das du heute Nacht alleine zurecht kommst?“
 „Ja, Mama, es wird schon gehen“, sag ich und leg den Hörer wieder auf.
Seit ich vor einigen Jahren diese Krankheit bekam, macht Sie sich ständig Sorgen um mich. Na, ich kann sie ja verstehen, sie hat Angst davor  ihr Kind zu verlieren. An ihrer Stelle würde ich mich auch so verhalten. Für mich ist es ein wenig anders, ich habe keine Angst vor dem Tod, heute nicht mehr.

Als ich den Hörer wieder auf die Ladestation stelle, ist auch das seltsame Gefühl wieder da. Irgendwie, ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, irgendwie bin ich nicht allein. Es ist keine Angst, nur ein unbekanntes Gefühl, seltsam, anders.
                                                 
Nun, gut. Setz dich wieder hin und lies weiter. Wer weiß was das ist, vielleicht bekommst du ja eine Erkältung. Rede ich beruhigend auf mich ein. Langsam legt sich das Gefühl und ich konzentriere mich auf mein Buch.
Klack, macht es und augenblicklich ist das Gefühl zurück, wieder zieht mir die Gänsehaut bis in die kleinste Haarspitze.
Es ist noch jemand im Raum, deutlich kann ich seine Anwesenheit spüren, aber sehen kann ich nichts. Was ist das?
Irgendwoher muss das doch kommen? Seltsam.
Das ganze hält sich einige Minuten, dann  ist  alles wieder in Ordnung. Keine Gänsehaut. Kein Gefühl das noch jemand da ist.

Ich schalte den Fernseher ein.
Es  läuft eine Komödie. Zu komisch was den Filmemachern für Scherze einfallen.
Als der Film zu Ende ist lösche ich das Licht und gehe in das Schlafzimmer.

Da, plötzlich ist es wieder da, dieses seltsame Gefühl, als ob in der nächsten Ecke einer steht.
 „Verflixt noch mal, wer ist da?? Zeig dich doch du Feigling, “ sage ich laut vor mich hin, während ich mir mein Nachthemd überziehe.

Ich leg mich hin, aber das Gefühl will nicht vergehen.
“Was willst du von mir?“ frage ich einfach in den Raum hinein. Es ist niemand da, der mir antwortet, aber der Laut meiner Stimme reichte schon um eine gewisse Beruhigung zu erzielen.

 „Ich will wissen warum du keine Angst vor mir hast? Die meisten Menschen haben Angst von mir.“
Ich schrecke  zusammen. Eine Antwort! Ich habe doch nicht mit einer Antwort gerechnet oder  hatte ich mich jetzt verhört, meine Hand greift zum Lichtschalter.
„Nein, lass das Licht aus! Wenn du mich erst gesehen hast muss ich dich auch mitnehmen.“
„Dann klär mich auf, wer bist du? Wohin würdest du mich mitnehmen und warum
glaubst du, dass die Menschen Angst vor dir haben?“
„ Ich bin der Tod. Wer mich sieht, muss diese Welt verlassen.“
„Und warum bist du dann heute bei mir? Ist heute mein letzter Tag?“
„Nein, ich will dich noch nicht holen, du musst noch ein wenig warten.“
„Warum bist du dann hier? Du warst mir schon öfter nah, aber du hast noch nie mit mir gesprochen. Warum heute?
Was ist heute anders?“

 „Ich habe dich beobachtet, du scheinst wirklich keine Angst vor mir zu haben. Du behauptest immer: Der Tod ist kein Feind, sondern unser Freund. Er ist nicht böse, sondern nur anders.: Woher willst du das wissen? Woher glaubst du mich zu kennen?“
„Ich, dich kennen? Nein, kennen ist zuviel gesagt. Aber ich glaube nicht das DU bist böse? Tust du nicht nur deinen Job? Ist es uns nicht schon zu Beginn unseres Lebens vorherbestimmt, irgendwann zu sterben? Gehört der Tod nicht zum Leben? Denken nicht auch noch andere  Menschen auf der Erde so wie ich?“
„ Ja, es gibt Menschen die keine Angst vor dem Tod haben, die auch so denken wie du, aber nur  weil sie mich akzeptiert haben. Doch es gibt wenige Menschen die mich als Freund bezeichnen würden.“
„Warum sollte ich dich nicht so bezeichnen, bist du nicht für viele kranke und alte Menschen ein Freund, da du sie von ihrem Dasein erlöst. Einem Dasein das bei manchen schon nicht mehr lebenswürdig ist, sondern nur noch eine Quälerei?„
„Empfindest du dein Leben auch als eine Qual?“
„Nein, ich habe gelernt mein Leben zu akzeptieren, ich lebe es so gut ich es kann.
Außerdem habe ich durch meine Krankheit einen Vorteil, den viele andere Menschen nicht haben. Ich bin vorbereitet auf den Tod. Meine Belange sind geregelt. Wenn ich gehe kann ich sagen  ICH HABE BEWUSST GELEBT. Alles ist  vorbereitet. Meine Urne habe ich selbst ausgesucht und die Zeremonie für die Trauerfeier festgelegt. Aber solange ich noch da bin, mache ich mir das Leben in meinem Rahmen so schön wie möglich.“
„So würdest du, schon heute, ohne Bedauern mit mir kommen?“
„Ja, wenn du mich mitnehmen willst, dann soll es so sein.“
„Was erwartest du, wenn du mitgehst? Möchtest du liebe Verstorbene wiedersehen?“
„Nein, da lass ich mich überraschen, aber eins möchte ich schon gerne!
Ich möchte Antworten auf meine Fragen!„
„Was hast du für Fragen?“
„Alle Fragen die mit warum oder wieso beginnen. Wirst du sie mir beantworten?“
„Wenn ich dir diese Fragen beantworten würde, Müsstest du mitgehen.“
„Bekomme ich nach meinem Tod Antworten auf alle meine Fragen?“
„Ja, wenn du mit mir gehst und nicht mehr zurückkehrst, bekommst du  alle Fragen dieser Welt beantwortet.“

Tuuuuuuuuuut,tuuuuuuuuut, der Wecker, verschlafen schaue ich auf die Uhr. Was, schon sechs Uhr früh. Habe ich das jetzt alles nur geträumt?

© November 2002 by Ingrid H.Matzen
 



Ines Kartaschewski, ein ehemaliges Mitglied unserer Gruppe, schreibt über Ingrid:
 
Ich erinnere mich noch daran, wie ich Ingrid kennen lernte. Damals existierte meine kiddiesmama-Homepage noch, thematisch in viele verschiedene Bücher unterteilt. In dem Buch "Abschied" gab ich meinen Lesern die Möglichkeit, sich mit dem Tod auseinander zu setzen.

Die Erste, die mich daraufhin kontaktierte, war Ingrid. Sie fragte, ob sie mir ihren Text (ihre eigene Grabrede) schicken dürfe.

Kurz danach wurde sie Mitglied unserer Gruppe und bereicherte das Gruppengeschehen mit ihren Fähigkeiten und Können genauso sehr wie mit ihrer humorvollen, ehrlichen und liebevollen Art.

Ich habe Ingrids Text noch immer und denke, es ist richtig, Ingrids Gedanken als Vermächtnis anzusehen und als Gedenken an diese faszinierende und sehr starke Frau hier einzustellen:
 


Ein letztes Tschüss
 

"Normal" wird an dieser Stelle erwartet das irgendwer, meist der Herr Pfarrer etwas Gutes über den Toten erzählt und den Zurückgebliebenen sagt, was sie sowieso schon wissen. Doch was weiß er über mich? Es gibt wohl niemanden der mich, mein Leben, meine Gedanken und meine Gefühle, so gut kennt wie ich. Dieses Leben habe ich gelebt, saß dabei immer auf dem ersten Platz, es war mein Leben und es ist nun auch mein Abschied.

Jeder von Euch kennt einen Teil dieses Lebens, der eine mehr, der andere weniger und jeder von Euch hat mich ein Stück in diesem Leben begleitet, so dass es hier nicht nochmals erzählt werden muss. Ich habe gerne gelebt, sehr gerne gelacht, und manchmal habe ich auch geweint. Es gab schöne Zeiten und es gab weniger schöne Zeiten, wie wohl in jedem Leben.

Was bleibt mir nun noch zu erzählen, eigentlich nur meine Gedanken zum Tod? Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen von Euch ein wenig über die Traurigkeit hinweg.

Für die meisten Menschen ist der Tod ein Tabuthema.Bis es zu spät ist, und dann?Ich hatte die Chance mich darauf vorzubereiten, und ich bin froh darüber.

Das Leben wurde uns Menschen nur für eine gewisse Zeitspanne zu Verfügung gestellt und wir müssen das beste daraus machen.

Lange Zeit habe ich mich mit dem Thema beschäftigt, aufgefallen ist mir dabei: Es wollte kaum einer mit mir über den Tod reden, meist kam der Spruch "Es hat ja noch Zeit". Doch wie schnell kann die Zeit um sein? Fast jeder ist ausgewichen und bei jedem habe ich die Angst bemerkt, die Angst vor dem Tod. Doch ist der Tod wirklich so schlimm wie sein Ruf? Oder ist es nur die Art des Sterbens die dem Menschen Angst macht? Vielleicht aber ist es auch die Angst auf einen lieben Menschen verzichten zu müssen! Der Tod ist etwas endgültiges, aber er ist unvermeidlich. Es gibt keine Gewissheit, dass nach dem Tod alles zu Ende ist, vielleicht ist er nur der Beginn von etwas neuem und wir treffen uns alle wieder. Für mich ist der Tod nur der Übergang in einen neuen Abschnitt, wie auch immer dieser aussehen wird, werde ich nun wissen.
 

 

Ich will Euch nicht trösten, denn irgendwie hoffe ich auch eine kleine Lücke zu hinterlassen, und einen Platz in Euren Herzen zu behalten. Ihr alle kennt meine letzten Jahre und was mir die Krankheit an Lebensqualität genommen hat, ihr wisst auch alle das ich länger auf dieser Welt sein durfte wie mir von den Ärzten “gewahrsagt” wurde, für mich ist der Tod kein böser schwarzer Mann mit einer Sense mehr, sondern ein lieber Freund.


Darum seit bitte nicht zu traurig, ihr alle wisst, das ich lieber gelacht wie geweint habe.

So sag ich dann ein letztes Mal Tschüss alle zusammen, lasst es euch gut gehen!
 
 

 

 

 

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