Vergessen
Kurzgeschichte
Eberhard Kamprad
Seine Arbeit beginnt
zwei Stunden, bevor der Gottesdienst anfängt. Entgegen landläufigen
Vorstellungen besteht die Arbeit des Küsters, auch Kirchner oder Kirchendiener
genannt, nicht nur aus dem Anzünden der Kerzen. Er arbeitet ein ganzes Programm
ab, trägt Sachen von hier nach da und von da nach dort, bis alles an seinem
Platz ist: Lautsprecher für die Krabbelstube in die Steckdose, die Agende, die
Bibel und die Gesangbücher bereitlegen, sechs mal Lieder anstecken, das Licht
in der Brauthalle, im Kirchenschiff, und im Altarraum anschalten, ein Rundgang
über die Emporen, dort alle Türen schließen, den Paramentenraum öffnen, die Abendmahlsgeräte
auf den Altar stellen, Taufschale und Kanne zum Taufstein bringen, das Zählbrett
in die Sakristei schaffen, die Kollektenbüchse an den Haupteingang stellen, die
Kerzen am Altar anzünden, die Trageleuchter für den Kindergottesdienst auf den Altar
legen, in der Kapelle und im Aufenthaltsraum einen kleinen Stuhlkreis um den Altar
stellen, die Kollektenbeutel an den Eingang legen, das Hauptportal öffnen, 5
Minuten läuten mit der Glocke 3.
Zum
Schluss versucht er, die altersschwache Lautsprecheranlage in Betrieb zu
nehmen. Dazu sind verschiedene Tricks nötig. Er hängt etwas mit der Zeit. Jetzt
kommen schon die ersten übereifrigen Gottesdienstbesucher und der Lektor, der
jedes Mal dieselbe Frage stellt: „Ist der Verstärker eingeschaltet?“ Es kostet
ihm Mühe, statt einer bissigen Bemerkung auch dieses Mal freundlich mit „Ja!“
zu antworten.
Der Dienst fällt ihm nicht leicht.
Verschiedene Krankheiten führten vorzeitig zur Erwerbsunfähigkeit. Die Rente
ist nicht üppig. Deswegen ist das kleine Entgelt für die Arbeit am Sonntagvormittag
sehr willkommen. Außerdem fühlt er sich nützlich, denkt er wird gebraucht. Das
bestätigen ihm auch die Gottesdienstbesucher: „ Ja, wenn wir Sie nicht hätten
…“
Bis zum Beginn des Gottesdienstes sind
es noch einige Minuten. Zeit sich hinzusetzen und etwas zu verschnaufen. Doch
auf einmal legt sich ein schmerzender Ring um seine Brust; droht, ihm die Luft
abzudrücken. Er versucht tief durchzuatmen, doch es gelingt nicht recht. - - -
Dann verschwindet der Druck, löst sich auf. Er kann wieder frei atmen. Was war
das? Hat er sich einen Muskel gezerrt?
Beim Aufräumen nach dem Gottesdienst
hilft ihm Schwester Gudrun, eine ältere Diakonissin. Da sie früher als Gemeindeschwester
tätig war, hat sie die Erlaubnis, in einer eigenen Wohnung zu leben und ist
aufgeschlossener und weltoffener als ihre Glaubensschwestern sonst. Sie wäscht
ab und reicht ihm die Kelche zum Abtrocknen.
„Ist denn ihr Platz im Mutterhaus nun
sicher, Schwester Gudrun?“
„Ach, da fragen sie was …“
Sie taucht einen Kelch so heftig ein,
dass das Wasser umher spritzt. Er tritt einen Schritt zurück.
„Mal soll es bald klappen, dann wieder
nicht. Es ist immer noch unklar, wie schnell es mit der Rekonstruktion
vorangeht. Nun sollen ja moderne Zweibettzimmer mit Bad entstehen. Aber durch
den Denkmalschutz verzögert sich wieder alles. Aber es bringt auch nichts, sich
aufzuregen“
Sie fischt den Kelch vorsichtig aus
dem Wasser und reicht ihn zum Abtrocknen.
„Ich bin nicht böse, wenn Sie noch ein
Weilchen hier sind und mir helfen. Ich würde es auch allein schaffen, aber zu
zweit macht es doch mehr Spaß.“
Unter Hin- und Her-Reden nähert sich
die Arbeit schnell ihrem Ende.
„Aber mit ihrer Wohnung kommen sie
doch noch gut zurecht.“
„Es geht, es geht noch. Aber mit 70
ist man eben kein junges Reh mehr. Ein bisschen warte ich schon darauf, dass
ich bald ins Mutterhaus ziehen kann und mich nicht mehr selbst um alles kümmern
muss. Auch ist das Taschengeld für selbständiges Wohnen nicht gerade üppig. Aber
eine andere Frage: Wie geht es denn Ihnen gesundheitlich?“
„Ach, danke, an die
Harnleiterschienung habe ich mich nun gewöhnt und die Dialyse ist auch Alltag
geworden. Mit meinen Aufgaben hier komme ich ganz gut zurecht.“
„Der Pfarrer sagt auch, dass es eine
große Wohltat ist, wenn man Sie im Dienst weiß und sich darauf verlassen kann,
dass alles klappt.“
„Ach, hier ist übrigens die
Tonbandkassette vom Gottesdienst.“
„Ja, ich bringe sie dann gleich zu
Frau Schulze und die gibt sie weiter. Es ist doch schön, wenn die Behinderten
und Kranken auf diese Weise den Gottesdienst hören können.“
„So, jetzt haben wir es wieder einmal
geschafft. Schönen Dank für Ihre Hilfe. Auf Wiedersehen!“
Gemeinsam verlassen sie als letzte die
Kirche. Am Ausgang hält Schwester Gudrun seine Tasche, während er das große Tor
abschließt. Er klinkt noch einmal und rüttelt. Ja, die Kirche ist fest
verschlossen.
Eine Woche später sitzt er wieder an
der Verstärkeranlage und überwacht, dass sie ordnungsgemäß ihren Dienst tut.
Wenn sie anfängt, zu heulen und zu knattern, muss an eine bestimmte Stelle
geklopft werden. Plötzlich ist wieder dieser Ring da, der die Brust
zusammenpresst. Er versucht, es zu ignorieren und sich nichts anmerken zu
lassen. Er muss seinen Dienst tun. Aber schließlich kann er die Schmerzen doch
nicht unterdrücken und stöhnt auf. Etliche Gemeindeglieder werden auf ihn
aufmerksam.
Als er wieder zu sich kommt, liegt er nackt
in einem Bett.
„Wo bin ich? Was ist passiert?“
„Sie sind in der Notaufnahme der
Herzklinik. Sie hatten wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Wie bereiten Sie jetzt
für die Untersuchung mit dem Herzkatheter vor.“
Das Fließband der Voruntersuchungen
läuft. Warten! Erhebung der Krankengeschichte. Warten! EKG. Warten! Ein neuer Weißkittel
betritt den Raum.
„Ich hätte jetzt etwas Zeit. Ist noch
was zu tun?“
„Ja, hier, noch ein Herzecho!“
Endlich ist alles erledigt und es geht
in den OP. Summende Geräte, drei flimmernde Bildschirme über dem Patienten. Er
schließt die Augen. Zu unheimlich ist es, in sein Inneres zu blicken. Der
Katheter wird über die Ader in der Leiste eingeführt. Eine junge Ärztin
manipuliert an ihm herum, ruft ins Nebenzimmer, wo offenbar jemand an
Kontrollmonitoren sitzt.
„Was soll ich denn hier machen? Das
ist doch alles chronisch!“
Diskussion hin und her. Man entscheidet
sich für den Platz eines Stentes, einer Stütze im Gefäß, wäre immerhin eine
Hilfe. Aber die halbe Vorderwand bleibt ausgefallen; entsprechend verringerte
Leistungsfähigkeit.
Am nächsten Sonntag fällt es ihm
schwer, zeitig aufzustehen und sich auf den eineinhalbstündigen Weg zu machen;
Straßenbahn mit Umsteigen. Er schnappt nach Luft. Vielleicht hätte er doch noch
eine Woche pausieren sollen. Aber schließlich wird er gebraucht. Wer soll sonst
seine Arbeit machen? Das sagen die Gemeindeglieder und der Kirchenvorstand
immer wieder. Er ist froh, als alle Vorbereitungen abgeschlossen sind und er
seinen Platz neben der Verstärkeranlage einnehmen kann. Eineinhalb Stunden Zeit
zum Verschnaufen. Später, zu Hause angekommen, legt er sich gleich hin. Er soll
sich seine Kräfte einteilen, haben die Ärzte gesagt.
Weder wacht er in einem Bett auf und
weiß nicht, wie er dahin gekommen ist.
„Willkommen in der Welt!“
„Was ist mit mir? Wo bin ich?“
„Sie sind wieder in der Herzklinik,
wie schon vor einer Woche.
„Wieder ein Herzinfarkt?“
„Nein, diesmal hatten Sie
Vorhofflimmern, das ist eine Herzrhythmusstörung. Wir bringen Sie gleich zur
EPU.“
„EPU. Was ist das?“
„Elektrophysiologische Untersuchung.
Das ist eine spezielle Herzkatheteruntersuchung mit der Herzrhythmusstörungen
lokalisiert und - wenn nötig – beseitigt
werden können.“
Und abermals liegt er hilflos inmitten
summender Geräte. Die Elektroden werden über die Leistenvene eingeführt, zwei
junge Männer unterhalten sich in einem unverständlichen Fachjargon. Nach einer
Stunde fangen die über den Kopf gereckten Arme an, stark zu schmerzen und zu
zittern. Er bekommt ein Schmerzmittel.
„Sie müssen noch ein Weilchen durchhalten.
Wir haben schon zwei Störungspunkte beseitigt. Der Strom rannte da immer im
Kreis und schaukelte sich hoch. Deswegen das Vorhofflimmern.“
„Die Schmerzen in den Armen werden
immer schlimmer.“
„Wir geben Ihnen noch etwas, das
Mittel muss gleich wirken.“
Nach zwei Stunden ist es geschafft.
„Wir werden Sie für einen ICD
anmelden.“
„Was ist das nun wieder?“
„Ein implantierter cardiovaskulärer
Defibrillator; ein kleines Gerät im Schulterbereich, das ihr Herz überwacht,
damit so etwas nicht noch einmal passiert. Wir haben erst einmal getan, was wir
konnten.“
Er schreibt eine Mail an die Gemeinde,
schildert seine Situation und dass er wegen der nachlassenden Kräfte den Dienst
quittieren muss. Einmal noch bekommt er einen Besuch, um die Schlüssel und
Unterlagen abzugeben und den Mini-Job aufzulösen. Dann wartet er auf weitere
Reaktionen. Doch die bleiben aus. Man muss ihn doch vermissen, einmal nach ihm
fragen? Man hat ihn doch stets gelobt, war zufrieden mit ihm gewesen. Vielleicht
könnte ihn auch mal jemand mit dem Auto zum Gottesdienst holen. Man brauchte
ihn doch immer so dringend! Nach einem Jahr gibt er das Warten auf. Er ist
vergessen.
© by Eberhard Kamprad, Mai 2009