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Warten

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Ich lehnte mich weit aus dem Fenster, um die Straßenbahn bereits sehen zu können wenn sie um die Ecke bog. Sogar meine Angst vor Schwindelgefühlen hatte ich vergessen. Da! Die Bahn rollte an die Haltestelle heran. Eins, zwei... sieben Personen stiegen aus, aber Manuela war nicht unter ihnen.

Enttäuscht wandte ich mich zurück ins Zimmer, zupfte meine Sachen zurecht: den bunten Pullover und die weiten, unförmigen Hosen, alles von Mama. Da sie Damenschneiderin war, sah es immer feminin aus. Ich blickte in den Spiegel. Durch meine Größe wirkte ich schmal. Ich wünschte mir ein bißchen männliche Breite. Und dann der brave Rundschnitt. Gern würde ich mir einen 'Igel' schneiden lassen. Doch was würde Mama dazu sagen und Manuela? Sie war immer mit Mama einer Meinung. Neuerdings redete sie mich auch mit „mein Junge“ an. Nun musste ich mir wieder die Brille zurechtrücken. Ich konnte den Tick nicht unterdrücken. Die wievielte Bahn war das schon? Die Zehnte, die Zwölfte? Mein Blick schweifte über den liebevoll gedeckten Tisch für Zwei. Die Kerzen hatte ich schon vor einer Weile gelöscht. Die Schlagsahne fiel in sich zusammen, die gezuckerten Früchte verloren ihre satte Farbe, die belegten Brote wellten sich.

Wie war das gekommen? Ich hatte einen Wutanfall bekommen, weil Manuela auch beim Sex die verhasste Anrede gebrauchte. Nachdem sie mein Glied in sich hineingesteckt hatte, sagte sie: „Nun mal los, mein Junge!“ Ich hatte mich von ihr gelöst, sie herumgedreht und auf ihr dickes Hinterteil eingehauen bis mir der Arm weh tat. Ich wollte ein Mann sein. Sie hatte sich dann hervor gewunden, ihre Sachen gepackt und war zu ihren Eltern gegangen. Ich blieb mit meinem verrauchten Zorn zurück. Doch nun hatte Mama vermittelt und Manuela hatte versprochen zurückzukommen.

Da, die nächste Straßenbahn. Schnell zum Fenster! Wieder nichts. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen, schloss die Augen und spürte Manuelas weichen Körper unter mir. Hinterher konnten wir darüber lachen, wie wir – beide ungeschickt – versucht hatten, die Sache zu bewerkstelligen. Die ganzen Scheißbücher, die ich auf Anraten von Mama darüber gelesen hatte, haben mir nichts genützt. Bis Manuela das Ding in die Hand nahm. Ich war erleichtert, als ich es endlich geschafft und zum Abschluss gebracht hatte. Mir war, als habe ich etwas ganz Neues, der Menschheit bisher Unbekanntes erfunden. Stundenlang war ich danach durch die Straßen gelaufen. Ich meinte, es müsse mir jeder ansehen, dass ich nun ein Mann war, es müsse die ganze Welt interessieren. Mich wunderte, dass niemand davon Notiz nahm, dass alle ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen.

Endlich – die nächste Bahn. Da! Das könnte Manuela sein. Nein, es ist nur eine flüchtige Ähnlichkeit. Ich dachte daran, wie ich Manuela kennen gelernt hatte. Alle Jungen meiner Umgebung hatten schon Erfahrung. Nur ich lief noch als Jungfrau herum. Ich wollte es ihnen beweisen. Ein Mädchen einfach anzusprechen, dafür war ich zu schüchtern. So setzte ich laufend Anzeigen in die Zeitung, mit 19 Jahren. Ich wollte es erzwingen und Mama unterstützte meine Bestrebungen. Endlich klappte es. Manuela passte in Größe und Alter zu mir, obwohl ich beim ersten Zusammentreffen etwas enttäuscht war. Alles an ihr war breit: breites Gesicht, breite Hüften, breiter Hintern, breite Schenkel. In meiner Fantasie war sie zierlicher gewesen.

Bald wollte auch Mama sie kennen lernen. Die beiden waren sofort ein Herz und eine Seele. Manuela richtete sich nach Mamas Ratschlägen und verlockte mich nicht mehr als zweimal in der Woche zu Sex, wie es Martin Luther empfohlen hatte. Meine Gesundheit musste geschont werden. Manchmal kam ich mir vor, als hätte ich zwei Mütter, mit dem einzigen Unterschied, dass ich mit der einen wohldosierten, geregelten Sex hatte.

Nanu, wäre jetzt nicht die nächste Bahn fällig? Schon drei Minuten über der Zeit. Dort – nein, es war keine Bahn, was sich näherte, nur ein gelber LKW.
Ab und zu begehrte ich auf. Aber das half nicht viel. Manuela behandelte mich wie ein trotziges Kind, das erzogen werden musste. Wenn ich ihren Körper wollte, musste ich brav sein. Ob auch da Mama dahinter steckte? Sie kümmerte sich ebenfalls darum, dass wir noch keine Kinder bekamen, weil noch nicht die Zeit dafür sei. Sie bestimmte alles, nichts war vor ihr sicher.

Ich kam ins Träumen: Ich trug einen Igelschnitt, hatte Jeans und eine Lederjacke an, die meine breiten Schultern betonte, bewegte mich ungezwungen unter anderen jungen Leuten, flachste mit Mädchen, klopfte der einen freundschaftlich aufs Hinterteil, raubte einer anderen einen Kuss. Das wäre ein anderes Leben als auf Mamas Familientreffen, in die sich Manuela ausgezeichnet hinein gefunden hatte. Ich wurde als guter Junge gelobt, der sich nicht wie die anderen herumtrieb. Mein sich aufstauender Groll wurde als In-sich-gekehrt-Sein gedeutet.

Na endlich! Beide Bahnen kamen zusammen, aber Manuela war weder in der einen, noch in der anderen. Wenn ich wenigstens in Vater einen Verbündeten gehabt hätte. Doch ich hatte keine Beziehung zu ihm. Mama hatte ihn immer als Trottel dargestellt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn in irgendeiner Sache um Rat zu fragen. Meistens gingen wir uns aus dem Weg, sahen uns nur bei den Familientreffen. Auch die eigene Wohnung befreite uns nicht von Mama. Sie war wie ein Phantom in jedem Wort, in jeder Geste Manuelas gegenwärtig. Worauf wartete ich jetzt eigentlich? War Manuela die einzige Frau auf der Welt? Konnte ich nicht auch ohne Mamas Hilfe mein Leben gestalten? Wie klein musste ich mich machen, um sie die unwürdige Behandlung von Manuelas Hinterteil vergessen zu lassen?

Da, die nächste Bahn. Die Wohnungstür klappte. Nanu, Manuela konnte noch nicht da sein, wenn sie mit dieser Bahn gekommen war. Die Zimmertür öffnete sich, Manuela und Mama. Sie war zuerst zu ihr gegangen! „Mein armer Junge, alles wird wieder gut!“ Welche von den beiden hatte das nun gesagt? Ich stand wie erstarrt. Dann richtete ich mich entschlossen auf, griff mir vom Tisch zwei der belegten Brote, machte eine Doppelschnitte daraus und schob mich an ihnen vorbei; verließ Manuela, Mama und meine Vergangenheit.

Das Warten war zu Ende, das Leben begann. Zu hungern brauche ich erst einmal nicht, dachte ich, und biss kräftig in die Schnitte.

 

ã Nov. 2002 by Eberhard Kamprad

 

Veröffentlicht in: 17 Kurze. Kurzgeschichten aus dem Netz. - Düsseldorf: Pertes-Verlag, 2003. 164 S., Paperback, EUR 14,95.

 

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