Mein
Weihnachten
Kurzgeschichte
Eberhard Kamprad
Sandra legte ihre Schulsachen im Flur ab. Aus der
halboffenen Wohnzimmertür drang „Jingle Bells“, farbige Lichtreflexe zuckten.
Sie steckte ihren Kopf durch die Tür. Die Fenster waren von blinkenden
Lichterketten eingerahmt, in der Mitte flammte in regelmäßigen Abständen ein
Bild der Weihnachtskrippe auf, Leuchtschläuche zogen sich quer durchs Zimmer.
Auf der Kommode schlug ein elektrischer Weihnachtsmann Becken aneinander.
Sandra stand erstarrt. Ihre Mutter kletterte die Leiter herunter, um eine grüne
Plastegirlande am anderen Ende des Zimmers zu befestigen.
„Du kommst gerade richtig, mein Schatz. Trag mir die Leiter
hinterher!“
„Bereitest du eine Diskoparty vor, Mama?“, fragte Sandra,
während sie die Leiter aufstellte.
„Wieso Diskoparty?“, entgegnete die Mutter irritiert.
„Weihnachten steht vor der Tür und jetzt, wo Papa in seiner neuen Position so
gut verdient, können wir uns endlich richtigen Weihnachtsschmuck leisten und
ein stimmungsvolles Fest feiern.“
Sie befestigte die Girlande und stieg herunter.
„Heute Nachmittag wird noch eine Maria mit Fernbedienung
geliefert. Man kann sich auf Knopfdruck von ihr segnen lassen oder sie hebt das
Jesuskind hoch. Ihr Gewand ist mit blinkenden Lichtperlen übersät. So was
Schönes hast du noch nicht gesehen. Ach, so! Ja, sie ist auch umweltschonend.
Im Stand-by-Betrieb verbraucht sie nur zwei Watt, hat mir der Verkäufer ...
Liebes, wo bist du? Was ist los mit dir?“
Sandra saß auf dem Bett und starrte in ihren Schoß, als
ihre Mutter das Kinderzimmer betrat.
„Sandrakind, mein Schatz, was ist denn los mit dir?“
„Wo ist die alte Pyramide von Oma und Opa, die wir immer zu
Weihnachten hatten?“
„Natürlich im Keller und da bleibt sie auch. Ich lasse mir
von dem alten Ding nicht meine schöne Dekoration verhunzen. Sag, was mit dir
los ist!“
„Nichts! Kann ich die Pyramide in mein Zimmer stellen?“
„Gut, wenn du das für deinen Seelenfrieden brauchst.
Schließlich ist Weihnachten ein Fest der Liebe.“
Es klingelte an der Tür.
„Herrgott, das wird die Maria sein!“
Sie wirbelte zur Tür hinaus. Sandra schloss diese und zog
sich den Pullover über den Kopf, um sich des BHs zu entledigen. Sie hasste das
beengende Ding, aber ihre Mutter bestand darauf. Sie meinte, dass es
unschicklich sei, mit wippenden Brüsten vor dem Lehrer zu sitzen. Es klingelte
wieder. Sandra achtete nicht darauf und griff wieder nach ihrem Pullover. Da
öffnete sich die Zimmertür. „Besuch für dich, Sandrakind, ich muss die Maria
auspacken, keine Zeit“, japste ihre Mutter. Durch die Tür schob sich Sven, ihr
Freund seit der ersten Klasse. Sandra versteckte ihren Oberkörper erschrocken
hinter dem zusammengeknüllten Pullover.
„Idiot, kannst du nicht anklopfen?“
Sven grinste. „Kannst dich ruhig weiter anziehen. Ich habe
zwei Schwestern und weiß, wie Brüste aussehen und dass dir auch welche
gewachsen sind, habe ich schon längst bemerkt“, sagte er in einem Tonfall, als
läse er aus dem Biologiebuch vor. Er setzte sich an ihren Schreibtisch und
schlug ein Buch auf. „Ich studiere inzwischen den Aufbau der Atome, das ist
viel interessanter als dein Körper.“
Sandra lächelte und begann sich in die ungewohnte Situation
hineinzufinden. „Vielleicht sehe ich doch anders aus als deine Schwestern“,
lockte sie und ließ den Pullover sinken.
„Brust ist Brust!“, entschied Sven, ohne aufzublicken, „bis
du nun endlich fertig?“
„Dummkopf!“, fauchte Sandra und schlüpfte schnell in ihren
Pullover. In der Eile verhedderte sie sich und blieb stecken. Sven musste ihr
helfen und ihren Kopf befreien. Sandra hatte keine Brüder und es war ungewohnt
und gleichzeitig aufregend, so nahe bei einem Jungen zu sein und von ihm
berührt zu werden.
„Was ist denn bei euch los?“, fuhr Sven fort, „deine Mutter
ist kurz vorm Nervenzusammenbruch und du siehst auch ziemlich belämmert aus.“
„Ach“, erwiderte Sandra, „weil wir doch jetzt zu den
Besserverdienenden gehören, will meine Mutter ein stimmungsvolles
Weihnachtsfest feiern und hat das Wohnzimmer wie eine Disko dekoriert. Als
Krönung des Ganzen wurde soeben eine Maria mit Fernbedienung geliefert.“
„Und die schöne alte Pyramide von deinen Großeltern?“
„Die sollte im Keller bleiben, aber ich habe durchgesetzt,
dass ich sie in mein Zimmer stellen kann. Wir könnten sie gleich hochholen.
Willst du mir helfen?“
„Na klar! Null Problem!“
Gemeinsam packten sie die Pyramide aus und setzten sie
zusammen. Der Eifer und die Freude, dies mit Sven zusammen zu tun, röteten
Sandras Wangen.
„Wir müssen sie auch ausprobieren. Es ist zwar noch nicht
Weihnachten, aber diese Freude haben wir uns verdient“, meinte Sandra.
Als die Kerzen brannten und sich die Pyramide drehte,
setzten sie sich nebeneinander auf das Bett. Sandra lehnte sich leicht an Sven.
Er hob einen Arm, hielt die Hand unschlüssig über ihren Kopf und fuhr dann
sanft ihr langes, seidiges Haar entlang. Einige aufgeladene Haare blieben an
seiner Hand kleben und es kribbelte ein wenig.
„Du bist ganz elektrisch.“
Sandra lächelte verlegen. Sven räusperte sich.
„Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn du am Heiligabend
mit uns in die Kirche kämst. Da hättest du ein anderes Weinachten als hier bei
euch.“
Sandra nickte. „Ich muss nur sehen, wie ich das meiner
Mutter beibringe, aber ich werde schon ein überzeugendes Argument finden.“
Als Sandra während des Läutens vor der Kirche ankam,
wartete Sven schon auf sie.
„Meine Leute sind bereits drin und halten uns einen Platz
frei.“
„Ist es so voll?“
„Was denkst denn du, zur Christvesper reicht der Platz kaum
aus. Das ist für viele das einzige Mal im Jahr, dass sie in die Kirche kommen.“
Er haschte nach ihrer Hand und zog sie mit sich. Mit Mühe
bahnten sie sich einen Weg durch die Menschenmenge. Viele mussten schon stehen.
Svens Vater winkte. „Hierher!“
Sandra und Sven quetschten sich in die freigehaltene Lücke.
Es wurde immer enger in der Bank und Sandra wurde ständig näher an Sven
gedrückt. Doch sie stellte erstaunt fest, dass sie das als angenehm empfand,
obwohl sie doch sonst Jungs am liebsten auf drei Schritt Abstand hielt. Die
Lampen erloschen, nur die Kerzen auf den Simsen der Bankreihen verbreiteten
warmes Licht. Die Orgel ertönte, der Chor sang, Sandra schob ihre Hand zu Sven
hinüber. Beim Gemeindegesang kannte sie den Text nicht, aber sie hörte die
Melodie einiger Weihnachtslieder heraus und summte mit. Dann versank sie in der
Weihnachtsgeschichte. Als sie zum Schluss Hand in Hand mit Sven aufstand und
der Pfarrer die Gemeinde segnete, drückte sie seine ganz fest. „Ich danke dir“,
flüsterte sie, das war mein Weihnachten.“
Sven brachte sie bis zur ihrer Haustür. Wortlos schlang
Sandra plötzlich die Arme um ihn und drückte ihm einen schnellen Kuss auf. Dann
huschte sie, ohne sich umzusehen ins Haus. Als sie die Wohnungstür öffnete,
dröhnte „Jingle Bells“, die Lichterketten flammten, die Maria segnete. Doch
Sandra berührte das alles nicht. Von einem inneren Leuchten erfüllt, lächelte
sie in sich hinein.
ã by Eberhard Kamprad, Leipzig, Dez. 2002