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Werke 1 enthält: 1. Dollys Dackelgeschichten. - 2. Hundebegegnungen. - 3. Weihnachten aus Hundesicht.

 


 

Dollys Dackelgeschichten

Ein Hund erzählt aus seinem Leben.

Eberhard Kamprad

 

Dollys Fotoalbum

 

1. Die neue Mama

 

Die erste Empfindung in meinem Leben, an die ich mich erinnere, ist der warme Körper meiner Hundemama. Zum Glück mussten wir uns nur zu dritt die fünf Zitzen meiner Mutter teilen, so dass genug Milch da war. Sonst hätte es schlecht für mich ausgesehen, denn meine kräftigen Brüder, richtige Rabauken, hatten mich von den besten Milchquellen verdrängt: Kein bisschen Rücksichtnahme auf ein zartes Mädchen, aber ich war bescheiden und brauchte nicht viel. Ab und zu guckte ein brummiges, zottiges Wesen in unsere Kiste und beschnüffelte uns. Im Laufe der Zeit bekam ich mit, dass das mein Hundevater war. Er machte keinen freundlichen Eindruck auf mich und schien sich nicht besonders über unser Dasein zu freuen. Meine Mutter guckte ihn auch immer misstrauisch von der Seite an und knurrte warnend, wenn er uns zu nahe kam.

Ich wuchs und wuchs und wuchs. Bald verließ ich mit meinen Brüdern für kurze Ausflüge unsere Höhle. Dabei lernte ich große, zweibeinige Gestalten kennen. Sie nannten sich Menschen. Da meine Mama ihnen vertraute, machte ich es ebenso. Zusätzlich stillten sie unseren Hunger, als wir anderes wollten, als die Milch unserer Hundemama. Es war aber gar nicht so einfach. Die Milch trank man und sie rutschte hinunter. Die neue Nahrung musste man erst erschnüffeln und wenn man sie gefunden hatte, mühsam aufnehmen und dann hinunterschlucken. Ich beobachtete meine Mama und versuchte, es ihr nachzumachen. Nach einer Weile klappte es ganz gut.

 

Die Ausflüge wurden von Mal zu Mal immer länger. Unsere Hundemama zeigte uns die neue Welt außerhalb der Kiste. Auch die Menschen lehrten uns viel Neues, das mit Hunden eigentlich nichts zu tun hatte, wie zum Beispiel das Geräusch, dass eine Art Hund macht, den die Menschen hinter sich herziehen. Mit der Schnauze des Dings wedeln sie hin und her. Das wäre ein herrliches Spielzeug zum Fangen, wenn nur nicht dieser grässliche Lärm wäre. Meine Hundemama sagte mir, dass die Menschen das Ding Staubsauger nennen. Was sie damit machen, konnte sie mir aber nicht erklären.

 

Ich wohnte inzwischen mit meiner Mama in einem Zimmer für uns. Dort hatten wir unsere Ruhe vor meinem Hundevater und meinen Radaubrüdern. Es gab nur einmal etwas Aufregung, als ich für kurze Zeit herausgeholt und anderen Menschen gezeigt wurde. Die befühlten mich, guckten mir ins Maul und machten komische Dinge mit mir. Auf einmal zwickte es ganz doll in mein rechtes Ohr. Aber bevor ich protestieren konnte, war es schon wieder vorbei. Meine Hundemama sagte mir, dass die Menschen das Wurfabnahme nennen, doch was es damit auf sich hat, wusste sie ebenfalls nicht.

 

Eines Tages wurde ich herausgeholt und zwei Menschen gezeigt; es waren ein großer Mann und eine kleine Frau. Sie betrachteten mich und verglichen mich mit meiner braunen Cousine, die ich einmal flüchtig kennengelernt hatte. Auch meine Mutter und mein Hundevater wurden vorgezeigt. Dieser knurrte mich an, wieso ich immer noch da sei. Nanu, wo sollte ich denn sonst sein? Die Frau sagte. „Den nehmen wir!“ Es war aber kaum etwas zu verstehen, da meine Brüder einen Mordspektakel vollführten und an der Absperrung ihres Zimmers auf und nieder hüpften. Dann verschwanden alle wieder und ich ging mit meiner Mutter in unser Zimmer zurück, froh, wieder Ruhe und diese merkwürdige Begebenheit überstanden zu haben.

Plötzlich wurde ich gepackt und in die Transportkiste gesteckt, die ich schon einmal kennen gelernt hatte, als es zu einem Mann im weißen Kittel ging, der mich piekste. Ich rief meiner Mama noch zu: „Bis nachher!“, doch sie drehte sich weg und beachtete mich nicht weiter. Heute glaube ich, sie wusste, dass das ein Abschied für immer war.

 

Die schaukelnde Kiste mit mir darin wurde in ein rollendes Haus gepackt und los ging es. Ich machte mich ganz klein und wimmerte vor mich hin. Das war anders als der Kurzbesuch bei dem weißen Mann. Die beiden fremden Menschen waren mit dabei. Jetzt konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich musste ein Häufchen, wie die Menschen das nannten, machen. In der nächsten Kurve rutschte ich in eine Ecke und dabei mitten in das Häufchen hinein. Igittigitt, jetzt war nun noch mein Fell beschmutzt und eklig klebrig.

Schaukelnd bewegte sich die Transportkiste. Die Frau, die bisher meine Mama und mich betreut hatte, nahm mich heraus und gab mich dem großen Mann auf den Arm. Gleich war auch seine Jacke mit ... vollgeschmiert. „Musst du sie an dich drücken?“, sagte die Frau. „Halt sie von dir weg!“ Nun baumelte mein Körper in der Luft. Das gefiel mir noch weniger und ich strampelte heftig. Die Frau kam mit Tüchern und begann mich zu reinigen. So lernte ich gleich diese für einen Wohnungshund wichtige Prozedur kennen.

Ich war mit den zwei fremden Menschen allein. Die Frau nahm mich auf den Arm. „Hallo, Dollymäuschen, ich bin deine neue Mama.“ Ich protestierte lautstark, einmal bin ich ein Hund und keine Maus und dann habe ich ja meine Hundemama und brauche keine neue. Aber da diese nicht da war und ich Angst hatte, schmiegte ich mich doch an die Frau. Wenigstens war sie warm und so unangenehm roch sie gar nicht.

 

Vorsichtig erkundete ich zunächst die neue Umgebung. In einem kleinen Raum fand ich ein Körbchen, das zu meiner Körpergröße passte. Dahinein hatte der Mann noch das mitgebrachte Deckchen und das Spielzeug gelegt, das noch ein bisschen nach meiner Mutter roch. Ich vermisste den Lärm meiner Brüder und den warmen Körper meiner Hundemama. Da war es vielleicht am besten, erst einmal ein wenig zu schlafen. Ich kletterte in das Körbchen, legte meine Nase auf das Stückchen Heimatdecke und schlief ein.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarbeitet Mai 2005

 

Veröffentlicht in: Zeitschrift "Kurzgeschichten", Ausgabe 6/2005, S. 51, ISSN 1613-432X

 

2. Der erste Tag

 

Hallo, ich hatte also meine Menschen kennengelernt und war in meiner neuen Heimat eingeschlafen. Von meinem Tiervorgänger, einem Kater, hatte ich einen Korb geerbt und so war es ganz gemütlich. Als ich erwachte, merkte ich sofort, bevor ich die Augen geöffnet hatte, dass etwas anders war als sonst. Ich war allein und es roch anders. Ein wenig vertrauter Duft war noch da, aber wirklich nur ein wenig. Richtig, ich war ja gar nicht mehr bei meiner Hundemama. Was mochte mich erwarten, wenn ich die Augen öffnete. Nun ja, ändern konnte ich doch nichts mehr. Also: Augen auf!

 

Um eines meiner Hinterpfoten hatte sich der Lappen gewickelt, den mir meine vorigen Menschen mitgegeben hatten und der den vertrauten Geruch ausströmte. Das war aber auch alles, was ich von meiner alten Heimat hatte. Die kleine Frau, also meine neue Mama, beugte sich über mich und streichelte mich. Sofort wurde mir etwas wohler. Ich kletterte aus meinem Korb und tappte hinter ihr her. Der große Mann (mein neues Herrchen) lag noch in seiner Schlafkiste und die Frau kroch ebenfalls in eine solche. Und was wurde aus mir? Hilf Dir selbst! Ich gehörte ja schließlich zum Rudel. So spannte ich meine Hinterpfoten an, holte durch Auf- und Niederwippen Schwung und sprang mit einem Satz in die Rudelschlafkiste. Später bekam ich mit, dass die Menschen das Ding Bett nannten. Nun war das ganze Rudel beisammen, warum nicht gleich so? Das war natürlich viel angenehmer als wie ein vom Rudel Verstoßener in einem Korb zu liegen. Ich kroch zu meinem Frauchen unter die Bettdecke und kuschelte mich an sie. Dort war es schön warm und roch auch angenehm.

 

Doch die Ruhe währte nicht lange. Mein neues Herrchen, offensichtlich der Rudelführer, rappelte sich auf und meinte, dass er mit mir Gassi gehen müsste. Was war denn das nun wieder? Mein Frauchen entgegnete, dass in den Büchern stünde, dass ich vorsichtig an das Halsband gewöhnt werden müsse. Schon wieder etwas Neues! Mein Herrchen setzte mich auf die Erde und kam mit einem komischen Ding, dass er an meinem Hals festmachen wollte. Ewig fummelte er an mir herum. Ich versuchte stillzusitzen und den Rudelführer nicht zu verärgern, aber das Ganze war ziemlich lästig, wenn man auch nicht sagen konnte, es sei nicht auszuhalten. Endlich war alles fertig. Ich dachte, ich hab es geschafft und wollte davon springen, aber wieder war es nichts damit. An das Ding um meinen Hals, hakte er noch etwas anderes, dessen Ende er in der Hand hielt. Nun waren wir beide verbunden. Eigentlich nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte. Ich gehörte offensichtlich als etwas Besonderes zum Rudelführer und fühlte mich gleich doppelt so stark, als ich in Wirklichkeit war.

 

Aber jetzt kam der Haken der ganzen Sache. Mein Herrchen sagte zu mir „Komm!“, zog an der Leine und mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Nur kurz versuchte ich, mich steif zu machen, aber da schnitt sich das Halsband schmerzhaft ein. Wir kamen vor das Haus, das nun meine neue Heimat geworden war, aber der Empfang war gar nicht freundlich. Es war kalt und mit Schneeflocken vermischter Regen fiel vom Himmel. Nein, ich wollte nicht mehr. So fest ich konnte stemmte ich meine Pfoten gegen den Boden. Dazu sollte ich noch über ganz komischen Untergrund gehen; mit lauter Löchern. Später wusste ich, dass das eine Rampe mit Gitterrosten war, um wegen meinem empfindlichen Rücken das Treppensteigen zu vermeiden. Nebenbei konnten die Menschen ihre Kinderwagen oder Einkaufsroller hoch schieben. Doch zurück zu meinem ersten Ausgang. Schließlich trug mich mein Herrchen ein Stück und setzte mich dann ab. Ich merkte, dass er ebenfalls ganz aufgeregt war, mindestens ebenso wie ich. So hatten wir wenigstens eine verbindende Gemeinsamkeit. Ich klemmte meinen Schwanz zwischen die Hinterpfoten. Mein Herrchen hatte eine gekrümmte Haltung eingenommen und versuchte, beruhigend auf mich einzureden. Ich sei schließlich sein erster Hund ...

 

So kamen wir mühsam 50 Meter voran. Ich begriff nun, dass ich mich LÖSEN sollte, wie die Menschen das in ihrer umständlichen Art nannten und machte ein kleines Pfützchen. Endlich ging es wieder nach Hause. Dort erwartete mich meine Mama mit mehreren Tüchern unterschiedlicher Art, die sie nach einem nur ihr verständlichen System an meinem Körper zur Anwendung brachte. Das war mir äußerst lästig, aber ich hatte schon gelernt, dass man den Menschen im Allgemeinen ihren Willen lassen muss, um ein einigermaßen ruhiges Hundeleben zu führen. Dann bekam ich endlich etwas zu fressen. Nach den Aufregungen rollte ich mich erst einmal in meinem Korb zusammen und schlief ein wenig. Als ich aufwachte, ging das Ganze wieder von vorn los, nur dass mich jetzt mein Herrchen abtrocknete. Der nahm wenigstens nur ein beliebiges Tuch und wischte einmal flüchtig über meinen Körper. Bei solchem HUNDEwetter (Was haben wir eigentlich mit schlechtem Wetter zu tun?) schaufeln wir uns ja mit unseren kurzen Vorderpfoten den Dreck direkt an den Bauch. Zeit meines Lebens behielt ich durch diese ersten Tage in meinem neuen Zuhause mit matschigem Schneeregen, einen Widerwillen gegen schlechtes Wetter und das Ausführen überhaupt.

 

Einmal hatten meine Menschen zu lange gewartet und ich hatte ein Pfützchen auf den Teppich gemacht. Zum Glück schimpfte Mama nicht mit mir, sondern mit meinem Herrchen, warum er das nicht vorausgeahnt hätte und früher mit mir hinausgegangen wäre. Ach, ist das Leben kompliziert! Aber ansonsten war mein Herrchen sehr streng mit mir. Ich hatte gleich erkannt, dass er der Rudelführer war. Da konnte ich eher einmal bei Mama mein Glück versuchen, mit meinem unschuldsvollen Dackelblick etwas durchzusetzen. So ging mit Fressen, Schlafen und Ausführen der erste Tag in meinem neuen Zuhause herum. Als das Rudel schlafen ging, nahm ich gleich meinen eroberten Platz in der großen Schlafkiste ein. Noch nass, vom letzten Ausführen wärmte ich mich erst einmal beim Herrchen auf und wechselte dann im Laufe der Nacht zu Mama unter die Decke. So hatte jeder etwas von mir.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Okt. 2008

 

3. Wie meine Menschen auf den Hund kamen

 

Aus den Gesprächen meiner Menschen bekam ich Folgendes mit: Dreizehn Jahre lebten sie mit einem Kater zusammen und teilten Freude und Leid mit ihm; zuletzt mehr Leid als Freude, bevor sie ihn einschläfern lassen mussten.

 

Als ihn die Tochter an einem kalten ungemütlichen Wintertag, mitbrachte, war er ein kleines, halb verhungertes Bündel Fell mit zwei wachen Augen in einem großen Kopf. Die Tochter war damals ein Teenager und es hatte eine der in diesem Lebensalter häufigen Auseinandersetzungen mit den Eltern gegeben. Sie war wütend weggerannt und kam nach einer Weile mit dem Kater wieder, der sich an sie schmiegte. Wie sich herausstellte, „wohnte“ er unter der Eingangstreppe. Sie hatte ihn eine ganze Weile mit dem Leberkäse, den sie nicht mochte, gefüttert. Nun waren die Menschen erst einmal froh, dass sie wieder da war, so dass sie wegen der eingeschleppten Katze keinen neuen Streit vom Zaun brechen wollten.

Die Gefühle meines Herrchens waren zwiespältig. Als Kind wollte er gern ein Tier, aber seine Mutter hatte einen Abscheu vor Haustieren und ordnete sie in die Kategorie unnützes und schmutzbringendes Ungeziefer ein. Ihre Abneigung ging so weit, dass sie Menschen, die ein Tier besaßen, sofort ablehnte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ihm noch nicht gelungen, sich völlig von diesem Einfluss zu lösen. So stritten in ihm die Erfüllung des Kinderwunsches und die vermittelte Antipathie miteinander, als seine Tochter mit dem Kätzchen vor ihm stand. Wie so oft im Leben, ging es durch einen Kompromiss weiter: Eine Nacht darf es erst einmal dableiben und sich aufwärmen.

 

Aus der einen Nacht wurden dreizehn schöne Jahre. Die Tochter hatte von Schulfreundinnen von einem Katzenfutter „Wiska“ (Whiskas) gehört und da es ein Junge war, sollte er Wisko heißen. Als die Tochter auszog, um ihre eigene Familie zu gründen, ließ sie den mittlerweile stattlichen Riesenkater da und mein Frauchen hatte weiter etwas zu bemuttern. Der Kater hatte von der ganzen Wohnung Besitz ergriffen, die überall katzengerecht mit Kletter- und Kratzmöglichkeiten eingerichtet war. Nichts war vor ihm sicher, außer man schloss es weg, da er auf jeden Schrank hinaufkam. Die letzten Jahre plagte er sich im Winter mit Fellproblemen; teilweise sah er wie ein Punker aus, wenn er nur noch auf dem Rücken einen „Kamm“ hatte. Doch mit Hormonspritzen erholte er sich immer wieder, bis es einmal doch zu Ende ging. Er wurde unsauber und meine Menschen suchten verzweifelt nach der Ursache, denn Unsauberkeit eines ansonsten stubenreinen Tieres ist immer ein Signal. Auch der Tierarzt wusste keinen Rat. Der Kater wurde in ganz kurzer Zeit träge und lustlos, lag nur herum und Herrchen versuchte, ihn zu überreden, sich in sein Katzenklo zu entleeren. Hinterher ist meinen Menschen klar geworden: Er fühlte sich schlecht und protestierte, dass sie ihn nicht unterstützten, denn in seinem Katzenleben halfen sie ihm ja immer göttergleich bei allen Problemen. Dass es gegen den Tod keine Hilfe gibt, wusste er zum Glück nicht.

 

Als sie ihn wieder zum Tierarzt brachten, war die Diagnose klar: Nierenversagen. Das zeigte der urämische Geruch. Der Körper versuchte verzweifelt, die Giftstoffe, die die Nieren nicht mehr herausfilterten, über die Haut auszuscheiden. Sie entschieden sich gleich, ihn nicht länger leiden zu lassen. Als er die Betäubungsspritze bekommen hatte, kroch er noch einmal zu meinen Menschen und stupste jeden kurz mit der Nase an. Dann schlief er ein und sie gingen. Der Tierarzt gab ihm dann die zweite Spritze, die zum Herzstillstand führte. Den Körper ließen sie da. Er symbolisierte für sie nicht das Lebewesen, mit dem sie dreizehn Jahre ihres Lebens geteilt hatten. Dann schon eher die Fotos, bei deren Ansehen man dann oft sagt: „Weißt du noch, als ---„ Meine Menschen hätten gleich wieder einen übriggebliebenen Kater mitnehmen können, der beim Tierarzt nach einer Behandlung nicht abgeholt worden war, doch sie wollten erst einmal Abstand gewinnen.

 

Nach und nach entwickelte sich bei ihnen der Gedanke, es doch einmal mit einem Hund zu versuchen, denn ein Tier wollten sie wieder. Zu ungemütlich war die Wohnung, wenn niemand herum raschelte und mit atmete. Eine Katze fesselt einen aber an die Wohnung. Man strebt möglichst schnell wieder nach Hause, um sie nicht so lange allein zu lassen. Nun sind sie sowieso sehr häuslich und reisen nicht. Ein Hund dagegen muss mehrmals täglich ausgeführt werden und die Spaziergänge tun ebenfalls den Menschen gut. Nur wegen der zeitlichen Organisation verschoben sie es auf ihre Rentnerzeit. Doch wie es ist, wenn die Menschen planen: Das Schicksal richtet sich nicht danach, weder im Guten noch im Bösen - und die Rentnerzeit kam durch eine chronische Krankheit von Herrchen schneller als gedacht. Als er nun auf einmal den ganzen Tag zu Hause war, galt es dem Tagesablauf - und damit dem ganzen Leben - wieder Struktur und Sinn zu geben. Nun war es soweit: Ein Hund sollte her!

 

Das war leichter gesagt, als getan. Wie kommt man zu einem Hund? An einschlägiger Literatur ist kein Mangel, aber die Entscheidung muss man schließlich selbst treffen. Der Mietwohnung entsprechend sollte er nicht zu groß sein und vor allem pflegeleicht; also nicht langhaarig. Da die Tochter als Kind einen Beagle regelmäßig ausführte, kamen sie auf diesen lustigen, bunten Gesellen. Die Hürde der Einwilligung des Vermieters bewältigten sie unkompliziert, solange es kein Kampfhund sei. Im Genehmigungsschreiben wurde ihnen sogar „viel Erfolg bei der richtigen Auswahl Ihres künftigen Hausgenossen“ und viel Spaß gewünscht.

 

Nun brauchten sie nur noch einen Züchter in der Nähe, da sie ohne Auto waren. Über die Welpenvermittlung des Beagle-Klubs fanden sie eine Züchterin, meldeten sich an und fuhren mit dem Zug hin, um sich die Tiere anzusehen. Leider entsprach der Empfang nicht den Vorstellungen. Die Züchterin hatte die Verabredung vergessen, betonte ständig dass sie keine Zeit habe und das Vorführen der Tiere bestand darin, dass sie auf den Hof wies, wo sich zirka zehn Hunde tummelten und sagte: „Das sind die Hunde.“ Das konnten sich meine Menschen natürlich auch so denken; sie waren aber auf detaillierte Erklärungen eingestellt. Durch die Gesprächssituation zwischen Tür und Angel kam aber überhaupt keine Atmosphäre auf: Nur die Mitteilung über den Preis, wobei sie 1700 Mark doch etwas schockierten und das es im Frühjahr wieder Welpen gäbe. Am meisten schreckte Frauchen und Herrchen jedoch ein angekündigtes Kontrollrecht zum Aufenthalt des Tieres ab. Der Hund sollte ihnen gehören und die Vorstellung, dass immer wieder jemand unverhofft vor der Tür stünde und den Zustand des Hundes kontrollieren wolle, stieß sie ab. Ihr Gedanke war, dass man bei einem guten Verhältnis zum Züchter, diesen sowieso ab und zu über das Wohlergehen des Tieres informiert und ihm ein paar Fotos schickt, aber an ein gutes zukünftiges Verhältnis glaubten sie nicht mehr. Nach kurzer Zeit wurden sie verabschiedet und mussten nun noch zwei Stunden auf dem Bahnhof des kleinen Ortes verbringen, ehe sie zurückfahren konnten. Dabei war ihnen klar, dass das Vorhaben Beagle gescheitert war.

Aber wie nun weiter. Hundeliteratur hatten sie nun nach einem halben Jahr Vorbereitung auf die Anschaffung des neuen Hausgenossen genug gelesen und wollten in die Praxis gehen. Eine Hundeecke war in der Küche eingerichtet. Nun sagte Herrchen, dass er bei einer Körpergröße von 1,95 m keinen Dackel wolle, da das zu komisch aussähe. Aber irgendwie kamen meine Menschen über diese Gedankenverbindung auf den Rauhaardackel, kleiner als ein Beagle, aber für Frauchen von 50 kg Körpergewicht auch besser handhabbar und man kann ihn sich auch einmal unter den Arm klemmen. So richteten sie nun ihr Interesse auf einen Rauhaardackel.

 

So gab Herrchen im Januar 2000 folgende Anzeige auf: Beagle oder Rauhaardackel, bis 1 J., aus Raum ***, von älterem Ehepaar zu kaufen ges. Tel. ***

 

Als erstes meldete sich eine Frau, die nicht richtig lesen konnte und einen Hund kaufen wollte, dann wollte sie ein Mann zu einem Cocker Spaniel überreden. Herrchen las inzwischen in der Zeitung den „Tiermarkt“ und da stand es: Sehr schöne Rauhaardackelwelpen m. Pap. gei., entw. Tel. ***

 

Er stürzte gleich ans Telefon und vereinbarte mit der Züchterin einen Termin für kommenden Samstag. Nach zehn Minuten rief er noch einmal an, ob man den Welpen gleich mitnehmen könne, wenn man sich einig werde? Ja, sie sind schon fünfzehn Wochen alt und können also von der Mutter weg. Nach weiteren zehn Minuten klingelte das Telefon. Eine Frau bot Rauhaardackelwelpen an, die Stimme kam Herrchen bekannt vor. „Haben wir nicht vor zehn Minuten zusammen gesprochen und den Termin für Samstag vereinbart?“ Ja, es war die gleiche Züchterin. Sie hatte nun die Anzeige gelesen und sie hatten sich sozusagen über Kreuz angerufen. Die Züchterin wollte nur noch das Alter des „älteren Ehepaares“ wissen und war über die Auskunft 55/50 beruhigt. Sie hatte bei der Formulierung mit 75/70 gerechnet und hätte dann keinen Welpen verkauft.

Am Samstag fuhren sie dann beizeiten los; mit der Straßenbahn. Vorher kauften sie noch Welpenfutter und nahmen einen Tragekorb mit Decke und Halsband mit. Als sie ankamen, kehrte die Züchterin gerade vor ihrem Laden die Straße. Sie kamen schnell ins Gespräch und waren sich sofort sympathisch. Drinnen bekamen sie dann erst einmal einen Kaffee angeboten und Frauchen und Herrchen berichteten über ihre Vorstellungen und Gründe des Hundekaufs. Dann ging es zu den Hunden. Das ganze kleine Haus schien voller Dackel zu stecken. Zwei auf den Hof ausgesperrte protestierten lautstark und verlangten eingelassen zu werden, um zu erfahren, was es Interessantes gäbe.

 

Sie bekamen zuerst eine kleine braune Hündin gezeigt, die wegen einem Zahnfehler billiger war, aber der Funke sprang nicht über und so holte die Züchterin dann ihr Prachtstück hervor: mich, Dolly von der Parthenaue. Sie wussten sofort: Die ist es.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig,  2001, überarb. Okt. 2008

 

4. Der Spaßball

 

Hallo, heute will ich erzählen, welche Probleme es mit meinem Lieblingsspielzeug gab und gibt; dem Spaßball, neudeutsch: Funball.

 

Leider haben meiner Menschen versäumt, mir beizeiten den Unterschied zwischen Kau- und Spielzeug beizubringen, und so leistet nur das Vollgummispielzeug einer bestimmten Firma meinen Zähnen eine gewisse Zeit lang Widerstand und auch da nur die Teile mit viel Rundungen, die wenig Angriffspunkte bieten. Alles andere habe ich nach wenigen Minuten in handliche Kleinteile zerlegt.

Von Anfang an hatte es mir der Ball dieser Spielzeugserie angetan; eigentlich ein Würfel mit abgerundeten Ecken und zur Gewichtsverringerung des Massivwerkstoffes mit Löchern versehen. Die Löcher dienen dazu, dass wir gut atmen können, während wir den Ball im Maul haben. Wenn ich darauf herum kauen kann, bin ich selig und brauche nichts anderes. Das sieht man meinem verzückten, entrückten Gesichtsausdruck an. Manchmal lege ich den Ball vor mich hin, schaue ihn an und meditiere darüber. Wenn er mir weggenommen wird, kann ich stundenlang dasitzen und mit ergreifendem Blick nach oben starren; auf das Regal, wo der Ball liegt. Das bringt meine Menschen manches Mal zur Verzweiflung, wenn ich mich für nichts anderes interessieren will.

 

Deshalb benutzten meine Menschen den Ball, um mich an das Alleinsein zu gewöhnen. Weil ich ihn dann zur freien Verfügung erhielt, freute ich mich geradezu darauf, bald wieder einmal allein sein zu dürfen. Wenn ich an den Vorbereitungen merke, dass dies der Fall sein wird, bin ich ganz aus dem Häuschen.

In der Artikelbeschreibung steht folgende Warnung: Das Spielzeug ist stabil und langlebig, aber nicht unverwüstlich. Bitte lassen Sie ihren Hund nicht allein damit spielen. Deswegen kann ich für das Alleinsein nur verhältnismäßig neue Bällchen bekommen, weil nach einigen Wochen das Aussehen kaum noch an den ursprünglichen Zustand erinnert. Tiefe Furchen und Risse durchziehen den Ball, lose hängende Teile bröckeln ab – ein Ergebnis meiner Zahnarbeit. Aus Angst, dass ich Plasteteile verschlucke, ziehen meine Menschen in diesem Stadium den Ball aus dem Verkehr und geben mir einen neuen – wenn sie einen haben und nun beginnt das eigentliche Problem.

 

Mein Herrchen hatte in der Tierabteilung des Supermarktes alle Bälle aufgekauft, aber einmal musste auch der letzte dieses Vorrats meinen Zähnen vorgeworfen werden UND der Ball war von der Zentrale in einer fernen Gegend aus der Listung genommen worden, so dass die Mitarbeiter ihn nicht mehr nachbestellen konnten.. Nun war guter Rat teuer - eigentlich nicht nur teuer, denn mein Herrchen hätte jeden Preis gezahlt, um mich zufrieden und glücklich zu machen, sondern unerreichbar. Nachdem wir alle Tierabteilungen und Tierhandlungen abgeklappert hatten wandten wir uns an die Herstellerfirma. Diese teilte mit, dass sie nicht an Privatpersonen liefern dürfe; nur an Händler. (Mein Herrchen hatte sich bereiterklärt, gleich zehn Bälle zu kaufen, damit eine Weile Ruhe ist.) Der Ball sei laut Auskunft des Regionalvertreters sofort lieferbar, wenn ein Händler ihn bestellen wolle. Aber so einfach machen es sich die Menschen ja nicht. Jeder Händler hat seinen Großhändler und bei dem muss der Ball geführt sein, damit ihn dann der Händler bestellen kann. Jeder Tierladen den mein Herrchen aufgesucht hat, hat 20 bis 30 Bälle im Angebot, aber nicht meinen und ich kann eben nur mit meinem Fun(Spaß)ball glücklich sein. Wie schwer ist es doch ein gemütliches Hundeleben zu führen! Als Trost hatte die Firma mir neben einem Fresspaket (Was soll ich damit, wenn ich den Ball brauche.) noch einen Funball als Geschenk geschickt. Den geben mir meine Menschen nur in besonderen Fällen, damit er recht lange hält. Wie das Leben dann weitergehen soll, weiß ich nicht. Es ist eben doch kein Spaß- sondern ein Trauerball. Jedes Mal wenn ich auf ihm herum kaue, muss ich daran denken, dass das Zusammenleben mit ihm bald zu Ende ist. - - -

 

Nachtrag: Einige Jahre später hat die Firma die Herstellung dieser Bälle endgültig eingestellt. Drei haben wir noch auf Vorrat - aber der schmilzt unaufhörlich. Mein Herrchen hat schon vorsorglich einen anderen roten Ball besorgt und Löcher hineingebohrt, aber so dumm bin ich nicht, dass ich nicht den Unterschied merke, doch wenn alles nichts hilft, muss ich mich eben daran gewöhnen. Und ich habe mich daran gewöhnt. Inzwischen habe ich einen ganz gewöhnlichen Ball zu meinem Lieblings-Spielzeug erkoren, ohne dass ich nicht leben kann. Er kostet nur einen Bruchteil des Funballs und wenn er zerkaut ist, nehme ich mit einem neuen vorlieb.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Okt. 2008

 

5. Die Zuchtschau

 

Heute geht es um meine Erlebnisse auf der Zuchtschau der Dackelgruppe. Für meine Menschen bin ich natürlich sowieso der schönste Dackel, aber die anderen Vereinsmitglieder und die Züchterin, überredeten sie, sich das amtlich bestätigen zu lassen: eben durch die Vorstellung auf der Zuchtschau. Mein Herrchen hatte sich vorher darüber informiert, was ich alles können sollte und mit mir „Im-Kreis-laufen“ und „Maul auf!“ geübt. Das Maul musste ich auf Kommando aufmachen, weil der Richter die Zähne kontrollieren will. Wer den Richter beißt, wird disqualifiziert; so steht es in der Prüfungsordnung. Da mein Frauchen mir wöchentlich die Zähne putzt, war mir das sowieso nicht neu. Das Im-Kreis-Laufen bereitete mir keine Probleme; aber ich brauchte es gar nicht, wie wir später sehen werden.

 

Als der Sonntag der Zuchtschau endlich herangekommen war, waren meine Menschen mindestens ebenso aufgeregt wie ich. Die Züchterin hatte ihnen angeboten, uns mit dem Auto abzuholen, um mir die Straßenbahnfahrt zu ersparen. Das war keine so gute Idee für meine Nerven. Im Auto saß nämlich auch meine Cousine, die ebenfalls vorgestellt werden sollte, und darüber regte ich mich wahnsinnig auf. Mein Herrchen konnte mich kaum halten, weil ich ständig auf meine vor mir sitzende Züchterin klettern wollte.

Wir kamen an und mussten uns zuerst anmelden. 25 Dackel waren registriert. Ich war im Programm als die Nummer 8 genannt und ich war richtig stolz, dass ich dort mit all meinen Daten stand. Auch mein Herrchen freute sich, als er seinen Namen als Besitzer las.

 

Am Eingang wies ein Schild nach rechts: Zum Löseplatz. Mein Herrchen führte mich hin und erklärte mir den Sinn des abgesteckten Bereiches. „Wuzzi und Pfützi machen!“ Dass die Menschen immer alles so kompliziert machen müssen. Warum sagt man nicht einfach „Hundeklo“? Ich schnupperte, schnupperte und schnupperte. Potz Blitz und Wackeldackel! Das war gar nicht der richtige Platz. Das merkte man doch auf dem ersten Riecher. Aber hier, ein Stück neben der Absperrung, war es genau richtig. Ich hockte mich hin. „Haben Sie keine Augen im Kopf!“, brüllte ein Mann mit einer Armbinde mein Herrchen an. „Der Löseplatz in innerhalb der Absperrung!“ „Wau! Wuff!“, versuchte ich dem Mann die Situation zu erklären. Doch er verstand mich nicht. Meinem Herrchen kam eine Idee. Mit einem eleganten Beinschwung beförderte er meinen Hinterlassenschaften in den abgesteckten Bereich. Nun war die Menschenwelt wieder in Ordnung.

 

Dann ging es los. Der erste Dackel wurde aufgerufen. Zuerst wurde er auf einen Tisch gesetzt und der Richter und seine Assistentin guckten ihm ins Maul und zählten die Zähne. Dann wurde das Fell befühlt und anschließend musste er mit seinem Frauchen im Kreis laufen, wobei der Richter den Gang beobachtete und der Assistentin, einer Richteranwärterin, Erläuterungen gab. Am Ende erklärte er laut die Vorzüge und Mängel des vorgestellten Hundes und gab die Bewertung bekannt: SEHR GUT! Mein Herrchen hatte mir erklärt, dass nur ein VORZÜGLICH oder höchstens SEHR GUT ein Grund zur Freude sei, GUT ist lediglich eine Genehmigung zur Zucht und BEFRIEDIGEND fast schon eine Diskriminierung. Das gilt aber nur für Teckel mit Ahnentafel. Ein „Straßen“-Dackel muss mindestens ein SEHR GUT bekommen, um als Teckel anerkannt zu werden. Womit sich die Menschen nur das Leben schwer machen, statt sich mit uns zu freuen, dass ein schöner Tag ist und die Sonne scheint.

 

Am Rande des abgesteckten Kreises wechselten inzwischen freudige und enttäuschte Gesichter der Hundebesitzer einander ab, je nach dem Ergebnis der Bewertung. Manche Dackel hatten zu dünnes Fell, andere „standen zu gut im Futter“, wieder andere hatten einen unvorschriftsmäßigen Gang oder wackelten auf falsche Art mit dem Hinterteil.

 

Endlich war ich an der Reihe. Mein Herrchen hob mich auf den Tisch und sagte: „Maul auf!“ Ich öffnete gehorsam den Fang, während mich mein Herrchen beruhigend streichelte. Der Richter fing an, die Zähne zu zählen, stutzte, fing von vorn an, rief die Assistentin herbei und in diesem Moment wusste ich, dass etwas schiefging. Mein Herrchen wurde gefragt, ob er einmal die Zähne nachgezählt hätte, was er verneinte. Dann suchte der Richter in seinen mitgebrachten Akten, rief noch andere Experten herbei, um ihnen die Sensation mitzuteilen, dass zum ersten Mal in seiner Richterlaufbahn die Zähne P 3 oben, rechts und links fehlten.

Potz Blitz und Wackeldackel! Ich hatte zwar nichts dagegen, eine Sensation zu sein, doch nicht auf diese Art. Dann musste ich noch laufen, aber ich tat es ohne rechtes Interesse, weil ich fühlte, dass es darauf nun auch nicht mehr ankam. Dann verkündete der Richter das Ergebnis: Mangelhaft! Zur Zucht untauglich – ein guter Gebrauchshund. Gut, meine Menschen wollten mit mir sowieso nicht züchten, aber die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Mein Herrchen ging ganz geknickt vom Platz und mein Frauchen konnte die Tränen kaum zurückhalten. Da halfen auch die trostreichen Worte von Bekannten nicht. Dann begann unter den Unbeteiligten noch eine Diskussion, wer das vorher hätte merken müssen. Die Einen meinten, die Züchterin, die Anderen der Tierarzt. Meine Menschen hatten an diesen Diskussionen kein Interesse und mussten den Schock erst einmal verdauen. Alle hatten ihnen Hoffnung auf eine gute Bewertung gemacht und mich als wunderschönes Exemplar bezeichnet, was auf mein Aussehen natürlich zutrifft. Auf ein eventuelles Problem mit den Zähnen hatte uns niemand hingewiesen.

 

Mein Herrchen ging mit mir erst einmal eine Runde in den Wald spazieren. Dann waren wir alle soweit, dass wir wieder den irdischen Genüssen zusprechen konnten: ich einer Bratwurst und meine Menschen stärkten sich mit einem Schluck „Jägermeister“

 

Später musste noch meine Ahnentafel an das Zuchtbuchamt eingeschickt werden, um meine Zuchtuntauglichkeit einzutragen. Dabei ist die Bewertung von „Mangelhaft“ in „Disqualifiziert wegen Zahnfehler“ geändert worden, was ich gerechter finde. Sonst klingt es so, als ob ich ein Krüppel wäre und ich bin doch ein schöner Dackel; für meine Menschen sogar das allerschönste Dackelmädchen, das es auf der Welt gibt.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Nov. 2008

 

6. Das GEEIGNETE BEHÄLTNIS

 

Hallo Dackelfreunde, am liebsten laufe ich ja auf meinen eigenen vier Pfoten, aber ab und zu sind die schönen Schnüffelgegenden, in die mich meine Menschen führen, nur mit Bus oder Bahn zu erreichen. Das ist nun gar nicht so einfach, wie man als Hund denkt. Prinzipiell muss für einen Hund oder ein anderes Tier (ein Pferd?) ein Fahrausweis „Für Kinder“ gelöst werden, und dabei handelt es sich nicht nur um ein paar Groschen. „Ausgenommen von der Beförderungsentgeltpflicht (Was für ein herrliches Behördenwort! Da wedelt mein Schwänzchen vor Begeisterung.) sind kleine Tiere und kleine Hunde (Ein Hund ist also kein Tier?!), die in geeigneten Behältnissen untergebracht sind und im Verkehrsmittel keinen eigenen Platz in Anspruch nehmen.“

 

Gut. Damit wäre erst einmal klar, dass der fette, große Kater von nebenan, der in seiner Transportbox hockt, wie ein Götze, überhaupt nicht bezahlen muss. Aber so eine Transportart ist ja hundeunwürdig. Wir brauchen schließlich den Kontakt zu unserem Rudelführer. Am liebsten sitze ich bei Herrchen auf dem Schoß und damit fangen die Probleme, die sich die Menschen gegenseitig bereiten, erst richtig an. Ich nehme keinen „eigenen Platz“ in Anspruch a b e r bin nicht in einem „geeignetem Behältnis“. Potz Blitz und Wackeldackel!

So hat sich mein Vater bei den Verkehrsbetrieben erkundigt, ob unbedingt beide Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um nicht zu bezahlen; wie es ist, wenn man den Hund ohne Behältnis auf dem Schoß hat. Nach wochenlangen Beratungen konnten sich die Tarifexperten nicht einigen und ein Kundenberater sagte uns dann zu, dass man bei „Hund auf Schoß ohne Behältnis“ eigentlich nicht bezahlen muss. Da meine Eltern nun aber die hochkomplizierte Problematik nicht mit jedem Kontrolleur von Neuem diskutieren wollen, haben sie sich entschieden, mich in eine Tasche zu stecken und diese als „geeignetes Behältnis“ zu deklarieren.

Zum Glück bin ich mit sechs Kilogramm ein Leichtgewicht, so dass mich mein Vater noch bequem tragen kann. Auch können mich meine Eltern schnell einmal unter den Arm klemmen, wenn es nötig ist oder in der Tasche sogar längere Strecken tragen. Es gibt allerdings in unserer Rasse Schwergewichte bis zu zwölf Kilogramm. Abgesehen von denen, deren Gewicht aus der Größe resultiert, können einem die meisten leidtun. So sehe ich häufig zwei Dackel, die so dick sind, dass die Bäuche fast auf der Erde schleifen. Dazu müssen die armen Kerle auch noch Treppen steigen, weil ihre Menschen sie nicht mehr tragen können. Da haben diese ein gewichtiges Problem, aber eins, dass sie selbst geschaffen haben. So etwas müsste bestraft werden, meine ich. Wir Hunde können nichts dafür. Wir fressen nun einmal, was in uns hineingeht; in Erwartung „schlechter Zeiten“. Aber die Menschen sollen ja angeblich Verstand besitzen, den sie uns absprechen. Das Ergebnis: siehe oben.

 

 

Ich halte eigentlich meine Figur. Wenn mich in der Woche mein Vater betreut, muss ich mich sowieso auf etwas Fasten einstellen; meine Mama ist da großzügiger. Manchmal streiten sich meine Eltern und werfen sich gegenseitig vor, mich vollzustopfen. Einmal hatte ich schon einen kleinen Ring um den Bauch, den musste ich dann wieder abtrainieren.

 

Zuerst wollten meine Menschen das Geld für eine spezielle Hundetasche sparen und stopften mich in eine alte Reisetasche. Aber das gefiel mir gar nicht und so machte ich kurzerhand einer großen Schlatz hinein und sie damit unbrauchbar. War sowieso ein altes Ding aus der Jugendzeit meines Vaters und mir nicht angemessen. Man muss sich seine Menschen nur erziehen.

 

So entschlossen sich meine Menschen nun doch, mir eine Hundetasche zu kaufen. Die ist außen aus abwaschbarem Material, innen mit schönem weichen (Kunst)-Fell, damit man es recht bequem hat. Wo der Kopf herausgucken soll, ist der Rand etwas niedriger. Das ist aber Geschmackssache. Ein Artgenosse aus unserer Dackelgruppe besteht darauf, immer verkehrt herum in seiner Tasche zu sitzen. Na ja, wenn es ihm Spaß macht. Zum Tragen muss die Tasche zwei kurze Henkel haben und zum Umhängen der leeren Tasche einen Schulterriemen, damit sie die Menschen bequem auf dem Rücken tragen können, wenn wir uns auf unseren vier Pfoten fortbewegen. Über dem Hunderücken kann die Tasche mit Klett- oder Reißverschluss geschlossen werden. Klett ist besser, wenn wir in der Tasche herum hampeln und nicht vorschriftsmäßig sitzen wollen.

 

Bei schlechtem Wetter, ist die Tasche auch insofern nützlich, dass ich mich dann z.B. zum Tierarzt tragen lassen kann, damit ich nicht ganz verdreckt dort ankomme. Wir Dackel haben nun einmal das Problem unserer großen Bodennähe und schaufeln uns mit unseren Vorderpfoten den Schlamm direkt an den Bauch.

Wenn man wo zu Besuch ist, lässt sich der Rand der Tasche umschlagen und man hat ein gemütliches Nest, was nach zu Hause riecht. Zum Abtreten der Pfoten kommt ein wuscheliges Handtuch hinein und wenn es geregnet hat, muss einer uns an der Brust hochheben und der andere wischt Bauch und Pfoten mit Wegwerf-Küchentüchern ab. Mein Vater, als großer Hundeexperte, für den er sich hält, kann das aber auch allein.

 

Übrigens – für die warmen Tage, wenn es mir in der Tasche unbehaglich wird, habe ich ein sogenanntes Tragerl, eine in einer Stoffhülle mit Henkeln steckende Schaumgummiplatte, die mir unter dem Bauch durchgezogen wird. Beim Tragen hängen unten die Pfoten heraus und wenn ich meinen Unwillen ausdrücken will, rudere ich mit ihnen in der Luft herum. Dann wollen sich die Menschen immer vor Lachen ausschütten. Im Verkehrsmittel deklarieren meine Eltern das Tragerl als „geeignetes Behältnis“. Das Gegenteil soll erst einmal einer beweisen.

 

© by Eberhard Kamprad, 2001, Leipzig, überarb. Nov. 2008.

 

7. Am Hundestrand

 

Hallo, heute will ich euch meine Erlebnisse am Hundestrand erzählen. Wir kamen an. Übergenau, wie mein Vater ist, suchte er nach Informationen und fand einen Hinweis, dass Hunde, Nackte und Angezogene sich an die ihnen zugewiesenen Strandteile zu halten haben. Da Nackte und Angezogene durcheinander lagen, war schon diese Unterscheidung schwierig, aber für mich nicht weiter von Interesse. Menschen sind so oder so verhältnismäßig uninteressant, wenn sie nicht gerade zum eigenen Rudel gehören und einen mit Fressen versorgen. Wo war nun aber der Hundestrand? Von ehemaligen Schildern waren nur noch die leeren Pfähle da und so sagten sich meine Eltern, wo die meisten Hunde zu sehen sind, wird der Hundestrand sein und wir fanden einen Strand voller Hunde.

 

Na, endlich hatten sich meine Eltern auf einer Bank nahe am Wasser eingerichtet, machten mich von der Leine ab und ich konnte mich umsehen. Am Strand lagen Nackte, Hunde und Angezogene durcheinander, oft zusammen auf einer Decke. Neben uns schliefen zwei nackte Männer mit einem Rottweiler. Ich ging mal hin und schnupperte (bei dem Hund natürlich), aber wurde kaum beachtet. Dann versuchte ich es mit dem Wasser, das war interessanter. Ich war noch nie im Wasser gewesen und war erst erschrocken, als ich die Wellen an meinem Bauch spürte. Aber dann merkte ich, wie angenehm das bei der Hitze sein konnte und tappe weiter, versuchte aber, nicht den Boden unter den Pfoten zu verlieren. Nun warf mein Vater meinen Lieblingsball ins Wasser, hatte ihn aber vorsichtshalber an die Leine angebunden.

 

Unter Dackelfreunden geht nämlich die Story um, das einmal Menschen alles Spielzeug ins Wasser geworfen hatten, um uns zur Wasserfreude zu erziehen. Die Hunde betrachteten interessiert das Tun der Menschen, aber keiner dachte daran, das Spielzeug wieder aus dem Wasser zu holen. Schließlich musste sich einer der Menschen ausziehen, ins Wasser gehen und das Spielzeug einsammeln. Da sieht man wieder, wie es um die angebliche Schlauheit der Menschen bestellt ist.

 

Doch zurück zum Hundestrand. Nun hatte mein Vater aber nicht bedacht, dass der Ball (muss wegen meiner Beißfreudigkeit aus Vollgummi sein) untergeht. Potz Blitz und Wackeldackel! Sollte ich vielleicht unter Wasser das Maul aufmachen. Ich versuchte unterzutauchen und den Ball mit der Pfote an die Oberfläche zu treiben. Dass man beim Untertauchen die Augen schließen muss, hatte ich schnell begriffen. Schließlich sah mein Vater die Unmöglichkeit meiner Versuche ein und zog den Ball an Land. Das nächste Mal muss er mir eben ein schwimmfähiges Spielzeug mitnehmen. Man hat schon seine Probleme mit den Menschen. Mein Frauchen war die ganze Zeit aufgeregt und befürchtete, dass ich untergehen könnte. So ungeschickt bin ich nun auch wieder nicht.

 

Schließlich entdeckten meine Eltern noch auf einem Plan, dass wir am falschen Strand waren. Wir gingen zum offiziellen Hundestrand, aber da waren keine Hunde und ich kam mir ganz komisch vor. Nun haben meine Eltern ein Problem: Gehen wir das nächste Mal zum offiziellen oder zum praktischen Hundestrand? Ein Glück, dass ich kein Mensch bin und nicht solche Sorgen habe.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Febr. 2009

 

8. Hinterlassenschaften

 

Nach all den Aufregungen hoffe ich, mit Herrchen einmal in Ruhe eine Runde drehen zu können. Obwohl, so begeistert bin ich eigentlich nicht, es ist nicht das ideale Spazierwetter. Schließlich besteht die Gefahr, dass ein paar Regentropfen auf mein Fell fallen könnten. Dazu pfeift ein kalter Wind. Aber wir Dackel sind ja gewohnt, einer Notlage mutig ins Auge zu sehen. Also los!

 

Wir trotten und trotten und trotten. Ich habe Zeit, aber mein Herrchen offenbar nicht. Schließlich ermahnt er mich, dass wir nicht zum Spaß bei diesem Wetter auf die Straße gegangen seien. Ich solle nun endlich an mein Geschäft denken. „Wuzzi! Wuzzi!“ Gemach, gemach. Schließlich muss ich erst in Stimmung kommen und einen Platz finden, der mir zusagt. Für die Stimmung dienen am besten ein paar Hinterlassenschaften von Artgenossen. Aber leider halten sich viele Hundebesitzer an die Stadtordnung und räumen alles in Tütchen weg. Na, endlich was gefunden! Riecht gut! Oh, da komm ich gleich in die richtige Gefühlslage. Ich hocke mich hin und mache einen runden Rücken. Potz Blitz und Wackeldackel! Guckt da nicht mein Erzfeind, der Kater Blacky, um die Ecke? Nicht einmal in Ruhe sch… kann man.

 

Na, dem werde ich es zeigen! So, jetzt mit den Hinterpfoten kräftig scharren, damit alles breit verteilt wird und viele etwas davon haben. Jeder soll wissen, dass ich hier gewesen bin. Mit stolz erhobenem Schwanz trotte ich weiter und blicke mich noch einmal um. Und was sehe ich da? Blacky steht mitten auf der Wiese. Er legt die Ohren zurück. Sein Mund ist verkniffen und seine Schnurrbarthaare klappen nach hinten als würde ihm ein Sturm um die Ohren blasen. Die Schwanzspitze zuckt und seine Bewegungen sind sehr majestätisch.

Ich spüre richtig, wie es in seinem Kopf rattert und denkt: Meint dieser blöde Köter, er kann mir mit seinem Gestank mein Katzenrevier vermiesen. Schnell frische Erde darüber. Und da und dort! Man ist das eine Arbeit. Musste er seine Hinterlassenschaften über das ganze Gelände verteilen. Dort liegt noch ein Stück. Endlich geschafft! Mein Revier ist wieder in Ordnung. Nun noch schnell ein paar kätzische Duftmarken setzen.

 

Doch der Triumph des Katers wird nicht lange währen. Schließlich komme ich morgen wieder vorbei.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Mai 2009

 

9. Ich und die GROSSEN

 

Hallo Dackelfreunde! Diesmal wird es eine überwiegend philosophische Geschichte werden. Ich und die Großen: 6 kg gegen 60 kg - ein heikles Thema, wobei die Sympathie der Menschen meistens auf der Seite von uns Kleinen ist, obwohl wir auch ganz schöne Giftzwerge sein können; besonders wenn wir uns durch Fehlverhalten unserer Menschen stärker fühlen, als wir sind.

 

Durch die „Kampfhunde“-Diskussion der letzten Zeit hat sich unter den Menschen Verunsicherung uns Hunden gegenüber ausgebreitet. Wir Kleinen bekommen wenigstens noch einen Mitleidsbonus, aber die großen Kollegen haben viel unter dieser Situation zu leiden. Während selbst das ernsthafte Drohen von uns Kleinen nicht ernst genommen und noch als niedlich empfunden wird, darf ein Großer nicht einmal gähnen; schon fühlen sich die Menschen von den „mächtigen Kiefern des Ungeheuers“ eingeschüchtert. Dabei sind die Großen oftmals anschmiegsamer und leichter lenkbar, als wir eigensinnigen Dackel. Nun ja, der Mensch hat uns nun einmal als Einzelkämpfer gezüchtet, der auf eigene Pfote gestellt, im Fuchs- oder Dachsbau klarkommen muss. Nur hat das natürlich Folgen für unser Leben als Familienhund. Doch jetzt bin ich über meinen eigenen Problemen vom Thema abgekommen.

 

Leider ist die Front der Hundefreunde gegenüber den Hundehassern zerbröckelt. Die Besitzer der Kleinen sind gegen die Großen, weil es vermeintlich umgekehrt der Fall ist. Häufig nehmen die Menschen uns dann noch auf den Arm, um uns vor den „Bestien“ zu beschützen. Dabei brauchen wir doch so dringend den Kontakt mit- und untereinander. Ich hatte begonnen, Große, die friedlich vorübergingen anzubellen. Das habe ich so gelernt, wenn wir mit der Dackelgruppe spazieren gingen. Dort machen es alle so. Doch meinen Menschen gefiel das gar nicht. Sie wollten, dass ich gut sozialisiert sei; so nennen das die Menschen. Deshalb gingen sie mit mir auf die Hundewiese bei uns im Park. Auf den ersten Blick sind da nur Große zu sehe, denn alles, was kleiner ist als ein Cocker Spaniel, bleibt im Gras versteckt. (Mich zum Beispiel sieht man nicht, wenn ich da hocke.) Die meisten Menschen mit Kleinen machen ängstlich einen Bogen um die Hundewiese. Dabei gibt es dazu gar keinen Grund. Alle die ich bis jetzt kennenlernte, waren lieb und nett und folgten ihrem Menschen meistens besser als ich.

 

Natürlich war es mir am Anfang etwas mulmig, wenn so ein Riese auf mich zukam, um mich zu beschnuppern. Etwa so, wie wenn man als Mensch einem Elefanten gegenüber steht. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und möchte die Besuche auf der Hundewiese nicht mehr missen. Nur einmal geriet ich in Panik als sieben Große auf einmal auf mich zustürzten. Aber da waren die Menschen der Großen schnell da, riefen ihre „Bestien“ zur Ordnung und überprüften besorgt, ob mir nichts passiert sei.

Ich richte mich immer nach dem Rudelführer, meinem Herrchen Er streckt fremden Großen die offene Hand hin und lässt sie zur Begrüßung schnuppern. Aus der Reaktion sehen wir dann, ob der Hund Kontakt will oder sich abwendet.

 

Viele Riesen sind sehr liebebedürftig und wollen immer, dass mein Herrchen mit ihnen schmust und sie abklopft. Da kann ich dann auch eifersüchtig werden, aber als einfaches Rudelmitglied ist mir klar, dass ich mich nach dem „Leitwolf“ zu richten habe. Zu Anfang hatte ich einige Male versucht, eine andere Meinung als der Chef zu haben, aber da wurde ich mit Schnauzengriff und Rückenwurf schnell in meine Schranken gewiesen. So habe ich gelernt auf der Straße ruhig und gelassen, an jedem großen Kollegen vorbeizugehen, ohne ihn zu provozieren und anzukläffen.

 

Mittlerweile bin ich eine bekannte Persönlichkeit. Wenn ich auf der Hundewiese auftauche, kommen zuerst meine Bekannten, um mich zu begrüßen. Sind sie sehr groß, trollen sie sich bald wieder und spielen untereinander, weil sie erkennen, dass mit mir - außer der Begrüßung - nichts anzufangen ist. Wenn die großen Kerle miteinander spielen sieht und hört sich das gefährlich an. Aber ich weiß ja, dass es nur Spaß ist.

 

Dann habe ich meine speziellen Freunde von der mittleren Kategorie, so bis 15 kg. Mit denen kann ich richtige Kampf- und Rennspiele veranstalten, wobei ich trotz meiner kurzen Pfoten nicht die Schlechteste bin. Auch habe ich eine eigene Kampftechnik entwickelt, bei der ich mich blitzschnell zur Seite rolle oder einen Purzelbaum schlage, so dass der Gegner ins Leere tappt. Bei Menschen, die das zum ersten Mal sehen, ruft das immer große Verwunderung hervor. Ich bin dadurch sehr sportlich geworden. Mein Herrchen meint, dass das Training für meinen empfindlichen Rücken besser ist, als wenn ich überbehütet werde, weil ich dadurch kräftige Muskeln bekomme. Etwas ängstlich ist manchmal mein Frauchen, wenn ich im „Würgegriff einer Bestie“ liege.

 

Wird es mir zu viel, springe ich auf die Steineinfassung, auf der die Menschen sitzen, ruhe mich aus und betrachte mir das Ganze aus der Perspektive eines Großen. Das ist auch ganz interessant. Der Eine oder Andere kommt heran und sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines!“, was ich dann bequem tun kann und frechen Rüden kann ich eins auf die Nase geben. Wenn ich mich ausgeruht habe, geht es weiter.

 

Ich bedauere die Artgenossen, denen ihre Menschen aus Überängstlichkeit diese Lebensfreude verwehren. Wir sind nun einmal Lauftiere und wollen rennen und jagen; unsere Kräfte messen und buddeln. Vielleicht kommt der eine oder andere Mensch durch meine Erzählung, dazu, seinen Kleinen diese Freude zu gönnen. Schließlich sind wir alle, ob groß oder klein, Wölfe.

 

Ein Jahr später: Inzwischen habe ich eine große Abneigung gegen die Hundewiese gefasst, obwohl mir niemand etwas getan hat. Ich mag die Großen einfach nicht mehr. Sie sind mir doch etwas unheimlich. Ständig dieses von oben herab beschnuppern oder gar die schwere Tatze auf meinem empfindlichen Rücken. Es reicht mir. Wenn mein Herrchen den Weg Richtung Hundewiese einschlägt, laufe ich einfach nicht weiter und setze mich hin. Da nehme ich auch in Kauf, dass mein Herrchen mit mir schimpft. Um Gehorsam zu zeigen, schleppe ich mich ein paar Schritte weiter und setze mich wieder. Doch inzwischen hat ihn mein trauriges Aussehen erweicht. Er zwingt mich nicht mehr auf die Hundewiese. Nun kann ich mich wieder freuen, wenn es in den Park geht. Mein Mensch hat daraus gelernt, dass ein Hund eben keine programmierte Maschine ist und nicht immer logisch erklärt werden kann. Vielleicht ist in einem Jahr alles wieder ganz anders? Wer weiß?

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Juli 2009

 

 

10. Dackelwanderung

 

Hallo Freunde, heute will ich euch meine Erlebnisse auf der Dackelwanderung zu einem See erzählen, die der Verein für uns (oder für die Menschen?) organisierte. Aufregend war schon die Suche nach dem in der Einladung angegebenen Treffpunkt, weil sich inzwischen sowohl die Linienführung der Straßenbahn als auch der Straßennamen geändert hatten. Aber meine Eltern kannten zum Glück die Gegend, weil sie vor meiner Zeit oft dort gewandert waren. Andere Artgenossen hatten mit ihren Menschen nicht solches Glück. Zwei kamen auf der anderen Seite des Sees an und ihre Menschen hatten nicht bedacht, dass zwischen einem Dorfteich, wo man schnell auf die andere Seite gehen kann, und einem See aus einem ehemaligen Tagebau mit 14 Kilometern Umfang ein Unterschied ist. Menschen und Hunde stießen erschöpft erst am Ende der Wanderung zu uns. Sie mussten dann von einem Dackelfreund mit dem Auto zu ihrem Fahrzeug, das auf einem Parkplatz auf der anderen Seite des Sees stand, zurückgefahren werden.

 

Doch zurück zum Anfang. Lautes Gebell kündigte an, dass offensichtlich hinter der nächsten Wegbiegung der Treffpunkt lag und so war es dann auch. Rund 30 Menschen und etwa 20 Dackel waren gekommen. Während bei den Hunden die Geschlechter in etwa gleich verteilt waren, war bei den Menschen der weibliche Teil eindeutig in der Überzahl. Wir sind nun einmal etwas für zarte Frauenhände; wenn man von der geringen Zahl der jagdlich geführten Teckel einmal absieht.

 

Vor Beginn stärkten sich die Menschen mit einem Schluck „Jägermeister“. Wir Hunde haben solcherart Aufmunterung zum Glück nicht nötig und waren froh, als es endlich losging. Der Weg führte zuerst durch einen alten Gutspark. Da gab es viel Interessantes zu schnuppern, was man von dem weiteren Weg durch das ehemalige Braunkohlengelände nicht sagen konnte. Frisch geschotterte Wege sind ein Graus für unsere Pfoten. (Wieder zuhause musste mich mein Frauchen gleich mit Pfotenbalsam behandeln.) Endlich waren wir am See. Einige von uns stellten gleich ihre Wasserfreude unter Beweis, als ob Begleithundeprüfung wäre; schwammen und holten begeistert Stöckchen aus dem Wasser, als ob Begleithundeprüfung wäre. Ich kann dem Schwimmen kein besonderes Vergnügen abgewinnen. Höchstens wate ich einmal bis zum Bauch im flachen Wasser, um mich bei Hitze abzukühlen.

 

Hauptziel der Wanderung war ein hölzerner Aussichtsturm. Das war nun wieder etwas nur für die Menschen. An uns Hunde hatte niemand gedacht. Was sollen Hunde im allgemeinen und Dackel mit ihren kurzen Pfoten im besonderen mit einem Aussichtsturm anfangen. Man wäre ja viel zu weit von der Erde weg, um etwas Vernünftiges zu riechen und als wir Hunde als Ersatz auf dem Plateau, worauf der Aussichtsturm stand, herumtollen wollten, musste es gleich wieder weitergehen, weil das Essen wartete; für die Menschen natürlich.

 

Im engen Hof der Gastwirtschaft fanden mit Mühe alle Menschen Platz; aber es gab keinen Platz, an dem wir Dackel es uns gemütlich machen konnten. Die meisten von uns mussten unter dem Tisch sitzen und aufpassen, dass sie nicht getreten wurden. Und das sollte nun ein Dackeltreffen sein. Potz Blitz und Wackeldackel! Na, zum Glück bin ich etwas Besonderes und gewohnt, auf dem Schoß meines Vaters am Tisch zu sitzen. Während des langen Wartens auf das Essen vertrieben sich die Menschen die Zeit mit sogenannten Dackelgesprächen; also über uns ’rumklatschen, als ob sie wüssten, wie es in uns aussieht. Weil mir das Ganze zu langweilig war und ich sehr unruhig wurde, hatten meine Menschen aber dazu keine Gelegenheit, da sie sich pausenlos mit mir beschäftigen mussten. Da haben sie wenigstens etwas Sinnvolles getan. Als endlich das Essen kam, verlangte ich gewohnterweise meine Kostehäppchen und erregte Erstaunen oder Entsetzen, weil ich die mir von meinem Vater gebotenen Happen manierlich von der Gabel essen konnte.

 

Alles in allem war es, zumindest für die Menschen, ein gelungener Tag. Uns Hunde hat niemand um unsere Meinung gefragt. Ich war froh, als ich wieder zu Hause war und meine gewohnte Ordnung hatte.

  

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Juli 2009

 

Dollys Dackelgeschichten 1 – 5 erschienen als Mini-Testudo Band 4 und 6 – 10 als Band 5 im Testudo-Verlag Ute Winkler: http://www.testudoverlag.de

 

 

11. Der Experte

 

Uff Freunde, war das wieder eine Aufregung. Potz Blitz und Wackeldackel! Gestern war nämlich neben unserer Ausbilderin der bekannte Hundeexperte Herr Hase-Wolf beim Training für die Begleithundeprüfung dabei. Er wollte sehen, was wir schon können. Richtige Schauergeschichten sind über seine Strenge im Umlauf. Es kann einem angst und bange werden, wenn man den Menschen zuhört. Zum Glück nehmen wir Hunde nur die Gefühle der Menschen auf und verstehen die Details nicht; aber auch das reicht schon.

Zuerst liefen wir wie gewohnt im Kreis mit STEH und SITZ und er beobachtete uns. Einige Menschen meinten, dass er einen finsteren Gesichtsausdruck habe und dass das nichts Gutes bedeute. Dann ging es über das Hindernis. Laut Prüfungsordnung muss es GEWANDT überwunden werden. Einer bekam von seinem Herrchen Unterstützung durch Anheben des Hinterteils. Das war zwar nicht gewandt, aber wenigstens lustig, sodass sich die finstere Miene von Herrn Hase-Wolf aufhellte. Dann gab es praktische Tipps. Hase-Wolf erklärte, dass es nicht verboten ist, wenn der Hundeführer selbst mit über das Hindernis steigt. Das ist auch für den Hund einleuchtender. Läuft der Hundeführer um das Hindernis herum, sieht der Hund nicht ein, warum es sich es nicht auch so bequem machen soll. Natürlich gehört dazu passende Kleidung - vor allem - der HundeführerINNEN. Hase-Wolf lockerte die Ausbildung durch die Story auf, dass einmal eine Hundeführerin wie eine DAME im zugeknöpften Rock kam. Seinen Hinweis darauf ignorierte sie. Nach dem ersten Sturz machte sie einen Knopf auf und so fort, so dass sie dann nach mehreren Stürzen hundepraktisch angezogen war und auch mit über das Hindernis steigen konnte. Heute ist sie seine beste Hundeführerin. Wir Hunde konnten uns nun amüsieren wie GEWANDT die Menschen das Hindernis bewältigten. Das war für uns ein besonderer Anreiz, es eleganter zu machen.

 

Dann ging es zum WEGSCHICKEN. Das ist jene Übung, die in unserer Gruppe am wenigsten klappt. Als Familienhunde hängen wir eben alle an unseren Menschen und können uns schlecht von ihnen trennen. Herr Hase-Wolf sagt in der Fachsprache: Der Hund KLEBT am Hundeführer. Er muss sich aber bei dieser Übung 30 bis 50 m von diesem entfernen und dann auf Zuruf zurückkommen. Bei uns kleinen Hunden kommt noch ein weiterer Störfaktor dazu. Der Hundeführer muss sich erst zu uns herunterbeugen und an uns herumfummeln muss, um die Leine abzumachen. Und so richten wir unsere Aufmerksamkeit von der Bewegung wieder auf den Menschen, von dem wir uns aber gerade lösen sollen.

 

Experte Hase-Wolf sah sich bei jedem Mensch-Hund-Gespann die mehr oder weniger glücklichen Versuche an, uns wegzuschicken und gab dann spezielle Hinweise oder machte es vor. Die Menschen bekamen den Trick gezeigt, am Halsband statt der Leine eine Schnur durch die Öse zu ziehen und die beiden Enden in der Hand zu halten. Bei LAUF WEG braucht der Hundeführer dann nur das eine Ende loszulassen und wir können aus der Bewegung heraus loslaufen. Eine tolle Idee. Herr Hase-Wolf erklärte auch, dass mit uns Dackeln die Ausbildung sowieso schwieriger ist, als mit großen Hunden. Zum einen haben wir vom Zuchtziel her als Einzelkämpfer unseren eigenen Kopf und dann können die Menschen mit uns auch keinen Körperkontakt halten, weil wir am Boden herum wieseln. Bei einem Schäferhund hat man Kniekontakt, sodass der Hund auch schneller spürt, wenn sein Hundeführer die Richtung wechseln will. Damit sind wir schon beim nächsten Problem, dem FUSS-Laufen mit Richtungsänderung. Die meisten von uns können ganz gut geradeaus FUSS laufen, wenn die Richtung mit unserer Meinung übereinstimmt. Bei Kreuzungen DISKUTIEREN wir aber häufig mit unseren Menschen, in welche Richtung gelaufen werden soll. Häufig gucken wir auch in der Gegend herum, statt auf den Hundeführer zu achten oder beschnüffeln etwas Interessantes am Boden. Dadurch merken wir nicht, wenn die Richtung gewechselt wird. Das aber ist gerade die Prüfung des Gehorsams.

 

Auch mein Herrchen musste sich sagen lassen, dass er mich an zu kurzer Leine praktisch mitschleift und ich keinen FREUDIGEN Gehorsam zeige, wie es verlangt wird. Potz Blitz und Wackeldackel! Da sehe ich noch eine Menge Übungen auf mich zukommen. Es gab auch den Tipp, ohne Leine zu üben, weil sich da der Hund wirklich konzentrieren muss. Das stimmt natürlich. Deswegen laufe ich lieber mit Leine, da kann ich während des Laufens vor mich hin dösen und gehe nicht verloren; ohne Leine muss ich ja wirklich darauf achten, wie mein Mensch läuft. Natürlich darf man sich dann nicht vom Ordnungsamt erwischen lassen, denn eigentlich ist ja Leinenzwang. Aber vielleicht treffen wir auch einmal auf einen hundefreundlichen Mitarbeiter, der einsieht, dass ein FUSS übender Hund keine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit darstellt.

Zum Schluss übten wir noch einmal das Ablegen. Da war ich zu Anfang die Schlechteste und konnte es nicht ertragen von meinem Vater getrennt zu sein. Immer wieder rückte ich ihm beim Entfernen meterweise nach. Auch Schimpfen half nicht. Geschafft habe ich es beim Üben in der Wohnung. Inmitten all meiner Spielsachen ruhig liegenzubleiben und erst auf Kommando aufzustehen, ist schon eine gewaltige Anstrengung. Da ist das Entfernen meines Vaters beim Üben im Freien ein Klacks dagegen. So gehöre ich jetzt beim Ablegen zu den Besten. Mein Vater legt mich jetzt sogar bei den Wartezeiten der Ausbildung ab. So habe ich eine Aufgabe und hampele nicht an der Leine herum.

 

Das nächstemal ist unsere Ausbilderin verreist und Herr Hase-Wolf wird sie vertreten und gleich eine Art Probeprüfung machen. Na, da muss mein Herrchen mit mir aber noch tüchtig üben, vor allem das Fuß-Laufen mit Richtungsänderung und das Wegschicken, damit ich eine gute Figur mache. Die meisten Menschen hatten auch von Herrn Hase-Wolf eine bessere Meinung gewonnen, als zu Anfang und waren für die praktischen Hinweise dankbar. Ihr könnt inzwischen schon auf den Bericht von der Prüfung gespannt sein.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2002, überarb. Mai 2010

 

12. Die Prüfung

 

Hurra, hurra! Es ist geschafft. Ich habe die Begleithundeprüfung bestanden und nicht einmal als Schlechteste. Doch alles der Reihe nach. Ich hatte nämlich noch mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, da meine nächste „Hitze“ unmittelbar bevorstand und mir schon bei den Spaziergängen die Rüden ständig am Hinterteil hingen.

 

Meine Menschen hatten mit mir gebangt, ob ich es bis über die Prüfungszeit hinaus schaffen werde, mit der HITZE zu warten. Aber am Prüfungstag waren die Anzeichen zu hervortretend, im wahrsten Sinne des Wortes (nämlich meine angeschwollene Vagina), dass es mein Vater melden musste. Es hätte sonst die Gefahr der Disqualifikation bestanden. Nachdem ein Testrüde geschnuppert hatte, entschieden die Richterin und die Prüfungsleiterin, dass ich separiert werden sollte und als letzte d‘rankäme. Dadurch sollte verhindert werden, dass ich die Rüden durcheinander bringe. So trug mich mein Herrchen in das durch einen Maschendrahtzahn abgesperrte ehemalige Fuchsbaugelände und tröstete mich. Ich betrachtete mir nun das Treiben meiner Mitprüflinge durch den Zaun. Acht Hunde mit ihren Menschen waren gekommen; von ursprünglich dreizehn, die die Ausbildung begonnen hatten. Als letzte d‘rankommen: - Ich dachte schon, dass ich ganz allein der Richterin alles Gelernte vorführen musste. Da hätte mir aber der Ansporn durch die Gruppe sehr gefehlt. Es war dann aber so, dass ich mit den anderen ging, aber etwas getrennt und bei den einzelnen Übungen immer als letzte.

 

Zu Beginn wurde die Reihenfolge ausgelost. Wer die Nummer Acht gezogen hatte, musste diese mit meinem Vater tauschen. Dann ging es zur Übung „Straßenverkehr“. Ich konnte mir ja nun in Ruhe betrachten, wie es die anderen machten und mein Vater schoss ein paar Fotos. Die Warterei ging mir aber auf die Nerven; ich weiß, dass das nicht meine Stärke ist. Endlich kam ich d‘ran. Die klingelnde Radfahrerin machte mir nichts aus, obwohl wir das kaum hatten üben können. Die meisten Radfahrer, die wir beim Spaziergang baten testweise zu klingeln, hatten (verkehrswidrig) keine Klingel am Rad. Ich brauchte aber eine ganze Weile, um mich an den Rhythmus des Bei-Fuß-Gehens zu gewöhnen. Nach dem Überqueren der Straße klappte es dann besser. Ich konnte es mir gerade noch verkneifen los zu rennen. Nach dem Zurück-Überqueren wurde ich dann von der Ausbilderin gelobt. Ganz so schlecht schien ich also doch nicht gewesen zu sein. Auch Herr Hase-Wolf, der als Berater dabei war, begrüßte mich. Ich reckte meinen Schwanz gleich noch ein Stückchen höher und ging wieder zu den anderen.

  

Die erste Gruppe war schon bei den Vorbereitungen zum ABLEGEN. Zur Wartezeit legte mich mein Vater auch gleich ab, weil ich dann ruhiger bin und nicht so herum hample, wie an der Leine. Man muss wissen, dass der Richter sich während der ganzen Prüfungsdauer ein Bild von den Hunden macht und nicht nur von den paar Minuten der Vorführung des betreffenden Hundes.

 

Dann war unsere Gruppe dran. Mein Herrchen legte mich ganz an die Seite, ein Stück von den anderen weg, denn mein Nachbar war ein Rüde. So musste er besonders aufpassen, dass dieser nicht von mir „Wind bekam“.

  

Ausgerechnet der Rüde aber stand auf und rannte an mir vorbei. Ich musste all meine Hundenerven ganz fest zusammennehmen, um nicht mitzulaufen; aber es gelang mir. Nun wurden wir abgeholt und ausgiebig gelobt. Nummer Sieben durfte den Prüfungsteil wiederholen. Das ist zulässig.

Beim STERN wurden wir wieder an der Seite abgelegt, denn die Hundeführer mussten ja die Menschen spielen, die rundum auf den zu prüfenden Hund zugingen. Als ich dran kam, war ich ein bisschen zappelig, aber ich schaffte es, sitzenzubleiben. So wäre also auch das überstanden.
Jetzt kam eine lange Wartezeit. Mein Vater telefonierte während der Pause mit meinem Frauchen, dass sie sich auf den Weg machen solle. Sie brachte den Salat für die anschließende Grillparty mit; natürlich für die Menschen, nicht für die Hunde.

 

Endlich kam die Reihe an mich. BEI FUSS ist diejenige Übung, die mir am schwersten fällt: Fuß laufen geradeaus, Hindernis GEWANDT überwinden, neben meinen Vater um gekennzeichnete Bäume herumlaufen. Hierbei macht mir immer mein Hundeverstand zu schaffen, weil ich die sinnlosen Kurven nicht einsehe, aber ich schaffte es einigermaßen und war am Ende richtig stolz, was die Richterin auch an meiner Schwanzhaltung bemerkte.

 

Nun waren wir schon beim fünften Prüfungsteil, dem WEGSCHICKEN. Ich hatte ja schon über die damit verbunden Probleme berichtet, denn im allgemeinen sind die Menschen ja froh, wenn wir bei ihnen bleiben. Das LÖSEN von meinem Vater klappte ganz gut, ich folgte ihm auch über die Wiesen in das hohe Gras, aber als er zurückging, hatte ich eine interessante Spur gefunden und musste die erst gewissenhaft auswerten. Dabei vergaß ich ganz die Prüfung und hörte nichts mehr. Als ich zufällig einmal aufsah, bemerkte ich, dass mein Vater heftig winkte. Ach ja, ich sollte zurückkommen. So setzte ich mich in Bewegung, aber unterwegs war wieder etwas Interessantes zu schnüffeln. Gerade noch bestanden. Man schob es auf meine beginnende Läufigkeit, aber das ist ja keine Entschuldigung; bei der Prüfung wird bewertet, was gezeigt wird. Ich ließ den Schwanz etwas hängen und schaute meinen Vater mit unschuldsvollem Dackelblick an. Mir war nun doch etwas bange.

 

Nun nahte die letzte Übung in Gestalt von Herrn Hase-Wolf mit Klangeisen und Hammer in der Hand. Wir sollten beweisen, dass wir vor Geräuschen keine Angst hatten. Das klappte auch bei allen. Nur als er zu mir kam und extra vor meinen Ohren einmal Ding-dong-dung machte, musste ich ihn anbellen. Schimpfen ist aber erlaubt.

 

Nun waren alle Übungsteile geschafft und es ging zurück auf den Platz. Bald bruzzelten die Steaks und Bratwürste, aber die waren für die Menschen, wenn uns Hunden auch das Wasser im Maul zusammenlief. Jetzt durfte ich auch mit den anderen herumlaufen. Die Rüden, die ich magisch anzog, gingen mir mächtig auf den Geist. So schlug ich den Schwanz ein und setzte mich darauf. Da war erst einmal alles etwas versteckt.

Auf die Minute genau zum Essensbeginn kamen der Salat und mein Frauchen. Nun war das Rudel wieder komplett und die Welt in Ordnung. Nach den überstandenen Anstrengungen stärkten sich die Menschen mit Kaffee, Sekt und Bier; wir Hunde mit Wasser. Unserer Ausbilderin wurde für ihre Mühen mit uns gedankt. Nach dem Essen, bei dem ich gewohnterweise von Frauchen meinen Teil erhielt, kam die SIEGEREHRUNG. Der beste Hund bekam einen Pokal. Mir war klar, dass ich das nicht war. In der Mitte wurde ich aufgerufen. Da ich wusste, dass hinter mir meine Mama stand, drehte ich der Richterin während ihrer Ansprache den Rücken zu und war auch nicht zu bewegen, mich umzudrehen. Frauchen war mir wichtiger. Zum Glück wurde das nicht mehr gewertet. Ich hatte im Umweltverhalten einen 1. Preis und im Gehorsam einen 3. Preis bekommen; nun ja, damit konnte ich zufrieden sein und es entsprach auch meinen Leistungen. Trotzdem war ich mächtig stolz, dass ich die Prüfung bestanden und nun einen Begleithundepass hatte. Den Prüfungsteil zur Wasserfreude verkniff ich mir. Es reichte auch so schon für meine Nerven.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. April 2010

 

13. Erster Auftritt

 

Ich hatte schon immer die anderen Hunde beneidet, wenn ich mitbekam, dass sie zu Vorführungen bei Sommerfesten oder anderen Veranstaltungen eingeladen wurden. Nachdem ich nun die Begleithundeprüfung bestanden hatte, musste ich doch auch einmal d’ran sein – und richtig. Eine Tages kam ein Brief: Herr Hase-Wolf lud uns ein, an einer Vorführung zum Tag der Vereine in einem Einkaufszentrum teilzunehmen. Für Nicht-Autobesitzer wurden Mitnahmemöglichkeiten angeboten. Das war für mich wichtig, denn ihr wisst ja, dass ich in Verkehrsmitteln nicht die Geduldigste bin. Da ich am besten gehorche, wenn ich mit meinem Vater allein bin, wurde beschlossen, dass Frauchen zu Hause bleibt; auch wollte sich mein Vater nicht vor Herrn Hase-Wolf blamieren, der sich bereit erklärt hatte, uns im Auto mitzunehmen. Hoffentlich wird das Wetter mitspielen, denn es war inzwischen Herbst geworden und ich hatte keine Lust, mir mein schönes Fell im Regen zu verderben.

 

Am genannten Tag trafen wir uns früh mit noch einer anderen Dackelfreundin und ihrem Hund bei Herrn Hase-Wolf. Ich schaute ihn kurz an und wusste sofort, dass das ja der ist, bei dem man als Hund am besten gehorcht, um keine Probleme zu bekommen. So gab ich auch im Auto keinen Ton von mir und genoss als vernünftiger Hund die vorbeisausende Landschaft; besonders, wenn ich mir vorstellte, dass ich sie mit meinen kurzen Pfoten durchmessen müsste. Die andere Dackelfreundin, die mich mit meiner Aufgeregtheit in Verkehrsmitteln kannte, staunte nicht schlecht und fragte scherzhaft, ob ich nicht etwa ein anderer Hund sei. Potz Blitz und Wackeldackel!

 

Am Ziel angekommen, suchten wir erst einmal den uns zugeteilten Verkaufsstand. Endlich fanden wir ihn. Er sah wie eine große Hundehütte aus; eine Seite konnte man aufklappen. Zwei Vereinsmitglieder standen schon hilflos davor, weil er nämlich verschlossen und kein Verantwortlicher zu finden war. Herr Hase-Wolf machte sich auf die Suche. Das war in dem Gewühl nicht einfach. Er sprach aber einfach einen jungen Mann im Outfit eines Versicherungsvertreters mit einer Mappe unter dem Arm an, was auf Kompetenz hindeutete. Er hatte sich nicht getäuscht. Über sein Handy rief der Mann die Zuständige herbei, die unsere Hütte aufschloss. Nun galt es erst einmal sich wohnlich einzurichten. Eine grüne Decke mit Jagdmotiven wurde auf dem Verkaufstisch ausgebreitet; verschiedenes Dackelzubehör und Poster an den Wänden aufgehängt. Dann wurden die anzubietenden Souvenirs ausgepackt und das Ganze dackelmäßig eingerichtet. Mein Vater setzte mich mit auf den Verkaufstisch und so konnte ich mir bequem die Vorübergehenden betrachten. Ich wurde die Attraktion des Standes; na ja – schließlich bin ich das schönste Dackelmädchen der Welt. Viele kamen näher, als sie mich sahen und fragten, ob sie mich streicheln dürften. Ich ließ es mir sogar gefallen, obwohl das sonst nicht meine Welt ist. Aufgrund des großen Erfolgs meines Auftritts sagte Herr Hase-Wolf scherzhaft: „Einmal Hund streicheln 50 Pfennig!“ Da es heutzutage kaum noch etwas gibt, wofür man nicht bezahlen muss, nahmen das manche ernst. Herr Hase-Wolf überredete sie dann aber, ein Souvenir zu kaufen. So kam die Zeit unserer Vorführung heran und ich wurde langsam aufgeregt.

Eine kleine Bühne war aufgebaut, mit einer Freifläche davor. Vor uns traten Artisten auf dem kleinsten Motorrad der Welt auf und machten eine Höllenlärm. Na, das war ja gerade das Richtige für aufgeregte Hunde und ihre empfindlichen Ohren – aber ich überstand es ganz gut.

 

Inzwischen waren nach und nach auch meine Kollegen mit ihren Menschen eingetroffen. Doch es gab wieder eine Verzögerung; irgendwelche Menschenprobleme. Endlich war es soweit. Wir kletterten auf die Bühne und stellten uns mit unseren Hundeführern in einer Reihe auf. In seiner humorvollen Art erläuterte Herr Hase-Wolf den Zuschauern, was wir für Lebewesen sind und welche Eigentümlichkeiten wir haben. Dann wurden die einzelnen Schläge und Haararten vorgestellt. Ich weiß schon, dass ich zur größten Gruppe: Rauhaar, Normalschlag gehöre. Nur Herr Hase-Wolf kann sich wegen meiner zierlichen Figur nie recht merken, ob ich nun kleiner Normalschlag oder großer Zwerg bin. Dann sagte Herr Hase-Wolf, dass wir Teckel keine Kläffer seien. Daraufhin musste ich natürlich Wuff, Wau, Wuff machen. Doch zum Glück ist er nie um eine Antwort verlegen und meinte, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Mein Nachbar legte sich plötzlich auf den Rücken, machte die Augen zu, streckte die Pfoten in die Luft und begann zu schnarchen. So konnte Herr Hase-Wolf das Publikum darauf hinweisen, dass Teckel ruhig und gelassen sind. „Einer schläft schon.“ Nun begann die praktische Vorführung, die beweisen sollte, dass auch wir Dackel – entgegen unserem Ruf – zu gehorsamen Hunden erzogen werden können. Bei Fuß, um die Stangen herum laufen, über den Kasten springen, die Schrägsprungwand überwinden, Ablegen– alles vertraute Sachen und ich kam trotz der Enge und der Zuschauer gut zurecht. Am Nachmittag noch einmal dasselbe. Nun wurde es mir aber langsam zu viel; noch dazu da mein Vater in der Zwischenzeit keinen gemütlichen Platz gefunden hatte, wo ich mich in Ruhe hätte entleeren können. Wir Hunde sind dabei nun einmal sehr eigen und uns gefällt nicht jedes Fleckchen, was dem Menschen praktisch erscheint. Manchmal müssen wir erst die halbe Wiese abschnuppern und wir finden trotzdem nichts Geeignetes.

So war es ein aufregender, aber auch schöner Tag und ich hoffe, dass Herr Hase-Wolf mich bald wieder einmal einlädt.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Sept. 2010

 

14. Der Eingriff

 

Also Freunde – heute wurde an mir ein EINGRIFF durchgeführt; das heißt: Unter Narkose die Warze an meinem rechten Auge entfernt. Ich spürte schon den ganzen Vormittag, dass etwas in der Luft lag; wusste, es war wieder einmal soweit; denn Aktionen außer der Reihe haben bisher noch nie etwas hundlich Angenehmes gebracht. Dann blieb auch noch mein Hundenapf leer. Zum Zeitpunkt meines Mittagessens ging es dann los. Als ich mit meinem Vater zum Bus ging, kam noch einmal Hoffnung in mir auf. Vielleicht ging es doch zum Waldspaziergang? Doch als wir ausgestiegen und ein paar Meter gegangen waren, wusste ich: Es geht wieder zum Tierarzt.

 

Im Wartezimmer war es ganz leer, weil ich meinen eigenen Operationstermin hatte, wie mir mein Vater sagte. So konnte ich in Ruhe herumlaufen, in allen Ecken schnüffeln und erkunden, wer alles schon dagewesen war. Dann wurden wir aufgerufen. Ich lief noch einmal zur Ausgangstür, um mit erhobener rechter Vorderpfote meinen Willen kundzutun, lieber wieder wegzugehen; doch es half alles nichts. Ich musste ins Behandlungszimmer hinein. Zuerst sollte mir Blut abgenommen werden, um festzustellen, ob ich die Narkose gut vertrage. Dazu lagen schon spitze Gegenstände bereit. Na, das war nun etwas, das ich gar nicht wollte. Beide Schwestern mussten gerufen werden und zu Dritt musste ich festgehalten werden, damit der Arzt in der rechten Vorderpfote die Vene suchen konnte. „Die liegt bei Dackeln sowieso nicht besonders günstig“, meinte er. Endlich hatte er sie gefunden und es machte Piek! Da knurrte ich nun aber drohend. Das war ich nicht gewillt, mir weiter gefallen zu lassen. Doch es gab kein Entkommen. Mein Blut tropfte in ein kleines Röhrchen. Dann wurde Klebeband um meine Pfote gewickelt, weil die Flexüle gleich für die Narkose steckenbleiben sollte und ich konnte mit meinem Vater wieder ins Wartezimmer. Er sollte aber aufpassen, dass ich mir die Flexüle nicht wieder herausziehe., Na, da war er ja vollauf beschäftigt.

 

Während wir auf die Blutanalyse warteten und meine umwickelte Pfote in der Luft baumelte, kam ein großer Schäferhund mit seinem Menschen herein. Na, dem sagte ich aber lautstark meine Meinung, dass ich jetzt d’ran bin. So machte er mit seinem Menschen gleich wieder kehrt. Das wäre ja noch schöner! Dann wurden wir wieder hereingerufen. Die Blutwerte waren in Ordnung; nur der Glukosewert war etwas zu hoch. Der Arzt schob das auf die Aufregung, aber mein Vater will trotzdem die Zutaten der Hundeleckerlis überprüfen und mir die nicht mehr geben, die extra Zucker enthalten. Dann wurde auf die Flexüle eine Spritze aufgesetzt und mein Vater nahm mich auf den Arm. Auf einmal wurde es in meinem Körper schön warm und weich; er löste sich auf und ich versank in eine große Tiefe. - - - - Im Halbschlaf hörte ich ungewohnte Geräusche. Mit Mühe öffnete ich die schweren Augenlider. Wo war ich denn? Ich lag in meiner Hundetasche. Na, das war ja schon etwas Vertrautes. Vorsichtig guckte ich über den Rand. Stimmt, ich war ja noch beim Tierarzt. Aber, wo war mein Vater? Potz Blitz und Wackeldackel! Ich hatte ihm doch gesagt, er solle da sein, wenn ich aufwache. Na, da musste ich ihn durch lautes Bellen erst einmal herbeirufen. Doch statt ihm, kamen die Schwestern des Tierarztes gelaufen und versuchten, mich zu beruhigen. Aber das ließ ich mir nicht gefallen. Wütend kletterte ich aus meiner Tasche und schnüffelte in allen Ecken, ob ich eine Spur von meinem Vater entdecken könnte. Na, der konnte was erleben.

  

Endlich meldete mir mein sechster Sinn, dass er über den Hof kam. Das musste ich gleich durch ein lautes Wuff kundtun. Trotz des Ärgers, den er mir bereitet hatte, begrüßte ich ihn durch kräftiges Ablecken. Man will ja nicht so sein. Er sagte mir, dass man von dem Eingriff überhaupt nichts sähe und ich nun wieder das schönste Dackelmädchen der Welt sei. Na, das hört man gern. Er bekam noch eine Salbe mit, um Infektionen der Wunde vorzubeugen und dann durfte er bezahlen. So hatten wir auch diese Episode meines Hundelebens zu einem guten Ende gebracht.

 

© by Eberhard Kamprad, 2002, überarb. März 2010

 

15. Der Maulkorb

 

Ja, Dackelfreunde, ich habe ein Problem. Ich kann mein Maul nicht halten, wenn es nötig wäre und so muss ich jetzt in den öffentlichen Verkehrsmitteln einen Soft-Maulkorb tragen; eine sogenannte Tüte. Abgesehen davon, dass es meiner Schönheit Abbruch tut und ich wie eine Witzfigur aussehe, behindert es mich auch beim Hecheln. Deswegen muss die Anwendung auf das unbedingt Notwendige beschränkt bleiben.

Wenn das ganze Rudel (Ich, Herrchen, Frauchen) zusammen weggeht, habe ich sowieso Probleme, meine Freude und Aufregung zu zügeln, und das wird in der Enge in Straßenbahn oder Bus natürlich nicht besser. Im letzten Jahr schrie und jaulte ich während der ganzen Fahrt. Heute ist es nicht mehr so schlimm, aber immer noch problematisch. Eine Weile sitze ich still und brav da, aber plötzlich packt es mich.

 

Selbst, wenn ich mit meinem Vater allein fahre, kann es sein, dass ich plötzlich ohne Vorwarnung ausraste und Fahrgäste, die zu nahe an mir vorübergehen oder sich aus meiner Hundesicht ungewöhnlich verhalten, lautstark verbelle. Auch später Einsteigende gefallen mir häufig nicht. Meine kräftige Stimme, die darauf eingestellt ist, dass ich auch noch aus dem Fuchsbau unter der Erde gehört werde, hallt in dem engen Raum mächtig. Häufig erschrecken die sensibleren Fahrgäste. Meine Menschen hatten schon mächtigen Ärger deswegen. Die Verbellten fühlten sich von mir angegriffen und schon FAST gebissen. Nun hat ja der Hundehalter juristisch immer unrecht, da er selbst das angebliche Gefahrenpotenzial, wie das die Juristen nennen, also mich, geschaffen hat; dadurch dass ich bei ihm meine Heimat habe. Es ist keine Rede davon, welches Gefahrenpotenzial manche Menschen darstellen. Mein Vater greift zwar sofort ein, beutelt mich, sagt: „Aus!“ und hält mir die Schnauze zu, aber das hilft dann auch nicht mehr viel, um die Situation zu entschärfen.

Die Beförderungsbestimmungen sind nun wieder ein Problem für sich: Der Hund ist an der Leine zu führen und muss einen Maulkorb tragen. Nun werde ich nicht geführt, sondern getragen und sitze auf dem Schoß meines Vaters. Deshalb hatten meine Eltern diese Bestimmung bis jetzt ignoriert. Sie versuchten auch, sich so zu setzen, dass mein Kopf nicht an der Gangseite ist und ich mich dadurch nicht so schnell erschrecke. Doch wenn das Verkehrsmittel so voll ist, dass mein Vater stehen muss – mich unter dem Arm geklemmt - oder beim Ein- und Aussteigen, ist doch immer wieder die Gefahr sehr groß, dass ich erschrecke und Leute anbelle. So muss ich nun zur Beruhigung dieser Spezies Mensch einen Maulkorb tragen. Wenn wir dann eine ruhige Ecke gefunden haben, wo ich aus dem Fenster sehen kann und niemand an mir vorbeigeht, können mir meine Eltern den Maulkorb während der Fahrt heimlich und unauffällig wieder abnehmen.

Ich wäre ja so gern ein ruhiger, nervenstarker Hund, der alles gelassen über sich ergehen lässt, aber tu einer was gegen das geheimnisvolle Etwas, das in einem ist und die Hundepersönlichkeit ausmacht. Potz Blitz und Wackel-Dackel!

 

NACHTRAG: Soeben wurde der Maulkorb geliefert. Mein Vater hat ihn eine Nummer größer genommen, damit ich besser atmen kann. Nachdem ich beim ersten Versuch gar nichts mehr sehen konnte, haben wir nun gemeinsam herausgefunden, wie er angelegt werden muss. Natürlich versuche ich zunächst, den Maulkorb mit der Pfote wieder abzustreifen. Meinem Vater steht nun das Geduldsspiel bevor, mich mit Hilfe von Belohnungen daran zu gewöhnen. Dafür bekomme ich wenigstens öfter einmal mein Lieblingsspielzeug.

Einige Tage später! Nach mehreren Fahrten mit Maulkorb stellt sich entgegen den Befürchtungen heraus, dass es MIT bedeutend besser geht als OHNE. Von ein paar ganz kleinen Ausrutschern abgesehen, bin ich nun ein vorbildlicher Hund in Bahn und Bus. Mein Hundegemüt beschäftigt sich pausenlos mit dem Maulkorb und so vergesse ich ganz, aufgeregt zu sein und auszurasten. Hoffentlich bleibt es so. Ich wünsche es mir und meinen Eltern.

 

© by Eberhard Kamprad, 2002, überarb. März 2010

 

16. Pfotenreinigungsmaschine

 

Mein Herrchen kam vom Briefkasten und brachte den Prospekt einer Hundebedarfsfirma mit. Da musste ich doch gleich d’rin ’rumschnüffeln - und was sehe ich: eine Pfotenreinigungsmaschine für 75 Euro. Nein, was sich die Menschen nur alles einfallen lassen, um den Hundefreunden das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Als neugieriger Dackel spitze ich natürlich die Ohren, als mein Herrchen die Gebrauchsanweisung laut las : Wasser und Spezial-Pfotenreinigungs-Gel einfüllen, Pfote hineinstecken, ein paar Mal an der Kurbel drehen, saubere Pfote auf dem daneben befindlichen Trockenschwamm aufdrücken, fertig. Das Ganze natürlich vier Mal, da wir bekanntlich so viel Pfoten haben. Dann Maschine auseinander bauen, reinigen und wieder zusammen bauen.

Igittigitt, wenn ich daran denke, dass ich ein „rotierendes Bürstensystem“ an meine empfindlichen Pfoten lassen soll. Aber zum Glück wird das Gerät nur für Hunde ab einer Schulterhöhe von 40 cm empfohlen. Da ziehe ich meine zweibeinige Pfotenreinigungsmaschine vor; nämlich mein Frauchen: Pfote hinhalten, mit Altpapier den groben Dreck entfernen, mit einem feuchten Waschlappen abwischen und mit einem Handtuch abtrocknen; Feintrocknung dann an den Hosen von Frauchen. Das Reinigen der Maschine entfällt, da sich meine zweibeinige Pfotenreinigungsmaschine selbst sauber hält. Überhaupt vermute ich, dass das Auseinanderbauen, Reinigen und Zusammenbauen der Maschine länger dauern wird, als die eigentliche Reinigung.

Fehlt nur noch der elektrische Antrieb. Aber der wird als Nächstes kommen. Dann wird die Maschine wohl 100 Euro kosten. So, da habt ihr meine Meinung als Hund zur Pfotenreinigungsmaschine und wem sie nicht gefällt, der soll’s mir sagen. Frauchen scheint übrigens meine Meinung zu teilen: Denn womit wurde mir neulich der grobe Dreck entfernt? - Mit dem Prospekt der Pfotenreinigungsmaschine aus dem Altpapier.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Febr. 2005

 

17. Das wars!

 

Hallo Freunde meiner Geschichten. Aus dieser etwas resignierenden Überschrift erseht ihr schon, dass etwas Unwiderrufliches passiert ist: Ich wurde kastriert und das kam so.

 

Neulich, als mein Vater mir wieder einmal den Bauch kraulte,  bemerkte er eine dicke Knulle unter meiner linken Pfote. Da ich schon einmal Lymphdrüsen-Schwellung hatte, vermutete er ein erneutes Auftreten und ging gleich am nächsten Tag mit mir zum Tierarzt. Es war aber Gesäugeschwellung. Mein Vater hatte nicht gewusst, dass die Gesäugeleiste so weit hinaufreicht und auch die unteren Zitzen waren angeschwollen.
Nun hatte mein Vater schon vor meiner Anschaffung das Hündinnenproblem mit dem Tierarzt besprochen und sich seiner Meinung angeschlossen, dass eine Kastration nur aus medizinischen Gründen zu vertreten ist. „Nun ist es soweit“, sagte der Tierarzt, „denn eine Gesäugeschwellung ist häufig der Ausgangspunkt für Tumore.“ Er rechnete noch den günstigsten Zeitpunkt von der Hormonlage her aus und der Termin wurde vereinbart. Der war aber erst in zwei Monaten, also genügend Zeit alles gründlich zu überdenken. Dann bekam ich noch Medizin gegen die Gesäugeschwellung, die auch gut geholfen hat.

 

Ich selbst bin über diese Entscheidung nicht so ganz traurig. Schließlich muss ich mich nicht mehr mit den lästigen Rüden während meiner HITZE herumärgern und für meine Menschen wird es auch einfacher mit der Sauberkeit, obwohl ich ganz ordentlich war. Ich habe immer alles abgeleckt und musste nur nachts das alberne Höschen tragen. Gegen die lästigen Rüden hatte ich auch einen Ausweg gefunden. Ich schlug einfach meinen Schwanz ein und setzte mich darauf. Da war alles Interessante weg und die Rüden konnten um mich herumspringen soviel sie wollten.


Nun muss ich erst noch in die Theorie abschweifen. Viele Menschen wenden nämlich die Begriffe Kastration und Sterilisation falsch an. Kastration ist die Entfernung der Keimdrüsen, wodurch auch der Sexualtrieb mit seinen Auswirkungen verschwindet, was ja bei mir erreicht werden soll. Sterilisation ist nur Unfruchtbarmachen, wobei der Sexualtrieb erhalten bleibt.

 

Am vereinbarten Tag waren meine Eltern schon früh ganz aufgeregt und ich bekam nichts zu fressen. Auf dem Weg zum Tierarzt erleichterte ich mich noch. Dort war es ungewöhnlich leer, weil heute ich die Hauptperson war. Ein Blutbild erübrigte sich. Das war erst vor kurzem bei der Entfernung einer Warze am Auge gemacht worden, wobei ich auch eine Narkose erhalten habe. Mein Vater setzte mich auf den Behandlungstisch und dann wurde eine Flexüle in meine Pfote gestochen. Au, das tat weh! Als ich mein Blut tropfen sah, wurde mir fast übel. Nun setzte der Arzt die Spritze an die Flexüle und mir wurde so weich und weit, ich flog davon in weite, weite Ferne ...

 

 

Als ich erwachte, lag ich in einer kleinen Box. Zuerst wusste ich nicht, wo ich war, dann fiel es mir wieder ein. Richtig, ich war ja beim Tierarzt. Ich schüttelte mich, um die Schwere aus meinen Körper zu bekommen. In meinem Bauch ziepte es. Ich rollte mich zusammen und schaute an mir herunter. Potz Blitz und Wackeldackel! Mein schönes Fell war am Bauch abrasiert und das nicht etwa mit einer ordentlichen Kante, sondern mit mehr oder tiefen Absätzen. Man merkte, dass die Assistentin nicht oft einen Rasierapparat gebrauchte. In der Mitte der kahlen Stelle ein zehn Zentimeter langer Schnitt in meinem schönen Bauch, mit großen Stichen und Knoten zusammengenäht. Mir wurde schon vom Hingucken schlecht.


Langsam kehrte mein Tatendrang wieder. Da die Box offen war, kletterte ich heraus. Ich war im Nebenraum des Behandlungszimmers und erkundete schnuppernd die Umgebung. Bald kamen die Schwestern und staunten, dass ich schon wieder auf den Beinen war. Aber so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen. Dann kam mein Vater, um mich abzuholen. Er hatte die Hundetasche mitgebracht und setzte mich hinein. Insgeheim war ich doch ganz froh, nicht mehr die Tapfere spielen zu müssen. Als ich lag, schlief ich auch wieder ein und erwachte erst wieder zu Hause in meinem Korb. Mein Vater hatte eine dieser grässlichen Tüten mitbekommen, die er mir um den Kopf machen sollte, wenn ich anfinge, die Wunde zu lecken. Schlau, wie ich bin, ersparte ich mir diese Prozedur. Aber mein Bauch tat so weh, ich mochte nicht fressen. Am nächsten Morgen lag ich immer noch apathisch in meinem Körbchen und fraß nicht. Mein Vater rief beim Tierarzt an und der war sehr besorgt und wollte mich sehen, weil er eine Operationskomplikation befürchtete. Bei der Ankunft sagte er: „Na, wenn die wilde Dolly getragen wird, dann muss es ihr wirklich nicht gut gehen.“ Ich wurde untersucht, es war nichts. Der Tierarzt meinte, dass ich wahrscheinlich sehr schmerzempfindlich sei und gab mir noch eine Spritze gegen die Schmerzen. Auf dem Heimweg wurde mir schon wohler und zu Hause stürzte ich mich gleich auf meinen Napf. Nun musste mein Vater aufpassen, dass ich nicht zu wild umhersprang, solange die Wunde noch nicht verheilt war. Nach einer Woche ging es noch einmal zum Fädenziehen, aber das war nur ein kurzer Ruck, den ich kaum gemerkt habe.


Inzwischen sieht man schon fast gar nichts mehr von dem Schnitt und das Fell beginnt auch nachzuwachsen. Am Temperament und Eigensinn habe ich nichts eingebüßt und für meine Eltern bin ich weiter ein Hund, mit dem es nie langweilig wird, weil ich immer wieder etwas neues Eigensinniges in meinem Hundegemüt hervorbringe.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2001, überarb. Febr. 2011

 

18. Und zum Schluss: Dackellähme

 

Ja, so geht es im Leben. Man denkt, das Unangenehme, trifft immer nur die Anderen, bis es einem selbst erwischt.

 

Eines Tages fiel meinen Eltern auf, dass ich ausnehmend lieb und still war und nur sehr ungern lief. Sie schleppten mich zum Tierarzt, er ließ mich kurz laufen, nickte und das Röntgenbild brachte es endgültig an den Tag: Dackellähme. Zwischen dem neunten und dem zehnten Halswirbel war ein großer Entzündungsherd. Beim Abtasten ließ sich die Wärmeabstrahlung sogar fühlen.

Vierzehn Tage "Bettruhe" (Das bedeutet, der Hund soll wirklich liegen und nur zum Lösen hinausgetragen werden. Diese Zeit braucht der Körper, um das tote Gewebe an der Zerstörungsstelle hinweg zu schaffen und den Neuaufbau einzuleiten.) und die konventionelle Behandlung; Entzündungshemmer und Vitamin B. Alles schlug sehr gut an, so dass ich bald wieder fast beschwerdefrei war; nur springen durfte ich nicht mehr und nach "nasskalten" Spaziergängen bekam ich das Heizkissen.

 

Zu Hause richteten meine Menschen ein Hundebett zu ebener Erde ein, denn Couch und Sessel waren fortan tabu. An die große Rudelschlafkiste (Die Menschen sagen Bett.) hat mein Herrchen eine Rampe gebaut, damit ich meinen Rücken schonen kann und nicht springen muss.

 

Schmerzmittel hatten wir für den Notfall mitbekommen, die aber erst nach telefonischer Rücksprache mit dem Tierarzt angewendet werden sollten. Der Schmerz ist ein natürliches Mittel, um den Körper zu Ruhe zu veranlassen und sollte deshalb nicht leichtfertig ausgeschaltet werden.

 

Ich war  dankbar, dass mir geholfen wurde. Beim Hinaustragen gab ich mir Mühe, mein "Geschäft" schnell zu erledigen und ließ mich ohne weiteres wieder in die Hundetasche setzen. Als es mir nach einigen Tagen besser ging, wurde es für meine Menschen schwieriger, die "Bettruhe" durchzusetzen.

 

Beim vorerst letzten Tierarztbesuch, konnte dann die "Bettruhe" aufgehoben werden, zum Muskelaufbau wurden ruhige Spaziergänge verordnet. Springen, Purzelbäume und Ähnliches waren tabu. Auch erhielt ich jetzt nach nasskalten Spaziergängen Wärmeanwendungen, indem mir das Heizkissen über den Rücken gelegt wurde. Ein Dackel hat gerade die richtige Größe, dass dadurch ein Wärmetunnel entsteht. Beides tut mir sichtlich gut.

 

 Inzwischen geht es mal auf, mal ab; gute Phasen wechseln mit welchen, wo ich mich nur mit Mühe fortbewege. In der kalten Jahreszeit wärmen mich meine Menschen nach den Spaziergängen mit dem Heizkissen auf.

 

Durch den frühzeitigen Behandlungsbeginn wurde wahrscheinlich Schlimmeres verhindert. Ich führe wieder ein normales Hundeleben, mit den genannten Einschränkungen. Bei einer "dummen Bewegung" quieke ich manchmal auf. Für Frauchen und Herrchen ein Zeichen, das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Nach längeren Spaziergängen bestehen sie jetzt darauf, dass ich mich erst einmal ausruhe. Es funktioniert wie beim Menschen. Auf die erzwungene körperliche Ruhe folgt bald die seelische und ich schlafe ein.

Das waren nun die wichtigsten Ereignisse zu Beginn meines Hundelebens. Ich habe mich in mein Rudel eingelebt und hoffentlich gibt es keine großen Veränderungen; so wie es jetzt ist, kann es nun noch viele Jahre weiter gehen. Potz Blitz und Wackeldackel! Euere Dolly

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, März 2011

 

 

19. Und ganz zum Schluss: Aus dem Hundehimmel

 

Hallo Freunde, und nun als endgültig letzte Dolly-Geschichte ein Bericht aus dem Hundehimmel.
Ich bin gut angekommen. In welcher Form ich hier existiere kann ich nicht beschreiben: Auf alle Fälle habe ich nicht mehr meinen schmerzenden Körper. Während meines Lebens bei den Menschen steckte ich zwölf Jahre in ihm. Er hat mir Freude aber auch manchmal Schmerz bereitet. Mehrere Schübe der Dackellähme habe ich ganz gut überstanden; aber als ich nun älter wurde, war es trotz der Bemühungen meiner Menschen und des Tierarztes nicht mehr schön in ihm. Schmerzen, immer nur Schmerzen! Ich hockte nur noch apathisch da, fraß und trank nicht mehr. Ich wollte einfach nicht mehr und so bin ich froh, dass meine Menschen mich davon erlöst haben.
Im Hundehimmel habe ich schon viele Freunde getroffen. Kollegen aus meiner ehemaligen Dackelgruppe und von den Spaziergängen mit meinen Menschen. Einige erzählten mir, dass unvernünftige Besitzer sie lange leiden ließen, weil sie nicht den Trennungsschmerz auf sich nehmen wollten. Da bin ich besser d’ran gewesen. Wie wir hier so den Tag verbringen, kann ich euch nicht sagen. Wir sind eben einfach da und freuen uns aneinander. Wie mir diejenigen, die schon länger hier sind, sagten, bleibt das immer so; im Gegensatz zum begrenzten Erdenleben.
Ich kann auch wahrnehmen, was die auf der Erde zurückgebliebenen Menschen, Hunde und andere Lebewesen so treiben und werde ein wachsames Auge darauf haben, dass die Tiere ordentlich behandelt werden.
Das war mein letzter Bericht. Tschüss für immer. Eure Dolly von der Parthenaue.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2012

 

20. Meine technischen Daten

 

Dolly von der Parthenaue, Teckel, rauhaar, saufarben, Wurftag: 04.09.1999, Wurfstärke: 2, 1. Vater: Bürschel vom Limberg, Mutter: Effi von den Breitenbacher Alpen. Züchterin: Marion Wagner, Taucha bei Leipzig. Begleithundeprüfung 1 + 2 am 25.08.2001. Gestorben am 07.11.2012.

 

 

  


 

Hundebegegnungen

Dackel Dolly erzählt.

Eberhard Kamprad

 

„Komm!“, dringt das Kommando an mein Ohr, doch ich bleibe meinem Dackelimage treu. Wenn ich nicht hören will, bin ich wie taub. Schließlich liege ich gerade dösend in meinem Körbchen. Erst die Wiederholung in schärferem Ton bringt mich dazu, die Augen zu öffnen. Aha, mein Herrchen will mit mir spazieren gehen. Richtige Lust habe ich nicht, es ist nass und kalt. Durch meine kurzen Pfoten ist der Bauch so nah an der Erde und bekommt alles ab. Außerdem muss ich beweisen, dass ich ein richtiges Dackelmädchen bin und damit sehr eigensinnig.

 

Ich wälze mich aus meinem Körbchen heraus und strecke mich ausgiebig. Jetzt wird Herrchen ungeduldig, wedelt mit der Leine. „Ja, ja, ich komm doch schon.“ Ich werfe ihm meinen berühmten vorwurfsvollen Dackelblick zu und schleppe mich zu ihm. Jeder muss doch sehen, wie ich leide. Aber er glaubt nicht, dass es mir schlecht geht, packt mich im Genick und schüttelt mich. So machte es meine Hundemama mit mir, wenn ich nicht hören wollte. Also muss ich wohl oder übel gehorchen und laufe ordentlich neben ihm aus dem Haus.

 

Kaum auf der Straße packt mich die Wut. Der Geruch meines Erzfeindes fährt mir in die Nase. Offenbar ist er hier auf meinem Weg entlanggegangen. So eine Unverschämtheit!

„Wau, wuff, huhuuuu“, sage ich lautstark meine Meinung.

„Aus, auus, auuus“, befiehlt mein Herrchen mit wachsender Lautstärke.

Na, er macht mindestens ebenso viel Krach wie ich.

Unser Lärm ruft die Hundehasser an die Fenster.

„Ruhe da unten!“

„Verdammter Köter!“

„Schlafenszeit!“

 

Kann ich was dafür, dass ich so ein kräftiges Organ habe? Das haben die Menschen mir mit Absicht angezüchtet. Schließlich muss man mich auch hören, wenn ich tief im Fuchsbau unter der Erde stecke.

Endlich habe ich mich soweit beruhigt, dass wir weitergehen können. Da mein Herrchen nicht „Fuß“ befohlen hat, laufe ich im Schnuppergang; immer mit der Nase am Boden. Schließlich muss ich der Bezeichnung „Erdhund“ gerecht werden. Die Menschen meinen dann: Ich sähe aus der Ferne wie ein Staubsauger mit Beinen aus. Na, wenn‘s ihnen Spaß macht. Aha, endlich eine angenehme Nachricht. Mein Freund Moritz Westie ist vor kurzem hier entlanggegangen. Ich erfahre, dass es ihm gut geht und hinterlasse auch eine Nachricht.

 

In der Ferne schiebt sich etwas in mein Blickfeld, das wie ein Artgenosse aussieht. Also zur Vorsicht erst einmal stehen bleiben. Soll der Andere herankommen. Jetzt hat er mich offenbar auch entdeckt und bleibt ebenfalls stehen. Wir Hunde haben ja Zeit, unsere Menschen leider nicht. Sie zerren uns aufeinander zu. Dabei sind wir noch gar nicht zu einer Begegnung bereit. Nun erkenne ich, dass es Robert ist, ein gutmütiger schwarzer Rottweiler-Rüde. Große Artgenossen gefallen mir sowieso am besten. Sein Frauchen erzählt: „Robert denkt immer, er ist ein Schoßhund. Dann legt sich mit seinen 30 Kilo auf mich, wenn ich auf der Couch liege. Nur bekomme ich dann keine Luft mehr.“ Robert muss seinen Hals weit nach unten strecken, um bei mir schnuppern zu können, aber ich kann leider nur mal an seinem Bein riechen und das ist nicht sehr ergiebig. Auf die Idee, sein Hinterteil zu mir herunterzulassen, kommt Robert natürlich nicht, typisch Mann! Kein bisschen Feingefühl und Rücksichtnahme. Na, wenigstens kennt er mich und gibt sich mit einmal Schnuppern zufrieden. Unentschlossene Rüden dagegen kann ich gar nicht leiden.

 

Jedes Mal spielt sich dasselbe ab. Der Rüde schnuppert, geht weiter, bleibt nach fünf Schritten stehen, denkt nach und kehrt wieder um, offenbar in der Meinung, sich geirrt zu haben. Schnuppert wieder ausgiebig. Die gleiche Prozedur. Dann fange ich zu knurren an und gucke wütend nach hinten, dass er sich endlich eine Meinung bilden soll. Wenn er unschlüssig bleibt, fahre ich wütend auf ihn los. Ein erfahrender Rüde muss doch den Geruch einer kastrierten Hündin kennen.

 

Einmal habe ich einen großen Schäferhund-Rüden über die ganze Wiese gejagt. Mein Herrchen wird nicht müde, das zu erzählen: „Ein Bild für die Götter, ein riesiger Schäferhund flüchtet vor einem laut bellenden Dackel.“ Offenbar kommt es bei uns gar nicht so sehr auf die Größe an, um auf den anderen Eindruck zu machen, sondern auf das ausgestrahlte Selbstbewusstsein. Na, und davon habe ich genug.

Wenn mir diese Schnupperei zu viel wird, setze ich mich einfach auf mein Hinterteil und schlage den Schwanz ein. Dann ist alles außer Reich- vielmehr Schnupperweite. Inzwischen ist auch Robert fertig geworden. Bei ihm, als altem Bekannten, habe ich etwas mehr Geduld. So, jetzt bin ich in der richtigen Stimmung, um mein „Geschäft“ zu erledigen, wie die Menschen sagen. Da es erst einmal darum geht, die Blase zu entleeren, drücke ich mein Hinterteil breit. „Gute Dolly“, sagt mein Herrchen. Wenn ich anderen Hunden eine Nachricht hinterlassen will, habe ich nämlich eine andere Methode: Dann stehe ich wie ein Rüde auf drei Beinen und bin sehr sparsam, damit ich für alle Nachrichten etwas habe.

 

Mein Herrchen wartet geduldig. Es ist wichtig, dass wir Hunde zum „Geschäft“ unsere Ruhe haben. Schlimm dran war eine Schäferhündin, die ich kannte. Ihr Herrchen ging so selten mit ihr ‘raus, dass sie es gerade noch bis zur Haustür aushielt. Da sie aber weitergezerrt wurde, war immer eine breite Spur quer über den Fußweg.

„Das ist aber nicht gut für den Hund.“

„Halten Sie Ihre Klappe und kümmern Sie sich um Ihren Kram. Ich weiß selbst, was für meinen Hund gut ist.“

Habe ich ein Glück, dass ich bei vernünftigen Menschen lebe.

An der Ecke steht plötzlich meine Namensvetterin vor mir. Dolly ist ein Pitbull und damit in den Augen dummer Menschen ein Kampfhund, obwohl es diese Rasse gar nicht gibt. Denn ein Hund ist immer das, was die Menschen aus dem Welpen machen. Dolly ist viel freundlicher und zugänglicher als ich. Im Sommer läuft sie auf der Wiese immer zu anderen Familien und will sich mit auf deren Decke legen. Diese schreien entsetzt: „Hilfe! Ein Kampfhund!“ Dolly zeigt dann, wie lieb sie ist, legt sich auf den Rücken und strampelt mit den Pfoten, so dass die Leute meistens ihre Meinung ändern. Ich begrüße sie mit einem freundlichen Beller. Wir beschnuppern uns kurz und jede erfährt, dass es der Anderen gut geht.

 

Da kommt Dorothea, mittlerweile ein hübscher Teenager, der sich nicht mehr für Hunde interessiert. Sie nickt uns nur flüchtig zu. Vor vier Jahren, als ich neu im Wohngebiet war, war das ganz anders. Da war sie ganz verrückt nach mir. Insbesondere die Namensgleichheit bot Anknüpfungspunkte, da sie Dolly gerufen wurde. Jetzt hat sie wohl andere Interessen.

 

Nun ist eigentlich Zeit für die „freundliche Mutter“. Wir nennen sie so, weil sie immer gute Laune hat, wenn sie ihre Tochter in den Kindergarten bringt. Hat sie sich heute verspätet oder sind wir zu zeitig? Ein silbergraues Auto nähert sich und parkt schwungvoll ein. Dem Fahrstil nach könnte sie es sein. Ja, sie winkt uns schon vom Fahrersitz aus zu. Sie läuft um das Auto herum, öffnet die Tür und kriecht halb hinein, um das angeschnallte Kind zu befreien. Dabei präsentiert sie uns ihr ausnehmend hübsches Hinterteil. Jedenfalls scheint das mein Herrchen zu meinen. Er bleibt immer wie gebannt stehen und starrt auf die Rundungen. So habe ich Zeit zum ausgiebigen Schnüffeln. Er tut natürlich so, als ob er wegen mir stehenbliebe.

 

Hallo Geschlechtsgenossinnen! Habt ihr eigentlich mal daran gedacht, welchen Anblick ihr bietet, wenn ihr mit dem Vorderteil im Auto steckt und den Hintern in die Luft reckt? Nach meinen Beobachtungen muss das für vorübergehende Männer äußerst interessant sein. Für mich ist das Wesen eines Menschen wichtiger. Trifft man gleich früh so einen, wie die freundliche Mutter, ist der ganze Tag voll Sonnenschein. Als sie mit dem Kind auf dem Arm wieder aus dem Auto auftaucht, lacht sie uns ihr freundliches „Hallo!“ zu.

Jetzt wird es aber Zeit, dass ich ein Weilchen meine Ruhe habe. Sonst komme ich zu nichts, schließlich darf ich erst wieder nach Hause, wenn ich mich „gelöst“ habe, wie es die Menschen vornehm nennen. Manchmal wird mein Herrchen böse, wenn ich erst jeden Grashalm abschnuppere, aber wir Hunde müssen eben in die richtige Stimmung kommen. So auf Kommando geht das nicht. Aha, eine Nachricht! Da muss ich erst einmal meine dazu setzen.

 

Ich bin gerade fertig geworden, da kommt Susi um die Ecke. Sie ist auch ein Rauhaardackel wie ich, sieht aber wie ein Bär aus und ist bedeutend größer. So zehn Kilo wird sie wohl auf die Waage bringen. Man sieht, dass das gute Futter bei ihr anschlägt. Ihr Herrchen bekam sie geschenkt, als er sechzig wurde. Da lag sie wie ein Igelkind in ihrem Körbchen. Inzwischen ist er über siebzig und Susi schon lange nicht mehr mit einem Igel zu verwechseln. Sie interessiert mich nicht, aber von ihrem Herrchen will ich gestreichelt werden. Das ist eine Eigenart von mir, dass mich häufig die Menschen mehr interessieren, als die dazu gehörigen Hunde.

Hinter uns nähern sich rasch klappernde Absätze. Aha, die Bürofrau kommt. Wie kennen sie nicht näher, wir treffen sie nur jeden Morgen, grüßen uns und wechseln ein paar Worte über das Wetter. Aber so korrekt, wie sie immer gekleidet ist, geht sie bestimmt in ein Büro. So hat sie ihren Namen bekommen. Sobald ich das Geräusch ihrer Schuhe höre, bleibe ich ruckartig stehen und gehe nicht weiter, bis sie vorbei ist.

 

Vier Schulkinder kommen auf uns zu.

„Kann man den Hund streicheln?“

Mein Herrchen erklärt ihnen, wie man einen Hund begrüßt.

„Die flache Hand zum Beschnuppern hinhalten, damit er sich auf Hundeart eine Meinung bilden kann, an der Körpersprache sieht man dann, ob er Kontakt will oder nicht. Euch würde es auch nicht gefallen, wenn euch jeder Vorübergehende einfach über den Kopf streifen würde, niemals von oben kommen, da das der Hund als den Angriff eines Raubvogels auffassen kann ...“

 

Die Kinder sind von diesem Vortrag nicht sehr begeistert und ziehen weiter. Ich bin froh darüber, denn ich bin sehr eigenwillig und mag nicht jeden; und vor allem: Ich zeige es auch. In der Wahrnehmung der Menschen mutiere ich dann vom lieben Hundilein zum widerlichen Köder. Aber so sind die Menschen nun einmal. Denken, sie sind die Größten und betrachten uns als Plüschtiere, die zufällig laufen können.

Nun fehlt nur noch Charly Wolfsspitz. Unsere Frauchen treffen sich häufig beim Nachmittagsspaziergang im Park und haben immer viel Uninteressantes zu bereden. Als ich noch jünger war, dachte Charly immer, er müsse mich verteidigen, aber inzwischen komme ich sehr gut allein zurecht. Da ist er schon. Ich bin aber wieder mehr an seinem Frauchen interessiert und versuche an ihr hochzuspringen, um meine Liebkosungen zu bekommen. Das hinterlässt natürlich Spuren an ihrer schicken, weißen Hose.

Potz Blitz und Wackeldackel! Von rechts kommt Gerhard, mein Erzfeind, mit seinem Frauchen. Die beiden haben mir gerade noch gefehlt! Wo ich Airedales mit ihrem viereckigen Gesicht nicht ausstehen kann. Die zwei bleiben auch noch neben uns stehen.

 

„Die Hundis wollen sich doch sicher mal Guten Tag sagen.“

Ich will aber mit dem Blödmann nichts zu tun haben und strebe weiter.

„Der Kleine ist wohl noch ein bisschen ängstlich?“

So ein Unfug! Wenn es um das Selbstbewusstsein geht, stecke ich den Kerl dreimal in die Tasche, aber ich will ihn nicht sehen. Mein Herrchen kennt mich und folgt mir, die beiden ebenfalls.

„Wir gehen jetzt linksrum“, sagt mein Vater.

„Wir auch.“

„Gut, dann gehen wir eben rechtsrum. Dolly muss jetzt ihre Ruhe haben und sich auf ihr „Geschäft“ konzentrieren.“

Na, endlich bleiben sie zurück.

 

Aber da naht schon Sascha. Er stammt aus Polen. Da hat sein Frauchen Glück, dass es ihr nicht wie Bekannten erging. Die hatten auf einem polnischen Wochenmarkt einen Hund gekauft. Als er beim Wachsen immer mehr das Aussehen eines Hundebabys verlor, gingen sie mit ihm zum Tierarzt. Es war ein junger Bär.

Jetzt brauche ich etwas Ruhe, um mein „großes Geschäft“ zu erledigen. Ich muss aber erst einen Platz erschnüffeln, der mir zusagt. Am besten ist es, wenn sich in der Nähe schon Artgenossen verewigt haben. Das bringt mich in die richtige Stimmung. Na, endlich! Diese Stelle sagt mir zu. Ich mache meinen runden Rücken, der allen signalisiert: Jetzt ist es soweit und ich brauche Ruhe und Konzentration. Am wenigsten kann ich leiden, wenn mich da ein vorbeikommender Passant unbedingt ansprechen muss. Dann ist es mit der Sammlung vorbei. Ich horche in meinen Körper hinein: So, das war’s. Mein Herrchen greift schon nach dem Tütchen, denn natürlich habe ich mir einen Vorgarten herausgesucht. Das wilde Gelände, an dem wir eben vorbei kamen, sagte mir nicht zu.

 

Nun geht es schnurstracks nach Hause. Dort, so weiß ich, wartet schon mein voller Fressnapf und dann muss ich ausgiebig schlafen und verdauen. Es war schließlich ein aufregender und anstrengender Spaziergang.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Okt. 2004, überarb. Mai 2010

 

 Veröff.in: Mensch und Hund : Kurzgeschichten / Eberhard Kamprad. - 1. Aufl. - (Schutterwald) : Testudoverlag Ute Winkler, 2010. - 31 S. ; 15 cm. - (Mini-Testudo; Bd. 11). - ISBN 978-5-942024-10-5 : geh. : EUR 2,00

 


 

Weihnachten aus Hundesicht

Dackel Dolly erzählt

Eberhard Kamprad

 

Hallo Leute, ich liege oft in meiner Schlafwanne ... das von dem Kater geerbte Körbchen hatte ich schnell in handlich Kleinteile zerlegt, so dass ich nun eine Plaste-Schlafwanne mit Kissen und Decke bekommen habe. Sie ist zwar etwas groß, aber dafür finden alle meine Plüschtiere darin mit Platz, wenn meine Menschen sie wieder einmal aus allen Ecken der Wohnung zusammen gesucht haben. Das passiert besonders dann, wenn sie über eins gestürzt sind ... also, ich liege in meiner Wanne und denke über uns Hunde und die Menschen nach.

 

Jetzt, zum Beispiel, bereiten sich diese auf das Weihnachtsfest vor. Sie wollen den Geburtstag eines Herrn Jesus feiern, der vor zweitausend Jahren gelebt, viel Gutes getan hat und mit 30 Jahren hingerichtet wurde. Warum? – ist mir nicht ganz klar geworden. Das geht über meinen Hundeverstand. Ich habe meine Menschen gefragt, ob dieser Jesus auch einen Hund hatte. Mein Herrchen sagte mir, dass im Neuen Testament der Bibel, wo sein Leben aufgeschrieben ist, mehr von Schafen, Schweinen und Eseln die Rede ist. Vielleicht wäre ihm ein Hund hilfreich gewesen und er hätte der Gefangennahme entgehen können; aber wahrscheinlich wäre er als Hundeführer ungeeignet gewesen, denn er wird als außergewöhnlich gutmütig und sanft geschildert. Da wäre ihm bestimmt der Hund auf der Nase herumgetanzt und hätte ihn nicht als Rudelführer anerkannt. Er war auch viel damit beschäftigt, verirrte Lämmer zur Herde zurückzutragen. Dazu hätte er sich lieber einen guten Hütehund zulegen sollen. Der hätte das viel besser gekonnt und die Schafe auch nicht zurückgetragen, sondern gezwickt, bis sie von selber gelaufen wären.

 

Es ja schön, dass man den Geburtstag dieses guten Menschen nach so langer Zeit noch feiert; ich verstehe nur nicht, weshalb deshalb Monate vorher solch ein Rummel sein muss. Mein Herrchen erklärte mir, dass man sich eigentlich vier Wochen auf die Feier seiner Ankunft, also seines Geburtstages, vorbereiten soll. Das ist die so genannte Adventszeit; adventus ist lateinisch und heißt Ankunft. Doch der Handel beginnt schon vier Monate vorher mit der Vorbereitung und bezieht auch noch uns Hunde mit ein. Da gibt es Hundewurst in Weihnachtsverpackung, Knusperhäuschen aus Büffelhaut, fressbare Vollkornengel und einen Hunde-Weihnachtsmann, der, wenn man d’raufbeißt, Weihnachtslieder spielt. Dann machen sich auch noch die Menschen Geschenke, meistens unnützes Zeug, denn sie haben so schon mehr, als sie brauchen, mit uns Hunden verglichen.

 

Mein Herrchen hat mir alles genau erklärt. Am 24. Dezember wird der Geburtstag gefeiert. Da strömen alle in die Kirche, dass der Platz kaum reicht; viele kommen nur dies eine Mal im Jahr. Ansonsten ist meistens mehr als genug Platz, so dass auch wir Hunde mit hineinpassen würden. Doch wir sind nicht gern gesehen. Wir würden ja mitreden wollen und ab und zu „Wuff“ machen. In der Kirche muss man aber still sein und zuhören, was einer zu sagen hat. Das ist nichts für uns Hunde. Auch gefällt mir nicht, dass wir dort als „Kreatur“ bezeichnet werden; schließlich sind wir der beste Freund des Menschen. Mit den Geschenken, ist es auch so ein Problem, hat mir mein Mensch erklärt. Eigentlich ist das Beschenken der Kinder eine Nachahmung der guten Taten des Bischofs Nikolaus von Myra, der viel für die Kinder getan hat, was seinen Ausdruck in dem Nikolaus-Tag am 6. Dezember findet. Aber ein gewisser Martin Luther hat 1533 kurzerhand festgelegt, dass die Geschenke am Weihnachtstag verteilt werden.

 

Ich denke mit dem Rennen nach Geschenken haben die Menschen den Sinn ihres Festes selbst aus den Augen verloren. Kaum einer denkt noch an das Geburtstagskind. Nur am Geburtstag selbst werden dann bei der Stunde in der Kirche alle Gefühle auf einmal ausgegossen.
Das ist nichts für uns Hunde. Wenn wir lieben, dann stetig und für immer.

 

Und was soll ich mir als Hund wünschen? Eigentlich brauche ich gar nichts. Mein Fressen habe ich, einen warmen Platz zum Schlafen und mein Rudel, in dem ich mich wohl fühle. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist. Schade, dass es den Menschen nicht auch so geht und diesem Herrn Jesus kann ich ja ’mal ein paar meiner Hundegedanken widmen. Obwohl - - - ich nicht vielleicht doch lieber ein bisschen schlafe? Ich rolle mich auf den Rücken, strecke die Pfoten in die Luft und schließe die Augen. Wuff!

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2002, überarbeitet Sept. 2004,

 

Veröffentlicht in: Zeitschrift "Kurzgeschichten", Ausgabe 12/2004, S. 44 , ISSN 1613-432X u. in: Gazeta. Allgemeiner Klub für Polnische Hunderassen e.V., Heft 4/2008, S. 16
 

 

 


  

 

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