Home
Autorenporträt
Werke Übersicht
Werke 1
Werke 2
Werke 3
Werke 4
Werke 5
Werke 6
Bibliografie
Hobby-Autoren
Mitglieder
Textproben
Dackel Dolly
Dackellähme
Kochrezepte
Links
Kontakt-Formular
Gästebuch
Impressum

Werke 2 enthält: 1. Biorobot. - 2. Erlebnisse eines Einkaufswagens. - 3. Das Erwachen. - 4. Kommentare in Schreibgruppen.

 


 

Biorobot

 SF-Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

  

Im blauen Licht der untergehenden Sonne schwebte ich die Straße entlang. Während des Dahingleitens nahm mein Universal-Strahlen-Adapter die Informationen aus der Umwelt auf. Ich war unterwegs zu den Menschen, die ehemals den dritten Planeten des Systems Omega besiedelt hatten. Schon lange waren sie eine Minderheit. Sie hatten den Computern alle Verantwortung übertragen und nicht bedacht, dass sie damit eine Maschinenevolution in Gang setzten. Die höchste Form waren wir Biorobots, eine Verbindung von Elektronik und biologischem Nervengewebe. Allerdings hatte die zweckgesteuerte Evolution bewirkt, dass uns vieles von dem, was die Menschen Gefühle nennen, verloren ging. Einzig das Lösen von komplizierten mathematischen und logischen Problemen konnte uns noch Lust und Freude bereiten. Doch schon lange hatte mir der Zentralcomputer keine neuen Aufgaben mehr gestellt. Vielleicht bekam ich durch die Menschen einen neuen Impuls. Sie hatten zwar nur einen kleinen Speicher mit niedrigen Transferraten, doch sie konnten unlogische Querverbindungen herstellen, eben jene Gefühle, die mir unbekannt waren.

 

Plötzlich registrierte mein Umweltadapter die menschliche Empfindung Todesangst. Die Quelle musste ganz in der Nähe sein. Ich regelte ihn in den Bereich der Schallschwingungen und der sichtbaren elektromagnetischen Wellen ein. Hohe Schreie dröhnten durch meine Neuronen. Gleichzeitig erreichte mich das Bild eines Menschen im roten Overall. Mein Speicher lieferte die Information: rot = erwachsene Frau. Vier andere Menschen hielten sie am Boden fest. Ein fünfter traf Vorbereitungen, um mit einem Trepanator ihren Schädel zu öffnen. Neben ihm lag griffbereit ein Neuronenexhaustor. Schmerzempfindungen durchrasten das Gehirn der Frau. Sie hatten ihre Ursache in den verdrehten und an den Boden gepressten, Armen und Beinen der Frau. Die Todesangst aber fixierte sich auf den Kopf.

 

Ich erinnerte mich, dass bei den Menschen Geist und Körper eine Einheit bildeten. Ein Verlust des Einen zog den Tod des Anderen nach sich. Die Menschenfrau wollte nicht ihr Gehirn verlieren, weil sie dann sterben würde. Das nahmen die fünf anderen Menschen aber offensichtlich in Kauf. Mir fiel jetzt auch auf, dass sie nicht die Overalls in den vorgeschriebenen Farben trugen, sondern welche in einem undefinierbaren Graugrün mit hellen und dunklen Flecken durchsetzt. Ich klinkte mich in den Zentralspeicher ein und übermittelte die Situation. Nach einer ungewöhnlichen Wartezeit – im Allgemeinen kam die Antwort fast sofort – erhielt ich die Auskunft, dass es sich wahrscheinlich um Neuronenpiraten handelte. Sie seien vermutlich auf der Jagd nach frischem Nervengewebe. Ich hatte mir bisher keine Gedanken gemacht, wo das frische Nervengewebe herkam. Mir war aber bekannt, dass man das vorhandene nicht unbegrenzt immer wieder klonen konnte, da sich dann die Fehlerraten summierten. Der Zentralspeicher warnte mich vor irgendwelchen Aktionen, da er die Situation nicht genau einschätzen könne. Ich beschloss aber, der Menschenfrau zu helfen. Ich wusste selbst nicht, warum ich das tat. Irgendein Teil meines Speichers verhielt sich nicht normgemäß und stellte unlogische Verbindungen her.

 

Die Hauptgefahr ging offensichtlich von dem Menschen mit dem Trepanator und Neuronenexhaustor aus. Ich richtete meine U-Strahlung auf das Gehirn des Angreifers. Zum Glück ist die Denkzentrale von Bio-Menschen nicht besonders geschützt. Ich suchte nach umpolbaren Emotionen, um die Aktionen des Angreifers lahm legen zu können. Endlich hatte ich eine Möglichkeit gefunden. Der Neuronenpirat tastete gerade nach dem Einschaltknopf des Fräsers am Trepanator als ihm plötzlich unwiderstehliche Lachlust überkam. Er ließ das Gerät aus der Hand fallen und bog sich vor Lachen. Mit dem Finger zeigte er auf seine vier Kumpane, die auf den gespreizten Gliedern der Frau hockten und ihn verständnislos anstarrten. Immer wieder von neuen Lachanfällen geschüttelt, wankte er davon und ließ seine Folterinstrumente zurück. Als ich heranschwebte, bemerkten mich die Anderen. Wie auf Kommando sprangen sie auf und flüchteten.

 

Die Frau rappelte sich auf und lockerte ihre verdrehten Gelenke. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf das Sprach- und Hörzentrum in ihrem Gehirn. Da die Menschen am liebsten mittels Schallwellen kommunizierten, simulierte ich diesen Effekt im Gehirn der Frau. „Danke für die Hilfe“, stammelte die Frau. „Das war knapp! Ich heiße Veri 23-15 und wer bis du?

 

Sie keuchte noch und schnappte nach Luft. Ich übermittelte ihr, dass ich zu den Menschen unterwegs sei, um neue Denkanstöße zu bekommen und Probleme zu lösen. Das Denken sei nun einmal das Einzige, das mir Lust und Freude bereite.

 

„Na, da hast du gleich den richtigen Anstoß bekommen“, erwiderte sie. „Kommen solche Überfälle öfters vor?“, fragte ich. „Ab und zu, aber meistens nachts. Deswegen bleibe ich da auch immer in meinem Bungalow. Dass sich diese Strolche tags herauswagen, war bisher noch nicht da. Da muss eine fette Belohnung winken. Fast hätten sie mir das Gehirn herausgesaugt und das wärs dann gewesen.“

„Man muss etwas dagegen tun!“, versuchte ich sie aufzumuntern. „Aber was? Es war schon immer so?“ Ich senkte mich auf den Boden und schwieg. Nach einer Weile übermittelte ich ihr das Ergebnis meiner Überlegungen: „Ich bin zu einer Lösung gekommen. Die Bedrohung und das Chaos müssen aufhören. Ich werde mich dafür einsetzen, eine logische Ordnung einzuführen. Das frische Nervengewebe brauchen wir. Also wird ein Zufallsgenerator bei Bedarf jeweils einen Menschen als Spender auswählen und die anderen können ohne Angst leben. Ich mache mich gleich an die Verwirklichung meines Planes.“ „Warte doch ... Ich weiß nicht ... “, rief sie mir nach.

 

Doch ich wollte nicht mehr mit ihr diskutieren und schwebte davon. Mein Plan hatte Erfolg. Schon nach kurzer Zeit gab der Zentralcomputer den Namen des ersten Menschen bekannt, der sich als Spender von frischem Nervengewebe zur Verfügung zu stellen hatte: Veri 23-15. Seitdem bin ich hier im Asyl für Biorobots mit gestörter Signalverarbeitung.

 

 ©  by Eberhard Kamprad,  August 2002 / Mai 2004

 

 


 

 Erlebnisse eines Einkaufswagens

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Bruch - plautz! Das war ein Stoß. Mir zittern alle Stangen. Was für ein grober Kerl! Der junge Mann, der mich soeben in die Reihe zu meinen Kollegen geknallt hat, kettet mich ungeduldig an und zerrt seine Mark aus meinem Schlitz. Ich überlege schon, als Strafe die Mark zu behalten, unterlasse es dann aber aus Angst vor noch gröberer Behandlung. Wir Einkaufswagen haben kein leichtes Leben. Tagaus, tagein werden wir durch die Regalreihen gezerrt, gestoßen, gerammelt, getrieben, geschleift. Kein Wunder, dass manches Mal unsere Räder den Dienst verweigern und selbst die Richtung bestimmen wollen. Das macht die Menschen aber noch ungeduldiger. Kaum einer hat Zeit und Muße, behutsam mit uns umzugehen. So rolle ich nun tagein, tagaus durch den Supermarkt und mache mir so meine Gedanken.

Da ist die alte Frau, die es verschmäht, mich als Stütze, als Geh-Roller, zu benutzen und mich aufrecht vor sich her schiebt, obwohl es ihr sichtlich schwer fällt. Von ihr habe ich keine grobe Behandlung zu erwarten. Behutsam umfährt sie mit mir alle Klippen; sogar die Pyramide aus aufgetürmten Konservendosen, die unvermutet in einer Biegung auftaucht, meistert sie. Vorgestern hatte ein Student dort eine Katastrophe verursacht, indem er mich schlenkernd hinter sich herzog. Da blieb es nicht aus, dass mein linkes Hinterrad unten einige Büchsen herausriss. Es war, wie in der „Olsenbande“, als Benny bei der Ausführung eines PLANS Egon auf dessen Wunsch hin eine Büchse reichte, die er unten aus der Pyramide genommen hatte. Das ganze KUNSTWERK stürzte scheppernd ein und rief in Bennys Fall die Polizei und im Fall des Studenten die entsetzten Mitarbeiter des Marktes auf den Plan. Während Benny die Suppe, die er sich EINGESTÜRZT hatte, auslöffeln musste, kümmerte sich der Student nicht um das von ihm angerichtete Malheur und zerrte mich weiter bzw. wollte mich weiterzerren. Das ging aber nicht, weil sich eine Büchse unter meinem Bodengitter verklemmt hatte. Wütend klaubte der Student seine Einkäufe aus meinem Bauch und ließ mich stehen. Von meinem Platz aus konnte ich sehen, wie er an der Kasse nach dem Nennen des Gesamtpreises erst einmal seinen Rucksack abnahm und umständlich die Geldbörse suchte, wobei ihn die Kassiererin und die nach ihm Wartenden je nach Temperament zornig, resigniert oder gleichgültig beobachteten. Der freundliche Auffüller vom Tierregal machte mich wieder flott und brachte mich zu meinen Kameraden. Er schaffte es sogar noch, den Studenten abzupassen und ihm seine Mark wiederzugeben. Doch der bedankte sich nicht einmal.

Die Beobachtung an der Kasse richtet meine Gedanken auf diejenigen, die meinen, auf meine Dienste verzichten zu können. Das mag ja noch hingehen, wenn es sich um eine Palette Bier handelt, wenn aber jemand bis unters Kinn mit Kleinkram bepackt ist und den dann gemütlich in seinen Rucksack verstaut, während die anderen nicht nachrücken können und artistische Verrenkungen machen müssen, um an ihre Waren zu kommen, ist dies schon eine Zumutung. Dabei sind die Betreffenden häufig oft selbst ganz ungeduldig und können nicht einmal das Bellen des vor dem Markt angebunden Hundes ertragen, der nach seinem Frauchen ruft.

Nun werde ich doch noch als Geh-Hilfe, als Geh-Roller benutzt. Ein kräftiger Mann in mittleren Jahren hängt sich über meine Stange und erweckt den Eindruck, als ob ICH ihn durch den Markt schleife. Zum Glück geht der Weg nur bis zum Schnapsregal. Gut gefüllt schleppen wir uns dann zur Kasse. Potz Blitz und Wagengerassel! Bin ich froh, dass ich den so schnell wieder los wurde. Ich kam mir selber ganz schlapp vor.

Während ich auf meinen nächsten Wagenlenker warte, denke ich über die verschiedenen Hinterteile der Menschen nach, mit denen mein Vorderteil absichtlich oder unabsichtlich Bekanntschaft macht. Da ist der pubertierende Jüngling, der mit einem vorsichtigen, wie unabsichtlichen Stoß, die Elastizität des wohlgeformten Hintern der jungen Frau vor ihm testet; da ist der Ungeduldige, der dem langsamen, alten Mann vor ihm, hinten ’rein fährt und ich nur harte Knochen spüre; da stehe ich eingekeilt zwischen zwei dicken Klatschbasen und versinke fast im Fett und da habe ich den jungen Mann, der den rückwärtigen Anstoß als Anlass für ein Gespräch, nutzte. Ich blinzelte meinen Kollegen zu und tatsächlich: Beim nächsten Einkauf brauchten die Zwei nur noch einen Einkaufswagen - nämlich mich.

Richtige Charakterstudien kann ich im Zusammenhang mit dem Pfand für meine Benutzung machen. Nun hat das sowieso eine mehr symbolische Bedeutung im Verhältnis zu dem Wert, den ich repräsentiere, aber trotzdem lässt kaum jemand seine Mark oder sein rundes Plastteil, hochtrabend Chip genannt, im Stich. Der Sinn des Chips ist sowieso nicht einzusehen, außer, dass man ihn nicht aus Versehen ausgeben kann. Die Rückgabe der Wagen bei Knappheit hat sich aber kompliziert, denn der Nächste in der Warteschlange muss dann den Führer des leeren Wagens bei der Übergabe immer erst fragen: „Chip oder Mark?“ - und bei Bejahung des Ersteren gemeinsam zum Standplatz gehen, damit der Andere seinen Chip wiederbekommt. Ach, machen die Menschen das Leben kompliziert! Dann gibt es diejenigen, die vorsorglich in allen Jackentaschen eine Mark stecken haben und die anderen, die Groschen und Pfennige zusammensuchen und bei einem Zurückbringer eintauschen wollen. Doch da haben sie meistens kein Glück, denn sie bringen den Ordentlichen ihr System durcheinander, da diese dann keine Wagenmark für den nächsten Einkauf haben. Nun habe ich aber genug philosophiert und der Dienst muss weitergehen.

Eine nervöse Frau mittleren Alters kommt und sucht die Mulde zum Einlegen der Marke, die man dann einschiebt. Das ist aber das andere System. Na, endlich hat sie begriffen, dass ich das System mit Schlitz habe und kettet mich los. Doch schon naht das nächste Malheur. Nach ein paar Artikeln wirft sie in der Hektik den Nächsten in meinen Kollegen, der neben mir steht, und zieht mit dem los. Ich ahne schon, was kommt. Der ursprüngliche Besitzer des Kollegen ist mit meinem Inhalt nicht zufrieden, nachdem er ihn misstrauisch beäugt hat und fährt mich zur Rezeption. Nun werden wir ausgerufen: „Ein Einkaufswagen wurde vertauscht. Bitte bei der Rezeption melden.“ Nach einer Weile hatte ich meine nervöse Frau wieder. Diesmal war es ja nicht weiter schlimm; problematisch wird es aber, wenn Taschen mit Geld und Papieren an der vertauschten Wagen hängen. Nachdem ein freundlicher Herr meiner Nervösen geholfen hat, mich anzuketten, hatte ich wieder eine Verschnaufpause. Der Kollege neben mir ist ganz verrostet. Erst seit kurzem ist er wieder in unserer Gemeinschaft. Vorher hatte er in einem Park wochenlang im Freien gestanden, bevor ihn Gärtner fanden und zurückbrachten. Sein Münzenschlitz war ganz zerbeult, denn man hatte die Mark mit Gewalt aus seinen Zähnen gerissen.

Nanu, was geht denn jetzt los. Ein Karton wird in meinen Bauch gestellt, der offensichtlich die Einkäufe aufnehmen soll. Vorläufig sitzt ein junger Hund darin. Er ist so still, dass ihn viele für ein Stofftier halten. Auch gut, da gibt es wenigstens keinen Ärger. Für heute reichen mir die Aufregungen. Es ist ja auch bald Feierabend. Das war ein anstrengender Tag. Unter unserem Schutzdach klappern wir Einkaufswagen noch ein wenig miteinander und tauschen unsere Erlebnisse aus. Das war‘s dann. Gute Nacht!

© 2001 by Eberhard Kamprad

 

Veröffentlicht in Auszügen in: Federwelt, Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, Nr. 46, Juni/Juli 2004, S. 43, ISSN 1439-8362

 


 

 Das Erwachen

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Krachen, splittern, kreischen. Als der Lärm verstummte, lag auf der Kreuzung ein Haufen Schrott. Eine Frau kroch auf allen Vieren von der Unfallstelle fort. Aus dem einen Wrack hing der leblose Körper eines Mannes. Etwas entfernt lag ein herausgeschleuderter, zerstörter Drahtkäfig. Ein großer, schwarzer Hund befreite sich gerade daraus und ließ einige Stücke Fell an den verbogenen Gitterstäben zurück. Er humpelte zu dem Mann und leckte ihm das Gesicht ab.

 

 Ich falle und falle und falle in eine bodenlose, körperlose Tiefe. Plötzlich erschüttert eine gewaltige Explosion das Universum. Das Fallen verlangsamt sich, nimmt dann aber umso schneller zu. Aus einer anderen Galaxis höre ich eine Stimme: „Dreihundert! Zurück vom Tisch!“ Dann wieder eine Detonation. Ein gewaltiger Motor beginnt in rhythmischen Stößen zu arbeiten. Das Fallen hört auf, ich fange an emporzuschweben. Eine andere Stimme sagt: „Wir haben ihn wieder.“ In einem Kreis goldglänzender Lichtkaskaden halte ich an.

 

 Auf der Wartebank vor dem OP saß eine verheulte Frau und starrte wie hypnotisiert auf die Tür. Endlich öffnete sich diese. Monika Schulze stand auf und ging dem Arzt ein paar Schritte entgegen. Dann hob sie abwehrend die Hände gegen ihn, als wolle sie die Nachricht, die er brachte, von sich schieben.

„Ihr Mann lebt! Mehr können wir im Moment nicht für ihn tun, Frau Schulze“, informierte sie der Arzt mit berufsmäßiger Anteilnahme. „Die Reanimation war erfolgreich. Er schläft jetzt. Das ist gut, so können sich die Vitalfunktionen stabilisieren. Und Sie schlafen jetzt am besten auch ein bisschen.“

Er fasste ihre Hände, die sie ihm immer noch abwehrend entgegenstreckte, und drückte sie beruhigend.

„Wir rufen Sie an, wenn Sie Ihren Mann sehen können.“ „Danke, danke, Herr Doktor, für alles, was Sie für meinen Mann getan haben“, schluchzte sie.

Da ertönte der Pieper in der Brusttasche des Arztes.

„Ich muss in die Notaufnahme, auf Wiedersehen, Frau Schulze!“

 

 Während sich Monika Schulze dem Auto näherte, richtete sich die Rottweilerhündin Anja erwartungsvoll auf und versuchte, ihre Schnauze durch den Lüftungsspalt des Fensters zu schieben. Als sie sah, dass Frauchen allein kam, sank sie auf ihrem Platz zusammen. An Kopf und Rücken der Hündin waren Wunden mit flüssigem Pflaster eingesprüht, die rechte Vorderpfote trug einen dicken Verband, über den eine Socke als Schuh gezogen war. Monika Schulze kraulte den dicken Kopf, während sich die Hündin an sie schmiegte. „Du hast schlecht auf Herrchen aufgepasst.“ Anja winselte. „Kannst ja nichts dafür, hast selbst was abbekommen“, und nun tropften die Tränen in das weiche Hundefell. Sachte und behutsam leckte Anja die Tränen vom Gesicht ihres Frauchens.

 

 „Setzen Sie sich, Frau Schulze!“

„Warum kann ich nicht gleich zu meinen Mann, wieso wollen Sie mich vorher sprechen, Herr Doktor?“ Angst schwang in Monikas Stimme.

„Sie können sofort zu ihm, aber ...“

„Was aber?“

„Es ist ein Problem aufgetreten. Ihr Mann wacht nicht auf.“

„Wacht nicht auf? Was bedeutet das?“

„Es handelt sich um einen Funktionsausfall der Großhirnrinde bei erhaltener Funktion der lebenswichtigen Zentren des Gehirns, ein so genanntes Wachkoma. Das kommt als Folge von Reanimationen vor. Wenn Sie zu Ihrem Mann gehen – und deshalb wollte ich vorher mit Ihnen sprechen – scheint es, als ob er wach ist. Die Augen sind geöffnet, der Blick jedoch geht ins Leere und er kann weder emotionalen Kontakt aufnehmen noch Aufforderungen befolgen.“

„Und wird mein Mann wieder aufwachen?“ Monika Schulze richtete sich halb auf und sah dem Arzt erwartungsvoll an.

„Das lässt sich leider nicht vorhersagen. Bei etwa 20 Prozent der Patienten kehrt das Bewusstsein wieder, nach drei Monaten sind es allerdings nur noch 10 Prozent.“

Sie sank in sich zusammen.

„Frau Schulze,“, der Arzt fasste ihre Hände und hielt sie fest in den seinen, „Sie haben jetzt eine große Aufgabe. Wahrscheinlich können nur Sie ihren Mann ins Leben zurückholen. Wir tun alles medizinisch Notwendige, damit sein Körper keinen weiteren Schaden nimmt, aber für die Seele können wir wenig tun. Ein starker emotionaler Reiz, der den Kranken zurückholt, kann oft nur von den nächsten Angehörigen kommen. Besuchen Sie Ihren Mann so oft wie möglich. Da man nicht weiß, was er von der Umwelt wahrnimmt oder nicht, ist es wichtig, sich ihm aktiv zuzuwenden. Sprechen, Berühren und das Vorspielen bekannter Musik können das Aufwachen unterstützen.“

Monika Schulze richtete sich auf und befreite ihre Hände.

„Führen Sie mich zu ihm, mein Mann wird zu den 20 % gehören. Ich hole ihn ins Leben zurück!“

 

 Ich stecke in einer zähflüssigen Masse. Sie umschließt mich von allen Seiten. Verzerrte Lichtimpulse und Geräuschfetzen erreichen mich. Ich will mich aus diesem klebrigen Gefängnis befreien. Was an Signalen zu mir dringt, will ich deuten. Es gelingt mir nicht. Ich versinke wieder in Schwärze.

 

 „Mutlos, Frau Schulze?“

„Ach, Herr Doktor! Soll man da nicht mutlos werden. Ich mache alles an Übungen und Anregungen was sie empfohlen haben und nichts hilft. Mein Mann liegt da wie ein Stück Holz.“

„Denken Sie nach, Frau Schulze. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein, was einen starken Reiz auf Ihren Mann ausüben könnte.“

„Er hat sehr an Anja gehangen, ich könnte sie einmal mitbringen. Vielleicht reißt ihn das aus seinem Zustand.“

„Gut! Bringen Sie diese Anja morgen mit. Die Hauptsache, Sie werden nicht auf sie eifersüchtig, wenn Ihr Mann so an ihr hängt.“

„Ich werde doch nicht auf einen Hund eifersüchtig sein.“

„Einen Huuund? Ein Hund auf der Intensivstation! Das hat es noch nie gegeben.“

„Ich denke, ich sollte alles Menschenmögliche versuchen?“

„Ja, aber, hmm, wir können es einmal probieren. Stecken sie ihn unter die Jacke und bringen sie ihn unauffällig herein. Ich sorge dafür, dass Sie nicht gestört werden!“

„Unter die Jacke geht leider nicht. Anja ist eine Rottweilerhündin und wiegt 40 kg.“

„Frau Schulze, sie bringen mich noch in Teufels Küche. Kommen Sie mit dem Hund ... über die Feuertreppe. Ich sorge dafür, dass die Tür offen ist.“

„Danke, danke, Herr Doktor! Mein Mann wird zu den 20 Prozent gehören, die wieder aufwachen. Ich vertraue fest auf Anja.“

„Vergessen Sie nicht, dass wir uns langsam aber sicher der Grenze nähern, wo es nur noch 10 Prozent sind.

„Anja wird es schaffen, sie ist doch sein Ein und Alles.“

 

 Endlich war es dunkel genug. Monika Schulze und Anja näherten sich der Feuerschutztür auf der Rückseite des Krankenhauses. Sie bemühten sich im Schatten zu bleiben.

„Du darfst nicht bellen, sonst können wir deinem Herrchen nicht helfen.“

Die Hündin wedelte mit dem Schwanz, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Als Monika die Tür zur Feuertreppe öffnete, registrierte der Bewegungsmelder ihre Anwesenheit und schaltete das Licht ein. Aber zum Glück brannte es nur in einer Etage, die hell erleuchtete Feuertreppe wäre zu auffällig gewesen. Leise stiegen sie die Eisenstufen empor. Hinter ihnen verlosch das Licht, vor ihnen leuchtete die nächste Etage auf. Plötzlich wurde es auch einige Stockwerke über ihnen hell. Monika schreckte zusammen. Anja drückte sich in den Schatten. Ihr schwarzer Körper verschmolz mit der Wand, nur die bernsteingelben Augen leuchteten.

„Hallo, ist da jemand?“, hallte eine Männerstimme, „der Aufenthalt auf der Feuertreppe ist verboten.“

„Ich wollte ein bisschen frische Luft schnappen und habe mich verlaufen“, antwortete Monika geistesgegenwärtig, „ich suche die Intensivstation!“

 

„Da müssen Sie in der vierten Etage ins Gebäude ’rein. Guten Abend!“

Über ihnen erlosch das Licht. Monika Schulze tat einen tiefen Seufzer und Anja kam aus ihrer Ecke hervor. Bald hatten sie die bezeichnete Etage erreicht. Monika öffnete vorsichtig die Feuerschutztür. Anja streckte ihre Nase vor und zog sie schnell wieder zurück; so viele unangenehme Gerüche. Monika Schulze strich ihr über den dicken Kopf und zog sie vorsichtig mit sich. Auf einmal begann Anja zu ziehen. Unter den vielen fremden Gerüchen hatte sie einen vertrauten erschnüffelt. Sie stürmte auf eine Tür zu und öffnete sie mit der Vorderpfote.

 

 Nun befinde ich mich in einem wallenden, grauen Nebel. Wieder nehme ich Geräusche und Licht nur gedämpft war. Auf einmal drängt ein Geräusch alles andere beiseite. Es wird hell und klar. Jetzt erkenne ich es. Es ist das Bellen von Anja. Meine Arme und Beine kann auf ich auf einmal bewegen. Meine Hände spüren weiches, warmes Fell. Etwas Feuchtes, Raues wischt über mein Gesicht, wischt wieder und wieder und holt mich in die Wirklichkeit zurück.

 

 Da schlug Herr Schulze die Augen auf. Er erkannte, dass er in einem Krankenhausbett lag. Anja hatte ihre Vorderpfoten auf den Rand gestellt und leckte ihm das Gesicht ab. Die Welt und er waren wieder eins.

 

© by Eberhard Kamprad, Juli 2003, überarb. Sept. 2004

 

Veröff.in: Mensch und Hund : Kurzgeschichten / Eberhard Kamprad. - 1. Aufl. - (Schutterwald) : Testudoverlag Ute Winkler, 2010. - 31 S. ; 15 cm. - (Mini-Testudo; Bd. 11). - ISBN 978-5-942024-10-5 : geh. : EUR 2,00

 

 


 

Kommentare in Schreibgruppen

Essay

Eberhard Kamprad

 

Von Kommentaren lebt eine Schreibgruppe, gleichgültig ob auf virtueller oder realer Basis. Doch gerade der Stil der Kommentare ist es, der häufig solche Gruppen sprengt. Dabei gibt es zwei Arten von Kommentierenden, demzufolge auch zwei Arten von Kommentaren, denn diese sind das Spiegelbild der hinter ihnen stehenden Menschen.
 
Die einen habe alle Standardwerke über das „Schreiben“ in sich aufgenommen und prüfen jeden Text daran, ob alle Kriterien erfüllt und keine Verstöße vorhanden sind. Jeder Fehler wird unbarmherzig aufgelistet. Beckmesser aus den „Meistersingern“ war ein Waisenknabe dagegen. Diese Kommentierende verwechseln schöpferische Anwendung von Lehren mit deren einfacher formaler Übernahme. Dazu ist man noch der Meinung, dass nur ein schroffer Ton, der teilweise ins Beleidigende geht, das einzig Angemessene ist. Neulinge, die unvorbereitet in solche Gruppen geraten, sind oft erschrocken und geben gleich ganz auf. Dabei läuft alles unter dem Deckmantel der ehrlichen Hilfe. Lesevergnügen bleibt dabei natürlich vollkommen auf der Strecke und die meisten erfolgreichen und viel gelesenen Werke der Literaturgeschichte würden dieser Überprüfung nicht standhalten und dürften deshalb eigentlich keinen Erfolg haben. Warum aber haben sie Erfolg? Ganz einfach deshalb, weil der Leser sie gern zur Hand nimmt, und da komme ich zur zweiten Gruppe der Kommentierenden.
 
Diese versuchen auch, dem Autor durch das Aufdecken von Fehlern und Unstimmigkeiten zu helfen, gehen aber vorrangig vom Standpunkt des Lesers an den Text heran. Wenn dieser einen Perspektivwechsel beim Lesen gar nicht merkt, dann ist es eigentlich gleichgültig, ob das gegen die Grundsätze des Schreiblehrers Sol Stein verstößt oder nicht. Im Vordergrund soll der Erfolg beim Leser stehen und deshalb schreibt man;  nicht, um irgendwelche Regeln zu erfüllen. 
 
Natürlich sollte man die Standardwerke über das „Schreiben“ gelesen haben und versuchen, sie anzuwenden. Der Meister kann auch bewusst Regeln verletzen, der Lehrling sollte sie aber erst einmal lernen. Bei aller Kritik, sollte man einen höflichen Umgangston gebrauchen. Es ist ein Unterschied, ob man schreibt: „Der Text ist Mist“ oder: „Der Text spricht mich nicht an“. Es ist ein Unterschied, ob man den Text „zerpflückt“ oder ob man auf grobe Fehler hinweist. Das schließt fundamentale Kritik nicht aus, aber Ton und Begründung machen die Musik. Man darf auch nicht der Versuchung erliegen, den Text selbst schreiben zu wollen. Deswegen sollte man mit Änderungsvorschlägen zum Stil  - von direkten Fehlern abgesehen - zurückhaltend sein,  denn das ist die persönliche Handschrift der Autorin bzw. des Autors.
 
Zuletzt ist ein Kommentar natürlich immer die Meinung einer/eines Einzelnen. Wenn man als Autorin bzw. Autor Kommentare erhält, sollte man die Kritikpunkte dann ernst nehmen, wenn sie von mehreren Kommentierenden genannt werden. Deswegen ist es auch falsch, wenn Kommentierende meinen, die anderen haben schon alles gesagt und deshalb erwähnen sie es nicht noch einmal. Damit wird der obige Ansatzpunkt ausgehebelt. Besonders wichtig sind für die Autorin bzw. den Autor, die Hinweise auf offensichtliche Fehler, die aus „Betriebsblindheit“ übersehen wurden. Auch erfährt man durch die Kommentare wie der Text überhaupt auf Leser wirkt. Oftmals kommt bei diesen etwas ganz anderes an, als das, was die Autorin bzw. der Autor übermitteln wollte.
 
Kommentare sollen der Autorin bzw. dem Autor helfen, den Text zu verbessern. Die Entscheidungen über Veränderungen trifft aber immer die Autorin bzw. der Autor, denn es ist ihr/sein Text. Falsch wäre es, alle Änderungsvorschläge sofort zu übernehmen. Da würde es nach mehreren Überarbeitungen der Text der Kommentierenden werden. Besser ist es, man nimmt es nicht als Änderungsvorschläge, sondern als Lesermeinung. Dann lässt man es eine Weile ruhen und vertraut seinem Bauchgefühl. Kommen Ideen zu Veränderungen ist es gut; wenn nicht, ist es auch gut. Wichtig ist, dass es der eigene Stil, der eigene Text bleibt.
 
Ausgangspunkt aller Kritik muss der am Ende des ganzen Prozesses stehende Leser sein. Was nützt es, wenn ein Text allen Regeln entspricht und niemand will ihn lesen? Auch dieser Text wird Kommentare hervorrufen und da beherzige ich den Ratschlag von Sol Stein: Das Wichtigste für einen Autor ist, ein dickes Fell zu haben.
 
© by Eberhard Kamprad, Dez. 2002, überarb. Mai 2009
 
Urfassung veröffentlicht in: Federwelt, Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, Nr. 38, Feb./Mrz. 2003, S. 30, ISSN 1439-8362, www.federwelt.de 
 


 

Home                                                                                                   Werke Übersicht

Top