Home
Autorenporträt
Werke Übersicht
Werke 1
Werke 2
Werke 3
Werke 4
Werke 5
Werke 6
Bibliografie
Hobby-Autoren
Mitglieder
Textproben
Dackel Dolly
Dackellähme
Kochrezepte
Links
Kontakt-Formular
Gästebuch
Impressum

Werke 3 enthält: 1. Lebenserfahrungen. - 2. Lesen versus Hören. - 3. Maria heute. - 4. Mein Weihnachten

 


 

 

Lebenserfahrungen
Aphorismen und Minitexte
Eberhard Kamprad


 
Schreiben ist: Die MÖGLICHKEIT haben, bedeutend zu sein. In 100 Jahren weiß man, ob es stimmt.

 

Ich gehe im Park quer über die Wiese. Hinter mir schnuffelt der Hund durch das Gras, vor mir liegt eine barbusige Studentin in demselben, studiert und sonnt sich. Als ich mich nähere, richtet sie sich empört auf und hält den Schnellhefter vor die üppige Brust. Warum kann sie nur der unbelebten Schöpfung zeigen, was die Natur ihr gegeben hat; Symbol für die Zerrissenheit des ZIVILISIERTEN Menschen. Dann wäre es konsequenter gar nichts zu zeigen.

 

Der medizinische Fortschritt ist ungeheuer und der technisch-apparative Aufwand steigt ständig, doch die Menschen werden nicht gesünder. Ist vielleicht der grundlegende Denkansatz falsch? Denn es werden nur die Folgen BEKÄMPFT, aber es wird nicht nach den Ursachen GEFRAGT.

 

Ich besuche die Homepage eines anderen JUNGEN Autors. Eine Vielzahl von Texten wird zur Verwertung angeboten. Das Ganze wirkt sehr professionell. Ich wollte eigentlich einen Gedankenaustausch über Schaffensprobleme anbieten, aber nun schrecke ich zurück und verzichte. Warum? Darüber muss ich nachdenken! Vielleicht schrecke auch ich andere durch eine SCHEINBARE Professionalität ab?

 

Schreiben ist: Zuhörer für etwas suchen, das scheinbar keiner hören will.

 

Es scheint, dass sexuelle Gedanken, sich in der Ausstrahlung (im Energiefeld?) eines Menschen widerspiegeln. Oft schon habe ich beobachtet, dass junge Frauen auf eine wissenschaftlich nicht nachweisbare Art spürten, ob ich neutral oder mit sexuellen Gedanken an ihnen vorüberging. Allerdings merkte ich das nur an der abwehrenden Reaktion, als ob es mir in meinem Alter nicht mehr zustünde so zu reagieren, während sie die BOTSCHAFTEN Gleichaltriger mit Befriedigung zur Kenntnis nahmen. Resignieren?!

 

Bundesverband JUNGER Autoren: Ordentliches Mitglied kann werden, wer nicht hauptberuflich als Autor/in tätig ist und das 35. Lebensjahr noch nicht vollendet hat; also Menschen, die JUNG an Erfahrung und JUNG an Jahren sind. Doch was ist mit denen, die JUNG an Erfahrung und ALT an Jahren sind? Ich fürchte, für meinen Vorschlag Bundesverband der Hobbyautoren, werde ich - vor allem bei den Jungen - keine Mehrheit finden, denn er postuliert eine dauerhafte zweite Kategorie neben den RICHTIGEN Schriftstellern, während der jetzige Name suggeriert, dass es sich um RICHTIGE Schriftsteller handelt, denen nur noch die Jahre fehlen. Schade für mich als alten Hobbyautor, der sich sowohl zum Hobby als auch zum Alter bekennt, denn was sollte ich als FÖRDERNDES MITGLIED, ich, der selbst noch gefördert werden möchte.

Anmerkung: Inzwischen wurde die Altersbegrenzung aus den Statuten gestrichen.

 

Denken, was andere von einem denken, sind nur die eigenen Gedanken, Meinungen, Vorurteile.

 

Als ich 13 Jahre alt war, zeigte mir ein Mädchen, wie sie untenherum gebaut ist. Leider war ich so verklemmt AUFGEKLÄRT, dass ich mir zwischen meinem Körper und der Spalte zwischen ihren Beinen keinen Zusammenhang denken konnte und leider hatte mir meine Mutter beigebracht, dass sich ein anständiger Junge so etwas nicht anguckt, so dass ich statt den Anblick zu genießen schnell den Blick abwandte und leider begriff ich nicht warum das Mädchen „Dummer Junge“, sagte, seine Sachen zusammenpackte und verschwand.

 

LIEBE

Wenn ich ihren zarten Körper in den Armen halte, kann ich mir kein größeres Glücksgefühl vorstellen. Sanft gleitet meine Hand durch ihr dichtes, schwarz-braunes Haar. Besonders gern hat sie es, wenn ich ihr über den Rücken fahre und jeden Wirbel einzeln abtaste. Dann bedankt sie sich mit ungeschickten, feuchten Küssen. Oft reiben wir unsere Nasenspitzen aneinander. Dabei kann ich einen tiefen Blick in die geheimnisvollen Abgründe ihrer braunen Augen tun und frage mich, was geht in ihrem Geist vor, was denkt sie, was fühlt sie?  Ihr wohlgeformtes Hinterteil ist mir immer ein entzückender Anblick. Beim Gehen wackelt sie damit auf eine bezaubernde Art hin und her und ich kann mich nicht entscheiden, ob sie von vorn oder von hinten hübscher aussieht. Besonders verlockend ist es, die zarte rosa Haut ihres Bauches zu streicheln. Dann rekelt sie sich wohlig in meinem Arm und wenn ich ihr sage: „Ich liebe dich“, antwortet sie mit einem kräftigen „Wuff“ – meine Dackelhündin Dolly.

2001

Veröffentlicht bei: http://www.fred-lang.de/andere2.htm#Liebe

 

Es gibt keine gefährlichen Hunde; nur gefährliche Hundehalter.

Febr. 2002

 

Euroumstellung: Um uns das Gefühl der Fremdheit mit der neuen Währung zu nehmen, passt der Handel die Zahlen an die alten DM-Preise an. Statt 2 DM, nun 2 Euro. Leider hatten diejenigen, die für unsere Einkommen verantwortlich sind, nicht die gleiche Idee.

Juli 2002

 

Regelmäßig ins Krankenhaus: Wird man entlassen, ist der nächste Aufenthalt weit, weit weg und dann rückt er langsam näher und immer näher, bis er schließlich in einer Woche, dann am nächsten Tag ist und schließlich Wirklichkeit wird, ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Oktober 2002

 

NEUDEUTSCH
Es war ein Frühlingstag, wie aus dem Bilderbuch, in einer nicht allzu fernen Zukunft. Die Sonne schien von einem wolkenlosen, blauen Himmel. Die Vögel zwitscherten, das erste Grün kam hervor. Der Tag war viel zu schön, um ins Krankenhaus zu gehen, aber Krankheit fragt nicht nach dem Wetter. Vorerst konnte ich nicht die Schönheit der Natur genießen.
 
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit. „Patientenaufnahme umgezogen“ lenkte ein Schild meine Schritte aus der gewohnten Bahn. Ich betrat einen lichtdurchfluteten Saal, moderne Malerei an den Wänden. Das Gedränge im Flur, die Frage, wer der Letzte sei, die Diskussion darüber, die in Gesprächen über die verschiedenen Krankheiten mündeten – das alles gab es nicht mehr. Ich ließ den Aufrufautomaten meine Nummer drucken und nahm an einem Tisch allein Platz. Die paar Menschen verloren sich in der weiten Halle. Wie ein gebanntes Kaninchen verfolgte ich die Anzeigetafel. Beim nächsten Gongschlag musste meine Nummer erscheinen: 748 Platz 3.
 
Ich nahm gegenüber einer blonden Schönheit Platz.
„Ich bin Helena“, flötete sie. „sei herzlich willkommen im ZWG.“
„... im Zentrum zur Wiederherstellung der Gesundheit“, ergänzte ich reserviert. „Früher nannte man das Krankenhaus.“ Ich konnte es nicht leiden, wenn Angestellte, auch wenn es schöne Frauen waren, so vertraulich taten, als hätte man schon zusammen im Sandkasten gespielt.
„Jetzt sind andere Zeiten“, erwiderte sie schnippisch, „im Insassen-Management repräsentieren wir den neuen Stil.“
„Danke!“, entgegnete ich, „die alte Patientenaufnahme fand ich gemütlicher.“
„Nun, das ist deine Sache. Die Chip-Card bitte“!
„Hier ist die Mitgliedskarte meiner Krankenkasse“. Sie schaute irritiert von ihrer Tastatur auf, sagte aber nichts.
„Bist du in Eigenregie gekommen?“
„Mit der Straßenbahn.“
„Das ist Eigenregie. Kannst du nicht einfach meine Fragen beantworten. Wir müssen auf Effizienz achten. Das Install-Document?“
„Hier ist der Einweisungsbeleg meines Arztes.“ Ich schob ihr die Laserfolie hinüber. Sie warf mir einen bösen Blick zu.
„Single-Room gewünscht?“
„Ein Einzelzimmer kann ich mir nicht leisten.“
„Ich habe nicht nach Einzelzimmer gefragt, sondern, ob ich Single-Room ankreuzen soll.“
„Single-Room bedeutet aber Einzelzimmer.“
„Hör zu Opa, wenn du mich provozieren willst, hole ich den Supervisor. Ich spreche ein normales Deutsch. Das ist Schikane, wenn du mich mit deinen Ausdrücken aus dem Altertum durcheinander bringen willst.“
Sie schniefte erregt. Beruhigend winkte ich ab. „Ich will dich nicht schikanieren, schönes Kind und keinesfalls will ich deine Effizienz stören. Du brauchst nicht den Aufseher zu holen.“ Das Lob an ihr Aussehen zeigte seine Wirkung, das berufsmäßige Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück und sie schluckte sogar den „Aufseher“.
„Welche Catering-Stufe? Full-Time, Two-Times oder One-Time?“
„Das billigste“, umschiffte ich die Klippe.
„Dann musst du dir aber einiges im Shop holen, wenn du satt werden willst.“ Sie lächelte mir versöhnlich zu. „Hier sind die Nummer und die Way-Description zu deinem Hospital-Room.“
Ich lächelte zurück und machte mich auf den Weg zu meinem – Krankenzimmer.
2002/Mai 2003
 

Wenn eine junge Frau ihm etwas Heruntergefallenes aufhebt, merkt ein Mann, dass er alt geworden ist.

Dez. 2002

 
MISSVERSTÄNDLICH
Die Verwendung von Pronomen kann beim Zuhörer zu groben Missverständnissen führen, wie folgender Dialog beweist:
ER: Soll ich reinstecken? Ich hab ihn schon in der Hand?
SIE: Da wäre ich sehr dankbar, denn bei mir ist es ganz unten.
Dazu muss man wissen, dass es sich um zwei Hausbewohner handelt, die vor der mit einem Schnapper versehenen Haustür stehen. Mit „ihn“ ist der Hausschlüssel gemeint und mit „es“ das Schlüsselbund, dass sich zuunterst in der Tasche befindet, darüber die Einkäufe.
Dez. 2002
 
GESPRÄCHSPARTNER
Jedem Menschen wünsche ich solch einen aufmerksamen Gesprächspartner. Beginne ich zu reden, richtet er aufmerksam den Blick auf mich. Ab und zu blinzelt er zustimmend mit den Augen. Nie gibt er Anzeichen von Ungeduld oder Langeweile von sich. Interessiert folgt er meinen Ausführungen. Muss er doch einmal gähnen, dreht er dezent den Kopf zur Seite. Sind die Ausführungen länger, nimmt er eine bequeme Lage ein. Doch seine Aufmerksamkeit drückt er weiterhin aus, indem er den Kopf schief hält. Bin ich mit meiner Rede zu Ende, steht er auf und – wedelt zustimmend mit dem Schwanz, mein Hund.
Dez. 2002
 
Toleranz nützt nichts, wenn sie eine Einbahnstraße ist.
Dez.. 2002
 
Wer von einem Problem emotional stark berührt ist, schweige einen Tag darüber.
Jan. 2003
 
Mein Bestreben ist es, MIT dem Computer zu arbeiten und nicht FÜR ihn. Viele Computerfreaks sind immerzu damit beschäftigt zu installieren, zu modernisieren, zu reparieren, zu updaten, zu upgraden. Wann kommen sie dazu, mit dem Computer zu arbeiten?
Jan. 2003
 
Nutzen von Schreibratgebern: Regeln sind für Lehrlinge und Gesellen da, dem Meister ist alles erlaubt: Nur muss man erst einmal Meister werden.

Okt. 2004

 

DIE  LIEBEN  MITMENSCHEN
Gehe ich mit dem Hund auf der Straße, habe ich meine Not mit den lieben Mitmenschen.
Lasse ich ihn an der langen Leine vornweg laufen, erklärt mir eine, dass der Hund erzogen werden muss und „Fuß“ zu laufen hat.
Zwinge ich den Hund mit kurzer Leine auf einer belebten Straße „Fuß“ zu laufen, ruft mir einer hinterher: „Tierquäler, dir sollte man den Hund wegnehmen!“
Lasse ich den Hund im Park ohne Leine laufen - im Winter, wenn fast nur Hundefreunde unterwegs sind - belehrt mich eine Dame, dass in der Stadt Leinenzwang wäre und sie mich anzeigen wolle.
Führe ich den Hund im Sommer an der 8-Meter-Leine über eine mit Sonnesuchenden belegte Wiese, spricht mich ein „Tierfreund“ an, dass das nicht artgerecht wäre und der Hund Freilauf brauche.
So liebe Mitmenschen - und wenn ihr mich jetzt mit Hund auf der Straße trefft, dann lasst uns bitte in Ruhe; gleichgültig, in welcher Art wir gerade laufen.
Nov. 2004 
 

FORTSCHRITT: Am 13. Dezember 2004 war es endlich soweit. Die Bahn fuhr zwischen Hamburg und Berlin wieder so schnell wie 1931; allerdings nur der Sonderzug mit der Prominenz. Der planmäßige ICE blieb wegen Motorschaden liegen und kam mir 70 Minuten Verspätung an.

Dez. 2004

 

Was ist typisch deutsch? - Wenn eine Stadt ein juristisches Gutachten in Auftrag gibt, um zu klären, welcher Typ Müll - abfallrechtlich gesehen - Hundekot ist. Ausgangspunkt war die Frage, ob man die Tütchen mit den Hinterlassenschaften der Vierbeiner in die öffentlichen Papierkörbe werfen darf, wobei bei Verneinung ein weiteres Gutachten nötig wäre, um festzulegen, was man dann mit ihnen machen soll.

April 2005

 

Würde im Alter: Eine Krankenkasse verklagt ein Pflegeheim auf Erstattung der Krankheitskosten für den Oberschenkelhalsbruch einer Bewohnerin. Sie hätte angeschnallt oder durch Bettgitter eingesperrt sein müssen, dann wäre das nicht passiert. Zum Glück wies der Bundesgerichtshof diese Argumentation zurück. Schon das Ansinnen der Krankenkasse ist ungeheuerlich. Da ist das Tierschutzgesetz „menschlicher“ dass eine artgerechte Unterbringung und Mindestplatz vorschreibt.

April 2005

 

LOGIK

Wegen der aufwändigen denkmalpflegerischen Auflagen findet ein Gebäude keinen Käufer. Also verfällt es und muss wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Nun hat zwar die Gesellschaft auch kein denkmalgerecht saniertes Gebäude, aber wenigstens ist alles nach den Buchstaben des Gesetzes verlaufen. Besser kein Haus, als ein ungesetzlich saniertes. Mai 2005

 

STANDARDISIERTE  ANTWORTEN
vermitteln einem häufig das Gefühl, sich mit Geistesgestörten zu unterhalten: Als ich bei einem Versandhaus die Bestellung eines BH meiner inzwischen verstorbenen Mutter stornieren wollte, bekam ich eine Nachricht des Inhalts, dass das leider nicht möglich ist, aber man hoffe, dass ich schon eine Möglichkeit finden werde, den bestellten Artikel sinnvoll zu verwenden.
ODER
Ein Versandunternehmen schickt mir eine Nachricht als pdf-Dokument auf seiner Homepage. Ich teile dem Service mit, dass sich das Dokument trotz Ausschöpfung aller Tipps in den FAQs weder öffnen noch speichern lässt. Es kommt die Meldung, dass die Site zu dem Link auf dem Server nicht vorhanden sei. Was bekomme ich als Antwort? Die Tipps zum Öffnen von pdf-Dokumenten aus den FAQs.
Aug. 2007 
 

Als ich in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das andere Geschlecht entdeckte, trugen die Frauen im allgemeinen Röcke; Hosen waren eine Ausnahme. Auch wenn heute hautenge Jeans die weibliche Anatomie genau widerspiegeln, sind die ausgelösten Gefühle nicht zu vergleichen mit der Verheißung eines schwingenden Rockes.

Okt. 2008

 

Mit zunehmendem Alter lernt man Emotionen geduldiger als in der Jugend zu ertragen: Man weiß, dass negative Gefühle – Trauer, Ärger, Zorn – nach einer Weile verblassen; aber leider ist das auch mit der Freude so.

Okt. 2008

 

DEUTSCHE BÜROKRATIE

In einer definierten Eckkneipe darf laut Gesetz zwar geraucht; es dürfen aber keine zubereiteten Speisen serviert werden. Bockwurst mit Brötchen ist gestattet. Nur – das Brötchen darf nicht aufgeschnitten sein, weil das dann eine Zubereitung wäre.

Okt. 2008

Die Entwicklung der Sprache geht manchmal merkwürdige Wege. In letzter Zeit muss ich oft das Wort Flyer benutzen. Da ich Fremdwörter – wenn es geht – vermeiden will, suche ich nach einer Alternative. Naheliegend wäre Flieger. Aber das Wort ist schon besetzt, nachdem in den 1970er Jahren das Kinderwort Flieger für Flugzeug in die Erwachsenensprache wechselte. Flugblatt geht auch nicht. Darunter versteht man einen politischen Text, Werbezettel klingt abwertend und Faltblatt wiederum erfasst nicht die ungefalteten einzelnen Blätter. Was bleibt also als Möglichkeit: Flyer; vielleicht bald eingedeutscht als Fleier. Unsere Vorfahren mussten schließlich auch mit Shawl und Strike fertig werden.

März 2009

 

In meiner Jugendzeit kämpfte man um Bezeichnungen der Dinge, wie in einem Glaubenskrieg. Als Lehrling wurde mir eine schriftliche Arbeit schlechter bewertet, weil ich Zollstock geschrieben hatte. Es musste aber Gliedermaßstab heißen. Und die Glühbirne hieß Glühlampe. Weil man nun in Konflikt mit der Lampe geriet, wurde diese zur Leuchte um genannt. Jetzt heißt es wieder Glühbirne. Dafür wird sie 2012 verboten.

März 2009

 

Ich kann über einen Zirkusclown NICHT lachen. Die Darstellung empfinde ich immer als eine Imitation und Verhöhnung von geistig Behinderten. Ich kenne einen solchen, der mich in seinem Verhalten stets an einen Zirkusclown erinnert. Er meint es aber ernsthaft, lieb und nett. Zum Glück merkt er selbst den Unterschied nicht. Und wie gesagt: ich kann über einen Zirkusclown nicht lachen.

März 2009

 

Hört ihr Hund denn gut? Hören tut er gut, er macht nur nicht, was man ihm sagt.

April 2009

 

Mindestens 50 % der Wirkung eines übersetzten Werkes gehen auf Kosten des Übersetzers: Ich war vom Buch eines amerikanischen Autors hell begeistert. Stil und Wortwahl sprachen genau meine Gefühle an. Ich kaufte ein zweites Buch. Es ließ mich völlig kalt. Ich schaute nach: ein anderer Übersetzer.

April 2009

 

Merkwürdigerweise lieben uns die Hunde trotzdem, obwohl wir in ihren Augen völlig Unsinniges tun: Wir schauen dem hoppelnden Hasen nach, statt ihn zu verfolgen; wir gehen an einem herrlich duftenden Haufen achtlos vorbei; wir begrüßen den Briefträger freundlich, statt ihn zu verjagen; wir versenken uns in Telefongespräche, obwohl niemand zu sehen oder zu riechen ist; …

April 2009

 

Zwei junge Frauen zeigen sich in der Straßenbahn die Bilder ihrer Kinder - - - auf dem Handy. Das ist zwar praktisch, schließt aber leider die Möglichkeit aus, dass in 100 Jahren auf dem Dachboden ein Karton mit alten Fotos gefunden wird.

April 2009

 

Einem chronisch Kranken sollte man nicht gewohnheitsmäßig Gesundheit wünschen, eher einen erträglichen Verlauf der Krankheit

April 2009

 

Eine Stadt nennt die Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes „Politessen“. Das ging solange gut, wie es nur Frauen waren. Als man die ersten Männer einstellte, trat das Problem der Benennung auf: Polier, Politeur waren schon vergeben. Politesserich klingt wie ein Vogelname. Schließlich wurden es – kurz und knapp - „Mitarbeiter des Ordnungsamtes“. Den Vogel schoss aber jetzt ein Journalist ab, der einfach negierte (oder wegen mangelnder Allgemeinbildung es nicht wusste), dass „Politesse“ ein weiblicher Begriff ist. Er meldete: 10 Kosovo-Kämpfer werden als Politessen eingestellt. Hoffentlich ohne Geschlechtsumwandlung. Arme Sprache!

April 2009

 

FAIR-PLAY

Der Fanklub sitzt gemütlich beisammen und verfolgt das Geschehen auf dem Großbild-Fernseher. Seine Favoritin hat die besten Aussichten auf die Goldmedaille. Eine Läuferin steht noch am Start. Nun rast sie mit 150 Stundenkilometern den Hang hinunter. Dazwischen Bilder des Fanklubs .Die meisten starren gespannt auf den Bildschirm. Nur diese Läuferin kann noch ihrem Liebling gefährlich werden. Da stürzt die Sportlerin auf der Piste und überschlägt sich mehrmals. Es sieht schlimm aus. Ein kurzer Moment des Erstaunens, Verwunderns. Dann reißt ein  einstimmiger Jubelschrei den Fanklub von den Sitzen. Alle fallen sich in die Arme.“Gold! Gold!

Febr. 2010

 

Gegen empfohlene oder gar aufgezwungene Bücher habe ich einen Widerwillen. Dieses Gefühl rührt offenbar von der Pflichtlektüre der Schulzeit her.

April 2010

 

Ein Vater rennt – an jeder Hand ein Kind – bei ROT über die Kreuzung. Wie soll sich bei diesen Kindern ein Begriff für Recht und Ordnung entwickeln?

April 2010

 
 


 

 

 

 

Lesen versus Hören

Essay

Eberhard Kamprad

 

 

Ob zurückgelehnt oder unter Anspannung, ob im Auto, in einem Eisenbahnabteil sitzend oder arbeitend in der Küche - was kann es Schöneres geben als vorgelesen zu bekommen. Hörbücher machen es möglich

 

Das erste Buch, dass ich geschenkt bekam, war „Die Kinder des Kapitäns Grant“ von Jules Verne. Es erschien 1954. Zu diesem Zeitpunkt war ich 9 Jahre alt. Seitdem begleiten Bücher mein Leben. Ein Dasein ohne Lesen kann ich mir nicht vorstellen. Wie schnell und unkompliziert kann man die manchmal unwirtliche Umwelt verlassen und in ein andere Welt eintauchen; ohne Bedienung eines Gerätes, ohne auf die Laufzeit von Batterien zu achten. Gutenberg haben wir es zu verdanken, dass das Medium Buch als perfekter Datenträger für jeden erschwinglich und zugänglich ist.

 

Wenn ich lese, versinkt die Gegenwart, ich tauche sozusagen in den Text ein, bin mittendrin, empfinde nicht mehr, dass ich lese. In meinem Kopf habe ich auch den kompletten Schauplatz; ganz konkret. Das stört mich dann bei Verfilmungen von Büchern, da die Vorstellungen des Regisseur vom Schauplatz meistens nicht mit meinen übereinstimmen. In meiner Fantasie steht der Stuhl rechts vom Tisch, im Film ist er dann plötzlich links. Wie dieser Vorgang des „Eintauchens“ in einen Text abläuft, darin sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Eine Analyse der Augenbewegungen hat ergeben, dass solche Leser nicht der Zeile folgen, sondern auf der Seite hin und her springen, sich offenbar die sinntragenden Wörter zusammensuchen und daraus den Inhalt des Textes bauen. Daraus resultiert auch die ungeheure Schnelligkeit des Lesens. Ich konnte einen Kollegen, der nicht auf diese Art lesen konnte, immer wieder verblüffen. Er gab mir eine Seite eines dienstlichen Vorgangs zum Durchlesen, ich blickte darauf und gab ihm das Blatt zurück. „Du kannst doch unmöglich alles gelesen haben“, meinte er. Nun gelesen - im seinem Sinn - vielleicht nicht, aber ich wusste den Inhalt.

 

Durch das Fernsehen und allgemein durch das Zunehmen von bildlichen Informationen in unserer Umwelt, ist diese Art des Lesens leider rückläufig. Viele Menschen haben sich - auch welchen Gründen auch immer - in der Kindheit nicht die Fähigkeit des „Eintauchens“ in den Text angeeignet und lesen auch als Erwachsene Wort für Wort. Und hier springt nun die moderne Technik ein: Hörbücher sind ein stetig wachsender Teil des Büchermarktes.

 

Die Geschichte des Hörbuches begann als Hilfe für sehbehinderte Menschen. Seit 1956 gibt es in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig Hörbücher; ursprünglich als Tonbandspulen, dann als Audiokassetten und aktuell auf einem eigenen digitalen Medium DAISY. Auf eine DAISY-CD passen bis zu 40 Stunden lange Hörbücher. Der Leser kann auf einer DAISY-CD wie in einem richtigen Buch blättern, es von der ersten bis zur letzten Seite lesen oder einfach von Kapitel zu Kapitel springen. Aus lizenzrechtlichen Gründen ist die Nutzung aber nur für nachweislich Sehbehinderte möglich.

 

Versuche mit dem Hörbuch gab es schon in der Schallplattenzeit. Der VEB Deutsche Schallplatten brachte das Label LITERA heraus, dass Lesungen und Schauspiele umfasste. Die relativ kurze Spieldauer der Schallplatte schränkte aber die Möglichkeiten stark ein; eine Breitenwirkung wurde damit nicht erzielt. Auf dem Büchermarkt hat sich als Hörbuch nach den Audiokassetten jetzt die Audio-CD durchgesetzt. Aber auch hier bedingt die lange Laufzeit von gelesenen Büchern, dass mehrere CDs für ein Buch nötig sind, weshalb man als Medium für Blinde davon Abstand nahm und das oben genannte System entwickelte. Der Vollständigkeit halber seien noch die Kinder-Hörspielkassetten erwähnt.

 

Da ich als Dialysepatient die Zeit an der Maschine möglichst sinnvoll verbringen will, wollte ich auch die Möglichkeiten des Hörbuchs - neben dem Musikhören - nutzen. (Lesen ist nicht möglich, weil ich dabei nur einen Arm benutzen kann, da fällt ständig das Buch herunter.) Leider ist das Hörerlebnis mäßig. Es gelingt mir nicht - wie beim Lesen - in die Handlung einzutauchen. Ich spüre immer die Sprache und den Sprecher als Mittler. Abgesehen davon neige ich durch die totale Passivität dazu, einzuschlafen oder zumindest „wegzutreten“. Dann muss ich rückwärts suchen, bis ich die Handlung finde, an die ich mich noch erinnere. Beim Buch muss ich regelmäßig die Seiten umblättern oder ich lege es direkt weg und schlafe. Der CD-Player aber läuft weiter. Eine Rückfrage bei Bekannten ergab, dass sie ähnliche Probleme haben: Fehlen des Eintauchens in die Handlung und Neigung zum Einschlafen. Bei den Klassikern gibt es als Nebeneffekt einen besonderen Genuss: Ich erlebe die Sprache wie Musik.

 

Die Hörbuchproduzenten werben mit begeisterten Zuschriften: Die Küchenarbeit und das Auto fahren wären durch das Hörbuch nicht mehr so langweilig. Das kommt mir nun allerdings wie ein Sakrileg vor. Ich nehme an, dass Menschen, die begeistert Hörbücher genießen, solche sind, denen aus den verschiedensten Gründen die oben beschriebene Art des Lesens verschlossen ist. Da sie vielleicht sogar Probleme haben, die Sprache in Bilder umzusetzen, ist ihnen der Vorleser eine Hilfe. Und die langsame Geschwindigkeit von Sprechen gegenüber Lesen wird sie auch nicht stören, da sie das schnelle Lesen gar nicht kennen. Ich habe allerdings bei einem unbekannten Hörbuch Probleme mich in die Handlung hineinzufinden und sie zu überblicken; noch dazu, dass man nicht einfach einmal ein paar Seiten zurückblättern kann. Da wäre es schön, wenn der CD ein Personenverzeichnis beiliegen würde.

 

Fazit: Mir ist ein Hörbuch ein dürftiger Ersatz gegenüber Lesen. Doch das muss nicht für andere gelten. Für Menschen, die das schnelle Lesen nicht beherrschen, ist es ein guter Ersatz für das Buch und für Blinde die einzige Möglichkeit Literatur zu genießen. Letztendlich wird es auch Menschen geben, die beides gleichermaßen nutzen: Goethe als Buch beim gemütlichen Sitzen und einen Krimi bei der Küchenarbeit als Hörbuch. Die Hauptsache, es macht Freude. Und auch ich werde trotzdem Hörbücher weiter nutzen, um die Dialysezeit sinnvoll auszufüllen; auch wenn Lesen noch schöner ist.

 

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Juni 2007, überarb. Nov. 2008

 

 


 

 

 

 

Maria heute

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Eberhard Kamprad

 

 

Maria entschloss sich, am Heiligabend nicht zu Hause zu hocken. Sollte sie stundenlang auf ihren dicken Bauch starren? Sie schlüpfte in ihre Sommerjacke; trotz des Schneefalls - aber etwas Wärmeres besaß sie nicht. Gegen den Wind bekam sie kaum die Haustür auf. Angefrorene Schneekörner peitschten ihr ins Gesicht. Aber sie wollte unbedingt zur Christvesper: Heute nicht allein sein!

Als sie das Portal der großen Stadtkirche erreichte, schlug der Wind ein großes Schild hin und her. Maria hielt es fest, um die Aufschrift lesen zu können: Wegen Überfüllung geschlossen.

Als sie es losließ, schlug es schmerzhaft gegen ihren Kopf, dass sie taumelte. Sie rüttelte an der Klinke: abgeschlossen. Ratlos trat sie von einem Bein auf das andere. Da fiel ihr ein: Es gab noch eine zweite große Kirche in der Stadt. Mit beiden Händen stützte sie ihren Bauch und schob ihn mühsam vorwärts.

Maria atmete auf, als sie aus der Ferne feststellte: Das Tor der Kirche stand offen; Übertragungswagen rechts und links. Aber als sie näher kam, sah sie, dass an ein Hineinkommen nicht zu denken war. Eine dicke Menschentraube belagerte den Eingang.

“Wegen Fernsehaufzeichnung Einlass nur bis eine Stunde vor Beginn!"

Sie ließ sich auf die Stufen der Eisentreppe sinken, die an dem Übertragungswagen angebaut war. Ein junger Mann eilte herbei.

“He, Sie! Hier können Sie nicht sitzen, der Weg muss frei sein.”

Als sich Maria mühsam erhob, bemerkte der Mann ihren Zustand.

“Verzeihung, das habe ich nicht gleich gesehen. Aber auf der Treppe können Sie trotzdem nicht sitzen.”

“Schon gut, schon gut!”, wehrte Maria ab.

“Nein, warten Sie. Ich hole Ihnen einen Hocker aus dem Wagen. Da können Sie erst einmal ein bisschen verschnaufen.”

Er führte Maria ein paar Schritte beiseite.

“Hier, setzen Sie sich neben den Generator. Da sind sie vor dem Wind geschützt und bekommen noch etwas Wärme ab.”

Neben dem brummenden Generator saß schon ein großer, schwarzer Hund und drückte seinen Körper an das warme Blech.”

“Vor Pluto brauchen Sie keine Angst zu haben. Er passt nur auf, dass uns niemand einen zweiten Generator dazu stellt. Ha, ha! Kleiner Witz!”

Maria tat es dem Hund nach. Allmählich zog wieder Wärme durch ihren Körper. Sie rückte ihren Bauch zurecht. Wenn sie nur wüsste, wie das da hineingekommen war. Sie erinnerte sich nur daran, zu dieser Party gegangen zu sein und an die exotischen Drinks. Als sie am Morgen erwachte, suchte sie das Weite, solange noch alles schlief. Zu Hause stellte sie fest, dass sie einen Slip anhatte, der ihr nicht gehörte. Als sie Wochen später ihren Zustand bemerkte, wollte sie es erst nicht glauben und dann war es zu spät.

Das Bellen des Hundes brachte sie in die Gegenwart zurück. Stand nicht an der Endstation der Straßenbahn eine kleine Dorfkirche? Dort war es bestimmt nicht so voll - oder sollte sie doch zurück in die leere Wohnung? Nein, das kam nicht infrage. Maria verließ die geschützte Ecke und ging schwerfällig zur Straßenbahn. Der Hund sah ihr mit seinen bernsteingelben Augen nach, erhob sich kurz, besann sich dann aber auf seine Pflicht, den Generator zu bewachen.

An der Endstation hatte sie den Fahrer nach der Richtung zur alten Dorfkirche gefragt. Er hatte sie ihr gewiesen, ohne sie anzusehen. Nun stapfte sie durch den Schneesturm. Auf dem freien Gelände wehte der Wind noch heftiger. Sie hatte die Entfernung doch unterschätzt, immer wieder kam sie ins Taumeln, hielt sich an Lichtmasten fest. Plötzlich nässte ein Schwall Wasser ihre Beine. Na prima, jetzt ist auch noch die Fruchtblase geplatzt, dachte sie. Ich komme bestimmt zu spät zur Christvesper, wenn ich so langsam bin. Wie viel Zeit ist eigentlich schon verstrichen, seit ich ausgestiegen bin?

Endlich erblickte Maria in der Ferne die Lampe über der Kirchentür. Da zog es ihr die Beine weg. Auf allen Vieren kroch sie weiter auf das rettende Licht zu. Die Kirche selbst war dunkel. Sie kam zu spät, wollte um Hilfe schreien, brachte aber nur ein Krächzen heraus. Maria legte sich in die windgeschützte Ecke des Portals, als sie merkte, wie das Kind nach außen drängte. Mit letzter Kraft zog sie sich aus, um ihm Platz zu geben. Dann versank sie in der Bewusstlosigkeit.

 

Durch ein reichliches Frühstück gestärkt, steuerte Pfarrer Liebmild am Weihnachtsmorgen auf seine Kirche zu. Irgendetwas lag im Portal. Wieder eine Kleiderspende, dachte er, können die Leute nicht noch die paar Meter weiter zum Kleidercontainer gehen? Dann wurde sein Schritt immer langsamer, er wollte nicht glauben, was er sah. Pfarrer Liebmild brauchte lange, bis seine zitternden Hände, am Handy die 112 gewählt hatten.

Rettungswagen, Polizei, Feuerwehr - endlich der Hubschrauber. Als er sich erhob, hatte er nur Maria an Bord. Pfarrer Liebmild sah dem Wagen des Beerdigungsinstitutes nach.

“Jesus ist auf den Stufen meiner Kirche gestorben”, murmelte er. Dann brach er zusammen.

 

Auf den Stufen der Kirche von A. fand am Weihnachtsmorgen der örtliche Pfarrer eine junge Frau mit ihrem Neugeborenen. Für den Säugling kam jede Hilfe zu spät, die stark unterkühlte Mutter musste ins Krankenhaus gebracht werden. Hintergründe sind bislang nicht bekannt. "Nach diesem Erlebnis ist nichts mehr, wie es war", sagte der Pfarrer unserem Reporter. "Ich werde mein Amt hier aufgeben und in eines der ärmsten Länder unserer Welt gehen. Vielleicht finde ich dort Jesus."

 

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2005

 

 

Veröffentlicht in: Zeitschrift "Kurzgeschichten", Ausgabe 12/2005, S. 26 , ISSN 1613-432X

 

 


 

  

Mein Weihnachten

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

 

Sandra legte ihre Schulsachen im Flur ab. Aus der halboffenen Wohnzimmertür drang „Jingle Bells“, farbige Lichtreflexe zuckten. Sie steckte ihren Kopf durch die Tür. Die Fenster waren von blinkenden Lichterketten eingerahmt, in der Mitte flammte in regelmäßigen Abständen ein Bild der Weihnachtskrippe auf, Leuchtschläuche zogen sich quer durchs Zimmer. Auf der Kommode schlug ein elektrischer Weihnachtsmann Becken aneinander. Sandra stand erstarrt. Ihre Mutter kletterte die Leiter herunter, um eine grüne Plastegirlande am anderen Ende des Zimmers zu befestigen.

„Du kommst gerade richtig, mein Schatz. Trag mir die Leiter hinterher!“

„Bereitest du eine Diskoparty vor, Mama?“, fragte Sandra, während sie die Leiter aufstellte.

„Wieso Diskoparty?“, entgegnete die Mutter irritiert. „Weihnachten steht vor der Tür und jetzt, wo Papa in seiner neuen Position so gut verdient, können wir uns endlich richtigen Weihnachtsschmuck leisten und ein stimmungsvolles Fest feiern.“

Sie befestigte die Girlande und stieg herunter.

„Heute Nachmittag wird noch eine Maria mit Fernbedienung geliefert. Man kann sich auf Knopfdruck von ihr segnen lassen oder sie hebt das Jesuskind hoch. Ihr Gewand ist mit blinkenden Lichtperlen übersät. So was Schönes hast du noch nicht gesehen. Ach, so! Ja, sie ist auch umweltschonend. Im Stand-by-Betrieb verbraucht sie nur zwei Watt, hat mir der Verkäufer ... Liebes, wo bist du? Was ist los mit dir?“

Sandra saß auf dem Bett und starrte in ihren Schoß, als ihre Mutter das Kinderzimmer betrat.

„Sandrakind, mein Schatz, was ist denn los mit dir?“

„Wo ist die alte Pyramide von Oma und Opa, die wir immer zu Weihnachten hatten?“

„Natürlich im Keller und da bleibt sie auch. Ich lasse mir von dem alten Ding nicht meine schöne Dekoration verhunzen. Sag, was mit dir los ist!“

„Nichts! Kann ich die Pyramide in mein Zimmer stellen?“

„Gut, wenn du das für deinen Seelenfrieden brauchst. Schließlich ist Weihnachten ein Fest der Liebe.“

Es klingelte an der Tür.

„Herrgott, das wird die Maria sein!“

Sie wirbelte zur Tür hinaus. Sandra schloss diese und zog sich den Pullover über den Kopf, um sich des BHs zu entledigen. Sie hasste das beengende Ding, aber ihre Mutter bestand darauf. Sie meinte, dass es unschicklich sei, mit wippenden Brüsten vor dem Lehrer zu sitzen. Es klingelte wieder. Sandra achtete nicht darauf und griff wieder nach ihrem Pullover. Da öffnete sich die Zimmertür. „Besuch für dich, Sandrakind, ich muss die Maria auspacken, keine Zeit“, japste ihre Mutter. Durch die Tür schob sich Sven, ihr Freund seit der ersten Klasse. Sandra versteckte ihren Oberkörper erschrocken hinter dem zusammengeknüllten Pullover.

„Idiot, kannst du nicht anklopfen?“

Sven grinste. „Kannst dich ruhig weiter anziehen. Ich habe zwei Schwestern und weiß, wie Brüste aussehen und dass dir auch welche gewachsen sind, habe ich schon längst bemerkt“, sagte er in einem Tonfall, als läse er aus dem Biologiebuch vor. Er setzte sich an ihren Schreibtisch und schlug ein Buch auf. „Ich studiere inzwischen den Aufbau der Atome, das ist viel interessanter als dein Körper.“

Sandra lächelte und begann sich in die ungewohnte Situation hineinzufinden. „Vielleicht sehe ich doch anders aus als deine Schwestern“, lockte sie und ließ den Pullover sinken.

„Brust ist Brust!“, entschied Sven, ohne aufzublicken, „bis du nun endlich fertig?“

„Dummkopf!“, fauchte Sandra und schlüpfte schnell in ihren Pullover. In der Eile verhedderte sie sich und blieb stecken. Sven musste ihr helfen und ihren Kopf befreien. Sandra hatte keine Brüder und es war ungewohnt und gleichzeitig aufregend, so nahe bei einem Jungen zu sein und von ihm berührt zu werden.

„Was ist denn bei euch los?“, fuhr Sven fort, „deine Mutter ist kurz vorm Nervenzusammenbruch und du siehst auch ziemlich belämmert aus.“

„Ach“, erwiderte Sandra, „weil wir doch jetzt zu den Besserverdienenden gehören, will meine Mutter ein stimmungsvolles Weihnachtsfest feiern und hat das Wohnzimmer wie eine Disko dekoriert. Als Krönung des Ganzen wurde soeben eine Maria mit Fernbedienung geliefert.“

„Und die schöne alte Pyramide von deinen Großeltern?“

„Die sollte im Keller bleiben, aber ich habe durchgesetzt, dass ich sie in mein Zimmer stellen kann. Wir könnten sie gleich hochholen. Willst du mir helfen?“

„Na klar! Null Problem!“

Gemeinsam packten sie die Pyramide aus und setzten sie zusammen. Der Eifer und die Freude, dies mit Sven zusammen zu tun, röteten Sandras Wangen.

„Wir müssen sie auch ausprobieren. Es ist zwar noch nicht Weihnachten, aber diese Freude haben wir uns verdient“, meinte Sandra.

Als die Kerzen brannten und sich die Pyramide drehte, setzten sie sich nebeneinander auf das Bett. Sandra lehnte sich leicht an Sven. Er hob einen Arm, hielt die Hand unschlüssig über ihren Kopf und fuhr dann sanft ihr langes, seidiges Haar entlang. Einige aufgeladene Haare blieben an seiner Hand kleben und es kribbelte ein wenig.

„Du bist ganz elektrisch.“

Sandra lächelte verlegen. Sven räusperte sich.

„Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn du am Heiligabend mit uns in die Kirche kämst. Da hättest du ein anderes Weinachten als hier bei euch.“

Sandra nickte. „Ich muss nur sehen, wie ich das meiner Mutter beibringe, aber ich werde schon ein überzeugendes Argument finden.“

Als Sandra während des Läutens vor der Kirche ankam, wartete Sven schon auf sie.

„Meine Leute sind bereits drin und halten uns einen Platz frei.“

„Ist es so voll?“

„Was denkst denn du, zur Christvesper reicht der Platz kaum aus. Das ist für viele das einzige Mal im Jahr, dass sie in die Kirche kommen.“

Er haschte nach ihrer Hand und zog sie mit sich. Mit Mühe bahnten sie sich einen Weg durch die Menschenmenge. Viele mussten schon stehen. Svens Vater winkte. „Hierher!“

Sandra und Sven quetschten sich in die freigehaltene Lücke. Es wurde immer enger in der Bank und Sandra wurde ständig näher an Sven gedrückt. Doch sie stellte erstaunt fest, dass sie das als angenehm empfand, obwohl sie doch sonst Jungs am liebsten auf drei Schritt Abstand hielt. Die Lampen erloschen, nur die Kerzen auf den Simsen der Bankreihen verbreiteten warmes Licht. Die Orgel ertönte, der Chor sang, Sandra schob ihre Hand zu Sven hinüber. Beim Gemeindegesang kannte sie den Text nicht, aber sie hörte die Melodie einiger Weihnachtslieder heraus und summte mit. Dann versank sie in der Weihnachtsgeschichte. Als sie zum Schluss Hand in Hand mit Sven aufstand und der Pfarrer die Gemeinde segnete, drückte sie seine ganz fest. „Ich danke dir“, flüsterte sie, das war mein Weihnachten.“

Sven brachte sie bis zur ihrer Haustür. Wortlos schlang Sandra plötzlich die Arme um ihn und drückte ihm einen schnellen Kuss auf. Dann huschte sie, ohne sich umzusehen ins Haus. Als sie die Wohnungstür öffnete, dröhnte „Jingle Bells“, die Lichterketten flammten, die Maria segnete. Doch Sandra berührte das alles nicht. Von einem inneren Leuchten erfüllt, lächelte sie in sich hinein.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Dez. 2002

 

 

 


 

 

Home                                                                                                    Werke Übersicht

Top