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„Ich such, die Gewissheit wiederzugewinnen, dass die Welt mich braucht.“ Strittmatter, Wundertäter, 2“

 

 

Mein subjektives Leben

Erinnerungen 1945 – 1970

Eberhard Kamprad

 

Fotoalbum zu den "Erinnerungen"

 

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Die „Erinnerungen“ sind eine lose Folge, die sich zwar am Lebenslauf entlang hangelt; aber nicht streng chronologisch aufgebaut ist; im Unterschied zu einem Tagebuch. Wie das mit Erinnerungen so ist: Einmal blitzt etwas auf; dann wieder schiebt sich etwas dazwischen. Wichtig ist mir, den Lesern ein buntes Kaleidoskop meines Lebens und der Zeit zu vermitteln, in der ich lebte. Im Unterschied zur Autobiografie sind Erinnerungen keine objektive Wahrheit, falls es die überhaupt gibt. Im Laufe der Arbeit stellte sich auch heraus, dass Erinnerungen einfach falsch sein können. In diesen Fällen habe ich auf diesen Fakt hingewiesen.

 

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Ich wurde am 7. August 1945 in Leipzig geboren. Seit dem 8. Mai dieses Jahres war der 2. Weltkrieg zu Ende. Aufgrund der aktuellen politischen Situation zu meiner Geburt weist meine Geburtsurkunde eine Besonderheit auf. Vom Siegel ist nur noch die Umschrift vorhanden. In der Mitte befand sich wahrscheinlich das Symbol des untergegangenen Staates, das Hakenkreuz. Neue Symbole gab es noch nicht, aber das Leben fragte nicht danach und die behördliche Arbeit musste – wenn auch provisorisch – weitergehen.

 

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Mein Erscheinen in dieser Welt war eine „schwere Geburt“, da meine Mutter mit 32 Jahren – im Sprachgebrauch meiner Jugend – eine alte Erstgebärende war. (Heutzutage ist es schon wieder normal, dass Frauen erst ihre Kinder bekommen, wenn die materiellen Verhältnisse gesichert sind und das ist üblicherweise nicht mit 18 der Fall.)

Warum ich überhaupt entstanden bin, ist mir ein Rätsel - aus Liebe war es auf keinen Fall. Meine Mutter sagte mir später nur, sie wollte unbedingt ein Kind. Dazu nahm sie sogar ärztliche Hilfe in Anspruch. Von ihrer Erziehung her kam ein Kind für sie und ihre Eltern nur im Rahmen einer Ehe in Frage. (Über das Kennenlernen meines Vaters und die Hochzeit hat sie mir nie etwas erzählt.) Vielleicht wollte sie mit der Schwangerschaft auch der Kasernierung als dienstverpflichtete Luftschutzpolizei-Helferin entfliehen, so wie später die jungen Frauen meiner Generation die staatliche Einsatzlenkung nach Abschluss des Studiums einfach durch Schwangerschaft umgehen konnten. Egal aus welchem Grund: Ich habe das Gefühl, dass mein Vater nur das Mittel war, um den Kinderwunsch meiner Mutter zu erfüllen, denn mit den beiden ging es nicht gut. Sie hatten zwar eine gemeinsame Wohnung aber praktisch lebte jeder bei seinen Eltern.

 

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So wurde ich auch im Schlafzimmer meiner Großeltern mütterlicherseits geboren, was symbolisch für den ersten Teil meines Lebens wurde: Lange Zeit war mein Großvater der bestimmende Faktor in meinem Leben. Nach der Schilderung meiner Mutter rief die Hebamme: „Drücken Sie, Drücken Sie, das Kind hat die Nabelschnur um’ n Hals!“ Meine Mutter tat wie ihr geheißen, deswegen musste sie dann auch genäht werden. Das wiederum führte zu einem Streit zwischen der Hebamme und dem herbeigerufenen Arzt, wer an dem Dammriss schuld sei. Die Hebamme argumentierte, dass sie keinen Dammschutz mehr geben konnte, weil sie das Kind herausziehen musste, dass zu ersticken drohte. Außerdem soll ich den Bemühungen der Hebamme mich mit den bekannten Gewaltmaßnahmen wie Schlägen und kaltes Wasser zum Atmen zu bringen, zwei Minuten lang Widerstand geleistet haben. Die Zeitangabe halte ich für übertrieben, aber sagen wir: Es dauerte länger als üblich, bis ich atmete und einen kleinen gesundheitlichen Knacks habe ich dadurch mitbekommen. Ich bin also unter Streit, Atemnot und Schlägen in diese Welt eingetreten und das war bestimmt kein angenehmes Gefühl. Meine Geburt führte zu einem weiteren Streit zwischen meinen Eltern.

 

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Mein Vater sollte bei der Geburt dabei sein und den organisatorischen Teilübernehmen; wie z. B. die Hebamme holen. Ich muss daran erinnern, dass Telefonieren damals nicht selbstverständlich war. Man musste zu den Betreffenden hingehen. Doch kam mein Vater erst als alles vorbei war, weil er sich erst noch eine Verbrecherjagd über die Dächer angesehen hatte und bis zum Absturz des Gejagten gewartet hatte. So schimpfte meine Mutter, solange sie lebte.

 

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Ich war für die damalige Zeit überdurchschnittlich groß, aber nur Haut und Knochen. Monatelang soll ich vor Hunger gebrüllt haben. Meine Mutter hatte kaum Milch, wütend stieß ich die nutzlose Brust weg. Schließlich wurde auf Anraten des Kinderarztes eine dicke Stampfe aus aufgelöstem Zwieback hergestellt und mir durch einen Nuppel mit extra großem Loch eingeflößt. Nach einem halben Jahr war ich raus gefüttert und hörte mit Schreien auf. Nun verbrauchte ich aber meine Lebensmittelmarken und die meiner Mutter.

 

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Wegen meines übermäßigen Schreiens musste ich bei den Großeltern in der Küche schlafen. Ein Kinderbett gab es nicht. Ich hatte nur einen Kinderwagen. Mein Großvater hatte ihn gegen einen Sack Äpfel aus dem Garten von Bekannten geborgt. Eines Nachts kippte ich ihn wütend um. Ein Wunder, dass ich darunter nicht erstickt bin. Heute bezweifele ich die Darstellung meiner Mutter, dass ich allein vor Hunger schrie. Wenn ich mir meine kühle, vernünftige, berechnende Mutter mit einem schreienden Säugling vorstelle, denke ich mir, dass mir nicht nur leibliche sondern vor allem seelische Nahrung, nämlich Liebe und Zuwendung gefehlt hat. So war sie bis ins hohe Alter stolz darauf, dass sie mir nie einen Kosenamen gegeben hatte, sondern mich immer vernünftig und korrekt mit meinem Namen angesprochen hatte. Das Ganze kommt mir wie eine Inszenierung vor. Meine Mutter spielte die Mutterrolle und erfüllte formal alle Pflichten, war aber nicht mit dem Herzen dabei. Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass sie eine Rabenmutter gewesen sei. Materiell verzichtete sie auf vieles zu meinen Gunsten, sie sah mich stets als etwas Besonderes an und vermittelte mir dies auch. Doch im Rückblick hat mir diese Haltung, die ich übernommen hatte, in der Kindheit und Jugend das Leben Gleichaltrigen sehr schwer gemacht. Die Liebe meiner Mutter war keine bedingungslose, sondern eine egoistische Liebe. Sie erwartete stets, dass ich das sei, was sie sich von mir vorstellte. So spielte ich Zeit ihres Lebens diese Rolle. Ich denke, das, was sie selbst nicht erreicht hatte, wollte sie durch mich und in mir verwirklichen. Auf einen Nenner gebracht kann man sagen: Ich war ihr einziger Lebensinhalt - und das hat Teile meines eigenen Lebens stark verbogen. In einem langen, inneren Kampf erkannte ich das alles erst in der Mitte des Lebens und habe mich langsam davon befreit; kam sozusagen auf der Erde an.

 

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Nach zwei oder drei Jahren wurde die Ehe meiner Eltern geschieden und mein Vater als der schuldige Teil erklärt, da er bereits eine neue schwangere Partnerin hatte. Damit verschwand er für immer aus meinem Leben und meine Mutter konnte sich wieder voll auf ihre Eltern einstellen, die dadurch auch für mich zu einem prägenden Teil meines Lebens wurden. Wenn ich heute diesen Kuddelmuddel betrachte, so meine sich, dass mein Vater wahrscheinlich der Normalste von allen war und deswegen nicht hineinpasste. Ich bedauere es heute, ihn nie kennengelernt zu haben, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Meine Mutter wusste das zu verhindern, indem sie es mir nie verbot, aber mich gleichzeitig so beeinflusste, dass ich nie Lust auf ein Kennenlernen hatte. Der einzige Kontakt war der Unterhalt bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr, der immer pünktlich kam; an mich adressiert, was in der Kleinkinderzeit zur Verwirrung führte, da der Geldbriefträger HERRN Eberhard Kamprad das Geld persönlich übergeben wollte.

 

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Meine Großeltern wohnten in einem klassischen dreistöckigen Mietshaus für Arbeiter vom Beginn des 20. Jahrhunderts im ersten Stock. Das waren damals die teuersten Wohnungen, weg vom ungemütlichen Erdgeschoss, aber nicht allzu viele Treppen zu steigen. Die zweiflügelige Wohnungstür führte in einen kleinen Korridor. Nach rechts ging es zur Küche. An der Wand dorthin war symbolisch eine Flurgarderobe befestigt, die aber nicht genutzt werden konnte, weil darunter die Fahrräder der Familie standen; zum Kummer meiner Großmutter Zeit ihres Lebens. Die Rückwand des Korridors war von einem Vorhang verdeckt, hinter dem sich Regale mit dem Handwerkszeug des Großvaters und ein Oberboden befanden, auf dem zurzeit oder nie mehr Benötigtes untergebracht wurde. Betrat man die Küche, waren auf der rechten Seite Wasserleitung mit Abflussbecken, darüber das klassische Bord mit Sand, Seife, Soda, ein, Küchenmaschine genannter, Ofen, Gaskocher und Küchenschrank; hinten in der Schmalseite das Fenster. Auf der linken Seite wurde die Einrichtung vom Küchentisch dominiert mit je zwei Stühlen an den Schmalseiten und verschiedenen Kleinmöbeln; über dem Küchentisch ein Wandregal; Klo im Treppenhaus, eine halbe Treppe tiefer, ohne Licht und Heizung, aber mit Wasserspülung. Ein Bad gehörte bei diesem Standard nicht mit dazu. Man wusch sich in der Küche in einer Waschschüssel.

 

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Gegenüber der Korridortür ging es ins Wohnzimmer. Links der Kachelofen, so genannte Berliner Ofen. Er wurde angeheizt, dann zugeschraubt und gab so den ganzen Tag Wärme. Daneben wurde ein Viertel des Zimmers von einem vom Großvater selbst gebauten, hölzernen Lehnstuhl, einem richtigen Ungetüm, eingenommen, der auch als Bett umgebaut werden konnte. Zwischen den Fenstern der traditionelle Pfeilerspiegel. Neben Sofa, Vertiko, Tisch und Stühlen nahm ein weiteres Viertel des Zimmers ein mächtiges Tafelklavier ein. Da es normalerweise – außer zu Weihnachten – geschlossen war, hatte das Radio darauf Platz gefunden. Das Vertiko haben wir später zerhackt, weil es unmodern war. Heute wäre es Tausende wert. Neben dem Klavier führte eine Tür ins Schlafzimmer, das auch noch eine weitere Tür zum Korridor hatte, die aber nicht genutzt wurde. Die Schlafzimmermöbel hatte mein Großvater selbst gebaut, was sich durch eine solide, fast etwas derbe und auch kühle Verarbeitung ausdrückte. Lotterbetten waren es auf keinen Fall. Für heutige Leser ist darauf hinzuweisen, dass die Wohnung kein Kinderzimmer hatte. Meine Mutter hatte bis zu ihrem – formellen – Auszug in die Ehewohnung mit 30 Jahren bei ihren Eltern geschlafen. Da diese aus Angst vor weiteren Kindern, die einen sozialen Abstieg bedeutet hätten, sexuell enthaltsam lebten, hatte dies offensichtlich keine Probleme bereitet.

 

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Mit Wärme denke ich an meine Großmutter zurück. Ihr ganzes Leben stand im Dienst meines Großvaters. Sie war Waise, lebte bei ungeliebten Pflegeeltern und durch die Heirat hatte ihr mein Großvater ein Heim gegeben. (Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass sich dies zu Beginn des vorigen Jahrhunderts abspielte. Die Großeltern hatten 1911 geheiratet und 1913 wurde meine Mutter geboren.) Das bezahlte meine Großmutter aber mit lebenslanger Dankbarkeit und Unterordnung. Erst auf dem Sterbebett begehrte sie auf und wagte zu äußern, dass sie sich ihr Leben anders gewünscht hätte und erst da ging meinem Großvater auf, was er ihr angetan hatte. Das wird auch mit ein Grund sein, der ihn in die geistige Umnachtung geführt hat. Meine Großmutter hatte in der Familie den Spitznamen Heinzelmännchen, weil sie so still und unauffällig alle Pflichten erledigte; eben als wenn die Heinzelmännchen dagewesen wären.

 

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Mein Großvater war eine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit mit Schnauzbart und in seiner Jugend gewiss ein schöner Mann gewesen. Ein Hüftleiden, das er sich durch Überanstrengung zugezogen hatte, ließ ihn am Stock gehen. Dazu plagten ihn noch offene Beine, die von meiner Großmutter jeden Tag gepflegt und gewickelt werden mussten. Hauptmerkmal seines Charakters war Sturheit, die sich in folgender charakteristischer Episode widerspiegelt. Mit 17 Jahren bekam er vom Vater eine Ohrfeige, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Zu seinem achtzehnten Geburtstag schenkte ihm der Vater eine Kiste Zigarren, weil er nun ein Mann war. Aus Trotz wegen der Ohrfeige nahm mein Großvater das Geschenk nicht an und hat sein ganzes Leben nicht geraucht.

 

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Das Haus, in dem meine Mutter mit mir lebte, lag zirka 30 Minuten Fußmarsch von der Wohnung der Großeltern entfernt. (Wenn ich mir heute vergegenwärtige, welche Entfernungen man damals selbstverständlich zu Fuß zurücklegte; da kann ich nur staunen.) Es war ein nicht zu definierender etwas verworrener Bau; eine Art missglückter Villa als Mietshaus. Wir bewohnten darin zwei Zimmer. Schwierigkeiten bereitete mir die Wendeltreppe, bis ich gelernt hatte, sie auf der breiten Seite zu benutzen. Das Haus war offenbar nicht unterkellert, denn die Kohlen der Hausbewohnter lagerten in einem hinten im Hof befindlichen Schuppen. Irgendwann hatte mir einmal ein Erwachsener mit dem angeblich dort hausenden „Schwarzen Mann“ gedroht. Nun flößte mir schon die Nähe des Schuppens gewaltige Angst ein. Ebenso erging es mir mit dem vor der Wohnungstür befindlichen Plumpsklo. Bei jeder Benutzung plagte mich die Angst, in das Fallrohr abzustürzen.

 

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Auch zu einer Kindergruppe hatte ich Anschluss gefunden. Doch wegen bekannt gewordenen Doktorspielen hintertrieb meine Mutter diesen Umgang. „Ich sei doch ein braver Junge.“ Das sollte sich leider fortsetzen, so dass es mir lange Zeit ein Geheimnis blieb, wie ein Mädchen unten herum aussieht. Erst mit 10 Jahren erschloss sich mir dies; zum Entsetzen meiner Mutter. Ich war in eine Kindergruppe integriert, die häufig zusammen baden ging. Darunter war auch ein gleichaltriges Mädchen, das sich vor Jungen gern nackt zeigte. Sie hielt den Bademantel so geschickt ungeschickt, dass er über ihren Schoß auseinander klaffte. Einmal geschah das vor meiner Nase, so dass ich mir in aller Ruhe die Einzelheiten betrachten konnte. Leider hatten das Erwachsene beobachtet, die es meiner Mutter hinterbrachten. Eine Aussprache folgte. Sie verbot mir nicht den Kontakt, sondern agierte mehr hinten herum. Ich sei doch ihr lieber Junge und der sehe sich so etwas nicht an, das sei kein ordentliches Mädchen und erst die Familie ..., sie sei doch meine beste Freundin, ich würde schon wissen, was richtig sei. Offenem Druck hätte ich vielleicht widerstanden, aber diesem Stil erlag ich. Es war das letzte Mal, dass ich in einer Gruppe Gleichaltriger richtig Fuß gefasst hatte und ein weiterer Schritt auf den Weg zu innerer und äußerer Einsamkeit.

 

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Eine Zeitlang ging meine Mutter als Briefträgerin. Doch blieb dies eine kurze Episode, wie überhaupt alle Versuche einer Berufstätigkeit. Sie hatte die Meisterprüfung im Damenschneiderhandwerk abgelegt. Aber für ein eigenes Geschäft fehlte ihr das kaufmännische Geschick und für die Mitarbeit als Meisterin in einer Firma die Teamfähigkeit. So arbeitete sie „schwarz“, d. h. ohne Gewerbeschein und Steuerzahlung, als Schneiderin zu Hause. Logischerweise waren die Schneiderkundinnen meiner Mutter, die sich Maßkleider anfertigen ließen, keine Arbeiterfrauen. Durch den Kontakt mit der Frau des Bezirksschornsteinfegermeisters u. Ä. dachte meine Mutter, sie gehöre mit dazu. Eine bittere Enttäuschung war es dann, wenn eine der Damen sie einer Anderen als „meine Schneiderin“ vorstellte.

 

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Eine weitere Erinnerung aus dieser Zeit betrifft den Milchmann. Der fuhr einen Handwagen voller Milchkannen durch die Straßen und bot seine Ware feil. Eine meiner ersten Pflichten war es, mit abgezähltem Geld und einem Henkeltopf, diesen Einkauf zu tätigen. Erst erfüllte mich Angst, etwas falsch zu machen, das Geld zu verlieren oder von den Erwachsenen beiseite geschubst zu werden, aber dann, wenn es geschafft war, trug ich die Milch so stolz nach Hause, als hätte ich ein Königreich erobert.

 

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Schon früh bestimmte der Garten der Großeltern mein Leben. Er war der dominierende Lebensinhalt, dem sich die ganze Familie bedingungslos unterzuordnen hatte. Im Rückblick erscheint mir diese Marotte meines Großvaters als ein Phänomen: Was wollte er damit beweisen - oder wem? Ein Schrebergarten in einer Kleingartenanlage - was für einen Arbeiter mit Gartenambitionen das Naheliegendste gewesen wäre - kam für ihn nicht in Frage. Da hätte er sich ja nach Anderen richten müssen. Hier zeigte sich die mangelnde Teamfähigkeit, die er meiner Mutter vererbt hatte.

Seit ihrer Jugend hatten meine Großeltern ein Grundstück am anderen Ende der Stadt mit Wasseranschluss, Laube und Trockenklo, was für die damalige Zeit komfortabel war. Im Sommer wohnte die Familie dort, weil mein Großvater seinen Arbeitsplatz - er war Holztischler - in der Nähe hatte. Meine Mutter ging dann in die dortige Schule Auch eine Ziege, Kaninchen und Hühner wurden gehalten.

Nach dem 1. Weltkrieg packte meinen Großvater der Expansionsdrang In der Nähe parzellierte ein Bauer sein an der Straße liegendes Feld und verkaufte die so entstandenen Grundstücke als Bauland. Mein Großvater erwarb 1.800 qm auf Ratenzahlung. Das ging aber offenbar über seine Verhältnisse. Denn nur durch die Inflation, wo die letzten Raten jeweils nur noch den Wert eines Brotes hatten, schaffte er die Finanzierung. Nun gab es den Großen und den Kleinen Garten. Unerklärlicherweise verkaufte mein Großvater später zuerst den gut ausgestatteten Kleinen Garten.

Als ich den Großen Garten kennenlernte, stand er voller herrlicher Obstbäume; auch viele Gemüsebeete gab es. Er war so dicht bewachsen, dass man von einem Zaun zum anderen Ende nicht hindurchsehen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er eine lebensrettende Nahrungsquelle. Allerdings zeigte er zu der Zeit auch schon Spuren des Verfalls. Der Zaun hätte längst erneuert werden müssen und der Komfort war gleich Null. Während ringsum Häuser oder wenigstens größere Gartenlauben entstanden waren, hatte es mein Großvater nur zu einem selbst gebauten Brunnen, einem aus Zement gegossenen Tisch und einem Geräteschuppen gebracht. In diesen konnte man sich bei Regen - wenn man die Geräte herausnahm - unterstellen.

Mit unglaublicher Sturheit hielt mein Großvater - trotz der fehlenden finanziellen Möglichkeiten ihn richtig auszubauen - an dem Garten fest und zwang die ganze Familie, jede freie Minute, dort zu arbeiten. Ich entsinne mich an einen Familienkrach, weil meine Mutter mit ihrem neuen Mann und mir einmal einen Pfingstausflug mit den Rädern gemacht hatte, um einmal etwas anderes zu sehen. Unakzeptabel aus der Sicht meines Großvaters, wo es soviel Arbeit im Garten gab. Es war kein Erholungs- sondern ein Arbeitsgrundstück und so war ich als Jugendlicher nach dem Tod des Großvaters, froh, als er endlich verkauft wurde und andere Freizeitaktivitäten möglich wurden. Übrigens hätten auch uns die Mittel gefehlt, ihn zu unterhalten. Der neue Käufer - ein Klempner - hat sich dann dort ein Haus gebaut; das Grundstück war von Anfang an als Bauland gedacht gewesen.

 

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Aber noch hatten wir den Garten am Hals. Transportmittel war das Fahrrad. Die Fahrt in den Garten dauerte eine knappe Stunde. Wenn in der Erntezeit die Kapazität der Rucksäcke zum Transport des Obstes nicht ausreichte, wurde eine Handwagenfuhre angesetzt. Im Morgengrauen begann die mehrere Stunden dauernde Hinfahrt mit dem leeren Handwagen. Abends ging es dann beladen zurück. Bei den heutigen Transportmöglichkeiten klingt es unwahrscheinlich, aber sobald ich körperlich dazu in der Lage war, ging ich gern mit. Das war ein richtiges Abenteuer für mich. Als Kind störte mich die Dominanz des Gartens nicht, weil ich es nicht anders kannte. Aber wenn ich mir das heute vergegenwärtige: kein anderes Thema, keine anderen Freizeitaktivitäten, nur Garten, Garten, Garten - und war im Winter keine Gartenarbeit möglich, entstand eine Leere

 

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Da ich überdurchschnittlich groß war, wirkte ich stets einige Jahre älter. Aber in der geistigen Entwicklung war ich als Kind natürlich auf dem Stand des wirklichen Alters. Diese Diskrepanz führte zu Konflikten. Schon in der Kleinkinderzeit mussten meine Mutter und ich oft hören: Dies oder das macht so ein großer Junge doch nicht. Dabei war die kritisierte Haltung für mein Alter normal. Der größte Missgriff war, dass meine Mutter mich im Ferienlager im Alter von elf Jahren in die Gruppe der Vierzehnjährigen stecken ließ, damit ich optisch nicht auffalle. Dort war ich der Dämlack der Gruppe, weil ich vieles gar nicht verstand; vor allem die sexuellen Witze und Anspielungen. In der passenden Gruppe wäre ich als Großer der Größte gewesen.

 

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Meine Mutter schickte mich in den Kindergarten, um - wie man heute sagen würde - soziale Kompetenz zu erwerben. Ich habe keine Erinnerung, ob ich gern oder ungern hingegangen bin; scheine es irgendwie als notwendiges Übel akzeptiert zu haben. So richtig Fuß fasste ich aber nicht, da ich nur Mittagskind war; in den Augen der anderen Kinder etwas Besonderes, ein Außenseiter. (Schließlich war es damals allgemeine Norm, dass die Mütter voll arbeiteten.) Meine Mutter wollte es so, damit ich zu Hause zu Mittag aß und sie darüber die Kontrolle hatte. Nach den Berichten der Erzieherinnen nahm ich mir meistens ein Spielzeug und beschäftigte mich allein damit; wirkte sehr ernsthaft und vernünftig. Allerdings schien ich schon damals zu Ausrastern zu neigen, wenn ich zu sehr gehänselt wurde. Ich habe eine vage Erinnerung, dass ich einen Jungen verprügelt habe und als der Schuldige bestraft wurde. Eine Erfahrung, die ich nicht zum letzten Mal machen sollte. Der erste Kindergarten lag in unserer Straße; später musste ich dann in einen gehen, der etwa eine halbe Stunde von zu Hause entfernt war. Den Weg bewältigte ich allein.

 

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Mit etwa fünf Jahren war ich für den Kindersitz am Fahrrad meiner Mutter zu groß geworden, aber der Garten erforderte unbedingt ein Rad. An ein Kinderfahrrad war aus finanziellen Gründen und aufgrund der Versorgungslage nicht zu denken. So baute mir mein Großvater aus mehreren alten Fahrrädern eines zusammen. Durch eine hölzerne Vorrichtung legte er den Sattel tiefer, denn für ein Erwachsenenfahrrad war ich wiederum noch nicht groß genug. Das war zwar praktisch, forderte aber den Spott anderer Kinder heraus. Ein Problem, mit dem ich noch oft konfrontiert wurde. Durch meine Größe musste ich häufig Sachen und Konstruktionen benutzen, die von der Norm abwichen. Außerdem fuhr ich nun als „Mann“ ein Damenfahrrad, was wieder Reaktionen hervorrief.

 

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1949 wurde zwar nicht mehr gehungert, aber man konnte auch nicht sagen, dass eine vom Himmel gefallene Nahrungsergänzung nicht willkommen gewesen wäre. Als ich mit meiner Mutter wieder einmal auf dem Weg zu den Großeltern war, sah ich, wie aus dem abfahrenden Brotwagen vor dem Konsum ein Brot auf die Straße fiel. Sehen und aufheben waren eins. Anfängliche moralische Bedenken meiner Mutter wurden von praktischen Erwägungen verdrängt. Schließlich hatte sie oft zu meinen Gunsten auf Teile ihrer Ration verzichtet. „Schnell weg von hier“, flüsterte sie mir zu, „bevor uns jemand sieht.“ - und eilends verließen wir den „Tatort“. Als Held des Tages durfte ich zu Hause erst einmal soviel essen, wie ich wollte.

 

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Ich ging noch in meinen ersten Kindergarten, als mir zwei dramatische Ereignisse widerfuhren.

Bei einer Feier gab es einen besonders schönen Apfel als offizielles Geschenk. Wahrscheinlich machte ihn mir diese Tatsache so wertvoll, denn eigentlich hatte ich zu Hause durch den Garten mehr als genug Äpfel. Irgendjemand wollte offenbar meine Freude noch steigern und empfahl mir, ihn als Bratapfel aufzuwerten. Dazu kam er in die Röhre eines urtümlichen Ofens. Als ich ihn wieder hervorholen wollte, war er verschwunden, einfach weg. Auf mein Wehklagen hin stellte man fest, dass die Röhre weiter hinten eine Öffnung hatte, die in die Tiefen des Ofens führte. Man bot mir einen anderen Apfel an, aber ich lehnte weinend ab: Das war nicht der offizielle Geschenkapfel, der mir zustand. Es dauerte lange, bis ich mich beruhigte. Der Tag war verdorben.

 

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Ein anderes Mal passierte mir auf dem Heimweg vom Kindergarten ein noch schlimmeres Malheur: Die Holzsohle meines Schuhs spaltete sich in zwei Teile. Man muss bedenken, dass es erst wenige Jahre nach Kriegsende war und meine Mutter bei Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen unter „Sonstige“ fiel. Das war die niedrigste Stufe. (Ein Traum für viele war die Schwerarbeiterkarte.) Nun darf man nicht davon ausgehen, dass es die Mengen, die auf der Karte standen, auch wirklich gab. Es wurde „aufgerufen“: Auf den Abschnitt 100 g Butter gibt es in dieser Woche zwei Kerzen. Der Verlust der Lebensmittelkarten war fast ein Todesurteil. Sie waren wichtiger als Geld.

Nun saß ich aber immer noch mit meiner zerbrochenen Schuhsohle auf der Bordsteinkante. und traute mich nicht nach Hause. Wie es im Detail weiter ging, weiß ich nicht mehr; nur, dass sich Passanten meiner angenommen haben.

 

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Der Schulanfang nahte! Alle sagten, dass ich mich darauf freuen solle; aber ich freute mich nicht. Diese grundsätzliche Veränderung des Alltags machte mir Angst. Ich dachte immer, es würde vorbei gehen, aber es ging nicht vorbei. Der Tag des Schulanfangs rückte unaufhaltsam näher. Merkwürdigerweise habe ich an den Schulanfang direkt keine Erinnerung. Irgendwie ging es dann los. Ich weiß auch nicht, ob ich gern oder mit Grausen in die Schule gegangen bin. Zu meiner Freude fiel im Winter die Schule wegen Kohlenmangel häufig aus. Für die Schreibutensilien hatte ich einen bunt bemalten hölzernen Federkasten. Damit kam ich mir aber diskriminiert vor, denn die Schüler mit Westverwandtschaft hatten lederne Federmappen. Am Ende des 2. Schuljahres wurde ich für eine Spezialklasse mit erweitertem Russischunterricht, sogenannte R-Klasse, ausgewählt. Aufgrund der Lernschwierigkeiten, die ich durch das gesteigerte Niveau später hatte, vermute ich, dass weniger meine geistigen Leistungen, als die ruhige, zurückhaltende Art, die Entscheidung des Lehrers bestimmten.

 

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1952 gab es eine wichtige Veränderung in meinem Leben: Meine Mutter verheiratete sich wieder. Es war eine per Anzeige zustande gekommene Vernunftehe. Sie wollte ihr Schneidern auf eine gesicherte wirtschaftliche Basis stellen. Deshalb hatte sie einen Geschäftsmann der gleichen Branche mit eigener Firma ausgewählt. Doch schon am Tag der Hochzeit begann der Ehestreit und auch die „Firmenfusion“ war nicht erfolgreich.

 

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Mein Stiefvater war der Jüngste von drei Brüdern und mit der Mutter in der elterlichen Wohnung übrig geblieben. Dem Ältesten war ein Geschäft eingerichtet worden, dem mittleren Sohn wurde eine Ausbildung zum Ingenieur ermöglicht und der Jüngste sollte einfach die elterliche Firma übernehmen, die aus einem zusätzlichen Zimmer in der Wohnung bestand und sich Wäscheschneiderei nannte; auch mit Stoff handelte. (Die Reste des Stofflagers waren später eine wertvolle Hilfe bei meiner Bekleidung.)

Nach dem Krieg fristete die Firma als Ein-Mann-Betrieb mit dem Erneuern von Kragen an Herrenhemden ihr Dasein. Dazu wurde aus dem hinteren Hemdsaum ein Stück Stoff herausgeschnitten, daraus ein neuer Kragen angefertigt und in das Loch ein Stück neutraler Stoff eingesetzt.

Weder meine Mutter noch mein Stiefvater hatten genug Geschäftssinn, um das Ende dieses Provisoriums vorauszusehen. Denn mit steigendem Wohlstand Mitte der 50er Jahre kauften sich die Leute neue Hemden und die Firma war pleite. Ich entsinne mich einer Szene, in der meine Mutter entsetzt in das leere Auftragsfach starrte. Mit ihrer Damenschneiderei war sie zwar erfolgreicher, aber davon konnte auch keine Familie leben. Ich glaube, es war für sie eine große Enttäuschung, dass der Sinn der Ehe, sich mit ihrer Arbeit an die bestehende Firma anzuhängen, so verloren ging. Das bestimmte das Verhalten zu ihrem Mann auf eine lange Zeit.

 

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Meine Mutter und ihre neue Schwiegermutter kamen von Anfang an nicht miteinander aus. Diese hatte jahrelang mit ihrem Sohn allein gelebt und konnte sich nicht in die Veränderung finden. Und meine Mutter war nicht der sanfte verständnisvolle Typ, der vielleicht das Zusammenleben hätte arrangieren können. Sie beanspruchte die Bestimmerrolle im Haushalt. Mein Stiefvater wurde in die unglückliche Rolle des Schiedsrichters gedrängt. Aber jede Partei warf ihm vor, dass er sie nicht genügend unterstütze. Jetzt kann ich mich gut in sein Dilemma einfühlen und er tut mir leid. Damals aber war ich ein glühender Kämpfer für die Interessen meiner Mutter. Diese Situation bestimmte die nächsten Jahre meines Lebens.

 

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Ich stelle erstaunt fest, dass es eigentlich nur negative Erlebnisse sind, an die ich mich erinnere. Dabei habe ich nicht das Gefühl, dass meine Kindheit besonders schwer oder schlecht gewesen wäre.

Deshalb will ich nun einmal eine besonders schöne Erinnerung einfügen: Es war noch zu der Zeit als sich mein Leben zwischen der Wohnung der Großeltern und der Mutter abspielte. Den etwa halbstündigen Heimweg verkürzten sich meine Mutter und ich durch romantische Fantasiespiele. Erleuchtete Fenster und besonders Mansarden besiedelten wir mit Gestalten unserer Fantasie; z.B. mit der Werkstatt der Heinzelmännchen. In der Erinnerung verknüpft sich damit ein Gefühl großer Harmonie.

 

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Schon als Vorschulkind war ich sehr selbständig und unternahm viel allein. Regelmäßig ging ich ins Puppentheater. Es war ein Weg von etwa einer halben Stunde. Krampfhaft hielt ich das abgezählte Eintrittsgeld in der Hand, aus Angst, es zu verlieren. Immer wieder zählte ich nach. Den Anfang des Stückes konnte ich kaum erwarten. Die Ungeduld verdarb mir aber die Freude. Immer wieder musste ich auf die Toilette. Die anderen Kinder lärmten und plauderten miteinander; schienen solche Probleme nicht zu haben. Erst gegen Mitte des Stückes kam ich zur Ruhe; konnte in die Scheinwelt eintauchen; aus der ich mich am Ende ebenso schwer lösen konnte. Auf dem Heimweg spielte ich in Gedanken weiter, versetzte mich in die Rolle des Helden - bis dann zu Hause der ganz normale Alltag wieder begann. Ebenso erging es mir später bei Kinobesuchen.

 

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Den Raum des Puppentheaters sah ich abermals, als ich wieder einmal zum Volksröntgen musste. Mich überfluteten widerstreitende Gefühle. Ich war schon an der Schwelle zum Mann, aber die eventuellen Weiterungen des Volksröntgens flößten mir stets Angst ein. Als Folge von Krieg und Nachkrieg hatte die Tuberkulose sich stark ausgebreitet. Mitte der fünfziger Jahre begann die Regierung mit einem Programm die Bekämpfung. Es hatte zwei Säulen: die Früherkennung durch das Volksröntgen, einen Test auf Antikörper und eine eventuelle Impfung. Beim Test musste sich die präparierte Stelle entzünden, dann hatte man Antikörper und wurde nicht geimpft. Die Entzündungen konnten sehr andauernd und hartnäckig sein. Die Impfung erfolgte am Oberschenkel. Auch hier entstanden oft Folgereaktionen mit Narbenbildung; vor allem bei Frauen an dieser Stelle nicht zu deren Freude.

 

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Das Röntgen wurde mit mobilen Anlagen durchgeführt, die in geeigneten Räumen - oft im Aufklärungslokal der Nationalen Front oder in anderen Räumen; wie zum Beispiel im ehemaligen Puppentheater - aufgestellt wurden. Teilweise kamen auch Röntgenzüge zum Einsatz. Das waren mehrere Gelenkbusse, die hintereinander und durch „Ziehharmonikas“ verbunden waren. Sie enthielten die Räume für Auskleiden, Verwaltung und Technik. Alles auf allerengstem Raum. Damit machte ich zuerst in der zweiten Klasse Bekanntschaft. Der Röntgenzug hockte da, wie ein schlafendes Ungeheuer und brummte vor sich hin. Armdicke Kabel führten zu ihm und erinnerten an die Fangarme eines Kraken. Klassenweise wurden wir hineingeführt. Die Enge verursachte mir Platzangst. Dazu das Brummen der Transformatoren und anderer Geräte. Man wurde registriert, erhielt eine Nummer, dann ging es den engen Gang weiter zur Röntgenapparatur. Aufgrund meiner Größe musste bei mir alles umgestellt werden. Ich drückte mich weisungsgemäß an das Gerät, umschlang es mit den Armen, versuchte nicht zu zittern, die Türen zur Apparatur wurden geschlossen, das Summen wurde noch lauter und: Das war’s.

 

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Die Aufnahme erfolgte auf speziell entwickelten 6-mal-6-cm Röntgenfilm. Nach dem kleinen Bild konnte man aber keine medizinische Diagnose stellen. Deshalb wurde man bei Unklarheiten, ob es nun eine „weiche Stelle“ oder ein Fehler im Film war, zur Nachuntersuchung bestellt. Das war die Angst, die einen begleitete. Denn eine Diagnose TBC bedeutete damals nicht nur medikamentöse Behandlung sondern ein langdauernder Aufenthalt in einem Lungensanatorium, dass sich in seiner Handhabung noch nicht allzu viel von Thomas Manns „Zauberberg“ unterschied. Ich bekam zweimal die angstvoll erwartete Postkarte zur Nachuntersuchung. Einmal war es noch „Durchleuchten“, also ohne Film. Anstelle des Röntgenfilms saß der Arzt vor einem Leuchtschirm (Das bedeutet hohe Gesundheitsgefährdung für den Arzt, denn er bekam ziemlich viel Strahlung ab, trotz Bleischürze), und beurteilte die Lunge. Das Ganze im Dunkeln. Erleichterung als daraus eine Stimme ertönte: „Alles in Ordnung!“ Das zweite Mal, war es dann schon das bis vor kurzem noch übliche Röntgen mit Film in Körpergröße. Allerdings wurde nur die Aufnahme gemacht und man musste wieder warten, ob man eine erneute Benachrichtigung erhielt.

 

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Nach zirka zehn Jahren wurde das Volksröntgen eingestellt, da die Tuberkulose als Massenkrankheit besiegt war. Medizinhistoriker sehen das heute als eine einmalig logistische Meisterleistung an: Ein ganzes Volk durchgehend und lückenlos einer Reihenuntersuchung zuzuführen; mit der damaligen Technik, ohne Computer, nur mit Karteikarten. Es ist aber wohl nur durch die besonderen gesellschaftlichen Bedingungen jener Zeit zu erklären. Für die Allgemeinheit war es gut, aber für sensible Naturen bedeute es auch viele sorgenvolle Stunden. Das Impfen wurde Mitte der Neunziger Jahre wegen zu geringer Erfolgsrate eingestellt.

 

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Meine Mutter hatte einmal irgendwo irgendwas von dem sowjetischen Pädagogen Makarenko gehört und brüstete sich immer damit, mich nach Makarenko erzogen zu haben. Ich weiß nicht, welche Vorstellungen sie damit verknüpfte, aber als ich Makarenko selbst las, stellte ich fest, dass die Erziehung verwahrloster Jugendlichen in Arbeitskommunen im nachrevolutionären Russland mit der gesellschaftlichen Situation im Nachkriegsdeutschland wenig zu tun hatte. Wahrscheinlich faszinierte meine Mutter die Methode des unbedingten Gehorsams. Makarenkos Methoden hatten in seiner konkreten gesellschaftlichen Situation bestimmt ihren Sinn. Gefährlich wird es immer nur dann, wenn man Erkenntnisse aus einer ganz konkreten Situation verallgemeinert und sie als universales Gesetz erklärt.

Mit besonderem Stolz erzählte sie, wie sie mich einmal verdroschen hatte, weil ich mich als Kleinkind im Straßenverkehr von ihrer Hand losgerissen hatte. Dazu ging sie mit mir extra in einen Hauseingang, weil im pazifistischen Nachkriegsdeutschland Schläge verpönt waren.

Im Rückblick gesehen, hatte sie eine merkwürdige Erziehungsmethode. Ich kann nicht sagen, dass sie übertrieben streng war. Man könnte es als eine mentale Fesselung an ihre Person bezeichnen. Bis zu ihrem Tode waren alle meine Entscheidungen davon bestimmt, was sie dazu sagen würde. Sie beklagte sich oft, dass ich als Erwachsener so kühl zu ihr sei. Wahrscheinlich war dies eine äußere Reaktion auf diese innere Fessel.

 

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Lügen hatte sie in meiner Kinderzeit damit bekämpft, dass sie sich mir gegenüber als allwissend, als allmächtig hinstellte. Stolz erklärte sie Bekannten, dass ich nicht lügen würde, weil ich wüsste, dass sie das sowieso heraus bekäme. Sie bezeichnete sich direkt als meine beste Freundin. Eine Haltung, die mir als Erwachsener viel zu schaffen machte. Sie baute vor mir das Druckmittel auf, dass ich ihr doch keinen Kummer bereiten wolle, drohte mit Liebesentzug. Im Rückblick finde ich das belastender als handfeste Auseinandersetzungen mit klaren Verboten und Strafen. Ich denke, auf dieses Thema werde ich noch oft zurückkommen, aber nun geht es erst einmal mit der neuen Ehe meiner Mutter weiter.

 

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Mit zunehmendem Alter der Schwiegermutter verschärften sich die Probleme. Ich vermute heute, dass sie an Alzheimer litt. Oft erzählte sie im Haus, dass sie nichts zu essen bekäme. Sie hatte aber einfach die letzte Mahlzeit vergessen. Oder sie wusste nicht mehr, wer meine Mutter war. Auch eine Trennung der Haushalte konnte sie sich nicht merken. Meine Mutter konnte damit nicht souverän umgehen. Sie interpretierte das Verhalten der Schwiegermutter als Bösartigkeit und verlangte von ihrem Mann eine Entscheidung zu ihren Gunsten. Wieder stand mein Stiefvater zwischen den beiden Frauen.

 

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Meine Mutter war in dieser Zeit zweimal acht Wochen im Krankenhaus. Sie empfand das als Erholung. Die Diagnose war eine Eisenmangelanämie. Auch nach der Therapie hielt sie zeitlebens an dieser Krankheit fest. Wenn etwas nicht nach ihren Willen ging wurde sie krank. Und wenn der Körper nicht zur rechten Zeit versagen wollte, warf sie sich hin. Die einstmals reale Krankheit wurde zu einem Mittel, ihren Willen durchzusetzen, die Familie zu erpressen.

 

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Bald entdeckte ich an mir eine lebhafte Fantasie, eine Neigung zu Tagträumen. Zu dieser Zeit wohnte ich schon bei meinem Stiefvater und hatte die Schule noch nicht gewechselt. Deshalb war der Schulweg sehr lang. Ich verkürzte ihn mir durch Träume. Einmal fand ich mich auf der Straße vor einem LKW liegend wieder. Um mich herum ein Menschenauflauf. Mein Schulranzen lag einige Meter von mir entfernt. In diesem Fall war ich unsanft in die Wirklichkeit zurück geholt worden. Passiert war mir nichts. Meine größte Sorge war aber, dass jemand meiner Mutter davon erzählen könnte. Zum Glück war das diesmal nicht der Fall, obwohl sie mich immer damit schreckte, dass sie alles erfahren würde. Wahrscheinlich war es diese angebliche Perfektion, die mich in sich zurückziehen ließ. Später kultivierte ich die Fähigkeit der gezielten Tagträume, um einem unangenehmen Alltag zu entfliehen. Heute, als Schriftsteller ist mir, diese Fähigkeit sehr nützlich. Ich kann ganze Szenen an meinem geistigen Auge wie einen Film vorbeiziehen lassen. Auch das Lesen entwickelte sich bei mir frühzeitig zu einer Art innerem Kino; ohne dass ich noch die Buchstaben und Wörter wahrnahm.

 

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So langsam kam das Nachkriegsleben in geordnete Bahnen. Schrittweise verschwand der Mangel. Die HO, die staatliche Handelsorganisation erschien am Markt. Dort gab es Ware ohne Marken und Bezugsscheine zum zehnfachen Preis. Vom ersten Besuch eines solchen Geschäfts kam meine Großmutter weinend nach Hause, weil sie sich bei den Preisen nichts hatte kaufen können. Es ist interessant, dass bei Geld nicht nur die Freundschaft sondern die Ideologie aufhörte. War Geld zu machen, wurden alle ideologischen und moralischen Prinzipien über Bord geworfen, die der Staat sonst predigte. Für viel Geld - oder noch besser Westgeld - war später alles - oder fast alles - möglich. Ein Weg, der bei den markenfreien HO-Geschäften begann und mit Delikatläden und Intershop endete. Für den Handel im Intershop mit Westwaren gab es sogar spezielles Geld; sogenannte Forumschecks. Man konnte zwar bar mit D-Mark (also Westgeld) bezahlen, das Wechselgeld bekam man aber in Forumschecks. Am Ende muss eine Unmenge D-Mark in der DDR illegal, aber geduldet, in Umlauf gewesen sein, denn bestimmte private Dienstleistungen bekam man nur noch gegen Westgeld. Der 17. Juni, der Tod Stalins, die Aufarbeitung des Stalinismus durch Chruschtschow gingen vorbei, ohne in unserer Familie größere Spuren zu hinterlassen.

 

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Inzwischen lag das Wäschegeschäft endgültig am Boden. Meine Mutter konstatierte entsetzt die leeren Auftragsfächer. Von ihrer Schneiderei nebenbei, also „schwarz“, ohne Gewerbeschein, der aber zu teuer war, konnte die Familie nicht leben. Mein Stiefvater musste auf Arbeitssuche gehen. Das war für ihn nicht einfach. Er hatte keinen Beruf erlernt und noch nie in einem Betrieb gearbeitet. Zu einer Tätigkeit als Schneider reichten seine Fertigkeiten als Ausbesserungsschneider von Hemden nicht aus. Er bekam ein Angebot in einer Hollerithstation zu arbeiten und sich im Laufe der Zeit dort zu qualifizieren. Das hätte auch seiner mathematischen Begabung entsprochen und wäre zukunftsträchtig gewesen. Doch das Einstiegsgehalt von 320 Mark hätte nicht ausgereicht, eine Familie zu ernähren. Für meine Mutter kam eine „richtige“ Berufstätigkeit nicht in Frage. Ich weiß nicht mehr, ob sie Krankheit oder meine Betreuung vorschob. Auch später scheiterten alle Versuche dieser Art. Nach einem euphorischen Start wurde sie beim ersten Problem mit Vorgesetzten oder Kolleginnen krank und hörte wieder auf.

 

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So übernahm mein Stiefvater einen Job als Ungelernter auf Leistungsarbeit (Akkord) in einer privaten Kunststoff- oder Plastepresserei. Eine schmutzige, schwere und ungesunde (Dämpfe) Arbeit in einer Hinterhof-Fabrik; umgangssprachlich „Bude“ genannt. Als in der Schule einmal gefragt wurde, wo die Väter arbeiten, hatten die anderen Schüler hochtrabende Firmennamen zu vermelden: wie VEB Leunawerke „Walter Ulbricht“. Ich antwortete in meiner Naivität: in einer Bude. Heiterkeit! Es muss meinem Stiefvater sehr schwer gefallen sein, diese ungewohnte Arbeit zu übernehmen und ich bin heute voller Hochachtung vor ihm, weil er das jahrzehntelang auf sich genommen hat. Durch hydraulische Pressen wurde die Arbeit später leichter und als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, durfte er nach einem Zusammenbruch in der Entgraterei arbeiten. (Zwischen den zwei Teilen der Presse quetschte beim Erhitzen und Pressen immer etwas Masse hervor – wie beim Waffelbacken - und dieser Grat musste beim fertigen Produkt mittels einer Schleifscheibe entfernt werden.)

 

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Nun ein paar Worte zur Schule: Es war ein imposantes dreistöckiges Gebäude, etwa 100 m lang, symmetrische gebaut, mit einer Knaben und einer Mädchenseite, was aber nur noch historische Bedeutung hatte. Trotzdem gab es irrsinnige Regeln. Jungen mussten beim Betreten des Gebäudes die Mützen abnehmen. Wehe, wenn man es vergaß: Man musste dann das Haus verlassen und erneut betreten. Dann konnte es aber mit der Pünktlichkeit knapp werden. Damit sollten wir dazu erzogen werden, dass Männer in geschlossenen Räumen den Hut abzunehmen haben. Aber so wie es praktiziert wurde, war es der reinste Psychoterror; abgesehen davon, dass wir Schüler keine Hüte trugen. Ein ähnlicher Psychoterror war es, wenn dem Lehrer zu Beginn der Stunde von einer Schülerin gemeldet wurde: „Der Eberhard hat sich schlecht benommen.“ Umgangssprachlich: Er hat gefurzt. Die Angst, dass einem das passieren könne, hat mich lange Zeit begleitet.

 

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Für die Klasse mit erweitertem Russischunterricht (ab 3. statt ab 5. Klasse) waren die besten Schüler des Stadtbezirks zusammengeholt worden; kamen zum Teil mit der Straßenbahn. Natürlich stieg dadurch das Leistungsniveau der ganzen Klasse und ich hatte Mühe mitzuhalten. Zeitweise wurde wegen der mangelhaften Leistungen erwogen, mich wieder in die Normalklasse gehen zu lassen. Nach der 8. Klasse gingen die Besten zum Ablegen des Abiturs in ein Internat, die Anderen – auch ich - kamen in die normale 9. und 10. Klasse. Dort gehörte ich plötzlich zu den Besten.

 

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Eine heute vergessene Dienstleistung war es, Stoff bedrucken zu lassen. Vom Geschäft meines Stiefvaters her, war noch ein Ballen „purer“ Stoff da; daraus sollten Übergardinen (Vorhänge) werden. Die ganze Familie ging in das entsprechende Geschäft und suchte ein passendes Muster heraus, mit dem dann der Stoff bedruckt wurde. Überhaupt waren die Reste des Stofflagers lange Jahre die Quelle für die von der Mutter für mich genähten Sachen. Industrielle Kindersachen der entsprechenden Altersstufe waren für mich stets zu klein. Als ich ein Pionierhemd (Uniform der Kinderorganisation) benötigte, hätte es nicht einmal ein FDJ-Hemd (Uniform der Jugendorganisation) für mich gegeben. Dass ich kein normgerechtes Hemd hatte, war damals ein echtes Problem und ich hatte auch keine Lust, das jedem zu erklären. Zudem hatten die von der Mutter als Damenschneiderin angefertigten Sachen immer einen leichten Stich ins Weibliche. Mit 14 brach ich aus diesem System aus und kaufte mir von erspartem Geld selbst – ohne die Mutter vorher zu fragen – ein Sakko und: einen Hut.

 

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Auch auf anderen Gebieten brachte meine überdurchschnittliche Größe Probleme mit sich. So passte ich nicht mehr in die Schulbank hinein und musste vor der Klasse an einem gesonderten Tisch sitzen; immer der Aufmerksamkeit von allem ausgesetzt, kein Untertauchen in der Masse möglich. Wie habe ich die Kleinen beneidet, die nie auffielen. Auch zog sich durch meine ganze Kindheit, dass mich Kindergruppen häufig nicht als Spielgefährten wollten, weil ich zu auffällig war. Gab es Probleme mit den Erwachsenen hieß es dann immer: „Das waren die, wo der Große dabei ist.“

 

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Parallel zur Übergröße zeigte sich bald ein weiteres Problem: der zeitige Beginn der Pubertät. Mit zirka 11 Jahren begann ich unter spontanen Erektionen zu „leiden“. Da meine Erziehung überwiegend durch die Mutter erfolgte, war ich nicht darauf vorbereitet. Ich empfand es als einen Makel, den ich selbst bekämpfen musste. Ob im Wartezimmer beim Arzt oder in der Schule: Stets hatte ich Angst, dass bei einem plötzlichen Aufstehen meine Peinlichkeit sichtbar wurde. So war mein erster Eindruck von der Sexualität: Angst.

 

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Auch meine körperliche Leistungsfähigkeit ließ rapide nach. Hatte ich vorher ohne Probleme den halben Garten umgegraben, bereitete mir jetzt körperliche Belastung Probleme. Ich war einfach schnell erschöpft. Das zeigte sich auch im Sportunterricht. Der Sportlehrer bezeichnete mich als „Flasche“ weil ich mich beispielsweise am Reck nicht hochziehen konnte. Vier Mitschüler mussten mich über das Gerät wuchten. Auch an anderen Geräten war ich mir meines Körpers nicht sicher, wurde immer ungeschickter. Meine Mutter ging mit mir zu Ärzten, doch die konnten nichts feststellen. Ich solle mich zusammennehmen. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Sportarzt erlangte sie ein Attest für mich, dass ich im Sportunterricht nicht zensiert werden sollte. Doch nun hatten die Sportlehrer überhaupt kein Interesse mehr an mir. Heute meine ich, dass bei gezielter Förderung sich diese Krise durch mein überschnelles Wachstum, hätte vermindern lassen. Mit 14 Jahren war ich dann ausgewachsen und hatte meine endgültige Größe von 1,95 Meter erreicht.

 

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Mein erstes sexuelles Erlebnis war blond und hieß Inge. Ich hatte inzwischen ein Erwachsenen-Fahrrad und ein wunderbares Gefühl war es, wenn ich sie auf der Stange mitnehmen durfte, sie sich zwischen meine Arme schmiegte und ihre Haare mich im Gesicht streichelten. Sie hatte noch einen glatten Jungenkörper, war aber schon ein kleines Luder. Sie vergab ihre Gunst, sich auf dem Rad mitnehmen zu lassen – nach Lust und Laune; spielte auch die Jungen gegeneinander aus. Meine Mutter sah den Umgang nicht gern. Inge kam in ihren Augen aus keiner „anständigen“ Familie.

 

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Schon frühzeitig fing ich mit Elektrobasteln an. Keine kaputte Steckdose, kein defektes Kabel war vor mir sicher. Da mein Stiefvater kein handwerkliches Talent besaß, fiel mir automatisch diese Aufgabe zu. Aus heutiger Sicht baute ich lebensgefährliche Konstruktionen, da ich keinerlei Anleitung hatte. Auch im Radiobasteln versuchte ich mich; allerdings nicht so erfolgreich. Die „Fummelei“ und Feinarbeit lag mir nicht. Auch war lange Zeit der fehlende Lötkolben ein unüberwindliches Hindernis. Die zehn Mark zur Anschaffung eines solchen waren nie da.

 

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Wie 99,9 Prozent der Klasse, war ich Mitglied der Pionierorganisation. Es gab in der Familie zwar einige Bedenken, denn mein Großvater war konservativ eingestellt und mein Stiefvater hegte SPD-Anschauungen, aber meine Mutter meinte, ich solle vorankommen und müsste tun, was üblich wäre. Für ein Kind ist es natürlich auch einfacher, in der Masse d’rin zu sein. Besonders traf das für mich zu, der ich schon durch meine Größe aus allem heraus ragte. Ich fühlte mich auch zu Ämtern berufen und drängte danach. Aber immer wieder enttäuschte mich, dass mich keiner dazu vorschlug. Wenn ich heute meine Fähigkeiten und Möglichkeiten einschätze, weiß ich: zu recht. Ich bin keine Führerpersönlichkeit und eher für die Zuarbeiten im Hintergrund geeignet. Leider wusste ich das als Kind und Jugendlicher noch nicht und meine Mutter bestärkte mich auch noch, dass ich etwas Besonderes sei. So brachte ich es nur bis zum Zeitungsobmann und vertrieb die Pionierzeitschrift „Die Trommel“. Das machte ich nun wieder so intensiv, dass ich in Konflikt mit den schulischen Aufgaben und den Lehrern geriet.

 

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Die Probleme in meinem ersten Ferienlager, wo mich meine Mutter mit elf Jahren in die Gruppe der Vierzehnjährigen stecken ließ, hatte ich schon erwähnt. Das war 1956. Für heutige Begriffe herrschten in dem Lager unvorstellbare Zustände. Es war in einem Dorf im Erzgebirge auf einem ehemaligen Bauernhof. Die Schlafsäle befanden sich im Oberboden der Scheune, die man nur mittels einer Leiter erreichte. Roh zusammengezimmerte Holzgestelle, mit Brettern belegt, darüber ein Strohsack, dienten als Doppelstockbetten. Das Waschen erfolgte am Bach. Die Toilette war eine Reihe runder Löcher in einem Bretterverschlag über einer Grube. Meine Schilderung soll aber nicht den Eindruck erwecken, als ob ich darunter gelitten hätte. Das waren für die damalige Zeit normale Verhältnisse. In Erinnerung ist mir noch, dass zwei Betreuer nach Hause geschickt wurden, weil sie nachts im Wald Sex gehabt hatten. Das war damals ein schweres Vergehen.

 

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Die Massenmedien meiner Kindheit waren Kino und Radio. Fernsehen hatte noch keine Breitenwirkung. In meinem Wohngebiet gab es zwei Kinos mit wöchentlich wechselndem Programm. Donnerstags stand das Kinoprogramm der Stadt in der Zeitung. Es füllte eine halbe Seite. Nachdem die Puppentheaterzeit vorbei war, ging ich regelmäßig ins Kino; in die Kindervorstellung für 25 Pfennig. Eine Zeitlang traf ich mich da auch regelmäßig mit einer Kindergruppe. Ich weiß nicht, warum das einschlief. Auf einmal ging ich mit Mutter und Stiefvater, manchmal auch mit den Großeltern, ins Kino; zur 15 Uhr- oder 17.30 Uhr-Vorstellung. Dann kostete der 2. Platz 80 Pfennig für die Erwachsenen ( plus 5 Pfennig Kulturabgabe, ab Eintrittspreis 1 Mark 10 Pfennig); für mich als Kind die Hälfte des Eintrittspreises. Das Kino war also ein Vergnügen, dass durchaus auch für Minderbemittelte erschwinglich war.

 

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In dieser Zeit hatte ich – außer in der Schule kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Häufig machte ich einsame Radpartien; verbunden mit Tagträumen, in denen ich mich als Held fühlte, der Ungerechtigkeiten bekämpfte oder Bedrängte rettete. Ich erwähnte schon, dass ich es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. Stundenlang war ich so unterwegs. Nebenbei war es natürlich eine gesunde Bewegung an der frischen Luft; aber die sozialen Kontakte fehlten. Auch spannte mich meine Mutter sehr im Haushalt ein. Sonntags musste ich immer die Kartoffeln für die ganze Familie schälen. Sie waren damals das Hauptnahrungsmittel, also eine ganze Menge. Da mein Stiefvater kein Talent für die Hausarbeit hatte, musste ich ihn ersetzen.

 

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Auch das Kohlen holen fiel in mein Ressort. Geheizt wurde mit Briketts, die im Handwagen beim Kohlenhändler geholt wurden. Erst gab es sie nur „auf Marken“ beziehungsweise Bezugsscheinen. Später konnte man dann auch „freie“ Kohlen zu einem höheren Preis dazu kaufen. Damit sie weniger Platz einnahmen, wurden sie im Keller geschichtet, denn der Bedarf für eine Heizperiode wurde auf einmal geholt. Zu einem modernen Kohleherd hatten wir es noch nicht gebracht. In der Küche stand eine sogenannte Küchenmaschine. Benutzt wurde diese „Maschine“ aber nicht mehr, gekocht wurde „modern“ mit einem zweiflammigen Gaskocher; falls genügend Druck da war. In den anderen Räumen standen sogenannte Berliner Öfen: gemauerte Kachelöfen zum Zuschrauben. Diese zu heizen war eine Wissenschaft für sich. Man musste genau den Zeitpunkt abpassen, wo keine schwarze Kohle mehr zu sehen war, nur noch rote Glut, sonst konnte der Ofen explodieren. Dann wurden Feuer- und Aschkastentür fest zugeschraubt, um die Glut und damit die Ofenwärme möglichst lange zu erhalten. Merkwürdigerweise war aber keine Dichtung vorhanden. Zum Abdichten wurde Eisen auf Eisen gepresst. Dieses System war aber für Hausfrauen angelegt, die am späten Vormittag heizten, damit es abends schön warm war. Bei Berufstätigen war der Ofen immer dann am wärmsten, wenn man es nicht brauchte. Heizte man vor der Arbeit, war es um die Mittagszeit, wenn niemand zu Hause war am wärmsten und heizte man nach der Arbeit, war es nachts, wenn alles schlief am wärmsten und für zweimal heizen reichten die Kohlen nicht.

 

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Irgendwann in dieser Zeit war auch die Mutter meines Stiefvaters gestorben und wir hatten die Wohnung für uns. Dadurch stabilisierte sich die Ehe meiner Mutter und es begann eine ruhige Phase, von der mir nichts Besonderes in Erinnerung ist.

 

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Der Tod meiner Großmutter war für den Großvater ein schwerer Schlag und warf ihn völlig aus der Bahn. Er blieb allein in der Wohnung und errichtete auf dem Tafelklavier eine Art Altar für seine Frau. Heute stellt sich für mich die Frage, wie er sich eigentlich versorgte, aber daran habe ich leider keine Erinnerung. Als Kind ist man doch immer etwas egoistisch und sieht vorwiegend sich. Ziel meiner Besuche bei ihm war in der Hauptsache, dass er Wechselstrom hatte und ich mir auf einem selbst gebauten Plattenspieler bei ihm Langspielschallplatten über sein Radio anhören konnte.

 

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Zuhause hatte ich nur ein mechanisches Grammophon, dass ich von Bekannten geschenkt bekommen hatte. Vor 1961 gab es in der DDR eine Ausreisewelle und das zurückgelassene Mobiliar wurde in speziellen Läden verkauft. So kam ich für eine Mark zu Schellackplatten für das Grammophon. Sonst kostete eine Schallplatte 4,00 Mark plus 10 Pfennig Kulturabgabe.

 

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Die Wohnung meines Stiefvaters hatte in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als erstes Haus in der Straße elektrischen Strom bekommen. Das war aber Gleichstrom. Die allgemeine Elektrifizierung der Städte erfolgte dann mit Wechselstrom. Der Gleichstrom stellte sich im Alltagsleben mit zunehmender Elektrifizierung als Nachteil heraus. Man brauchte Allstromgeräte, bei denen zum Beispiel beim Radio die niedrige Betriebsspannung allein durch Widerstände erzeugt wurde. Dadurch war aber das Gerät direkt mit dem Netz verbunden und es durfte deshalb kein Plattenspieler angeschlossen werden. Üblicherweise wird sonst eine niedrigere Spannung durch Transformatoren erzeugt, wodurch die Geräte ungefährlich nicht mehr direkt mit dem Netz verbunden sind. Das geht aber bei Gleichstrom nicht. Auch Motoren in Haushaltsgeräten waren zunehmend Wechselstrommotoren, weshalb wir sehnsüchtig die Umstellung erwarteten, die dann um 1965 erfolgte. Jahrelang hatte ich darauf gewartet und dann hatte ich an diesem Tag mündliche Abiturprüfung in Biologie.

 

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In Unkenntnis der Gefahr hatte ich den Tonabnehmeranschluss am Radio laienhaft aktiviert und auf das Grammophon einen elektrischen Tonabnehmer montiert. So konnten wir eine Zeitlang auf diese Art Langspielplatten hören. Doch das Federlaufwerk, das für 78 UpM gebaut war, hatte bald satt, durch Bremsen auf 33 UpM herunter gequält zu werden und gab den Geist auf.

 

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Zunächst mussten wir aber erst einmal zu einem Radio kommen. Das war damals ein Wertgegenstand. Nach dem Krieg hatte meine Mutter von meinem Vater einen Wehrmachtsempfänger bekommen. Der war noch kleiner als ein Volksempfänger, ein sogenannter Einkreiser. Damit konnte man nur den Ortssender empfangen. Mitte der fünfziger Jahre versagte aber auch dieses Gerät und so gut, dass ich ein funktionierendes Radio herstellen konnte, war ich beim Basteln auch nicht. Damals änderte sich das Angebot nicht so schnell wie heute. Man konnte ein Gerät anvisieren und dann jahrelang darauf sparen. Das Angebot an Allstromgeräten hatte sich aber schon so reduziert, dass nur noch ein einziges Radio in Frage kam und nicht gerade das preiswerteste: Der „Dominante“ für 615 Mark mit sechsteiligem Klangregister. Um 1960 hatte wir es geschafft, dass wir uns mit finanzieller Unterstützung des Großvaters das Gerät leisten konnten. Das war ein Fest für die ganze Familie. Nun waren die Abende ausgefüllt. Damals wurden die Abendshows - wie „Da lacht der Bär“ – noch parallel in Rundfunk und Fernsehen übertragen und wie heute am Fernseher, saß man damals vor dem Radio und genoss die tolle Klangqualität des UKW-Rundfunks.

 

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Wenn ich so meine Erinnerungen überblicke, merke ich, dass sie sehr individuell sind. Einiges steht mir sehr genau vor Augen, anderes – vor allem historische Ereignisse – haben in unserer Familie offenbar keine Rolle gespielt: zum Beispiel die Gründung der DDR. Ich war zwar damals erst vier Jahre alt, aber vieles aus dieser Zeit ist mir aus späteren Berichten meiner Familie trotzdem geläufig, nur über den Staatsakt selbst ist offenbar nie gesprochen worden. So ist es auch mit anderen historischen Ereignissen, die in meinen Erinnerungen fehlen. Es sind eben Erinnerungen, es ist keine geschlossene historische Abhandlung.

 

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Im Laufe der 4. Klasse bekamen wir einen neuen Lehrer, da sich die bisherige Lehrerin gen Westen abgesetzt hatte. Da ich nur mit Hochachtung von ihm sprechen werde, denke ich auch, dass ich seinen Namen nennen kann: Herr Isemann. Er war damals Mitte dreißig und kam aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Das machte ihn für uns besonders interessant. Er konnte auch spannende Geschichten aus dieser Zeit erzählen; nicht immer zur Freude bestimmter Eltern. Ein Spitzname für ihn lag praktisch auf der Zunge: Isegrimm; wohl auch, weil er streng, aber um Gerechtigkeit bemüht war. Er war für seine Schüler da, biederte sich aber auch nicht an, wie manche Lehrer. Da bestehen aber zwischen Lehrern und Schülern sowieso unterschiedliche Auffassungen. Ich war ein etwas schwieriger Schüler, weil ich durch meine Übergröße überall auffiel. Da er selbst nicht sehr angepasst war, denke ich, dass er für mich viel Verständnis hatte; obwohl ich mir von ihm mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Heute weiß ich, dass es gut für mich war, dass ich mir in manchen Dingen selbst helfen musste. Er hatte auch richtig erkannt, dass ich für Führungsfunktionen im Kollektiv nicht geeignet war. Wenn ich heute auf meine berufliche Entwicklung zurückblicke, sehe ich ein: Er hatte recht. So brachte ich es nur bis zum Zeitungsobmann. Neidisch war ich auf den roten Streifen, den der Gruppenratsvorsitzende am Ärmel seines Pionierhemdes trug. Ich erinnere mich, dass er einmal organisierte, dass nicht der Bravste, sondern der schwierigste Schüler zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt wurde; etwa vergleichbar mit dem heutigen Klassensprecher. Es wurde ein voller Erfolg. Eines Tages erschien er in – damals modernen – kurzen Lederhosen, sogenannten Seppl-Hosen was einen kleinen Aufstand hervorrief. Aber er zeigte Charakter und blieb bei seiner Entscheidung. Er besaß auch Humor. Ich stiftete einmal andere Mitschüler an, Turnschuhe am Kartenständer aufzuhängen. Bei der Suche nach den Schuldigen wollte ich mich, damit herausreden, dass ich nur die Idee gehabt hätte. Ein anderer Beschuldigter meinte, er hätte nur gesagt, wie es der Dritte machen sollte. Herr Isemann gliederte die Abfolge auf: Idee, technische Leitung und Ausführung: Bestraft wurden wir alle drei. Ich kam mir damals natürlich ungerecht behandelt vor. Dann hatte ich einmal einen Aufsatz im Stil einer Räuberpistole geschrieben. Beim Vorlesen konnten sich alle vor Lachen kaum zurückhalten. Als schließlich der Schreibfehler vorkam „Major Isemann stürzte zum Maschinengewehr“, konnte auch er nicht mehr an sich halten und lachte Tränen. Genauso erging es ihm, als ein Mitschüler die Angewohnheit hatte, Gedichte mit gewaltigem Pathos vorzutragen. Da musste er immer zum Fenster hinaussehen, um sich nichts anmerken zu lassen. Für mich war er ein Mensch, dem man nur mit Achtung begegnen konnte, auch wenn er als Lehrer vielleicht nicht ganz normgerecht war. Als später meine Tochter die gleiche Schule besuchte, war er stellvertretender Direktor. Dann verlor ich ihn aus den Augen. Nach 50 Jahren stöberte mich ein Mitschüler von 1960 über das Internet auf und so erfuhr ich 2010, dass er noch lebt, 88 Jahre alt ist und an Klassentreffen teilnimmt.

 

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Wie es mit Erinnerungen so ist, sie halten sich nicht an die Chronologie. So fiel mir jetzt ein Ereignis aus der Vorschulzeit ein: Die Faszination, die der Leutzscher Bahnhof auf mich ausübte. Fast täglich machte ich einen Ausflug dort hin. Mein bevorzugter Aufenthaltsort waren die Schranken am Bahnübergang. Ein besonderer Kitzel war es, wenn ich feststellte, dass sich ein Zug auf dem Gleis näherte, das sich direkt neben der Schranke befand. Ich versuchte standzuhalten und vor dem zischenden und fauchendem Ungetüm nicht zu weichen. Aber letztendlich trat ich doch ein paar Schritte zurück. Die Vorsichtsmaßnahme war aber unnötig, denn nie ist eine Lokomotive beim Vorbeifahren explodiert. Neben den vorbeifahrenden Zügen, gab es viel zu beobachten: die Arbeit des Schrankenwärters, sich stellende Signale, Rangierbewegungen. Es war ein großer Bahnübergang mit zirka 10 Gleisen: ein funktionierender Vorortbahnhof mit regem Personen- und Güterverkehr für das umliegende Industriegebiet Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Hatte ich genug Eindrücke, ging ich als Höhepunkt in die Bahnhofswirtschaft und genehmigte mir eine Fassbrause und ein Fischbrötchen. Das Geld dazu hatte ich abgezählt in der Hosentasche. Zufrieden, gesättigt und voll an Erlebnissen machte ich mich auf den halbstündigen Heimweg.

 

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Seit der Kindheit faszinierte mich das Fotografieren. Leider blieb es lange Zeit ein unerschwinglicher Traum: Anfängerapparat „Pionier“, 3 x 4 cm Bilder, 11,50 Mark; Rollfilmkamera Pouva-Start, 6 x 6 cm Bilder, 16,50 Mark; Kleinbildkamera ab 50 Mark; Spiegelreflexkamera 125 bis 1000 Mark. Monatseinkommen 300 bis 400 Mark.

Eigentlich waren die Preise genügend gestaffelt, so dass für jeden Geldbeutel etwas dabei war. Es ist mir heute unerklärlich, warum meine Mutter lange Zeit diesem Herzenswunsch entgegenstand. Vielleicht weil ihr dafür jedes Verständnis fehlte. Bei Bücherwünschen war sie weit großzügiger, weil das in ihren Augen Bildung war und mich voran bringen sollte.

Auch als ich endlich mit etwa 12 Jahren zu einer Fotoausrüstung gekommen war, hatte ich vieles davon selbst gebaut. Ich entwickelte selbst, brachte es aber nie zu einem professionellen Vergrößerungsgerät. Auch meine Dias zeigte ich zuerst mit einem selbst gebauten Projektor.

Das Entwickeln machte viel Spaß, besonders beim Positiv, wenn in der Schale aus dem Nichts geisterhaft das Bild auf dem Papier entstand. Wir hatten zum Glück ein kleines Zimmer übrig, dass ich mir als Dunkelkammer einrichten und wo ich die Fenster zukleben konnte.

Es war damals üblich, dass sich Familien und Bekannte zu Diavorträgen zusammenfanden; von den Fotografen mit teilweise mehreren hundert Dias gequält. So in der Art: ich vor dem Petersdom, meine Frau vor der Venus von Milo, unser Hund vor der Akropolis. Zur Aufstockung der eigenen Bestände gab es auch fertige Diaserien zu kaufen.

In der Schule gründete ein fotobegeisterter Lehrer eine Arbeitsgemeinschaft „Fotografie“. Dort lernte ich die Anfangsgründe der Bildgestaltung, was mich für meinen weiteren Werdegang als Fotograf prägte. Ich verstand mich nie als „Knipser“ (abwertend für Fotograf), bemühte mich immer, die Bilder zu gestalten. Und damals gab es – im Unterschied zu heute – nicht die Möglichkeit, mit dem Computer einfach etwas Überflüssiges wegzuschneiden.

Die mangelhafte technische Ausstattung war auch der Grund, dass ich es nicht zu größeren Erfolgen und öffentlicher Anerkennung brachte. Für ein selbst gebasteltes Vergrößerungsgerät waren die Ergebnisse beachtlich, aber nicht zu vergleichen mit einem professionellen Gerät. Daran änderte auch wenig, dass ich mir mit 15 Jahren mit finanzieller Unterstützung meines Großvaters eine „gute Spiegelreflexkamera kaufen konnte; Praktica IV für 415 Mark. Dabei musste man den Ausweis vorlegen und wurde notiert, um ein Verschieben in den „Westen“ zu verhindern.

Es ist die Ironie des Lebens. Vom rein finanziellen her, könnte ich mir jetzt manchen Wunsch erfüllen, der in Kindheit und Jugend ein Traum war. Doch nun frage ich mich: wozu?

 

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Irgendwann, so um die 16, begann ich Klavier zu spielen. Meine Mutter hatte 10 Jahre Klavierunterricht gehabt und spielte ganz leidlich. Das Tafelklavier bei den Großeltern wurde aber nur zur Weihnachtszeit in Betrieb genommen. Es diente nämlich als Ablage und musste zum Spielen aufwändig freigeräumt werden. Durch Zufall ergab sich die Gelegenheit, günstig zu einem eigenen Klavier zu kommen. Mit einem Pferdefuhrwerk wurde es angeliefert und ich begann mit dem Unterricht bei der Klavierlehrerin meiner Mutter; einem alten Fräulein. (Sie legte Wert darauf, dass sie ein Fräulein war und wollte so angeredet werden.) Zwei Jahre hielt ich durch und brachte es in dieser Zeit zum Notenspielen von einfachen Schlagern und Unterhaltungsmelodien. Doch ein besonderes Talent zum Musizieren hatte ich nicht und so schlief die Sache bald wieder ein. 40 Jahre später versuchte ich es noch einmal mit einem Keyboard. Doch nach anfänglichen Erfolgen zeigte sich auch hier eine Grenze, über die ich nicht hinaus kam.

 

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Als im Schuljahr 1954/55 der Russischunterricht begann, befand sich der Ostblock im tiefsten Stalinismus. Auf der ersten Seite des Russischlehrbuches prangte ein Foto des Generalissimus. Er saß mit gesenktem Blick an einem Tisch. Wir machten unsere Witze darüber, ob er wohl schliefe, nicht wissend, wie gefährlich solche Äußerungen in der damaligen Zeit waren, wo Stalin fast wie ein Heiliger verehrt wurde. Zu dem Foto ein Gedicht, dass mir wahrscheinlich durch seine Primitivität im Gedächtnis geblieben ist.

Stalin, das ist Frieden / Stalin, das ist Freundschaft / Stalin, das ist der unsterbliche Wille des Kommunismus / Stalin, Stalin, Stalin.

Uns Schülern der 3. Klasse wurde beigebracht, dass die Sowjetmenschen (Das Wort „Russen“ war verpönt.) schon in ihrer Kindheit Helden waren. So gab es im Russischlehrbuch eine Geschichte, in der ein Pionier beim Spaziergang an den Gleisen einen gebrochenen Stoßverbinder bemerkte. Er band sein rotes Halstuch ab, lief winkend dem Zug entgegen und verhinderte so eine Eisenbahnkatastrophe.

Es gab auch eine Geschichte, in der ein Eisbär eine Postkutsche verfolgte. Dadurch ist bei mir haften geblieben, das Eisbär „tuljeen“ heißt; fast das Einzige an russischen Sprachkenntnissen, das ich noch weiß. Soweit meiner Erinnerung. Nur zeigt das letzte Beispiel, wie unzuverlässig Erinnerungen sein können. Ein Schulfreund wies mich nämlich darauf hin, dass das Wort nicht „Eisbär“ sondern „Seehund“ bedeutet. Damit ist auch der ganze Passus fragwürdig geworden. So habe ich also mehr als 50 Jahre etwas Falsches in meinen Erinnerungen gespeichert. Das zeigt wieder einmal, wie subjektiv diese sein können.

In der Erinnerung ist mir, dass die Methodik des Sprachunterrichts ziemlich wirklichkeitsfremd gewesen sei. So blieb kaum etwas für die praktische Anwendung hängen. Ich nehme an, dass auch den meisten Lehrern einfach die Praxis fehlte. Wo sollte die auch herkommen? Sprachreisen waren 10 Jahre nach Kriegsende noch nicht üblich und möglich, und die Kriegsgefangenschaft ist auch nicht die beste Grundlage für Sprachunterricht. Auch dieser Passus zeigt, wie sehr eine Erinnerung von der persönlichen Reflexion abhängt. Ich hatte im Russischunterricht große Schwierigkeiten; musste teilweise Nachhilfe nehmen. Die Einschätzung, dass mir der Russischunterricht nichts oder wenig gebracht hätte, die ich jahrzehntelang mit mir herum trug, kann also auch durchaus an mir liegen und nicht an der Methodik oder der Qualifikation der Lehrer.

 

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Die herrschende Ideologie meiner Kindheit, war von einem starken Anti-Amerikanismus geprägt, der sich an lächerlichen Kleinigkeiten zeigte. Meine Mutter hatte mir sogenannte Campinghemden genäht, die über der Hose getragen wurden. Einmal verteilte ich im Auftrag der Schule irgendwelche Flugblätter an die Passanten. Da hielt mich ein „alter Genosse“ an und putzte mich herunter: „Hemd über der Hose und dann so was. Schließlich sind wir hier nicht in Amerika.“ Als etwas zwölfjähriger Junge war ich da ziemlich verstört.

 

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In der ersten Jahren der R-(Russisch)Klasse gab es im Klassenzimmer eine „Rote Ecke“ mit Wandzeitung und Gruppenwimpel der Pioniergruppe. Genauso so ein Politikum war das Tragen des Pionierhalstuches. Nach dem Ende des Stalinismus sah man das alles etwas großzügiger. Auch begannen einige Lehrer mit „Guten Tag“ zu grüßen; andere blieben bei „Für Frieden und Sozialismus! Seid bereit!“ und die Klasse antwortete: „Immer bereit!“

 

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Nach dem 8. Schuljahr wurde die R-Klasse aufgelöst. Die Besten gingen in ein Internat zur Vorbereitung auf das Abitur (12 Klassen). Der Rest, zu dem auch ich gehörte, kam in die „normale“ 9. Klasse zum Abschluss der POS (Polytechnische Oberschule; 10 Klassen).Der Leistungsunterschied der beiden Klassentypen zeigte sich darin, dass ich, der in der R-Klasse zu den schlechtesten Schülern zählte, nun zu den besten gehörte. Da es ab der 9. Klasse keine Schulbänke mehr gab, sondern Tische und Stühle, musste ich nicht mehr an einem extra Tisch, wie auf dem Präsentierteller, vor der Klasse sitzen. Zur Erinnerung: In den Klassenstufen, wo es noch Schulbänke gab, passte ich aufgrund meiner Größe nicht mehr in diese hinein.

 

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Am Ende der 8. Klasse fand auch die Jugendweihe statt; Konfirmation war kein Thema. Vorher gab es ein Jahr lang zur Vorbereitung so genannte Jugendstunden mit Vorträgen und Exkursionen zur Vorbereitung auf das sozialistische Erwachsenenleben. Da mir von den Jugendstunden nichts Prägnantes haften geblieben ist, scheinen sie nicht besonders aufregend gewesen zu sein; mehr die üblichen Pflichtveranstaltungen. Am Feiertag selbst sprachen wir dann in der Feier das Gelöbnis zum Aufbau des Sozialismus und waren nun theoretisch Erwachsene. Anschließend war die Familienfeier; für unsere Verhältnisse ziemlich pompös mit allen Verwandten. Es müssen so um die zwanzig Leute gewesen sein. An Geschenke kann ich mich nicht erinnern. Die einzige Erinnerung betrifft eine von meiner Mutter selbst gemachte, aber missratene Butterkremtorte. Da man sie so nicht servieren konnte, durfte ich die Masse allein aufessen.

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Bevor es ins Berufsleben geht, sind noch drei markante Punkte meiner Biografie zu erwähnen, die mich doch sehr prägten.

In der 6. oder 7. Klasse hatte ich einmal einen Mitschüler, der mich hänselte beim Hofrundgang in der großen Pause auf den Schrotthaufen geworfen, der noch von der letzten Sammelaktion auf dem Schulhof lag. (Der Schrott führte zu einigen zusätzlichen Blessuren.) Das gab natürlich einen Eintrag ins Schülertagebuch (Eberhard war undiszipliniert und warf einen Mitschüler auf den Schrotthaufen.), der vom Erziehungsberechtigten (meiner Mutter) unterschrieben werden musste.

Und in der 10. Klasse (kurz vor der Abschlussprüfung, schlug ich einem Mitschüler aus dem gleichen Anlass einen Stuhl auf den Kopf. Im Ergebnis der Auseinandersetzung mussten wir beide in die Unfallaufnahme des Krankenhauses gebracht werden. Hänseleien war ich gewöhnt, aber eine Toleranzgrenze gab es trotzdem. Von Nachteil war, dass ich meine Kräfte nicht kanalisieren konnte. Daran war bestimmt der fehlende Sportunterricht Schuld. Andere prügelten sich ständig, ohne nennenswerte Folgen.

Und so will ich gleich den dritten Ausraster erzählen, der das Ende meiner ersten Ehe bedeutete. Ich war 20 und zwei Jahre verheiratet, als ich die Kaffekanne (voll) nach der Schwiegermutter meiner ersten Ehe warf, wobei aber nur die Wand beschädigt wurde; zum Glück nicht die Schwiegermutter.

Da nun alle auf mich einhämmerten, dass ich lernen müsste, mich zusammenzunehmen, wurde ich für mein weiteres Leben so sanft und geduldig, dass das auch wieder Kritik hervorrief.

 

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Nun stand die Berufswahl vor der Tür: Wie schon erwähnt, wollte ich gern Elektriker – Strippenzieher wie meine Mutter abfällig sagte – werden, doch sie meinte, ich sei zu Höherem berufen; leider. Sie wollte unbedingt einen studierten Sohn haben. Das wurde ihr auch von der herrschenden Ideologie bestätigt, da Arbeiterkinder angeblich zu allem fähig waren. (Mein leiblicher Vater – den ich nie kennenlernte - war Elektromonteur in einem Braunkohlentagebau, obwohl ich, genau genommen in einem Kleinbürgerhaushalt aufwuchs.) So ergab sich dann eine dreijährige Berufsausbildung mit Abitur als Fernmeldemechaniker. Das war – aus heutiger Sicht – ein Missgriff in doppelter Hinsicht. Für die Oberschule nach der 10. Klasse war ich als nicht geeignet befunden wurden. Auch wenn das Abitur der „Berufsausbildung mit Abitur“ als ein Schmalspurabitur galt, wieso sollte ich nun auf einmal dafür geeignet sein?. Und dann war der Beruf viel zu fummelig für mich. Ich wurde schon immer schnell nervös und zittrig, wenn es um eine Fummelarbeit ging. So gelang es mir meistens nicht, den heißen Lötkolben durch ein Drahtgewirr an empfindlichen Bauteilen vorbei zu führen, ohne irgendwo anzustoßen und Schaden anzurichten. Dies nur als ein Beispiel. Es gab viele solcher Feinarbeiten und so wurden es drei schlimme Jahre, in denen ich nur mit Grausen jeden Morgen ins Fernmeldewerk ging; Schule und Lehrausbildung im wöchentlichen Wechsel, wobei mir die Schulwoche auch nicht gerade ausgleichende Erlebnisse brachte. Ich war; vor allem auf mathematischen Gebiet überfordert. Mit Ach und Krach schaffte ich dann sowohl Abitur als auch den Berufsabschluss als Fernmeldemechaniker.

 

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Ich hatte schon erwähnt, dass mit Beginn der Pubertät eine starke Abnahme meiner Leistungsfähigkeit zu verzeichnen war und da ich im Sportunterricht als „Flasche“ nichts leistete hatte kein Sportlehrer an mir Interesse. Es war eine merkwürdige Situation: Auf der einen Seite fehlten mit die Kräfte, um meinen Körper zu beherrschen und auf der anderen Seite konnte ich sie nicht dosiert einsetzen. Meine Mitschüler – vor allem die Mädchen fielen immer gleich um, wenn ich ihnen nur einen kleinen Schubs gab. Schade, dass niemand auf die Idee kam oder sich die Mühe machte, mich gezielt einer geeigneten Sportart zuzuführen. Meine Mutter war mit mir bei den verschiedensten Ärzten, aber keiner fand einen konkreten Anhaltspunkt für die körperliche Leistungsschwäche.  So wurde ich von der Zensierung im Sportunterricht befreit.

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Während der Lehrzeit wurde ich Achtzehn und man trat an mich heran, in die Partei (SED) einzutreten. Den üblichen Bedenken wurde mit den üblichen Argumenten begegnet und als ich dann Ja sagte, hatte ich wirklich das Gefühl etwas Besonderes und ein Vorbild für die Menschheit zu sein. Die Problematik „Arbeiterkind“ hatte ich schon erwähnt. Doch Ideologie fragt nicht nach Logik und es ist leicht, einem 18jährigen einzureden, dass er etwas Besonderes sei, um ihn zu instrumentalisieren.(Dieses Gefühl war dann bei meinem Austritt 22 Jahre später,1985, endgültig aufgebraucht.) Stolz trug ich mein Parteiabzeichen, um meine neue Haltung auch nach außen zu dokumentieren. Im Rückblick könnte man sagen, dass meine erste Parteiversammlung symptomatisch für die weitere Entwicklung war. Dort hagelte es Rügen: Ein Genosse hatte die auf dem Gepäckträger des Fahrrads fest geschnallte Aktentasche verloren und damit sein Dokument, so wurde das Mitgliedsbuch, genannt. Nun musste er reuevoll Stellung nehmen und sich verantworten. Ich hatte aber irgendwie Mitleid mit dem Mann, der sich in Selbstkritik zerfleischen musste, damit die anderen Selbstgerechten zufrieden waren. Und ein anderer Genosse musste sich wegen einer „sittlichen Verfehlung“ verantworten, weil er mit einer Genossin junge Witwe (Jung in Hinsicht auf das Lebensalter, als auch auf die Witwenschaft), die er im Parteiauftrag unterstützen und trösten sollte, ein Verhältnis angefangen hatte, obwohl er eine kranke Frau zu Hause hatte. Hier sprudelten die Abscheureden wie aus einem unerschöpflichen Brunnen. Zum Glück hatte ich mich zurückgehalten. Was sollte ich auch als Achtzehnjähriger dazu sagen?

 

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Aus heutiger Sicht habe ich im Verhältnis zum anderen Geschlecht einen grundlegenden Fehler gemacht. Offenbar wirkte hier der Einfluss meiner Mutter, die irgendwelche verschwommenen Vorstellungen von einer „sauberen“ Beziehung hatte. So bemühte ich mich Kumpel zu sein, was auch akzeptiert wurde. Nur waren die Mädchen dann ganz verblüfft, wenn ich mehr wollte und wiesen mich zurück.

Einen weiteren Fehler machte ich, indem ich einen lebenserfahrenen Weltmann spielte, der alle Probleme mit der linken Hand meisterte. Ich war aber ein eher schwerfälliger Typ. Diejenigen Mädchen, die einen Weltmann als Freund wollten, durchschauten mich natürlich (Weiß ich heute!) und die anderen, die einen stillen, etwas schwerfälligen Freund akzeptiert hätten, stieß ich vor den Kopf. So saß ich zwischen zwei Stühlen oder zwischen Baum und Borke.

 

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Das führte auch zu einer überstürzten Heirat mit 19. Die Ehe hielt zwei Jahre und endete, nachdem ich mit einer vollen Kaffekanne nach der Schwiegermutter geworfen hatte und sie mit „Kuh“ titulierte. Wenn ich heute zurück blicke hatte ich ein sehr verworrenes und exaltiertes Gefühlsleben. Das Wichtigste war mir, dass ich alle Studienkollegen in festen Beziehungen überholt hatte und als erster verheiratet war. Ich sah immer alles absolut, wollte alles bestimmen und regeln, statt das Leben an mich herankommen zu lassen. Leider wurde ich dabei von meiner Mutter unterstützt, die auch gestattete, meine zukünftige Frau schon vor der Hochzeit bei uns einzuquartieren, was von der Schwiegermutter übel vermerkt wurde. Auch die Hochzeit fand ohne die Verwandten meiner Frau statt. Später gab es dann eine langsame Annäherung bis zu dem bewussten Zwischenfall mit der Kaffeekanne. Dabei weiß ich nicht einmal genau, wobei es bei dem Streit eigentlich ging. Meine Frau blieb dann bei ihren Eltern und ich sah sie ein letztes Mal bei der Scheidung.

 

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Inzwischen war ich schon im zweiten Studium. Nach der Lehre war ich als Genosse zu einem Studium als Lehrer für Staatsbürgerkunde/Deutsch geworben worden, wobei „Deutsch“ für mich das Wichtigere war. Von meinem Charakter und meiner Veranlagung her, war ich aber für nichts ungeeigneter – weiß ich heute - als für Lehrer. Ich strahlte einfach keine Autorität aus. Aber wie es damals hieß: Die Partei hat immer recht. Heute sehe ich es so, dass mich der „Arbeiterjunge“ wie ein Fluch verfolgte. Deswegen sollte ich für alles Mögliche geeignet sind, auch wenn es meiner Art und Veranlagung entgegenlief. Ich hatte schon immer eine etwas schwere Zunge gehabt, aber jeder sagte, das gibt sich mit dem Erwachsenwerden. Nun fand im zweiten Studienjahr eine Sprachüberprüfung statt und ich wurde für den Lehrerberuf als ungeeignet eingestuft. Warum man das nicht vor dem Studium machte, ist mir bis heute ein Rätsel. Und so wurde ich aus gesundheitlichen Gründen exmatrikuliert.

 

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Aus heutiger Sicht meine ich, dass ich für ein Studium generell noch nicht reif war. Zum Teil wurde mir erst Jahre/Jahrzehnte später klar, wie dies oder das gemeint war und wie ich es hätte anpacken müssen. Die Fachkombination Staatsbürgerkunde/Deutsch führte auch zu einer sehr heterogenen Mischung der Kommilitonen: Zum einen die 150prozentigen, die wegen „Stabü“ gekommen waren und zum anderen die Germanistikfreunde, die wegen „Deutsch“ gekommen waren. Allerdings waren wir in der germanistischen Abteilung nicht besonders gern gesehen. Ich war weder Fisch noch Fleisch; fühlte mich irgendwie unwohl. Auch machten mir die Ernteeinsätze gesundheitlich zu schaffen, was ich mir aber nicht anmerken lassen durfte. Ein Genosse hatte immer zu allem bereit zu sein. Auch war ich nach offizieller Lesart gesund und hatte mich zusammen zu nehmen. Heute, mit starker Linksherzschwäche, meine ich, dass das damals schon begonnen hatte, aber nicht diagnostiziert werden konnte. Es gab noch keinen Ultraschall für das Herzecho.

 

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Im zweiten Studienjahr begann die Sprecherziehung. Dabei stellte sich heraus, dass ich einen unheilbaren Sprachfehler hatte. Dieser machte mich zum Lehrberuf ungeeignet. So stand die Frage im Raum: Wie nun weiter?

Durch miteinander befreundete Lehrkräfte wurde ich an die Fachschule für wissenschaftliches Bibliothekswesen an der Deutschen Bücherei in Leipzig vermittelt. Das war nun aber ein Abstieg von der Universität an eine Fachschule. Doch ein anderer Weg zeigte sich nicht. Das neue Studium begann im September, so dass ein halbes Jahr in der Luft hing. So nahm ich eine Überbrückungsarbeit als Magazingehilfe an der Universitätsbibliothek an. In dieser Zeit erhielt ich nur Lob für meine Arbeit, das mich jahrelang verfolgte. „Ach Herr Kamprad, das ist der, der den Zeitungsboden aufgeräumt hat.“

Ich vermute, dass der soziale Abstieg, wenn man es so nennen will, auch meine Schwiegermutter gewurmt hat, die nun keinen zukünftigen Akademiker mehr als Schwiegersohn hatte. Ohne, dass ich das damals merkte, wird es mit zur Zerrüttung meiner Ehe beigetragen haben.

 

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Im Dezember 1997 begann das neue dreijährige Studium als Bibliothekar an wissenschaftlichen Bibliotheken. Vom dreiwöchigen Ernteeinsatz in den Kartoffeln hatte ich mich diesmal befreien lassen. Das förderte nun aber nicht meine Integration in die Studiengruppe. Obwohl es „nur“ ein Fachschulstudium war, fiel es mir wiederum nicht leicht. Es fehlte mir vor allem an der Fähigkeit zu längerem konzentrierten geistigen Arbeiten; weniger an der Intelligenz.

Dazu kam noch die besondere soziale Situation in der Studiengruppe: Wir waren nur zwei Männer und rund 20 Frauen; bald nur noch einer (ich), da der andere noch einem Monat aufhörte.

Wenn ich in meinem Gedächtnis krame, finde ich für die drei Jahre wenig Berichtenswertes. Ich merke überhaupt, dass aus der Kindheit viel mehr und Eindrückliches gespeichert ist, als später. Je weiter die Zeit auf der Lebensleiste fort schreitet, desto lakonischer werden die Erinnerungen.

 

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Das Studium endete nach drei Jahren nicht mit dem Abschlusszeugnis, da ich in der zweiten Sprache (Latein) die Prüfung nicht geschafft hatte. Trotzdem begann ich in der Deutschen Bücherei in Leipzig – heute Deutsche Nationalbibliothek – als Bibliothekar zu arbeiten. Allerdings bekam ich bis zur Ablegung der Prüfung weniger Gehalt. Später holte ich die fehlende Prüfung nach und mein Berufsleben begann und damit ist das geplante Ende dieses chronologischen Lebensabrisses erreicht.

Trotzdem fällt einem noch diese oder jene Episode ein, die ich hier in lose Folge anführe.

 

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Für den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis habe ich ein schönes Beispiel.

Zur Bibliothekarsausbildung gehörte das Zehnfinger-Blind-Maschineschreiben. Dazu wurde die Tastatur mir einer Pappe abgedeckt. Es handelte sich dabei (1968) um Schreibmaschinen aus den 30er Jahren. Ich war der Einzige, der durch die Prüfung fiel … und … der Einzige, der dann in der Praxis mit 10 Fingern blind schrieb; auch heute noch am Computer. Ich vertippe mich zwar ziemlich oft, aber bei einem Textverarbeitungsprogramm ist das im Unterschied zur Schreibmaschine kein Problem.

 

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Ein unerfüllbarer Traum war für unsere Familie ein Fernsehgerät. Wir waren froh, dass wir es um 1960 (Da war ich 15.) zu einem Radio gebracht hatten. So langsam wurden wir ohne Fernseher zu Exoten. Wir müssen in sehr begrenzten finanziellen Verhältnissen gelebt haben, dass es uns nicht gelang, der Geld für einen Fernseher zusammen zu sparen. Da Fernsehgeräte Mangelware waren, gab es auch keine Teilzahlung, wie damals ein Konsumentenkredit hieß. Ein Versuch mit dem Kauf eines gebrauchten Gerätes war ein Fiasko, denn es war mehr defekt, als das es lief. Eine Weile gingen wir zum öffentlichen Fernsehen ins Aufklärungslokal der Nationalen Front oder zu Verwandten mit Fernseher.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2008 - 2012

 


 

ZEITTAFEL

 

7.8.1945: Geburt

01.09.1952 – 31.08.1962: Zehn-Klassen-Schule

01.09.1962 – 15.07.1965: Berufsausbildung Fernmeldemechaniker mit Abitur

16.07.1965 – 31.08.1965: Prüfmechaniker Fernmeldewerk Leipzig

01.09.1965 – 16.05.1967: Lehrerstudent Karl-Marx-Universität Leipzig

17.05.1967 – 13.09.1967: Magazingehilfe Universitätsbibliothek Leipzig

14.09.1967 – 19.07.1970: Student Fachschule für wissenschaftliches Bibliothekswesen, Leipzig

20.07.1970 – : Bibliothekar Deutsche Bücherei Leipzig

 

 

 


 

 

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