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Werke 5 enthält: 1. Meine Schwester. -  2. Neuanfang. - 3. Neue Erfindung. - 4. Der Rock, ...

 


 

Meine Schwester

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Ich sollte Holly beim ersten Badeausflug mit ihrem neuen Freund begleiten. Davon war ich nicht begeistert. Ich mochte den Kerl nicht, der, kurz nachdem Holly ihn kennengelernt hatte, mit mir ein Gespräch von Mann zu Mann führen wollte. Er erkundigte sich, ob Holly nackt scharf aussehe. Bei unserem engen Zusammenleben hätte ich sie doch bestimmt schon mal so gesehen. Natürlich meine er nicht die Zeit, als es außer dem Kleinmädchenschlitz noch nichts zu sehen gab. „Ha, ha, ha!“ Während seine dreckige Lache ertönte, ließ ich den Blödmann einfach stehen. Natürlich wusste ich, wie Holly nackt aussah, früher und auch jetzt. Wenn am Morgen die Zeit drängte, gingen wir oft gleichzeitig ins Bad. Holly nahm das Waschbecken; ich bevorzugte die Dusche. Ging schneller, als sich Stück für Stück einzuseifen, wie es Holly tat. Beim Rückenwaschen halfen wir uns gegenseitig. Holly gab mir zum Abschluss einen Klaps auf das Hinterteil. Ich hatte das früher bei ihr ebenso getan, aber seit ihr Körper runder und voller war, hielt mich irgendetwas davon ab.

Seit dem Tod unserer Oma lebten wir sehr oft allein in der Wohnung. Unsere Eltern waren als Journalisten mehr unterwegs als zu Hause. Als die Frage unserer Beaufsichtigung diskutiert wurde, erklärte Holly, damals 14, dass wir sehr gut allein zurechtkämen. Sie wollte keine fremde Person in der Wohnung. Die Eltern stimmten schließlich zu, da meine Schwester für ihr Alter schon sehr verständig und zuverlässig war.

Jetzt war sie 19 und eine richtige Frau. Wir hatten bewiesen, dass wir es schafften, allein das Leben zu meistern. Mir war es damals mit 9 Jahren nicht leicht gefallen, alle Aufgaben im Haushalt zu erledigen, die meine Schwester mir übertrug. Ich hätte lieber gespielt.

 

Natürlich waren Holly und ich die Ersten am Treffpunkt. Ich warf einen Blick auf meine Schwester. Heute hatte sie schwarze Haare. Dafür war aber auch das halbe Badezimmer versaut und ich durfte es sauber machen. Passend zur Haarfarbe hatte sie einen neuen schwarzen Slip mit Spitze angezogen. Aber das wusste natürlich nur ich.

„Holly?“

„Ja, Brüderchen?“

„Du siehst schön aus.“

„Danke! Ach, da kommt endlich Maximilian!“

„Hallo Süße“, tönte dieser und schmatzte einen Kuss auf Hollys Wange, obwohl sie ihm diese nicht hingehalten hatte. Der Kerl ging mir schon wieder gewaltig auf die Nerven.

Eine Bö wehte Hollys Rock hoch. Schnell schlug sie ihn wieder herunter. In meinem Bauch breitete sich auf einmal ein unbekanntes Gefühl aus. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass sie ein ausgesprochen hübsches Hinterteil hatte. Der Stoff des Höschens umspannte straff, aber nicht quetschend, die Backen, die schwarze Spitze folgte den natürlichen Körperlinien, das Ganze wirkte wie eine gut verpackte Kostbarkeit. Es war etwas Anderes als morgens im Bad. Maximilian hatte die Hauptsache verpasst, weil er sich gerade nach einem vorbeigehenden Mädchen umgedreht hatte. Nun hoffte er auf eine Wiederholung, starrte, wie ein gebanntes Kaninchen auf Hollys Rocksaum und wartete auf den nächsten Windstoß.

Im Freibad war es nicht einfach, einen Platz zu finden, der uns allen zusagte: Max wollte möglichst weit weg von anderen Badegästen, ich am liebsten ins größte Gewimmel und Holly legte besonderen Wert auf weiches Gras. Endlich rollten wir die Decke aus. Max und ich trugen unsere Badehosen unter den Jeans. Holly war eine Umkleideexpertin. Ich kannte die Vorführung und wartete auf schon auf das dumme Gesicht von Max. Der dachte tatsächlich, er würde jetzt was zu sehen bekommen. Blitzschnell griff Holly unter ihren Rock und warf das schwarze Knäuel des Slips in Richtung Tasche. Dann stieg sie in den Badeanzug und schob ihn zusammen mit dem ganzen Kleid nach oben, zog es sich über den Kopf, schlüpfte in die Träger des Badeanzugs - und war fertig. Ich konnte nicht an mich halten und musste losprusten, als ich das dumme Gesicht von Max sah. Er warf mir einen wütenden Blick zu und wandte sich wieder Holly zu. Jetzt zeigte sein Gesicht echte Bewunderung. Auch ich musste feststellen, dass mir meine Schwester in dem knapp sitzenden Badeanzug außerordentlich gut gefiel. Da war wieder dieses eigenartige neue Gefühl im Bauch.

Holly stand vor uns und streckte sich der Sonne entgegen. Ich blickte zu meiner Schwester auf und ein Blitz durchzuckte meinen Körper. Über mir wölbte sich der sanfte Hügel ihres Schamberges, der Stoff des Badeanzugs war in die Spalte geruscht und machte ihre weiblichen Formen deutlicher sichtbar, als wenn sie nackt gewesen wäre. Ich schluckte krampfhaft und rollte mich schnell auf den Bauch, um die Reaktionen meines Körpers zu verbergen.

 

 

Nach einer gemeinsamen Ruhepause fing Max an, meine Schwester zu necken und dies als Vorwand zu Balgereien zu nehmen. Holly ging lachend darauf ein. Aber mir fiel auf, dass er mehrmals scheinbar zufällig ihre Brust streifte. Ich wurde ärgerlich, dass Holly sich das gefallen ließ. Als Zufall ließ es sich aber nicht mehr kaschieren, als er zwischen ihre Beine griff, mit einem Finger durch die vom Badeanzug angedeutete Furche fuhr und dann ihren ganzen Schoß mit einer Hand umfasste. Holly stieß ihn von sich, dass er ein paar Meter weit weg rollte.

 

 

„Bist du verrückt? So weit sind wir noch lange nicht und werden auch nie so weit kommen!“

Wütend begann sie unsere Sachen zusammenzupacken, ich half ihr dabei. Der Kerl kam mit bittender Gebärde auf uns zu: „Holly. Die Leute!“ „Hau ab“, kreischte meine Schwester, dessen ungeachtet, dass unsere Nachbarn aufmerksam wurden, „ich will dich nie wieder sehen!“ Da rastete er aus: „Verdammte Nutte, willst wohl lieber mit deinem Bruder bumsen, ich habe genau gesehen, wie gierig er dich angestarrt hat!“ Holly erwiderte nichts, fasste mit der einen Hand unsere Badetasche, mit der anderen meine Linke und wir zogen davon. Als ich mich umblickte, sah ich, wie Maximilian das liegen gebliebene schwarze Höschen aufhob und an sein Gesicht führte.

 

Stumm gingen wir nach Hause. Als wir uns vor dem Schlafengehen - schon in Nachtsachen - zum gewohnten Tagesplausch im Wohnzimmer zusammenfanden, fragte Holly: „Was meinte denn dieser Blödmann vorhin?“

„Ach nichts“, ich stockte, dann gab ich mir einen Ruck. „Als du dich vorhin strecktest und der dünne Stoff die Formen, deiner ..., von deinem ..., na ja, eben deine Körperformen zwischen den Beinen genau zeigte, da, da merkte ich, dass du nicht nur meine Schwester, sondern auch ein Mädchen bist, dass mir gefällt und ..., und ..."

Holly half mir weiter: „Du bekamst einen Steifen?“ Stumm nickte ich, dann nach einer Weile: „Ich musste mich schnell auf den Bauch rollen.“

„Hör zu! So darfst du nicht an mich denken! Ich bin deine Schwester und nicht deine Freundin. Da müssen wir bei unserem Zusammenleben einiges ändern. Ich nickte. Dann haschte ich nach Hollys Hand und sie entzog sie mir nicht.

„Holly?“

„Ja?“

„Als der Wind vorhin deinen Rock hochwehte, habe ich etwas festgestellt.“

„Was denn? Ist mein Slip kaputt? Ich habe doch extra einen neuen zum Minirock angezogen.“

„Du hast einen süßen Arsch.“

Jetzt wurde sie ernstlich böse und entzog mir ihre Hand.

„Lass deine merkwürdigen Komplimente. Das ist kränkend für mich. Denk lieber an die Hinterteile deiner Klassenkameradinnen!“

„Das sind kleine Mädchen.“

„Sie sind so alt wie du, dann bist du ein kleiner Junge, der sich noch nicht für so etwas interessieren sollte.“

„Ich bin kein kleiner Junge. Schau meine Muskeln!“

Holly lachte, schubste mich aus dem Sessel und warf sich auf mich. Im Nu waren unsere Körper ineinander verkeilt und wir balgten und auf dem Teppich. Doch diesmal nahm der geschwisterliche Ringkampf eine anderes Ende.

 

Als der Sturm vorüber war und wir nackt und erschöpft nebeneinander lagen, fragte ich Holly: „Was soll nun werden?“

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Dez. 2002, überarb. Aug. 2005

 

 

 


 

 

Neuanfang

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Felix war alt und in vielen Dingen etwas nachlässig. Seinem Rauhaardackel Max ging es ebenso. Mit zunehmendem Alter war ihnen manches unwichtig geworden. Beider Bärte wirkten ungepflegt, Haar und Fell waren struppig und mit der Reinlichkeit nahmen sie es auch nicht mehr so genau. Da Felix und Max im gleichen Bett schliefen, störte das keinen. Ihre Ausdünstungen vermengten sich zu einer speziellen Geruchsmischung. Wenn sie auf der Straße Kindern begegneten, veranlasste das die Mütter zu der Ermahnung: „Geht nicht so nah an dem alten Penner und seinem dreckigen Köter vorbei! Wer weiß, was ihr euch da weg holt?“

Viermal täglich drehten die beiden ihre Runde durch das Wohngebiet. Dem Dackel fiel es von Tag zu Tag sichtlich schwerer, langsam setzte er eine Pfote vor die andere. Eines Morgens vermisste Felix den warmen Körper an seiner Seite. Besorgt erhob er sich, um nach Max zu sehen. Da lag er in seinem Körbchen und stand nicht mehr auf. Felix hockte sich davor und hielt eine stumme Zwiesprache mit dem langjährigen Gefährten seiner einsamen Tage. Dann wickelte er den kleinen Körper in die Lieblingsdecke und trug ihn zur Abgabe zum Tierarzt. Mühsam unterdrückte er die Tränen, als er ihn aus den Händen gab. „Das war mein letzter Freund“, sprach er stockend zu der Assistentin, als er seine Gebühr bezahlte, „nun bin ich ganz allein. Am besten ich fahre auch bald in die Grube.“ Wie als Widerspruch hörte er plötzlich kräftiges Bellen unter dem Tisch hervor. Dann erschienen zwei Pfoten an der Tischkante und darüber ein Dackelkopf, der Felix mit klugen, braunen Augen anblickte. Der kleine Kerl stand mit gestreckten Hinterpfoten auf einem Stuhl, sodass er gerade über den Tisch gucken konnte. „Das ist Paul, unser Sorgenkind“, erklärte die Mitarbeiterin. „Sein Besitzer hat ihn zum Einschläfern gebracht, weil er bösartig sei. Er ist aber ein ganz normaler Hund, nur etwas eigensinnig, wie Dackel eben sind und natürlich mit einem halben Jahr noch nicht erzogen. Wir dürfen aber laut Gesetz kein gesundes Tier einschläfern und sind nun auf der Suche nach dem Züchter, denn bei dem bisherigen Besitzer wollten wir ihn auch nicht lassen." Felix betrachte den Dackel, der Dackel betrachtete Felix. „Wollen Sie ihn mitnehmen?“, fragte die Tierarzthelferin, „er würde nichts kosten.“ „Wuff-Wuff“, machte Paul und das hieß offenbar: „Ich bin einverstanden.“ Felix zögerte. „Eigentlich denke ich immer noch an meinen Max. Ich weiß nicht, ob ein neuer Hund jetzt das Richtige wäre?“
Der Dackel verschwand traurig wieder unter dem Tisch. Er hatte offenbar gespürt, dass es nichts mit einem neuen Zuhause war. Felix ging zur Tür, kehrte aber plötzlich um. „Geben Sie ihn mir. Zwei Verlassene gehören zusammen.“ Die Schwester reichte Felix den Hund, der zum Glück Halsband und Leine umhatte, und beide zogen los.

Zu Hause angekommen nahm Paul die Gerätschaften seines Vorgängers in Besitz, nachdem er sie ausgiebig beschnüffelt hatte. Beim nächsten Ausführen hatten ihn bald die Kinder entdeckt. „Babyhund! Babyhund!“, riefen sie, kamen aber nicht näher. Paul freute sich über die Aufmerksamkeit, legte sich auf den Rücken und strampelte mit den Pfoten. Ein etwa zehnjähriger Junge überwand schließlich seine Scheu und die Ermahnungen der Mutter und kam näher.

„Wie heißt ’n der Hund?“
„Paul.“

„Mensch! Ich heiße auch Paul. Ein tolles Ding.“

Paul hockte sich hin und streichelte dem Dackel den Bauch.

„Darf ich ihn auch einmal nehmen?“

Felix entgegnete, dass der Kleine erst einmal Ruhe bräuchte und sie verabredeten sich in zwei Stunden am Klettergerüst.

Wieder daheim setzte Felix das Hundekind ins Körbchen. Paul fiel um und schlief sofort ein. Es waren doch zu viel Aufregungen für das junge Hundegemüt gewesen. In zwei Stunden hatte er also eine Verabredung, überlegte Felix. Verabredung? Seit Langem hatte er nur medizinische Termine wahrgenommen. Die Ärzte und Schwestern mussten ihn so nehmen, wie er war, auch wenn sie manchmal die Nase rümpften. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal geduscht hatte. Es musste etwa einen Monat her sein. Seitdem hatte er es bei Katzenwäsche bewenden lassen. Ein Duschbad fand er beim Stöbern im Badschrank nicht, aber klares Wasser war besser als nichts. Beim nächsten Einkauf „Duschbad“ notierte er auf seinem Zettel. Ein angenehmes Gefühl war es, das Rieseln des warmen Wassers auf der Haut zu spüren. Er genoss es länger als eigentlich nötig, dachte einmal nicht an die Wasserrechnung. Dann stand er lange vor dem Kleiderschrank. Frisch geduscht, wollte er nicht wieder in die alten Sachen kriechen. Als einziges vorzeigbares Stück hing da der schwarze Anzug, den er vor zehn Jahren zur Beerdigung seiner Frau gekauft hatte. Nein! Das ging nun wirklich nicht. Aber Moment! Als er einmal zur Kur war, hatte er sich einen Jogginganzug zulegen müssen. Damals hatte er das absurd gefunden und wohlgefühlt hatte er sich auch nicht darin. Viel zu jugendlich! Wäre das nicht etwas für heute? Wo hatte er ihn denn hingetan? Er suchte und suchte, krempelte fast die ganze Wohnung um. In der hintersten Ecke des Oberschrankes fand er ihn schließlich in einem Karton. Frisch geduscht und rasiert im Jogginganzug! Ach ja, rasieren musste er sich auch noch und mal mit der Haarschneidemaschine über den Kopf fahren. Als Paul in seinem Körbchen erwachte, blickte er verwundert. „Du erkennst mich wohl nicht?“, lachte Felix, „hier schnuppere mal, damit du weißt, dass ich wirklich dein neues Herrchen bin. Ich habe auch noch geduscht, vergiss das nicht bei der Geruchskontrolle.“ Der Hund schnupperte an der hingehaltenen Hand, rappelte sich dann auf und lief zur Tür. Schon fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit waren Felix und Paul am Klettergerüst und warteten auf den Jungen.

„Wow, ich habe Sie erst gar nicht erkannt“, begann Paul das Gespräch. „Sie sehen so verändert aus.“

„Meinst du?“

„Na ja, so einen schicken Jogginganzug hatten Sie noch nie an. In den anderen Sachen sahen Sie wie ein Penner ... Entschuldigen Sie!“

„Du kannst ruhig ‚du’ zu mir sagen. Ich nehme dir deine Bemerkung nicht übel. In gewissem Sinne hast du recht, wenn man es auch üblicherweise den Menschen nicht ins Gesicht sagt.“

„Und warum haben Sie, ... hast du dich heute anders angezogen? Frisch rasiert ... bist du auch.

„Tja ... ich wollte eben zu euch beiden Pauls passen. Ihr seid ja auch frisch und sauber.“

„Ja, damit nervt mich meine Mutter immer. Komisch, dass wir den gleichen Namen haben. Wir gehören wahrscheinlich zusammen. Kann ich ihn jetzt einmal nehmen?“

Felix lachte und gab ihm die Hundeleine. Stolz führte Paul seinen neuen Freund. Der Dackel schaute häufig zu ihm auf und gab sich sichtlich Mühe, so etwas wie eine Art „Fuß laufen“ zu Stande zu bringen, wenn er auch noch manchmal über seine kurzen Pfoten stolperte.

Das war der Auftakt einer langen Reihe von gemeinsamen Spaziergängen, denen sich bald auch andere Kinder anschlossen. Der Welpe wuchs und wuchs und war bald ein stattlicher Dackelrüde und der Liebling des ganzen Wohngebietes. Opa Felix wurde der Freund aller Kinder. Oft kamen sie mit ihren kleinen oder großen Sorgen zu ihm. Er war zwar alt, hatte aber immer Zeit.

 

© Juli 2001 Eberhard Kamprad, Leipzig

 

 Veröff.in: Mensch und Hund : Kurzgeschichten / Eberhard Kamprad. - 1. Aufl. - (Schutterwald) : Testudoverlag Ute Winkler, 2010. - 31 S. ; 15 cm. - (Mini-Testudo; Bd. 11). - ISBN 978-5-942024-10-5 : geh. : EUR 2,00

 

 

 


 

 

Neue Erfindung

Ein Bericht aus dem Jahr 3003

Eberhard Kamprad

 

Zentraleinheit Mittelsachsen, 228/3003

 

Am heutigen Tag meldet die Zentraleinheit eine neue, bahnbrechende Erfindung, die alles bisherige auf dem Gebiet der Informationstechnologie in den Schatten stellt. Es handelt sich um nichts weniger als um einen eventuellen Ersatz der Lesegeräte, die es bisher als einzige Möglichkeit gibt Text an den Leser zu bringen.

Die funktionalen Vorteile der neuen Erfindung sind: Sie verbraucht keinen Strom, benötigt also auch keine Batterien oder Akkus. (Das ist besonders in Zeit knapper werdender Energieresourcen ein entscheidender Vorteil.) Der Speicher ist unlöschbar, außer wenn der Datenträger körperlich zerstört wird. Sie benötigt kein Network oder World Wide Web, ist also auch keinen Hackerangriffen ausgesetzt. Sie kann in jeder Lage und Situation benutzt werden, von der Toilette über die Verkehrsmittel bis zum Bett. Da die Speicherung der Daten nicht magnetisch erfolgt, brauchen Sie kein abgeschirmtes Transportmittel zum Schutz vor Magnetpiraten.

Man kann sie auch mit Bildern versehen; die Erfinder nennen es dann Bilderbücher. Damit sind sie sogar für kleine Kinder, die des Lesens noch nicht mächtig sind, von Interesse. Aufgrund des „warmen“ Materials – im Gegensatz zu den Lesegeräten - spricht es auch die Gefühle der Kinder an. Sie nehmen die Bücher mit ins Bett, streicheln sie, lieben sie.

Wie sieht nun dieses Wunderwerk moderner Technik aus? Im Aufriss hat es etwa die Größe eines Lesegerätes. Die Dicke ist abhängig von der Zahl der Speichereinheiten. (Ab 500 Speichereinheiten wird es etwas unhandlich, in diesem Fall empfiehlt sich die Herstellung von 2 Exemplaren. Auf die Speichereinheiten können von beiden Seiten Daten aufgespielt werden. Die Daten entsprechen den Zeichen, wie sie auch in Lesegeräten verwendet werden. Durch ein besonderes Verfahren werden sie mit Hilfe schwarzer Farbe fixiert.

Die einzelnen Speichereinheiten, die Erfinder nennen sie Seiten, sind an einer Seite miteinander verbunden und bilden ein kompaktes Ganzes. Zum Schutz der Seiten erhält der Speicher eine feste Hülle, Einband genannt. Ohne jedes Zusatzgerät blickt man auf die Seiten und nimmt die Daten in sich auf, wie bei einem Lesegerät. Am Ende der Seite klappt man diese um und setzt auf der nächsten fort. Auf die Art kann man auch rückwärts blättern.

Die Forschergruppe unter der Leitung von Jo Gensfleisch-Gutenberg schlägt für das neue Medium das Kunstwort BUCH vor und bringt seiner Erwartung Ausdruck, dass es sich bald umfassend durchsetzen wird. Kritiker meinen, dass kein Bedarf an einem neuen Medium besteht. Seit hunderten von Jahren arbeiten die Menschen mit dem elektronischen Lesegerät und es bestand bisher kein Bedarf an einer Veränderung.

Lassen wir zum Schluss Jo Gensfleisch-Gutenberg sprechen: Noch nie stand die Menschheit vor einer derartigen Herausforderung; vor der Möglichkeit einen gewaltigen Entwicklungssprung zu machen; mit Hilfe des BUCHES.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Dez. 2010

 

 


 

 

 

 

Der Rock - ein fast vergessenes Kleidungsstück

Essay

Eberhard Kamprad

 

 

In der späten Kindheit gab es für die erwachende Männlichkeit von uns Jungen nichts Interessanteres als die Röcke der Mädchen: Was war darunter? Welches Geheimnis verbarg sich da?

Großes Gejohle, wenn sich einer traute, einem Mädchen den Rock hochzuheben. Manchen solcherart Attackierten gefiel das Interesse und sie wehrten die künftigen Männer kokett ab. Andere weinten und beklagten sich bei der Lehrerin. Das führte zu einer Aussprache in der Klasse und zu dem nüchternen Hinweis, sich über Damenunterwäsche im Schaufenster zu informieren. Natürlich traf das nicht den Kern des Problems. Es kommt schließlich auf den Inhalt an und was offen dargeboten wird, ist nicht mehr geheimnisvoll und verliert seinen Reiz; genauso, wenn frau eine kurze Hose trägt. Da ist genau festgelegt, wie viel sie von ihren Beinen zeigt: kein Raum für Fantasie und Spekulationen. Ein Rock dagegen ist ob seiner unscharfen Grenze immer eine Verheißung auf mehr. Schon ein Windstoß kann den Einblick erweitern. Dann kommt es auch auf den Standpunkt an. Befindet der Mann sich tiefer als die Frau, verschiebt sich der Blickwinkel. Deshalb galt es früher als unschicklich, hinter einer Frau, die nicht die eigene war, die Treppe hochzugehen. Bei der eigenen sollte man es tun, um anderen Männern den Blick unter den Rock zu versperren. Schließlich hat frau auch selbst die Möglichkeit, dem Mann etwas zu bieten, wenn ihr daran liegt.

Es muss nicht gleich wie bei Sharon Stone sein, die in der berühmten Filmszene vor einer sie verhörenden Männerrunde die Beine übereinander schlägt. Die Fantasie des Zuschauers wird noch zusätzlich angeheizt. Er weiß, dass sie vergessen hat, den Slip anzuziehen. Das wird der Normalfrau kaum passieren. Und doch ist der Rock ein vielseitig spielbares Instrument, um unabsichtlich absichtlich einem gegenübersitzenden Mann mehr oder weniger sehen zu lassen.

Als ich begann, mich für Röcke zu interessieren, lag der Saum zehn Zentimeter unter dem Knie. (100 Jahre früher gerieten die Männer außer Rand und Band, wenn beim Einsteigen in die Kutsche der Fußknöchel einer Frau sichtbar wurde.) Dann kam die Zeit der Miniröcke. Langsam wanderte der Saum immer höher, bis die Gesäßbacken Einhalt geboten. Da war nun aber auch nichts mehr mit Verheißung und Geheimnis. Wie bei einer kurzen Hose zeigte frau, was nach der Sitte möglich war. Nur, wenn sie aufrecht stand, musste alles bedeckt sein. Beim Sitzen war vom Rock kaum noch etwas zu sehen. Wollte frau zusätzlich auf ihre Beine aufmerksam machen, konnte sie ständig schamhaft am Rocksaum zupfen.

Doch wie jede Mode, währte auch diese nur kurze Zeit. Die Frauenwelt entdeckte die lange Hose als universelles Kleidungsstück. War sie vorher eher eine Ausnahme gewesen, wurde sie nun Allgemeingut. Das Vorurteil eines maskulinen Kleidungsstils fiel schnell. Da Frauen nie verlegen waren, einen Weg zu finden, ihre Reize zur Schau zu stellen - was im urwüchsigsten Sinn der Erhaltung der Menschheit dient - entdeckten sie nun, dass sich bei einer extrem engen Hose alle Rundungen und Falten des Körpers im Stoff widerspiegeln. Aber damit ist wieder ein Geheimnis verloren gegangen.

Die meisten Frauen greifen nur noch als Ausnahme im Hochsommer auf das luftige Kleidungsstück des Rockes oder Kleides zurück. Dann wird aber an Stoff gespart, was nur geht. Eine Frau, die von oben und unten, die Grenzen der Moral ausschöpft, braucht nur noch 30 cm Stoff, das Nötigste um die Hüften herum zu bedecken. Ein kleines Oberteil ist noch üblich, aber das verschwindet vielleicht auch bald.

Trotz des Vorteils, den lange Hosen im Alltag bieten, wollte frau auf die Wirkung der nackten Haut nicht verzichten. Hatte sich die Minirockmode von unten nach oben vorgearbeitet, kam jetzt der umgekehrte Weg. Der Bund rutschte bei Röcken und Hosen immer weiter nach unten, bis auch hier wieder das Gesäß Einhalt gebot. Gleichzeitig wanderte der Saum des Oberteils nach oben, so dass frau nun ihr nacktes Mittelstück präsentiert.

Vom Erotischen ins Komische schlitterten jene Frauen, die den Rock durch ein Longshirt ersetzten, das gerade einmal den halben Hintern bedeckte. Noch dazu, wenn eine helle Strumpfhose offenbarte, das frau geblümte Unterwäsche trug.

50 Jahre später kenne ich nun das Geheimnis, das unter dem Rock ist, doch es nützt mir nichts mehr. Die Röcke sind verschwunden. Was ist ein nackter Bauch gegen das Geheimnis und die Verheißung eines schwingenden Rockes?

 

NACHTRAG:

In diesem Winter haben mich die Mode und die modebewussten jungen Frauen überrascht und meine obige Aussage Lügen gestraft: Sie tragen einen relativ kurzen Rock aus derben Wollstoff und dazu dicke Strumpfhosen. Mann kann also wieder schöne Beine bewundern – oder sich entsetzt abwenden.

 

 

© by Eberhard Kamprad, Juni 2005, erg. Jan. 2010

 


 

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