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 Werke 6 enthält: 1. Vergessen. - 2. Die verschwundenen Leser. - 3. Warten

 

 


 

 

Vergessen

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Seine Arbeit beginnt zwei Stunden, bevor der Gottesdienst anfängt. Entgegen landläufigen Vorstellungen besteht die Arbeit des Küsters, auch Kirchner oder Kirchendiener genannt, nicht nur aus dem Anzünden der Kerzen. Er arbeitet ein ganzes Programm ab, trägt Sachen von hier nach da und von da nach dort, bis alles an seinem Platz ist: Lautsprecher für die Krabbelstube in die Steckdose, die Agende, die Bibel und die Gesangbücher bereitlegen, sechs mal Lieder anstecken, das Licht in der Brauthalle, im Kirchenschiff, und im Altarraum anschalten, ein Rundgang über die Emporen, dort alle Türen schließen, den Paramentenraum öffnen, die Abendmahlsgeräte auf den Altar stellen, Taufschale und Kanne zum Taufstein bringen, das Zählbrett in die Sakristei schaffen, die Kollektenbüchse an den Haupteingang stellen, die Kerzen am Altar anzünden, die Trageleuchter für den Kindergottesdienst auf den Altar legen, in der Kapelle und im Aufenthaltsraum einen kleinen Stuhlkreis um den Altar stellen, die Kollektenbeutel an den Eingang legen, das Hauptportal öffnen, 5 Minuten läuten mit der Glocke 3.

Zum Schluss versucht er, die altersschwache Lautsprecheranlage in Betrieb zu nehmen. Dazu sind verschiedene Tricks nötig. Er hängt etwas mit der Zeit. Jetzt kommen schon die ersten übereifrigen Gottesdienstbesucher und der Lektor, der jedes Mal dieselbe Frage stellt: „Ist der Verstärker eingeschaltet?“ Es kostet ihm Mühe, statt einer bissigen Bemerkung auch dieses Mal freundlich mit „Ja!“ zu antworten.

Der Dienst fällt ihm nicht leicht. Verschiedene Krankheiten führten vorzeitig zur Erwerbsunfähigkeit. Die Rente ist nicht üppig. Deswegen ist das kleine Entgelt für die Arbeit am Sonntagvormittag sehr willkommen. Außerdem fühlt er sich nützlich, denkt er wird gebraucht. Das bestätigen ihm auch die Gottesdienstbesucher: „ Ja, wenn wir Sie nicht hätten …“

Bis zum Beginn des Gottesdienstes sind es noch einige Minuten. Zeit sich hinzusetzen und etwas zu verschnaufen. Doch auf einmal legt sich ein schmerzender Ring um seine Brust; droht, ihm die Luft abzudrücken. Er versucht tief durchzuatmen, doch es gelingt nicht recht. - - - Dann verschwindet der Druck, löst sich auf. Er kann wieder frei atmen. Was war das? Hat er sich einen Muskel gezerrt?

Beim Aufräumen nach dem Gottesdienst hilft ihm Schwester Gudrun, eine ältere Diakonissin. Da sie früher als Gemeindeschwester tätig war, hat sie die Erlaubnis, in einer eigenen Wohnung zu leben und ist aufgeschlossener und weltoffener als ihre Glaubensschwestern sonst. Sie wäscht ab und reicht ihm die Kelche zum Abtrocknen.

„Ist denn ihr Platz im Mutterhaus nun sicher, Schwester Gudrun?“

„Ach, da fragen sie was …“

Sie taucht einen Kelch so heftig ein, dass das Wasser umher spritzt. Er tritt einen Schritt zurück.

„Mal soll es bald klappen, dann wieder nicht. Es ist immer noch unklar, wie schnell es mit der Rekonstruktion vorangeht. Nun sollen ja moderne Zweibettzimmer mit Bad entstehen. Aber durch den Denkmalschutz verzögert sich wieder alles. Aber es bringt auch nichts, sich aufzuregen“

Sie fischt den Kelch vorsichtig aus dem Wasser und reicht ihn zum Abtrocknen.

„Ich bin nicht böse, wenn Sie noch ein Weilchen hier sind und mir helfen. Ich würde es auch allein schaffen, aber zu zweit macht es doch mehr Spaß.“

Unter Hin- und Her-Reden nähert sich die Arbeit schnell ihrem Ende.

„Aber mit ihrer Wohnung kommen sie doch noch gut zurecht.“

„Es geht, es geht noch. Aber mit 70 ist man eben kein junges Reh mehr. Ein bisschen warte ich schon darauf, dass ich bald ins Mutterhaus ziehen kann und mich nicht mehr selbst um alles kümmern muss. Auch ist das Taschengeld für selbständiges Wohnen nicht gerade üppig. Aber eine andere Frage: Wie geht es denn Ihnen gesundheitlich?“

„Ach, danke, an die Harnleiterschienung habe ich mich nun gewöhnt und die Dialyse ist auch Alltag geworden. Mit meinen Aufgaben hier komme ich ganz gut zurecht.“

„Der Pfarrer sagt auch, dass es eine große Wohltat ist, wenn man Sie im Dienst weiß und sich darauf verlassen kann, dass alles klappt.“

„Ach, hier ist übrigens die Tonbandkassette vom Gottesdienst.“

„Ja, ich bringe sie dann gleich zu Frau Schulze und die gibt sie weiter. Es ist doch schön, wenn die Behinderten und Kranken auf diese Weise den Gottesdienst hören können.“

„So, jetzt haben wir es wieder einmal geschafft. Schönen Dank für Ihre Hilfe. Auf Wiedersehen!“

Gemeinsam verlassen sie als letzte die Kirche. Am Ausgang hält Schwester Gudrun seine Tasche, während er das große Tor abschließt. Er klinkt noch einmal und rüttelt. Ja, die Kirche ist fest verschlossen.

Eine Woche später sitzt er wieder an der Verstärkeranlage und überwacht, dass sie ordnungsgemäß ihren Dienst tut. Wenn sie anfängt, zu heulen und zu knattern, muss an eine bestimmte Stelle geklopft werden. Plötzlich ist wieder dieser Ring da, der die Brust zusammenpresst. Er versucht, es zu ignorieren und sich nichts anmerken zu lassen. Er muss seinen Dienst tun. Aber schließlich kann er die Schmerzen doch nicht unterdrücken und stöhnt auf. Etliche Gemeindeglieder werden auf ihn aufmerksam.

Als er wieder zu sich kommt, liegt er nackt in einem Bett.

„Wo bin ich? Was ist passiert?“

„Sie sind in der Notaufnahme der Herzklinik. Sie hatten wahrscheinlich einen Herzinfarkt. Wie bereiten Sie jetzt für die Untersuchung mit dem Herzkatheter vor.“

Das Fließband der Voruntersuchungen läuft. Warten! Erhebung der Krankengeschichte. Warten! EKG. Warten! Ein neuer Weißkittel betritt den Raum.

„Ich hätte jetzt etwas Zeit. Ist noch was zu tun?“

„Ja, hier, noch ein Herzecho!“

Endlich ist alles erledigt und es geht in den OP. Summende Geräte, drei flimmernde Bildschirme über dem Patienten. Er schließt die Augen. Zu unheimlich ist es, in sein Inneres zu blicken. Der Katheter wird über die Ader in der Leiste eingeführt. Eine junge Ärztin manipuliert an ihm herum, ruft ins Nebenzimmer, wo offenbar jemand an Kontrollmonitoren sitzt.

„Was soll ich denn hier machen? Das ist doch alles chronisch!“

Diskussion hin und her. Man entscheidet sich für den Platz eines Stentes, einer Stütze im Gefäß, wäre immerhin eine Hilfe. Aber die halbe Vorderwand bleibt ausgefallen; entsprechend verringerte Leistungsfähigkeit.

Am nächsten Sonntag fällt es ihm schwer, zeitig aufzustehen und sich auf den eineinhalbstündigen Weg zu machen; Straßenbahn mit Umsteigen. Er schnappt nach Luft. Vielleicht hätte er doch noch eine Woche pausieren sollen. Aber schließlich wird er gebraucht. Wer soll sonst seine Arbeit machen? Das sagen die Gemeindeglieder und der Kirchenvorstand immer wieder. Er ist froh, als alle Vorbereitungen abgeschlossen sind und er seinen Platz neben der Verstärkeranlage einnehmen kann. Eineinhalb Stunden Zeit zum Verschnaufen. Später, zu Hause angekommen, legt er sich gleich hin. Er soll sich seine Kräfte einteilen, haben die Ärzte gesagt.

 

Weder wacht er in einem Bett auf und weiß nicht, wie er dahin gekommen ist.

„Willkommen in der Welt!“

„Was ist mit mir? Wo bin ich?“

„Sie sind wieder in der Herzklinik, wie schon vor einer Woche.

„Wieder ein Herzinfarkt?“

„Nein, diesmal hatten Sie Vorhofflimmern, das ist eine Herzrhythmusstörung. Wir bringen Sie gleich zur EPU.“

„EPU. Was ist das?“

„Elektrophysiologische Untersuchung. Das ist eine spezielle Herzkatheteruntersuchung mit der Herzrhythmusstörungen lokalisiert und - wenn nötig – beseitigt werden können.“

Und abermals liegt er hilflos inmitten summender Geräte. Die Elektroden werden über die Leistenvene eingeführt, zwei junge Männer unterhalten sich in einem unverständlichen Fachjargon. Nach einer Stunde fangen die über den Kopf gereckten Arme an, stark zu schmerzen und zu zittern. Er bekommt ein Schmerzmittel.

„Sie müssen noch ein Weilchen durchhalten. Wir haben schon zwei Störungspunkte beseitigt. Der Strom rannte da immer im Kreis und schaukelte sich hoch. Deswegen das Vorhofflimmern.“

„Die Schmerzen in den Armen werden immer schlimmer.“

„Wir geben Ihnen noch etwas, das Mittel muss gleich wirken.“

Nach zwei Stunden ist es geschafft.

„Wir werden Sie für einen ICD anmelden.“

„Was ist das nun wieder?“

„Ein implantierter cardiovaskulärer Defibrillator; ein kleines Gerät im Schulterbereich, das ihr Herz überwacht, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Wir haben erst einmal getan, was wir konnten.“

Er schreibt eine Mail an die Gemeinde, schildert seine Situation und dass er wegen der nachlassenden Kräfte den Dienst quittieren muss. Einmal noch bekommt er einen Besuch, um die Schlüssel und Unterlagen abzugeben und den Mini-Job aufzulösen. Dann wartet er auf weitere Reaktionen. Doch die bleiben aus. Man muss ihn doch vermissen, einmal nach ihm fragen? Man hat ihn doch stets gelobt, war zufrieden mit ihm gewesen. Vielleicht könnte ihn auch mal jemand mit dem Auto zum Gottesdienst holen. Man brauchte ihn doch immer so dringend! Nach einem Jahr gibt er das Warten auf. Er ist vergessen.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Mai 2009

 

 


 

 

Die verschwundenen Leser

Essay

Eberhard Kamprad

 

Bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein war eine schöne Zeit für Schriftsteller. Eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften brauchten eine noch größere Anzahl von kleinen Geschichten für ihre Unterhaltungsteile oder -beilagen. Ein weites Feld, das „Junge Autoren“ unterschiedlichen Lebensalters beackern konnten. Auch Stephen King – einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit – hat mit Kurzgeschichten für Magazine begonnen. Ich will die vergangenen Zeiten nicht in nostalgischer Verklärung betrachten. Es war ein hart umkämpfter Markt. Aber es gab wenigstens einen Markt, es gab eine Leserschaft. Eine Leserschaft unterschiedlicher Qualität, an die sich die Schriftsteller unterschiedlicher Qualität, mit Texten unterschiedlicher Qualität wenden konnten.

Die damaligen Kollegen hatten keine Vorstellung von unseren heutigen technischen Möglichkeiten. Sie hätten gemeint, dass für die Autoren nun das Paradies auf Erden angebrochen sei. Texterstellung am Computer, unbegrenzte Korrekturmöglichkeiten, Austausch von Texten rund um den Globus, Präsentation des Autors mittels einer Homepage, Schreibgruppen im Internet zum Erfahrungsaustausch und vieles andere mehr. Nur ein Problem wurde bei der Euphorie über die neuen technischen Möglichkeiten nicht bedacht: Bereitstellung ist noch nicht Nutzung. Wo ist der „gemeine“ Leser? Gibt es ihn überhaupt noch?

Es ist anzunehmen, dass nicht ohne Grund aus allen Zeitungen und Zeitschriften, die Unterhaltungsteile, die Hauptabnehmer von kleinen Geschichten, verschwunden sind. Die ehemaligen Leser sitzen heute vor dem Fernseher und verfolgen gebannt die zwanzigste Talkshow zum gleichen Thema. Mit ein paar literarisch interessierten Anthologie-Lesern kann man keinen Markt an Kurzgeschichten aufrechterhalten. Welcher Jungautor schafft schon den Start in eine der wenigen Anthologien? So erübrigt sich auch die Frage nach den bisherigen Veröffentlichungen eines Autors, denn die Antwort lautet bei den Meisten: Nein. Bleiben Literaturzeitschriften und das Internet. Doch wer liest dort? Autoren, keinesfalls der „gemeine“ Leser. Wer besucht Autoren-Homepages? Andere Autoren, nicht der „gemeine Leser“. So ist die kuriose Situation entstanden, dass die Autoren im Wesentlichen nur noch sich selbst als aufmerksames und kritisches – manchmal allzu kritisches, nicht nach Lesefreude fragendes - Publikum haben.

Die neuen technischen Möglichkeiten, wie Schreibgruppen im Internet sind zum Erfahrungsaustausch wunderbar, aber auch sie schaffen keine Leser herbei. Jeder Autor hat den – vielleicht unbewussten – Wunsch, aus dem Kreis der Autorendiskussion herauszutreten und sich dem allgemeinen Publikum zu präsentieren. Doch die Chancen dafür sind äußerst gering und so fehlt das erlösende Gefühl: Hurra, ich bin gedruckt!

Da wird bemängelt, dass die junge Generation das Lesen verlernt. Sie sollen verstärkt an die Literatur herangeführt werden. Doch wieder hat man nur die gedruckten Klassiker im Blick. Die Gesellschaft unterschätzt das Potenzial, das in den lebenden Autoren unterschiedlicher Qualifikation liegt, die sich bemühen, das Denken und Fühlen unserer Zeit literarisch zu verarbeiten. Ihnen müsste eine, nein, nicht nur eine, müssten Plattformen geschaffen werden, von denen aus sie die potenziellen Leser erreichen können. Das geht auf keinen Fall mit Verlagen, die nur nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheiden und auch nicht mit Autoren-Homepages, so schön und liebevoll sie gestaltet sein mögen. Hier ist die ganze Gesellschaft gefragt, damit eine tausend Jahre alte Tradition der Menschheit nicht untergeht oder ein Privileg für wenige Exzentriker wird.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, 2002

 

  


 

  

Warten

Kurzgeschichte

Eberhard Kamprad

 

Ich lehnte mich weit aus dem Fenster, um die Straßenbahn bereits sehen zu können wenn sie um die Ecke bog. Sogar meine Angst vor Schwindelgefühlen hatte ich vergessen. Da! Die Bahn rollte an die Haltestelle heran. Eins, zwei... sieben Personen stiegen aus, aber Manuela war nicht unter ihnen.

 

Enttäuscht wandte ich mich zurück ins Zimmer, zupfte meine Sachen zurecht: den bunten Pullover und die weiten, unförmigen Hosen, alles von Mama. Da sie Damenschneiderin war, sah es immer feminin aus. Ich blickte in den Spiegel. Durch meine Größe wirkte ich schmal. Ich wünschte mir ein bißchen männliche Breite. Und dann der brave Rundschnitt. Gern würde ich mir einen 'Igel' schneiden lassen. Doch was würde Mama dazu sagen und Manuela? Sie war immer mit Mama einer Meinung. Neuerdings redete sie mich auch mit „mein Junge“ an. Nun musste ich mir wieder die Brille zurechtrücken. Ich konnte den Tick nicht unterdrücken. Die wievielte Bahn war das schon? Die Zehnte, die Zwölfte? Mein Blick schweifte über den liebevoll gedeckten Tisch für Zwei. Die Kerzen hatte ich schon vor einer Weile gelöscht. Die Schlagsahne fiel in sich zusammen, die gezuckerten Früchte verloren ihre satte Farbe, die belegten Brote wellten sich.

Wie war das gekommen? Ich hatte einen Wutanfall bekommen, weil Manuela auch beim Sex die verhasste Anrede gebrauchte. Nachdem sie mein Glied in sich hineingesteckt hatte, sagte sie: „Nun mal los, mein Junge!“ Ich hatte mich von ihr gelöst, sie herumgedreht und auf ihr dickes Hinterteil eingehauen bis mir der Arm weh tat. Ich wollte ein Mann sein. Sie hatte sich dann hervor gewunden, ihre Sachen gepackt und war zu ihren Eltern gegangen. Ich blieb mit meinem verrauchten Zorn zurück. Doch nun hatte Mama vermittelt und Manuela hatte versprochen zurückzukommen.

 

Da, die nächste Straßenbahn. Schnell zum Fenster! Wieder nichts. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen, schloss die Augen und spürte Manuelas weichen Körper unter mir. Hinterher konnten wir darüber lachen, wie wir – beide ungeschickt – versucht hatten, die Sache zu bewerkstelligen. Die ganzen Scheißbücher, die ich auf Anraten von Mama darüber gelesen hatte, haben mir nichts genützt. Bis Manuela das Ding in die Hand nahm. Ich war erleichtert, als ich es endlich geschafft und zum Abschluss gebracht hatte. Mir war, als habe ich etwas ganz Neues, der Menschheit bisher Unbekanntes erfunden. Stundenlang war ich danach durch die Straßen gelaufen. Ich meinte, es müsse mir jeder ansehen, dass ich nun ein Mann war, es müsse die ganze Welt interessieren. Mich wunderte, dass niemand davon Notiz nahm, dass alle ihren alltäglichen Angelegenheiten nachgingen.

 

Endlich – die nächste Bahn. Da! Das könnte Manuela sein. Nein, es ist nur eine flüchtige Ähnlichkeit. Ich dachte daran, wie ich Manuela kennen gelernt hatte. Alle Jungen meiner Umgebung hatten schon Erfahrung. Nur ich lief noch als Jungfrau herum. Ich wollte es ihnen beweisen. Ein Mädchen einfach anzusprechen, dafür war ich zu schüchtern. So setzte ich laufend Anzeigen in die Zeitung, mit 19 Jahren. Ich wollte es erzwingen und Mama unterstützte meine Bestrebungen. Endlich klappte es. Manuela passte in Größe und Alter zu mir, obwohl ich beim ersten Zusammentreffen etwas enttäuscht war. Alles an ihr war breit: breites Gesicht, breite Hüften, breiter Hintern, breite Schenkel. In meiner Fantasie war sie zierlicher gewesen.

Bald wollte auch Mama sie kennen lernen. Die beiden waren sofort ein Herz und eine Seele. Manuela richtete sich nach Mamas Ratschlägen und verlockte mich nicht mehr als zweimal in der Woche zu Sex, wie es Martin Luther empfohlen hatte. Meine Gesundheit musste geschont werden. Manchmal kam ich mir vor, als hätte ich zwei Mütter, mit dem einzigen Unterschied, dass ich mit der einen wohldosierten, geregelten Sex hatte.

Nanu, wäre jetzt nicht die nächste Bahn fällig? Schon drei Minuten über der Zeit. Dort – nein, es war keine Bahn, was sich näherte, nur ein gelber LKW.


Ab und zu begehrte ich auf. Aber das half nicht viel. Manuela behandelte mich wie ein trotziges Kind, das erzogen werden musste. Wenn ich ihren Körper wollte, musste ich brav sein. Ob auch da Mama dahinter steckte? Sie kümmerte sich ebenfalls darum, dass wir noch keine Kinder bekamen, weil noch nicht die Zeit dafür sei. Sie bestimmte alles, nichts war vor ihr sicher.

 

Ich kam ins Träumen: Ich trug einen Igelschnitt, hatte Jeans und eine Lederjacke an, die meine breiten Schultern betonte, bewegte mich ungezwungen unter anderen jungen Leuten, flachste mit Mädchen, klopfte der einen freundschaftlich aufs Hinterteil, raubte einer anderen einen Kuss. Das wäre ein anderes Leben als auf Mamas Familientreffen, in die sich Manuela ausgezeichnet hinein gefunden hatte. Ich wurde als guter Junge gelobt, der sich nicht wie die anderen herumtrieb. Mein sich aufstauender Groll wurde als In-sich-gekehrt-Sein gedeutet.

 

Na endlich! Beide Bahnen kamen zusammen, aber Manuela war weder in der einen, noch in der anderen. Wenn ich wenigstens in Vater einen Verbündeten gehabt hätte. Doch ich hatte keine Beziehung zu ihm. Mama hatte ihn immer als Trottel dargestellt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn in irgendeiner Sache um Rat zu fragen. Meistens gingen wir uns aus dem Weg, sahen uns nur bei den Familientreffen. Auch die eigene Wohnung befreite uns nicht von Mama. Sie war wie ein Phantom in jedem Wort, in jeder Geste Manuelas gegenwärtig. Worauf wartete ich jetzt eigentlich? War Manuela die einzige Frau auf der Welt? Konnte ich nicht auch ohne Mamas Hilfe mein Leben gestalten? Wie klein musste ich mich machen, um sie die unwürdige Behandlung von Manuelas Hinterteil vergessen zu lassen?

 

Da, die nächste Bahn. Die Wohnungstür klappte. Nanu, Manuela konnte noch nicht da sein, wenn sie mit dieser Bahn gekommen war. Die Zimmertür öffnete sich, Manuela und Mama. Sie war zuerst zu ihr gegangen! „Mein armer Junge, alles wird wieder gut!“ Welche von den beiden hatte das nun gesagt? Ich stand wie erstarrt. Dann richtete ich mich entschlossen auf, griff mir vom Tisch zwei der belegten Brote, machte eine Doppelschnitte daraus und schob mich an ihnen vorbei; verließ Manuela, Mama und meine Vergangenheit.

 

Das Warten war zu Ende, das Leben begann. Zu hungern brauche ich erst einmal nicht, dachte ich, und biss kräftig in die Schnitte.

 

© by Eberhard Kamprad, Leipzig, Nov. 2002

 

Veröffentlicht in: 17 Kurze. Kurzgeschichten aus dem Netz. - Düsseldorf: Pertes-Verlag, 2003. 164 S., Paperback, EUR 14,95.

  

 


 

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